Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 1 (4.1.1917)
- Date
- 1917-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Radom 2× ep/1000823
- Kielce 1× ep/1001109
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Seite JUcUsche Korrespondenz werden können Nur der Abbau des Hasses, cler nach dem Friedensschlüsse uberall erwaitet wird, kann das Aufkommen derartiger Erscheinungen unmöglich machen Die Frage, ob die luden als besondere Nation mit nationalen Rechten anzuerkennen sind, ist aber zunächst eint mternt jüdische Angelegenheit und msolange die Juden selbst darüber nicht einig sind, kann eine Entscheidung auswärtiger Faktoren kaum erwartet werden. Arn wenigsten durfte diese Frage bei einem allgemeinen Friedenskongreß erledigt werden, wo die interessierten Machte viel andere borgen haben durtteu. als die Losung einer derartigen ziemlich komplizierten Frage, die angesichts der jüdischen Diaspora nicht so leicht erledigt werden kann. danz anders verhalt es sich auf der Gegenseite. Die hineilte zahlt Staaten in ihrem Lager, wo es eine brennende Judenfrage gibt. Kußland und Rumänien sind heute die einzigen europaischen Staaten, wo die .luden kaum Menschenrechte, geschweige denn Bürgerrechte genießen. Da mußte eine intensive Aktion einsetzen, wenn die bezügliche Strömung überhaupt einen realen hrfolg erreichen will. Von der hntente selbst ist nichts zu erwarten, trotz etwaiger Versprechungen, die hie und da gemacht winden Die negative Haltung Rußlands und Rumäniens und die passive Haltung ihrer westlichen Bundesgenossen in dieser Hinsicht zeigen klar, wie wenig Hoffnung man aut eine freiwillige Besserung der Judenfrage m Rußland und Rumänien setzen darf. Da mußte eine emsige und zielbewußte Aktion einsetzen und nur daraufhin mußten die Bestrebungen all derjenigen, die es mit der Sache ihrer Bruder ernst meinen, gerichtet sein, hm hrfolg konnte vielleicht umso leichter erreicht werden, als die hntente es ist, die angeblich den Schutz der kleinen Volker auf ihr Programm gestellt hat. Nun sollten die Herren in I ondon, Fans und Rom beim Worte genommen werden und auch die Neutralen mögen das ihrige dazu beitragen. Seitens der Mittelmachte ist eine kräftige Forderung einer derartigen Aktion sicherlich zu erwarten. Dies haben sie schon mit ihrer Politik und Verwaltung m den okkupierten Gebieten Rußlands und Rumäniens bewiesen. Amerika, s überflüssig verlieren. wie in den anderen neutralen Lan- : amerikanische Aktion unterstützen sein. Daß ihre Sympathien schon Grunde den Mittelmächten zugemußten, darüber durfte es wohl sein, auch nur noch ein Wort zu Sik ator. Gründung eines Verbandes galizischer Rabbiner. Vor Jahresinst fand in Wien eine von der „Agudas - Jisroel - Organisation einberutene große judische Versammlung statt, welche zu einigen aktuellen Fragen Stellung nehmen sollte. Im Laufe der Diskussion, in welche auch mehrere anwesenden Großrabbiner und Rabbiner eingegriffen haben, wurde auch die Notwendigkeit eines Verbandes der Rabbiner Gahziens hervorgehoben und schließlich der Beschluß gelaßt, einen solchen Verband nach der Beendigung des Krieges ins Leben zu ruten. Die Verhältnisse haben es aber mit sich gebracht, daß man mit dieser Aktion nicht bis nach dem Kriege warten kann und darf. Gar manche hrscheinungen. die wir hier nur nebenbei streiten wollen und die leider von unerfreulichen Folgen für Einzelne und für die Gesamtheit der gahzischen Judenschatt begleitet waren, hatten sicherlich verhütet werden können, wäre ein Rabbmerverband vorhanden, der uberall eingreifen konnte und das Recht hatte, die gahzischen Rabbiner und die gahzischen Juden zu repräsentieren und nach innen und außen zu vertreten. Diesem Imstande Rechnung tragend, ist in den Kreisen der in Wien weilenden Rabbiner Gahziens der Gedanke gereift, schon letzt der Gründung eines Rabbiner-Verbandes naher zu treten, um gegebenenfalls bei der Liquidierung des Krieges und bei dem Wiederaufbau unseres religiösen und Getneindelebens werktätig eingreifen zu können. Zu diesem Behufe fand vorigen Mittwoch abends im Lokale der „Agudas - Jisroel" eine Rabbiner - Konferenz statt, an welcher etwa 60 m Wien weilende Rabbiner Gahziens teilgenommen haben. Nach einer längeren, stellenweise ziemlich lebhaften Diskussion wurde der Beschluß gefaßt. sotoh die Giundung eines Veibandes der