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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-11 · 2 (11.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
2 (11.1.1917)
Date
1917-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. ... , - t j. t ■ j. i Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20 WOCheilDlatt TUr JUdlSChe IntereSSen. Wien, VI». Alserstraße 55. Naehdniek mit «oller Qut HeRangafae gestattet Redakteur: Janas Kreppet. j Erscheint jeden Donnerstag Hr. 2. Wien, II. Januar 1917. 3. Jahrgang. Die Politik der Österreichischen Juden. (Von besonderer Seite). Die.„Jüdische Korrespondenz" hat in ihren jüngsten Nummern über Organisationsbestrebuiigeri unter den galizischen Juden ausführlich berichtet. Einerseits wird eine Organisation der galizischen Judenschaft als solche geplant, andererseits wird die Organisation der galizischen Rabbiner in Angriff genommen u. ist, sollten diese Versuche von einem Erfolg gekrönt sein, zu erwarten, daß auch die gallischen Kultusgemeinden sich organisieren werden, eventuell dürften dort auch noch andere derartige Organisationen entstehen, die wohl zunächst ganz spezifische Interessen zu vertreten haben werden, in Wirklichkeit aber Repräsentanzen der gesamten galizischen Judenschaft bilden dürften, da docli das jüdische Leben allgemein dergestalt -geartet ist, daß man mit jeder Berufsorganisation auch zugleich die Interessen der Gesamtheit repräsentiert. Daß die Judenschaft Galiziens sich zu dieser Organisationsarbeit aufgerafft hat, ist nur auf das lebhafteste zu begrüßen. Es war wahrlich die höchste Zeit dazu. Wer nur einen etwas klareren Einblick in die Verhältnisse hatte, unter welchen diese breiten Volksmassen in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehung lebten, muß zugeben, daß nur sie allein sich helfen können. Die Judenschaft Westösterreichs kann ihnen höchstens materiell unter die Arme greifen, auch hie und da in speziellen Fällen moralische Hilfe gewähren. rufen, ihre Zukunft zu bestimmen und sich das Leben so einzurichten, wie es itinen und ihren Interessen am besten paßt, unter besonderer Berücksichtigung der allgemeinen Verhältnisse des Landes und ihrer Umgebung. Jede Bevormundung von draußen müßte da nur schaden. Das aber will sicherlich niemand. Angenommen den Fall, die Bestrebungen der galizischen Juden, wie wir sie jetzt konstatieren, werden ein positives Resultat ergeben, was ja nur zu wünschen wäre, — entsteht jedoch die Frage: Wie wollen dann die Juden Westösterreichs ihre künftige politische Haltung bestimmen? Wird beispielsweise die Sonderstellung Galiziens durchgeführt, so wird die Judenschaft Westösterreichs vor eine neue Situation gestellt. Einerseits wird sie bezüglich der inneren Politik der Monarchie nicht mehr jenen wichtigen Faktor bilden, den sie bisher darstellen konnte. Ohne die Juden Galiziens werden doch die Juden in Westösterreich eine verhältnismäßig verschwindende Minorität bilden und beispielsweise im parlamentarischen Leben kaum in Betracht kommen. Angenommen den Fall, es gelänge ihnen, für das Zentralparlament mehr Mandate als bisher zu erringen, ja dasjenige Verhältnis in der parlamentarischen Vertretung zu erreichen, auf welches sie vermöge ihrer Zahl Anspruch erheben dürfen, so werden sie noch immer keinen wesentlichen Faktor darstellen. Leicht ist übrigens auch die Erreichung dieses Verhältnisses nicht, mit Rücksicht auf die starke Zersplitterung der jüdischen Bevölkerung in Hunderten von Gemeinden und Wahlkreisen in sämtlichen Kronländern der Monarchie. Darüber aber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben, daß wir, auf uns selbst angewiesen, noch weniger als bis jetzt imstande sein werden, unsere speziellen Interessen gehörig zu vertreten. Wir zweifeln wohl keinen Augenblick daran, daß die österreichische Regierung und die österreichische Verwaltung nach wie vor unsere Gleichberechtigung vor dein Gesetze und im Leben voll und ganz nach jeder Richtung hin schützen werden. Das