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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-04 · 1 (4.1.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
1 (4.1.1917)
Date
1917-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1. JUdlsche Korrespondenz Seite 3 Die okkupierten Juden Polens hatten also das Maximum der religiösen Freiheit im Kriege erreicht — wie wirkte nun diese auf jene Juden? üanz genau läßt sich dieses noch nicht übersehen, aber die Telegramme brachten uns schon Nachrichten, die auf die Richtung der Entwicklung ganz bezeichnend hinweisen. Der Radikalismus scheint sich dort festsetzen zu wollen; nicht der politische Radikalismus des modernen Westeuropas, von dem sind die .luden im Kriege ganz weit entfernt - nur der Radikalismus innerhalb der einzelnen Volksströmungen des Judentums. Die Assimilanten wollen papstlicher als der Papst, die Chassidim rebbischer als der Rebe, die Mißnagdim frömmer als der Schulchan-Aruch, die Nationalen idealer als Herzl. die Zionisten im tretnJokkupierten Lande rigoroser als in Zion sein; dieser Radikalismus scheint dem Volke und den Führern über den Kopf zu wachsen und sich fast in Demagogie umzusetzen. Das kann übrigens gar nicht Wunder nehmen. Die Juden jener Gegenden leiden i nter den schärferen Folgen des Krieges wie die anderen, und außerdem noch an den spezifisch jüdischen Nachwirkungen des Krieges. Die wehrpflichtigen Männer stehen im Militärdienste, der Handel liegt brach und man kann nichts verdienen, die Luftgeschäfte haben aufgehört, weil die moderne Kultur solche nicht zuläßt; die Armut jener Leute war aber schon vor dem Kriege gewaltig, und was noch früher wohlhabend war, wurde jetzt verelendet und zum Bettler herabgedrückt. Außerdem sind die Krankheiten und die Seuchen Begleiterscheinungen des Krieges in den von diesem immittelbar betroffenen Gebieten geworden. Hiobs Leiden im Altertum, die damals nur an einer Einzelperson geschildert wurden, breiten sich heute auf die großen jüdischen Volsmassen aus. Wenn die Verzweiflung sich zu Tische setzt, dann führt der Radikalismus das große Wort; man will den Würgengel des Körpers durch den Würgengel des Geistes besiegen, — allein der Teufel läßt sich durch den Beelzebub nicht vertreiben.,der Hexensabbat geht weiter los und zieht in seinem Strudel nunmehr außer dem Körper auch den Geist des leidenden Menschen hinein. j So ist die Gegenwart der Juden in den I gegenwärtig okkupierten Zonen; sie leiden j an Geist und Körper und fühlen es gar nicht, I daß sie doch jetzt eigentlich große, gewaltige j Fortschritte zu verzeichnen haben. Es geht i dem Volke wie dem Menschen: auch die beste j Suppe schmeckt nicht, wenn man sich im Dilirium befindet. | Aber einmal wird doch das Dilirium aufhören, einmal wird er doch kommen, er, der heißersehnte und von allen ohne Ausnahme erwünschte, er, der Friede. Dann wird das allgemeine Dilirium aufhören, aber es wird dann bleiben: das jüdische Flend und das Bewußtsein, daß man eine wunderbare Suppe vorgesetzt bekommen hatte und sie nicht zu würdigen verstand, daß die spätere Gegenwart umso grausiger sein wird, als sie das Erwachen aus dem guten, süßen, politischen Traum bedeuten muß. Denn ewig werden die Truppen der Zentralmächte die westeuropäische Kultur im Osten durch Waffengewalt nicht hüten, es wird die Zeit kommen, wo sie sich zurückziehen und all diese Volksmassen entweder überhaupt den alten Regierungsgewalten oder bestenfalls den einheimischen Volksmassen, wie zum Beispiel den Polen, überlassen werden. Dann werden die Massen dieser "Völker selbst die Behandlung der Juden jener Gegenden übernehmen, und dann .... Für alle Völker wird der Friede wahrscheinlich die Erlösun gbringen, für jene Juden aber nicht; er wird, er muß ihnen eine Beschränkung bringen, denn so modern, so fortschrittlich wie die provisorische Verwaltung der Zentralmächte werden die späteren Regierungen kaum sein — der Friede wird also jenen Juden einen Rückfall, und daher neue Wunden bringen. Wunden, die umso schmerzhafter sein werden, weil sie nach der gesehenen und besessenen Freiheit kommen werden, nach jener Freiheit, die durch den Radikalismus und die ihm folgende Demagogie noch mehr übertrieben und phantastischer dargestellt wurde. „Israel kann sich nicht freuen, wann die anderen Völker frohlocken", mag es auch zehnmal mehr leiden, wann die anderen Völker von Not und Schmerzen heimgesucht werden; den Leidensbecher leert Israel jetzt im Kriege