gah/isclieii Rabbiner in Angriff zu nehmen und ein 12-ghednges Komitee gewählt, das die Ausarbeitung der Statuten und die Einleitung der vorbereitenden Schritte zu besorgen hat. Dieses Komitee, dem unter anderen die Rabbiner von Brodv, Bjic7acz, Krakau, Przemysl, Sokolow, Zabno, Zolkiew, usw. angehören, hat beieits einige Sitzungen abgehalten und wie wir hören, sollen die Statuten bereits ausgearbeitet sein Die Ueberreiüiung derselben wird demnächst erfolgen. Unsererseits begrüßen wir diese Aktion auis lebhafteste und drucken den Wunsch aus, daß es derselben gemgen möge, gar bald die Realisierung ihrer Pune durchzuführen, damit das gahzische Judentum wenigstens nach einer Richtung Inn über eine kompetente Repräsentanz verfugen soll hm derartiger Rabbiner-\erbaiü durfte mehr sein aK eine Berufsorganisation und die Rabbiner Qalziens mußten sich auch sagen, daß sie viel \ eugehendere Aufgaben haben, als nur die Interessen des Rabbinerstandes zu vertieten Dei \erband soll gewissermaßen die religiösen Interessen der gahzischen Juden vertreten und die Rabbiner sollen endlich einmal wirkliche Fuhrer des Volkes sein. Ben-Amitai. Die Stadtrats wählen in Polen Aus Ltiblni wird uns geschrieben: Die Wahlen zu den Stadtvertretungen m dein k u k Okkupationsgebiete sind nun abgeschlossen Das Resultat derselben für die Juden ist folgendes: In Lublm wurden unter 60 Gemeinderaten 17 Juden gewählt, was etwa 32 Prozent ergibt. In Piotrkow wurden unter 50 Genieinderaten 14 Juden, das ist etwa 27 Prozent gewählt. In Radom 12 Juden unter 50. das ist etwa 24 Prozent. In Kielce 13 Juden unter 50, das ist 26 Prozent. Zahlenmäßig hatten wohl die Juden Anspruch auf eine größere Vertretung. Aber einerseits waren sie für die Wahlaktion fast gar nicht vorbereitet, verfugten über keine feste Organis tnp" <- id l^nn^ti ngemaß nicht geliong i t i Aut, herrschten untei ihnen 1 Spaltungc s nicht nui zu einer t.nmicnz isplittert» sondern manchmal ai Ii? >r Abunipn/ gc > issei \\ ahlerkreise getuhn nat. Dazulpm noch uer Umstand, daß sie um .je des birfiengen r sischen S\stems in ov, irrtini&inzftflrrte.- ~*äic ein Fünftel Gemeinde 'e entsendet, tasi g, nicht vertreten waren. Auch in. <Mr Setzten, sogenannten Arbeiterku':- waren hc trotz des allgemeinen \eihal es zi . Btvf mgszahl nur sdiwac vertreten. I > » 'hltc i l' i zumeist der ( i thode ischen Richtung an. Die Tomaten respctviive Nationalisten konnten bloß 2 Mandate. 1 in Radom und 1 in Piotrkow. erlangen. In Radom kam es zu einem Komoromiß zwischen dem jüdischen und polnischen Wahl- Komitee, welche eine gemeinsame Liste aufstellten. In den anderen Städten wählten die Juden und die Polen besondere Listen. Ist auch die Zahl der judischen Mitglieder m den Gemeindevertretungen verhältnismäßig gering, so waren sie dennoch imstande, die judischen Interessen gehörig zu vertreten, falls sie zielbewußt und einig vorgehen sollten, was nur zu wünschen wäre. Zieht man in Betracht, daß die Juden bisher von den Gemeindeverwaltungen fast ganz ausgeschlossen waren, und daß sie nach dem proiektierten russischen Gesetz höchstens zehn Prozent Vertreter entsenden durften, so ist deutlich der Fortschritt zu konstatieren, den die neue Verwaltung des Landes gebracht hat. Hamabit. Fin neutrales Urteil Uber die Judenpolilik der Zentralmächla. Bukarest ist gefallen, die größte Festung und Hauptstadt Rumäniens mußte infolge des militärischen Vorgehens der Zentralmachte geräumt werden: die Sonne von Gorhce, so schreibt das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz'", die im Mai 1915 diesen Machten mit ihren Strahlen nach Osten aufgegangen war, die ihnen damals bloß in Mitteleuropa leuchtete, begannen ihnen im November 1916 auch im Süden Europas als Morgenrot aufzugehen. Die alten Staatsgrenzen gaben elastisch nach, nur die Regierungen, die waffenpflichtige lugend und die leicht beweglichen Reichtümer 7</gen sich nach dem Osten, der größere Teil der Bevölkerung, die Städte, der Landboden wurden dem Sieger überlassen, und man muß es sagen, ganz ruhig überlassen. Denn die sich zurückziehenden Regierungen waren schon am Anfang des Krieges, wo noch keine analogen Beispiele vorlagen, und sind bis jetzt, wo eine diesbezügliche Kriegspraxis sich ausgebildet hat, nunmehr schon ganz sicher, daß den Zurückbleibenden, sei es der Bevölkerung oder den Städten