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Jüdische Korrespondenz · 1916-12-21 · 42 (21.12.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
42 (21.12.1916)
Date
1916-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 42. Man brachte es fertig, am 6. Mai 1867 den .luden auch Pachtungen von Grundstücken, sowie Führung von Gastwirtschaften und ^chankstuberi zu verbieten, mit der ausgestochenen Absicht, die Juden durch diese Abschneidtmg ihrer Erwerbszweige aus dem Lande hinauszuekeln. Als diese Maßregel nicht überall den gewünschten Erfolg brachte, griff man zu den direkten Ausweisungsbefehlen, mit einer Begründung, die von echter rumänischer Logik /.engt und nicht ganz des Humors entbehrt: „Da den Juden die Erwerbsmögliehkeiten genommen sind, so sind sie existenzlos. Uer sich aber als existenzlos im Lande herumtreibt, ist nach dem Paragraphen soundso des Gesetzes als Vagabund über die Grenze zu w eisen". I;as war kein schlechter Witz, sondern eine richtige Geißel, die Zehutausende aus Haus und Heimat trieb. Wo die höheren Stellen es au Eifer fehlen ließen, besorgten es die Unttrbeamten, bestens unterstützt von der frohlockenden Bevölkerung, umso gründlicher. Auf Einwendungen der englischen Regierung inid auf einen scharfen Protest des damaligen Präsidenten der Allianee. (Jremieux. erwiderte Minister Bratianu mit der unschuldigsten Miene eines engelreinen Kindes, er wisse von nichts, man habe lediglich einige Vagabunden aus hygienischen Gründen des Landes verwiesen, Damit war die Sache für die Regierung erledigt und sie ging frisch von neuem an ihre Atistreibtmgsarbeit. die tro'z verbindlichster Versprechungen an Moses Montefiore anlaßlich seiner Anwesenheit in Bukarest, wo er vom König Karol empfangen wurde, mit all ihren Begleiterscheinungen fast ohne Unterbrechung bis zur Gegenwart andauerten. für die im Lande verbliebenen Juden sie zählen immer noch 300.000 Seelen beginnt ein verzweifelter Kampf um Brot und Recht, der in den letzten Jahren mit jedem 'i age an Schärfe zunahm. Ein „Verband ruränischcr Juden" trat ins Lehen, hielt Versammlungen ab und schickte ein Memoranduni nach dem anderen an die Regierung. Diese papierene Aktion, die nachgerade eine stehende Rubrik in den jüdischen Zeitungen bildete, zeitigte nicht das geringste greifbare Resultat. Minister wechselten, Regierungen lösten sich ab, auch ein Thronwechsel erfolgte im letzten Jahre, die Politik blieb die gleiche, getragen von Böswillen. Mißtrauen und Niedertracht, - *• gekennzeichnet durch -Lieblosigkeit u. schmählichen Verrat nach innen und nach außen. Schriftsteller und Politiker, jüdische und nichtjüdische, des In- und Auslandes, suchten das „europäische Gewissen" zu bewegen, das Augenmerk der Kulturwelt auf die Vergewaltigung des Menschenrechtes und die Mißachtung der Großmächte, die sich für die rumänische Verfassung verbürgt hatten, auf Rumänien hinzulenken. All diese Stimmen verhallten, gingen in Schall und Rauch auf. Rumänien hatte seinen Artikel <\ der bestimmt, daß „ein Fremder keine politischen Rechte besitzt". Was heimisch oder fremd im Lande sei. darüber hatte man in Bukarest selbst zu bestimmen und ließ man sich von außen nicht hineinreden. Es mußte erst der allumwälzende und allumwertende Völkerkrieg kommen, um der Gerechtigkeit eine blutige Gasse auch nach dem Moldaustaai zu bahnen. Nun ist am ö. Dezember 191f> Bukarest, j