Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1916-12-14 · 41 (14.12.1916) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
41 (14.12.1916)
Date
1916-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495300-3495341--0306-3520946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Jüdische Koirespoj&denz Nr. 41 Dem Oberrabbiner Dr. Giidemann sprach der Kaiser, indem er ihm die Hand reichte, den Dank für den erteilten Segen aus. Er erkundigte sich sodann über die Dauer der Tätigkeit aes Uöerrabbiners in Wien und bemerkte auf dessen Antwort, daß er seit fünfzig Jahren in Wien wirke: „Das ist eine lange Zeit." Uer Kaiser ließ sich sodann die Mitglieder der Deputation vorn Präsidenten Dr. Stern vorstellen, erkundigte sich bei ihnen über ihre Privatveriiaitnisse und über die Verhältnisse der von ihnen vertretenen Gemeinden oder Korperschatten und bekundete besonders lebhaftes Interesse tür die Approvisionierungiragen der einzelnen Städte, aus weichen die Vertreter genommen sind. bei dem Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kuitusgemeinde, k. k. hotrat Dr. Benjamin Rappaport, erkundigte sich der Kaiser nach der Dauer seiner Tätigkeit in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und über seine Amtswirksamkeit im Staatsdienste. Bei dem Vertreter der Frager Kultusgemeinde kaiserlichen Rat Robert fuchs Edlen v. Robettin erinnerte sich der Kaiser, ihn schon vor Jahren gelegentlich einer Frager Ausstellung gesehen und gesprochen zu haben. Dem Vertreter der Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschait, Obmannstellvertreter Dr. Heinrich Rosenbaum, stellte er die Frage, ob viele Juden in Böhmen eingerückt seien. Auf die bejahende Antwort bemerkte der Kaiser: „Sie haben sich alle sehr brav gehalten." Als auf eine ähnliche Anfrage des Kaisers der Vertreter der Brünner Kultusgemeinde Herr Adolf Herdan antwortete, daß es nahezu keine einzige Familie in Mähren gebe, welche nicht ein oder mehrere Mitglieder im Kriege hätte, bemerkte der Kaiser, daß ihm dies wohlbekannt sei, und daß auch Viele Auszeichnungen erhalten haben. Bei dem Vertreter des Mährisch-jüdischen Landesrnassafonds Dr. Siegmund Schimmerling erkundigte sich der Kaiser nach dem Vermögensstande des Fonds. Auf die Bemerkung Dr. Schimmerlings, daß ungefähr die Hälfte des 2% Millionen Kronen betragenden Vermögens in Kriegsanleihe angelegt sei, antwortete der Kaiser: „Das freut mich sehr. Ich schätze Ihren Patriotismus und Ihre dynastische Treue." Zu Dr. Emil Parnas, k. k. Regierungskommissär der Kultusgemeinde Lemberg, bemerkte der Kaiser, daß er sich mit Freude seines Aufenthaltes in Lemberg im Jahre 1912 erinnere, worauf Dr. Parnas erwiderte, daß diese Tage für alle Einwohner Lembergs, speziell aber für die Juden Lembergs, unvergeßlich sind. Den Vertreter der Krakauer israelitischen Kultusgemeinde Dr. Samuel Tilles erkannte der Kaiser sofort wieder und sagte: „Wir sind ja schon bekannt; Ich erinnere Mich ihrer ganz genau." Er erkundigte sich bei Dr. Tilles nach den Verhältnissen in Krakau und über die landwirtschaftlichen Verhältnisse in Qalizien, inbesondere über den Wiederaufbau der durch die Russen zerstörten Landgüter. Auch den Vertreter der Czernowitzer Kuitusgemeinde Landtags-Abgeordneten Dr. Neumann Wender erkannte der Kaiser wieder. Er erkundigte sich bei ihm über die Lage