und dem Boden nichts, rem gar nichts Uebles geschehen wird. Die Zentralmächte, die im Besitze riesiger Okkupationsgebiete sind, haben die ganze Tüchtigkeit ihre-: Beamtenschaft dazu benützt, um auch dort moderne Verwaltung und die Fortschritte der Neuzeit zu verbreiten; würden die Kriegsfoigen nicht gar so schrecklich sein, it.an müßte sagen, daß die großen Reisen der Kriegs- und Zivilgefangenen, die neuartige Verwaltungspraxis in den immer anders verwaltet gewesenen Gegenden Fortschritt und Bildung der Welt gebracht haben. Diese Neuerungen, die Bildung ist zwar teuer, allzu teuer bezahlt; allein wo der Fortschritt einherschreitet. wo die Bildung einhergeht, dort leuchtet die Sonne auch den Juden. Von solchen Neuerungen werden die Juden fast immer in einem sehr großen Maßstabe betroffen und nicht immer zu ihren Ungunsten; selbst Rußland behandelt in dem okkupierten Teile Gahziens zumindest die dortigen Juden nicht (?) w ie seine eigenen russischen Juden. Die Zentralmächte freilich gehen in dieser Beziehung viel weiter, relativ weiter; denn bei ihnen ist Gleichberechtigung der Juden doch überall staatsgrundgesetzlich gewährleistet, sie können also auch den okkupierten Juden nicht anders behandeln, als wie sie eben von Hause aus gewöhnt sind. Was aber bei ihnen nur relativ gut ist, insofern, daß sie den okkupierten Juden nicht ärger als den eingebürgerten heimischen Juden behandeln, ist für diese okkupierten Juden selbst ein absoluter Wert, denn durch diesen erlangen sie volle Menschenrechte auch dort, wo sie bisher diese infolge beschränkender Gesetze nicht hatten. Nach der Westgrenze der Zentralmächte hin kommt diese Tatsache nicht in Betracht, dort bildeten auch die Staatsgrenzen für die Juden nur rein staatspolitische Gebilde, die den Juden nicht mehr als den Nichtjuden interessierten; denn von beiden Seiten dieser Grenzen w aren sie bereits voll und ganz als gleichwertige Mitbürger anerkannt worden. Anders nach der Ostgrenze der Zentralmächte hin: dort bildet die große Linie, die an der Nordsee begann und sich längst des Ostens Deutschlands," Nord- und Ostösterreichs, Südost-Ungarns, Nordbulgariens und der vom Meer bespülten Nordseite der Türkei hinzog, nicht nur eine politische Staatengrenze, sondern auch eine jüdische Scheidegrenze, indem dort die Merklinie war, wo eine verschiedenartige Behandlung der Menschenrechte für die Juden Platz zu greifen begann. Wenn die Westgrenzen elastisch nachgeben, so kam dieses für die Juden nicht in Betracht; wenn aber die Ostgrenzen sich elastisch zurückzogen, dann bewirkte dieses auch eine Schicksalswendung für die Juden, für die Juden jener Gegenden, die sich zwischen den alten Grenzlinien und den neuen Okkupationslinien befanden. Mit der westeuropäischen Kultur begann ihnen auch die Freiheit, auch die wirtschaftliche, die rechtliche und die politische Gleichberechtigung zu leuchten; freilich nicht ihnen allein, sondern auch allen Völkern, die mit ihnen zusammen okkupiert worden waren. So zum Beispiel in Mitteleuropa die Polen, dann große Massen der Ruthenen und jetzt auch die Rumänen. Auch sie wurden mit den politischen und zum großen Teil auch mit den sonstigen Errungenschaften der modernen westeuropäischen Kultur bekannt gemacht, insofern sie diese bisher noch nicht gekannt hatten oder nicht erreicht hatten. Den Polen zum Beispiel wurde die selbständige Staatssouveränität eingeräumt, anderen Kreisen wieder andere Güter geboten, wie zum Beispiel die moderne Hygiene, um die Massen vor den immer fatalistisch betrachteten infektiösen Krankheiten zu schützen. Den Juden aber waren schon allein durch die Tatsache des Vorrückens der Zentralmächte politische Werte geboten, denn diese behandelten sie als volle gleichberechtigte Menschen, was früher bei ihren heimischen Regierungen nicht der Fall war. In Polen wurde ihnen außerdem sogar in offizieller Form die religiöse Autonomie eingeräumt — nachdem die religiöse Gleichberechtigung schon vorher auf Basis des modernen Charakters der neuen polnischen Verfassung gewährleistet war; denn Anerkennung der Religion und Autonomie der Religion sind zwrei ganz verschiedene Dinge; die Autonomie setzt die Anerkennung voraus, aber die Anerkennung noch lange nicht die Autonomie; die anerkannte Religion kann, wie so oft in Europa, von fremder Bureaukratie weiter geführt werden.