die Residenz des klassischen Judenhasses, fast j rh'ie Kampf in die Hand der siegreichen Heere! gefallen. Damit rückt die rumänische Judenj frage in den Kreis der Fragen ein, die bei enJ- [ gültiger Neuordnung der Dinge auf der Friedenskonferenz, wie wir hoffen, unter dem Diktate Mitteleuropas, ihre Lösung finden werden. Die Sichersielhing des jüdischen Rechtes in K'-m'inien wird mit zu der ethischen Beute gehören, die wir als höchsten Siegespreis von der nahen Zukunft erwarten. ..Israelit". Die »Agudas Jisroel« in Wien. Es war an jenem denkwürdigen 28. Juni 1914, da in Lemberg die konstituierende Landeskonferenz der „Agudas - Jisroel" - Organisation für Galizien stattgefunden hat. Mit den größten Hoffnungen sah man im Lager des orthodoxen Judentums dieser Organisation, die bereits über zahlreiche Ortsgruppen verfügte, entgegen. Das Gros des galizischen Judentums, das zur Orthodoxie zählt, sollte endlich eine Repräsentanz erhalten, die seiner würdig ist und es sollten nicht mehr Unberufene das; Recht sich anmaßen dürfen, im Namen des galizischen Judentums zu sprechen und zu handeln, allzuoft zu dessen Schaden. Da kam wie ein Blitz am heiteren Tage die Nachricht von der schrecklichen Bluttat in Sarajewo, die den Weltkrieg zur Folge hatte. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß die Tätigkeit der „Agudas-Jisroel" in Galizien völlig unterbunden wurde. Das Gros der galizischen Juden verließ das Land und auch Diejenigen, die notgedrungen geblieben waren, konnten natürlich nichts tun, um die neugeschaffene Organisation zu entwickeln. 1 >ie Führer der Aguda, in erster Linie der verdienstvolle und unermüdliche Herr J. J. Ihumim aus Przemysl, haben jedoch den Mut nicht fallen lassen und sie entwickeln hier in j Wien, w ie auch in ganz Westösterreich, wohin ] der Flüchtlingsstrom sich ergossen hatte, eine j zwar stille und geräuschlose, aber nichtsdestoi weniger intensive Tätigkeit, die der „Agudas- Jisroel" ein Ruhmesblatt in der Geschichte der jüdischen Kriegsfürsorge sichert. Getreu ihrem Programme legte die Leitung der Aguda das Hauptgewicht auf die Wahrung der religiösen Interessen der Flüchtlinge. Für die Kinaer derselben wurden in Wien eine Reihe Chedarim errichtet, die, mustergültig geleitet und sorgfältig kontrolliert, wahre Stätten einer jüdischen Erziehung sind. Hunderte von Flüchtlingskindern erhalten in diesen Chedarim regelmäßig ausgiebigen Unterricht, sie werden dem Judentum erhalten und gleichzeitig zur Ordnung erj zogen und vor Verwahrlosung geschützt. Ein jüdisches Kinderheim, das unter dem Einfluß der „Agudas-Jisroel" streng rituell geführt wird, leistet große Dienste und ist für Hunderte Kinder eine wahre Wohltat. Eine ideale Schöpfung ist ein Mädchenheim, in welchem etwa 100 Mädchen aus galizischen Flüchtlingsfamilien im Alter von 14 bis IM Jahren versorgt, zum Teil dem kaufmännischen Berufe, zum Teil der Hauswirtschaft zugeführt werden. Auch hier hat die Leitung der Aguda wesentlich mitgewirkt und besonders für eine streng religiöse Erziehung Sorge getragen. Mit besonderer Sorgfalt nahm sich die Aguda der jüdischen Soldaten an, die rituell speisen wollen und wiederholte Interventionen bei den maßgebenden Kreisen waren von bestem Erfolg begleitet. Die Leitung der „Agudas-Jisroel" sorgte auch für Mazzoth für die Flüchtlinge, wie für die sonstigen religiösen Bedürfnisse derselben und war stets