der Bukowinaer Flüchtlinge und gab zum Schlüsse der Hoffnung Ausdruck, daß sie bald wieder in ihre Heimat werden zurückkehren können. Auch bei dem Vertreter der Troppauer Kuitusgemeinde Dr. Theodor Sonnenschein erkundigte sich der Kaiser über die in Schlesien untergebrachten Flüchtlinge und bemerkte auch: „Ich weiß, daß Ihre Glaubensgenossen für die Flüchtlinge sehr eifrig tätig sind." Zu dem Vertreter der Triester Kultusgemeinde Direktor Karl Schütz bemerkte der Kaiser, daß er erst jüngst in Triest war und die Verhältnisse dortselbst kenne. Auf die Frage bezüglich der Approvisionierung der Gemeinde antwortete Direktor Schütz, daß die Schwierigkeiten in der Approvisionierung der Gemeinde dank der großen Unterstützung der Behörden, besonders des Statthalters Baron Fries-Skene, des kaiserlichen Kommissärs Hofrat Krekich v. Strassoldo und der Aufopferung des Oberrabbiners der Triester Gemeinde Doktor Chajes wesentlich gemildert wurden. Zum Vertreter der Pilsner Kultusgemeinde Dr. Josef Schanzer bemerkte der Kaiser, daß er die Stadt aus der Zeit seiner Stationierung in Dobrzan kenne, und erkundigte sich, ob sich die Stadt seither stark entwickelt habe, was Doktor Schanzer, insbesondere im Hinblicke auf das Aufblühen der Skoda-Werke, bejahte. Auch bei dem Vertreter der Mährisch- Ostrauer Kultusgemeinde, dem Direktor der Dzieditzer Montanwerke Doktor Alois Hilf erkundigte sich der Kaiser über die Approvisionierungs-Verhältnisse, insbesondere der Ge* * erkschaftsarbeiter. Den Vertreter der Wiener-Neustädter Kultusgemeinde k. k. Regimentsarzt Dr. Wilhelm Wolf betragte der Kaiser flach Entgegennahme der militärischen Meldung über die Krankenstandsverhältnisse im Knegsspitale >n Wiener-Neustadt. Bei den Vertretern der Kultusgemeinden Linz (Benedikt Schwäger), Graz (Simon Rendi), Salzburg (Rudolf Löwy) und Innsbruck (Wilhelm Dannhauser) erkundigte sich der Kaiser nach der Größe und den Verhältnissen der von ihnen vertretenen Gemeinden. Die Kaiserin bekundete für die Anfragen des Kaisers und die erteilten Antworten lebhaftes Interesse und zeichnete gleichfalls mehrere der anwesenden Herren durch eine Ansprache aus. Nach jeder Ansprache reichte der Kaiser den einzelnen Vertretern die Hand und verabschiedete, nachdem er auch dem Präsidenten Dr. Alfred Stern unter neuerlichem Ausdrucke seines Allerhöchsten Dankes wieder die Hand gereicht hatte, die Deputation in huldvollster Weise. Zeichnet die Kriegsanleihe! Die gegenwärtig in Wien weilenden Großrabbiner von Bojan, Czortkow, Husiatyn, Ottynia, Sadagora, Kopyczynce, Drohobycz und Gwozdziec Haben anläßlich der Subskription auf die fünfte Kriegsanleihe folgenden Aufruf in hebräischer Sprache veröffentlicht, der unter den Juden einen großen Eindruck gemacht hat. Brüder und Glaubensgenossen! Wiederholt haben wir Euch bereits auf die große Ptlicht autmerksam gemacht, die uns obliegt, gleich allen Bürgern der Monarchie das mögliche zum Durchhalten in dem unserem teueren Vaterlande seitens böswilliger Feinde aufgedrungenen Kriege beizutragen. Jedem Einzelnen obliegt die Pflicht, all sein Können in den Dienst des Vaterlandes zu stellen, sei es auf den Schlachtfeldern, sei es im Hinterlande, sei es in materieller Hinsicht, um der Monarchie die Erringung des Endsieges zu ermöglichen und dieselbe in den Stand zu setzen, den Völkern einen