Programm der neuen Regierung bietet uns hiefür die beste Gewähr. Aber die Judenfrage als solche, freilich in einer anderen Gestalt als bisher, wird von der Tagesordnung nicht verschwinden und wir dürften, angesichts gewisser Erscheinungen im inner-österreichischen Parteileben öfters dazu kommen, unsere speziellen Interessen kräftig schützen zu müssen. Somit tritt auch an uns die Notwendigkeit einer Organisation gebieterisch heran. Eine solche Organisation dürfte jetzt, wenn die galizische Judenschaft ausgeschaltet wird, viel leichter zustande kommen können. Nur müßte sie auf die richtige Basis gestellt werden. Dies ist aber die Hauptsache. Die richtige Basis. Wir dürfen uns keinen exotischen Programmen und undurchführbaren Zielen hingeben und nicht der Meinung verfallen, als ob nur im Radikalismus unser Heil läge. Die Erfahrungen haben uns zur Genüge gelehrt, daß wir mit solchen Schlagworten nicht weit kommen können. Wir müssen vielmehr unser Hauptbestreben darauf richten, eine Stütze derjenigen gemäßigten Elemente zu sein, deren Programm uns sowohl als Juden wie als Bürger am besten zusagt. Allein, auf uns selbst angewiesen, können wir keinen wesentlichen Faktor bilden. Wir können aber kraft unserer Zahl, unserer Stellung im Leben und unserer wirtschaftlichen Bedeutung eine starke Stütze jener Strömungen bilden, die staatscrhaltend und volkstümlich zugleich, frei von jedem extremen Chauvinismus nur das beste des Vaterlandes und seiner Völker anstreben. Wir stehen vor einer neuen Epoche im politischen Leben Oesterreichs. Regierung und Völker sind vom besten Willen beseelt, die Erneuerung und Konsolidierung der Monarchie restlos durchzuführen. Wir sollen und dürfen hiebei nicht ganz ausgeschaltet bleiben. Es ist dies sowohl unsere Pflicht, wie unser Recht. ,..Ü.eir.Cu. „unserer bisherig^!/^'Iru.ng .;ils. staatserhaltendes Element par e*cellence sollen wir dazu verhelfen, daß die gemäßigten, jedem extremen Radikalismus abhoiden Kreise wieder zur Geltung kommen. Gewisse unerfreulichen Erfahrungen früherer Zeiten dürfen uns nicht abhalten. Wir leben jetzt in anderen Zeiten und die früheren Fehler dürfen sich nicht wiederholen, weder von unserer Seite, noch von Seite derjenigen, die wir als Bundesgenossen haben werden. Offen gestanden, brauchen wir um unsere Zukunft in Oesterreich keine übertriebenen Sorgen zu hegen. Dank der Huld unseres Monarchen und der Gerechtigkeitsliebe der Regierung ist jeder Bürger der Monarchie vor Kränkung u. Verletzung seiner Rechte geschützt. Aber wir haben als Juden spezielle Interessen, die wir von Zeit zu Zeit wahren müssen, wir haben auch als Bürger das Recht und die Pflicht, im öffentlichen Leben teilzunehmen. Dies können wir aber nur dann erreichen, wenn wir diejenigen Elemente stützen, die uns vermöge ihres Programmes am besten zusagen, ohne einer falsch angebrachten und falsch verstandenen Einseitigkeit zu verhallen. (Die Redaktion behält sich vor. zu dieser Frage ausführlich Stellung zu nehmen). Zur Judenfrage in Polen. Das Verhältnis zwischen den Juden und den Polen bringt es mit sich, daß im Warschauer Gemeinderat, der einzigen öffentlichen Körperschaft, welche vorläufig in Kongreß- Polen existiert, von Zeit zu Zeit sogenannte Judendebatten abgeführt werden. Das Thema ist fast immer dasselbe; von jüdischer Seite wird darüber Klage geführt, daß die Juden nicht als gleichberechtigte Bürger behandelt werden, von jüdisch-nationaler Seite wird auch die Zuerkennung nationaler Rechte für die luden gefordert. Von polnischer Seite werden die erhobenen Vorwürfe manchmal abgeleugnet, manchmal aber mit dem Verhalten der Juden den polnischen nationalen Aspirationen gegenüber gerechtfertigt. Die beiderseitigen Argumente sind allzu bekannt, als daß es nötig wäre, darüber noch ausführlich zu referieren. Fls kann nur gesagt werden, daß es sowohl im Interesse der Polen als auch im Interesse der Juden liegen müßte, durch gegenseitiges Entgegenkommen und Verständnis für die bereentigten Forderungen