bereit, sich in die Bresche zu stellen, wo es galt, die religiösen Interessen des galizi- | sehen Judentums zu wahren. ' Es würde den Rahmen eines Zeitungs- Artikels überschreiten, wollte man die ganze Jätigkeit der „Agudas-Jisroel" in Wien wähj rend des Krieges Revue passieren lassen. Dies I wird in einer Reihe von Artikeln ausführlich be- . handelt werden. Hier sei nur soviel gesagt, daß die „Agudas-Jisroel" mit ihrer Tätigkeit den besten Beweis für ihre Existenzberechtigung erbracht hat. Sobald die Umstände es gestatten werden, dürfte sie wohl ihre Tätigkeit in Galizien wieder aufnehmen. Die bisherige Arbeit sollte für alle, die dieselbe kennen, einen Ansporn bilden, die Aguda zu fördern, um ihr die Erreichung ihrer Ziele zu ermöglichen. Das galizische Judentum leidet furchtbar au dem Mangel einer entsprechenden Repräsentanz. Die „Agudas-Jisroel" ist berufen, diese Lücke auszufüllen. Möge es ihr vergönnt sein, gar bald der Erreichung ihres Zieles näher zu kommen. Hinzugefügt möge noch werden, daß sich die Aguda der weitgehendsten Förderung seitens der hervorragendsten Großrabbiner und Rabbiner Galiziens erfreut und daß schon dieser Umstand derselben eine feste Basis gibt. Gelegentlich werde ich mir erlauben, das hier berührte Thema etwas ausführlicher und detaillierter zu behandeln. Ben-Amitai. j ---------- I Eine wahre Begebenheii aus dem Leben unseres Herrscherpaares. Es war an einem heißen Somrnertag zur Zeit der galizischen Manöver. Erzherzog Karl Franz Josef, Erzherzogin Zita und einige Offiziere kehrten müde und durstig von einem weiten Weg in einem kleineu jüdischen Gasthaus ein, das einige Minuten von der Stadt Kolomea entfernt in beschaulicher weltabgeschiedener Einsamkeit lag. Die alte jüdische Wirtin empfing die Gäste mit freundlichen Worten, konnte aber zu ihrer Erfrischung nichts anderes bieten als kühle saure Milch, die sie aus dem Keller holte und in einem großen Topf auf den Tisch stellte, aus dem sie jedem Gast in sein Glas schenkte. Vor den Erzherzog — den sie wohl für einen Begleiter der älteren Generäle hielt — stellte sie zwei Gläser, indem sie lächelnd meinte, daß man bei solcher Jugend doppelten Durst zu haben pflegt. Ich hob ein Sin (Sohn), er it auch asoj alt san wie der Herr Offizier", meinte sie in ihrem Singsang, „er is bei Militär, ün er is Zugsführer. Er hot secher nicht a selche schajne Uniform wie der Herr Offizier. S's schojn bald 3 Jur, as ich hob eim nicht gesejn". Und bei der Erinnerung an ihren Sohn wischte sie mit dem Schürzenzipfel über die Augen. Der Erzherzog ließ sich die Rede verdolmetschen, schrieb den Namen des Soldaten in sein Handbuch ein und versprach der guten Frau, ihren Sohn einen Urlaub zu erwirken. Den Gästen hatte der kühle Trank köstlich gemundet, sie zahlten und verließen das Haus. Kaum waren sie einige Schritte weit gegangen, als die alte Gastwirtin ihnen atemlos nachgelaufen kam. Sie ging direkt auf den Erzherzog zu, der ihr der freundlichste der Herren und wegen seiner Jugend der am wenigsten' unnahbare zu sein schien und meinte in ihrer schlichten Sprache: „Offiziersleben, ich het (noch gebejten, der Herr wir doch ewade san bei ma Sin, er soll mir mitnehmen Wasch vor eim". Erzherzog Karl Franz Josef, der österreichischtingarische Thronerbe, antwortete mit der ernstesten Miene der Welt: „Gut. liebe Frau, machen Sie ein schönes Paket aus Ihrer Wäsche und