ehrenvollen, dauernden Frieden zu sichern. Wir konstatieren mit großer Genugtuung, daß unser Appell nicht ungehört verhallt ist, und daß unsere Gfeuberisbrüder speziell hinsichtlich der Kriegsanleihen große Leistungen aufzuweisen haben, wofür wir ihnen unseren wärmsten Dank aussprechen. Nunmehr ruft das Vaterland seine Söhne zum fünften Male auf, ihm die Mittel zur Verfügung zu stellen, die es nötig hat, um das glorreiche Siegeswerk zu vollenden, welches die tapferen Söhne aller Stämme so verheißungsvoll vollführen. Jetzt ist eine ganz besondere Pflicht der jüdischen Bürger, den Beweis ihres Patriotismus und ihrer unwandelbaren Treue zu Kaiser und Vaterland zu liefern und sich besonders zahlreich an den Zeichnungen auf die fünfte Kriegsanleihe zu beteiligen. Es ist dies unsere heiligste Pflicht, wir werden damit nur einen kleinen Teil des Dankbarkeitstributes entrichten, den wir dem Andenken des erhabenen Monarchen Kaiser Franz Josef schulden und zugleich auch unserem neuen Landesvater, Seiner Majestät Kaiser Karl I. unsere Huldigung darbringen. Wir appellieren daher nochmals an alle unsere Brüder und fordern sie auf, so viel als möglich auf die fünfte österrerichische Kriegsanleihe zu zeichnen. Sie werden damit auch dem jüdischen Namen Ehre machen und der Gott unserer Väter wird zum Lohne dafür unser Tun segnen und uns gar bald den dauernden Frieden erleben lassen. Amen! Wien, im Monate Kislew, 5677. Großrabbiner Isak Friedmann (Bojan). Großrabbiner Israel Friedmann (Czortkow). Großrabbiner Israel Friedmann (Husiatyn). Großrabbiner Chaim Hager (Ottynia). Großrabbiner Mordchai Scholem Josef Friedmann (Sadagora). Großrabbiner Isak Maier Heschel (Kopyczynce). Großrabbiner Chaim Maier Spira (Drohobycz). Großrabbiner Abraham Jakob Friedmann (Sadagora). Großrabbiner isak Mordchai Spira (Gwozdziec). » Der Kriegsanleihe-Zeichnungsverein „Agudas-Jisroel", Wien, II., Große Pfarrgasse 23, übernimmt Zeichnungen auf die fünfte Kriegsanleihe von 50 Kronen aufwärts auch in Ratenzahlungen. Es darf kein einziger Jude sich der Pflicht entziehen, an diesem patriotischen Werke teilzunehmen. JUdfacbe Rundschau. Bukarest Mit Gottes Hilfe habe» wir nun auch das verdiente Ende unseres zweiten bösesten Hemdes gesehen. Nach der Niederringung Rußlands wird nun auch Rumänien vom verdienten Schicksal ereilt. Im Bukarester Konigsschiosse residiert der siegreiche Feldherr Mackensen und die tapferen t nippen des Vierbundes haben von der Hauptstadt des elenden Verräters Besitz ergriffen. Das Debacle der Rumänen, das selbst in diesem an wecftseivolien £reignissen so reichen Kriege ein Beispiel sucht, mutet unstreitig wie ein Strafgericht Gottes an. Das Schicksal dieses Königreiches, das mit der Verletzung und Verhöhnung seiner den Juden gegenüber feierlichst übernommenen Verpflichtungen sein selbständiges Staatsleben begonnen hatte und mit einem niederträchtigen Verrate seiner treuen Freunde das Endziel seiner Großmacht-Aspirationen zu erreichen strebte, muß allen Völkern und Staaten als warnendes Beispiel dienen. So mögen alle Feinde von Recht, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zugrunde gehen! Das Schicksal Rumäniens hat sich erfüllt. Rumänien ist heute erledigt. Als wesentlicher Faktor wird es weder im Kriege, noch beim Friedensschlüsse auftreten können. Es ist heute bloß ein Anhängsel Rußlands