viel mehr als all die anderen Völker, aber die Hoffnung, das Glück bleibt ihm versagt. Und das sind die Judenschmerzen .... In der Zeit vor dem Kriege, in jenen langen .langen Friedenszeiten, als es den Menschen noch wohl erging, als sie Leiden und Schmerzen nicht mitansehen und nicht einmal Erzählungen von diesen mitanhören wollten, da wurde ihnen einmal ein damals, wohl nur damals aufsehenerregender Fall geschildert. Ein armer Mann wurde ins Spital gebracht, dort bekam er reine Wäsche, gute Kost und entsprechende ärztliche Pflege; als er dann gesundete und das Spital verlassen mußte, da bedauerte er es, gesund geworden zu sein, weil er. dann entlassen, wieder in Armut, Schmutz und Hunger zurückkehren mußte ...... nachdem er doch durch Wochen an Reinlichkeit und gutes Essen sich gewöhnt hatte. Ein Schaudern ging durch die Welt, daß ein Mensch existiert, der sein Gesundwerden bedauert, der das Kranksein vorzieht; die Uebergesclieiten nieinten gar. der Mann durfte eben nicht krank werden, da dieses physische Kranksein ihm zu einer ewigen geistigen Qual geworden ist ......... aber sie dachten nicht daran, daß er doch nicht mit Bewußtsein krank wurde oder sich gar krank gemacht hatte. Vielleicht wird nach dem Kriege wieder ein solches Schaudern durch die Welt gehen; aber nicht mehr über den Fall eines einzelnen Menschen, sondern über den analogen Fall eines ganzen Volkes . . ., über die Juden, die es im Kriegsdilirium gut hatten, um dann im Frieden wieder zu verelenden, um dann im Frieden, zumindest in dieser Beziehung, die Kriegszeiten zurückzuwünschen. Bukarest ist genommen, die Hauptstadt jenes Reiches, welches seit dem Berliner Ver- | trage hohnlächelnd sich über diesen hinweggesetzt hatte, befindet sich in der Hand jener, die sich nach Berliner Grundsätzen auch gegen die Juden benehmen: die Juden jenes Reiches sind jetzt okkupiert, okkupiert zu ihren politischen Vorteile. Aber ewig wird diese Okkupation nicht dauern, die Verwaltung wird einmal wieder den Ma« gegeben wo Okkupation Kriegszeit vi Jammer eine denn menundiesem gra;." der dort Einheir ^■rung bringen, v iese eigenartigen n \ Schicksals.!•: sich das i. Zeit nach ifalls auch . i sie denn;sn, diese Isch. JüdiscHe R|tinds( liau. A'ierhöchste ArWeichnm c Seine Majestät hat dem Ger iderat und Kultusvorsither Dr. R. Schwär' 'i er, Leiter der Flüchtl,nf,s-Zentrale in V , , Komturkreuz des!-••.(s>;' Josef-Ordens venu hen. Gemeinderat Liier erhielt de >*n der eiseneu Krön- ' . ^- Gerne Dr. Hein. Obmann des Freiheitlichen Klubs im Wiener Genieinderate, das Ritterkreuz des Franz Josef- Ordens. Patriotische Stiftungen. Bei der jüngsten Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes wurde beschlossen, den Betrag von 100.0(10 Kronen österreichischer Kriegsanleihe zur Errichtung einer „Kaiser Franz Josef-Gedächtnis-Stiftung" zugunsten verlassener jüdischer Kinder, vornehmlich Kriegswaisen, zu widmen. Der gleiche Betrag zu demselbeen Zwecke wurde für die Errichtung einer „Kaiser Karl 1. Huldigungs-Stiftung'-, anläßlich der Tronbesteigung Seiner Majestät, bestimmt. In der am 29. Nov. stattgehabten Trauersitzung des Vorstandes der „Chewra Kadischa", hielt der Vorsitzende, Präsident Salo Cohn, die Gedenkrede auf Kaiser Franz Josef. Der Verein stiftete auf Antrag des "Vorsitzenden je 50.000 Kronen Kriegsanleihe für eine den Namen des verewigten Monarchen und eine den Namen Kaiser Karls tragende Widmung für arme Kranke, vornehmlich für infolge des Krieges invalid gewordene oder erholungsbedürftige Militärpersonen. Trauerandacht galizischer Flüchtlinge in Budafür weiland Kaiser Franz Josef. Aus Budapest wird uns berichtet: Sonntag den 17. Dezember fand hier eine von den hier weilenden galizischen Flüchtlingen veranstaltete Trauerandacht für weiland Kaiser Franz Josef statt. Der Andacht, die in der Synagoge Rombachgasse abgehalten wurde, wohnten fast sämtliche in Budapest weilenden galizischen Rabbiner, der Präsident der Kultusgemeinde Herr Abraham v. Freudiger, Rabbiner Gross in Vertretung der Ofener Gemeinde, usw. bei. Die Trauerrede hielt der hier weilende Rabbiner Leiser Mischel aus Turka a./S. Der Redner schilderte in ergreifender Form und in einem fließenden Deutsch das Leben des unvergeßlichen Monarchen und dessen Lebenswerk, hob besonders die Gnaden- und Huldbeweise des edlen Monarchen den Juden gegenüber hervor unnd betonte den unermeß- J liehen Verlust, den die Monarchie und speziell I die Juden durch das Hinscheiden