und Wünsche ein friedliches Zusammenleben beider Volksgruppen möglich zu machen. Auch jüngst wurde im Warschauer Gemeinderate eine derartige Judendebatte abgeführt. Es handelte sich hiebei um den Antrag der Nationalisten, der sogenannten „Volksgruppe", daß die Gemeinde jiddische Schulen aus öffentlichen Geldern anhalten soll. Von polnischer Seite wurde der Antrag mit der Begründung abgelehnt, daß im Sinne der bestehenden alten Vorschriften der Jargon nicht als Sprache anerkannt ist. Der jüdisch-nationale Gemeinderat Prilutzky widerlegte in einer ausführlichen Rede diese Argumentation und w ies die Berechtigung der jüdischen Forderung nach. Ihm antwortete unter anderen der polnische Gemeinderat Grotowski im Namen der ..Liga der polnischen Staatlichkeit": Wir bringen die Rede im Auszüge, weil sie einen klaren Begriff von dem Standpunkte gibt, den die ernsteren polnischen Elemente zur Judenfrage einnehmen. Prot. Grotowski führte u. a. aus: Die russische Regierung betrieb in Polen nach dem Jahre 180.? die Politik, deren Zw eck die Verhetzung einzelner Bevölkerungsgruppen gegen die Polen war. Aus diesem Grunde wurde die sogenannte bäuerliche Reform und die Gesetzgebung über die Juden durchgeführt. Graf Wielopolski hat im Jahre 1802 liberale Reformen zugunsten der jüdischen Bevölkerung durchgeführt, das Bestreben der russischen Regierung war. die Wirkung dieser Reformen zu neutralisieren. Im Jahre 1871 führte die russi- :he Regierung eine Reform der jüdischen Gemeinden ein, welche dieselben gat den schulen wurde die polnische Sprache und die russische obligatorisch eingeführt. Ferner wurden die berüchtigten Prozentnornien für den Schulbesuch der jüdischen Studenten eingeführt. Auf diese Weise wurden die Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert und von den Polen ganz abgesondert. Im Jahre 1882 hat (iraf Ignatiew seine bekannte Verordnung erlassen, w odurch neue Massen der Judenschaft in Polen in das Ghetto getrieben wurden. Gleichzeitig begann man den aus Rußland vertriebenen Strom der jüdischen Flüchtlinge nach Polen zu dirigieren. Die russischen Liberalen, welche die Pogrome im Innern Rußlands nicht verhindern konnten, taten sehr besorgt um das Schicksal der Juden in Polen. In Rußland vermochten sie nicht, auch nur einen bescheidenen Antrag auf Aufhebung der jüdischen Ausnahmsgesetze in der Duma durch- ,'ubringen und gleichzeitig versuchten sie, in Polen ein in Europa unbekanntes Experiment durchzuführen, nämlich die Juden zu einer Nation zu machen. Es war dies eine interessante Verteilung der Rollen und eine gegenseitige Ergänzung der Aktion der russischen Reaktionäre und der Liberalen, deren Zweck die Untergrabung der Idee des polnischen Staates war. Redner schilderte sodann die trostlose wirtschaftliche Lage der Juden in Polen. Er zitiert die Ergebnisse der Enquete aus dem Jahre 1913 über die Verwendung der Juden in der Landwirtschaft und im Handwerk. In Krasnvstaw zum Beispiel gab es 55 jüdische Geschäfte, von denen 8 den Wert von 10 bis 50 Rubel, sechs 50 bis 100 Rubel, zwölf 100 bis 30(1 Rubel repräsentierten. Das spezifisch jüdische Gewerbe, das Glasergewerbe, stellte sich dort folgendermaßen dar: Es waren dort sechs jüdische Glasermeister. Einer von ihnen verdiente bis 2o Rubel jährlich, zwei 50 Rubel, zwei 100 Rubel. Im jüdischen Handwerk ist die Heimarbeit sehr stark entwickelt. Die Löhne sind äußerst niedrig. In Kaluszyn verdienten die Borstenarbeiterinneu 50 Kopeken wöchentlich, für 10 bis 12 Arbeitstunden täglich. Im allgemeinen hängen die jüdischen Existenzen an einem Faden; es genügt, einen Konsumverein zu gründen, um die Existenz von zehn jüdischen Familien zu vernichten. Ueber die Bevölkerungsdichte und die Erwerbsart der Juden geben folgende Ziffern einen Begriff: In Kaluszyn gibt es auf 8257 Juden 105 Greisler. so daß ein Greisler mehr oder weniger auf 79 Köpfe entfällt; jüdische Schuster gibt es 140, also ein Schuster auf 59 Köpfe. Das

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