und wird dessen Schicksal teilen. Dieser Umstand gibt uns Juden die Hoffnung, eine Befreiung und Erlösung unserer dortigen Brüder zu erwarten. Möge das Schicksal Rumäniens beim Friedensschlüsse wie immer entschieden werden, die Lage der dortigen Juden dürfte sicherlich eine Besserung erfahren. Die Mittelmächte, die Millionen russischer Juden Freiheit und Erlösung gebracht haben, werden dasselbe auch den Juden Rumäniens bringen. Der Fall von Bukarest bedeutet demgemäß auch einen Triumph unserer gerechten Sache und das Gesamtjudentum entbietet den tapferen Heeren des Vierbundes seine innigsten Glückwünsche und seinen aufrichtigsten Dank für diese Befreiungstat. Die Städtewahlen in Polen. Aus Lublin wird geschrieben: Am 7. d. M. haben hier wie auch in anderen größeren Städten des k.' u. k. Okkupationsgebietes die Wahlen zu den Stadtvertretungen ihren Anfang genommen. Den Wahlen ging eine sehr lebhafte Bewegung voraus und auch die Juden, die bisher unter der russischen Herrschaft von jedem Rechte ausgeschlossen waren, konnten diesmal als gleichberechtigte Bürger an der Wahlbewegung teilnehmen. Der Umstand, daß die Juden Polens bisher über keine wie immer geartete Organisation verfügten, erschwerte wohl eine einheitliche Aktion und führte zu vielfachen Unstimmigkeiten im jüdischen Lager. Dementsprechend konnte auch das Verhältnis zwischen Juden und Polen nicht einheitlich geregelt werden. In manchen Ortschaften wurden Kompromißverhandlungen versucht, in anderen wieder traten die Juden und die Polen als geschlossene Gruppen selbständig auf. Immerhin zeigte schon der erste Wahltag, daß die Juden in den Stadtvertretungen eine entsprechende Repräsentanz haben werden. Am 7. d. M. wählte zunächst der fünfte, sogenannte allgemeine Wahlkörper. Die Juden erlangten hiebei in Lublin zwei Mandate, in Kielce vier, in Piotrkow drei. Das genaue Wahlresultat in Radom ist bis zur Stunde noch ausstehend. In der Handelskurie dürften die Juden überall die Majorität der Mandate erhalten, in den anderen Kurien (mit Ausnahme der eisten, Intelligenzkurie, wo die Juden infolge des russischen Systems über eine nur minimale Stimmzahl verfügen), sind ihnen infolge des Proporzsystems einige Mandate gesichert. Im allgemeinen ist damit zu rechnen, daß die Juden in jeder Stadtvertretung mit 20 bis 25 Prozent vertreten sein werden. Eine Organisation der galizischen Juden. Vorigen Mittwoch fand hier im Hotel Continental eine vertrauliche Konferenz statt, die sich mit der Schaffung einer einheitlichen Organisation der galizischen Judenschaft, der alle Parteien angehören sollen, beschäftigte. Der Konferenz wohnten unter anderem die Großrabbiner von Czortkow, Husiatyn, Bojan, Sadagora, Ottynia, Kopyczynce usw., die Rabbiner von Rzeszow, Przemysl, Buczacz, Brödy usw., die Reichsratsabgeordneten Dr. v. Löwenstein, Dr. Straucher, der Obmann der „Agudas Jisroel" J. J. Thumim, sowie viele andere jüdische Notabein aus Galizien und der Bukowina bei. Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, die nötigen Schritte zur Schaffung einer derartigen Organisation zu unternehmen. Indem wir den Gedanken, eine Organisation der galizischen Juden ins Leben zu rufen, aufrichtigst begrüßen, können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die bisherigen Erfahrungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.