geben Sie es meiner Frau, sie wird es mitnehmen". Die Wirtin lief ins Haus zurück und kam nach einer Weile mit einem ziemlich großen Pack Wäsche heraus, den sie mit vielen Dank- und Segensworten der jungen Erzherzogin überreichte, die sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Am nächsten Tag kam er schon heim, der jüdische Soldat. Er hatte einen dreimonatlichen Urlaub bekommen. Als besondere Kostbarkeit trug er ein Wäschepaket unter dem Arm, auf dessen Rückadresse zu lesen war: Erzherzog Karl Franz Josef. * Diese Anekdote erzählte mir dieser Tage ein jüdischer Soldat aus Kolomea. („Selbstwehr"). Nelly Thielberger. Jlidlsclie Rundschau. Die Wahlen in Polen. Ueber das Resultat der Städtewahlen liegen noch folgende weitere Nachrichten vor: In Dublin wurden aus der IV. Wahlkurie 3 Juden, aus der III. 2 und aus der II. 8 Juden gewählt. Weiters wurden gewählt: III. Wahlkörper: In Kielce 2 Juden, in Piotrkow 1 Jude. II. Wahlkörper: In Kielce 6 Juden, in Piotrkow 5 Juden. In Radom haben sich die Juden mit den Polen auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Aus jeder Kurie wurde eine Anzahl Juden gewählt. Gleichzeitig mit den Wahlen in den größeren Städten nahen auch die Wahlen zu den Stadtvertretungen in den kleineren Städten stattgefunden. Ueberall wurden verhältnismäßig entsprechende jüdische Vertreter gewählt. Im allgemeinen ist man im jüdischen Lager mit dem Wahlresultat zufrieden. Erhöhung der Flüchtlings-Unterstützung. Das Ministerium des Innern hat im Einvernehmen mit dem Finanzministerium die Erhöhung der staatlichen Unterstützung der gemeindeweise verstreut untergebrachten mittellosen Flüchtlinge von 1 K auf 1 Krone 50 Heller pro Kopf und Tag mit Rückwirkung auf den Zeitraum vom 1. Dezember d. J. angefangen verfügt. Eine Einschränkung dieser die Lage der Flüchtlinge wesentlich günstiger gestaltenden Maßnahme greift nur insoweit Platz, als es bei Familien, denen eine größere Zahl von im gemeinsamen Haushalte lebenden Personen angehört, hinsichtlich der die Zahl 5 übersteigenden 'Familienmitglieder bei der bisherigen Unterstützung von 1 Krone pro Kopf und Tag zu verbleiben hat. Einschränkung des Kerzen- und Oelverbrauches zu rituellen Zwecken. Das Militärkommando verlautbart: Im Hinblicke darauf, daß hervorragende orthodoxe Rabbiner mit Rücksicht auf die Not der Zeit den Gläubigen Erleichterungen im Gebrauche von Kerzen und Oel zu religiösen Zwecken gestattet haben, und daß ferner auch das Ministerium für Kultus und Unterricht eine Einschränkung des Lichterverbrauches zu rituellen Zwecken nahegelegt hat, wird folgendes angeordnet: Der Lichterverbrauch zu rituellen Zwecken ist auf das folgende Höchstausmaß einzuschränken: 1. Zwei Lichter am Vorbettische während des Gottesdienstes in den Militärsynagogen. 2. Für alle Wohnungsgenossen ohne Rücksicht auf die Familienangehörigkeit zwei Kerzen von einer halben Stunde Brenndauer für die Vorabende des Sabbats (Freitag- Abend) und der hohen Festtage sowie für die hohen Festabende selbst. 3. Eine Oel- und Kerzenflamme für die ersten dreimal 24 Stunden nach Sterbefällen in der betreffenden Familie. 4. Eine Oel- oder Kerzenflamme für die jedesmalige Wiederkehr des Sterbetages (Jahrzeit) für 24 Stunden innerhalb einer Familie im Hause oder in der Synagoge. 5. Das Anzünden der „Menora" (achtarmige Leuchter)

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