dieses Herr- I schers erlitten. Hierauf begrüßte der Redner in | schwungvollen Worten den neuen Herrscher, ' Seme Majestät Kaiser Karl L dem es vergönnt sein möge, das Werk zu vollenden, dem Kaiser rranz Josef sein Leben gewidmet hat. Die Rede, die voll packender Zitate aus Bibel und Talmud war, machte auf alle Zuhörer einen überaus tiefen Eindruck. Zum Heeresdienst der russischen Juden in Frankreich. Die Militärdienstfrage der Ausländer, die bekanntlich in England fast zu einer politischen Krise geführt hat. ist in Frankreich in höchst bemerkenswerter Weise vorläufig erledigt worden. Hieruber berichtet man: Nachdem die Militärdienstfrage der Ausländer in einer aus verschiedenen Staatsbeamten. Deputierten und Professoren bestehenden Kommission zu keiner einheitlichen Entscheidung gelangen konnte, warf der nationalistische Deputierte Galli in der Kammer die Frage auf und forderte, das Porblem radikal zu lösen. Die Ausländer (meistenteils russisch-jüdische Flüchtlinge) sollen, nach Galli, entweder gezwungen werden, freiwillig in die Fremdenlegion einzutreten, oder nach ihrer Heimat abtransportiert werden. Nach den Ausführungen einiger Deputieten ergriff das Wort der Abgeordnete Moutais, der etwa folgendes ausführte: Die Frage wegen der Rechte und Pflichten der Emigranten könne unmöglich öffentlich behandelt werden. Es empfehle sich daher, den Antrag der nationalistischen Deputierten an die spezielle Kriegskonimission der Kammer zu überweisen. Er lehne es zwar nicht ab ,den Versicherungen der Herren zu glauben, sie seien in ihrem Antrag von keiner antisemitischen oder politischen I enden/, geleitet worden, er bittet sie aber, die Tatsache zu berücksichtigen, daß es erstens einen gezwungenen freiwilligen Dienst nicht gibt, und daß zweitens die Rückkehr nach ihrer Heimat nur solchen Emigranten zugemutet werden kann, über die gar kein Zweifel besteht, daß ihr Heimatland sie als eigene Kinder aufnimmt, und daß sie in der Heimat Freiheit und Recht erwartet. Es sei für Frankreich ein heiliges Gebot, sein Asylrecht hoch und heilig zu halten, dieses große Prinzip der Republik, uas Keine Verletzung weder durch eigene noen durch fremde Initiative erleiden dürfe. Nach einer schwachen Replicjue der Antargsteller hat die Kammer fast einstimmig beschlossen, über die Frage zur Tagesordnung überzugehen. „Griechisch - katholischer Konfession". Französische Zeitungen berichten über folgenden höchst eigenartigen Vorfall. Nachdem Rumänien in den Krieg eingetreten war, hatte sich eine große Anzahl in Paris studierender jüdischer Studenten aus Rumänien, Dienstpflichtige und Freiwillige, an den rumänischen Gesandten gewandt, um die nötigen Papiere für ihre Abreise nach Rumänien und ihren Eintritt in das rumänische Heer zu erhalten. Der einzige freie Weg von Paris nach Rumänien führt aber durch Rußland, das ausländischen Juden bekanntlich den Zutritt verwehrt. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, verfiel der rumänische Gesandte auf einen seltsamen Ausweg: er stellte den jüdischen Studenten die Pässe mit dem kurzen Vermerk aus: griechisch-katholischer Konfession. Als die jüdischen Studenten von dieser Fälschung erfuhren, weigerten sie sich selbstverständlich, dftse Morannenseneine anzunehmen. Die Verhandlungen zwischen dem rumänischen Gesandten in Paris und der russischen Regierung sind vorläufig noch nicht erledigt und die rumänischen Juden, die in das rumänische Heer einzutreten bereit sind, werden von einem mit Rumänien verbündeten Staat darin verhindert -- falls sie nicht ihr Judentum vorübergehend aufzugeben willens sind. Eine Anfrage an Lloyd - Georde. Die Liga der Fremdvölker Rußlands hat am 22. Dezember aus Bern ein Telegramm an Lloyd-George abgesandt, in welchem es heißt: In Ihrer gestrigen Rede lassen Sie die Welt wissen, daß Großbritannien für die vollständige Wiederherstellung, vollständige Entschädigung, wirksame Bürgschaften der Schäden kämpft, die kleinen Nationen durch den Feind zugefügt wurden. Nun bitte ich Sie im Namen vieler Millionen Unglücklicher. Ihre aufopfernde Menschenliebe nicht einseitig zu beweisen, sondern auch für die Nationen auszudehnen, die viel größeres Unrecht erlitten haben. Ich spreche von den Fremdvölkern Rußlands. An ihnen, die Jahrhunderte hindurch mißhandelt, entrechtet wurden, sind während dieses Krieges Greueltaten begangen worden, wie sie entsetzlicher die Weltgeschichte nicht kennt.

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