Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 40 (7.12.1916)
- Date
- 1916-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 40. liehen Religionsübung, ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig, bleibt im Besitze und Genüsse der für ihre Kultus-, Unterrichts- und Wohltätigkeitszwecke bestimmten Anstalten, Stiftungen und Fonds; ist aber wie jede Oesellschaft den allgemeinen Staatsgesetzen unterworfen .... Die Wissenschaft und die Lehre ist frei .... Der Religionsunterricht in den Volksschulen wird von der betreuenden Kirche oder Religionsgesellschaft unter staatlicher Oberaufsicht besorgt . . . . Für alle V ölker des Reiches gibt es nur ein allgemeines österreichisches Bürgerrecht . . . . i 'ie Freizügigkeit der Person innerhalb üer Reichsgrenzen unterliegt keiner Beschränkung .... Alle österreichischen Reichsbürger sind vor dem Gesetze gleich .... Die öffentlichen Aemter und Staatsdienste sind lur alle zu denselben Befähigten gleich zuganglich . . . .'" „Somit", konnte damals 1 >r. Ludwig Philippson in seinem Blatte hocherfreut ausrufen, „sind im ganzen Kaiserstuat die Juden in den Vollgenuß der bürgerlichen Rechte eingetreten!" Die Freude der österreichischen Juden war naturgemäß sehr groß und gab sich, in mancherlei Handlungen dankbarer Gesinnung kund. So übersandte, um nur einige Beispiele hervorzuheben, der Fabrikant Steiner in Wien einem dortigen Blatte 600 Gulden „zur Verfügung der Behörden zu Staatszwecken aus Dankbarkeit, daß er und seine Glaubensgenossen nunmehr ein Vaterland erhalten haben". Die israelitische Gemeinde Wien veranstaltete eine bedeutende Gcldsammlung, um von deren Ertrag ein Kriegsschiff zu erbauen, welches den Namen „Emanzipation" führen sollte. Allerdings hatten unsere österreichischen Glaubensbrüder guten Grund, dem jungen Kaiser, der damals wenig alter als achtzehn Jahre war, voll Freude und Dankbarkeit begeistert zujubeln, denn die von ihm aufgehobene, ein Jahr vorher, nämlich am 25. April veröffentlichte Verfassung sicherte zwar d. u Bekennen) aller Religionen die Glaubens),'ciheit zu, behielt jedoch die Beseitigung der auf den Israeliten noch ruhenden ganz erheblichen gesetzlichen Beschränkungen der Zukunft vor. Lrst jetzt, nach der tief einschneidenden Tut des warmherzigen jungen Monarchen, hörten alle Beschränkungen und Quälereien, mit denen die österreichische Polizei bisher die Juden bedrückt hatte, mit einem Schlage auf. Den Juden öffneten sich alle Staatsämter, Israeliten wurden zu Offizieren ernannt und bei feierlichen Gelegenheiten die Vertreter der jüdischen Untertanen vom Kaiser mit huldreichen Anreden geehrt. Die Ghetti in den verschiedenen österreichischen Städten verschwanden. Wurde auch am 1. Januar 1852 die oktroyierte Verfassung wieder aufgehoben -- eine neue Reichsverfassung wurde erst a;n 20. Februar 1861 erlassen — so muß doch mit Anerkennung für die von jeher judenfreundliche Gesinnung des Kaisers Franz Josef betont werden, daß in dem kaiserlichen Patent vom ,•>!. Dezember 1851, das die Aufhebung der Verfassung verfügte, die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz ausdrücklich bestätigt wurde. „Ich will kein Judengesetz" äußerte damals der Kaiser wörtlich, und in Uebereinstimmung damit beförderte er drei jüdische Seekadetten zu Marineoffizieren und andere Juden zu Staatsbeamten und ordentlichen Professoren: im Jahre 1856 dienten im österreichischen Heere etwa 12.000 Israeliten, von denen ungeachtet der inzwischen eingesetzten politischen und kirchlichen Reaktion nicht weniger als fünfhundert Offiziere. Aerzte oder Militärhiamte mit Offiziersrang waren. Line Audienz, die der junge Kaiser im Jini 1S49 einem jüdischen Artilleristen erteilte, dürfte heute, im Zeitalter des Maschinengewehrs, ganz besonders interessieren: „Dem Vernehmen nach hat gestern", so berichtet ein uns vorliegendes jüdisches Blatt unter dem 11. Juli 1849 aus Wien, „ein Artillerist (Israelit) beim Kaiser Audienz gehabt und eine Erfindung dargestellt, um mit einer Kanone in fünf Minuten neunzig Schüsse zu machen, wobei die Kanone sich selbst laden soll. Es wird hinzugefügt, die anwesenden Generäle hätten dem Mann zugerufen, er habe mit dieser Erfindung se.n Glück gemacht". Jüdische Deputationen bei der Leichenfeier des Kaisers. An dem feierlichen Leichenzuge des Kaisers Franz Josef, der am 30. November stattgefunden hat, haben sich auch folgende jüdischen Deputationen beteiligt: Israelitische Kultusgemeinde Wien: Präsident Dr. Alfred Stern, Dr. Markus Spitzer. Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner Dr. Feuchtwang; israelitische Kultusgemeinden: Brünn: Vorstandsmitglied Dr. Schimmerling; Krakau: Präsident Dr; TiKes; Troppau: Präsident Dr. Sonnenschein; fciraz: Präsident Simon Kendi; die Kultusgemeindeti Prag, Triest unü t^zernowitz. Einen besonderen Eindruck machte das Erscheinen einer Imputation von KabDineru aus uanzien, bestellend aus: Großraobi Israel rueümann aus czortKow, GroiiraDOi i. fneumann aus nusiatyn, Kaübiner Abratiam Mendel bteinberg aus Brooy, Kabbmer Moses Halberstamm aus Neu-Sanüez und Kabbmer Frankel aus Podgorze. Trauerkundgebung der „Agudas Jisroei". Donneistag, den .30. November, abends fand im Lokal der gahzischen Landesorgamsation orthodoxer Juuen „Agudas Jisroei', 11. Uroße Pfarrgasse 23, eine senr zahlreich besuente Trauer Versammlung statt, uer auch meüreie gaiizische Kabbiuer beigewohnt haben, uer Vorsitzende, Herr J. i. ihumim. hielt eine uoeraus ergreifende Irauerrede, in weicher er uen unersetzlichen Verlust schilderte, üen speziell üie Judenschatt üer Monarchie durch das Hinscheiden des unvergeßlichen Kaisers rrauz .loset erlitten hat. Der Kedner würdigte die große Bedeutung des verstorbenen Monarchen ais rneüenslürst, als Beschützer des Rechtes und der Uerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit und wies aut Grund geistreicher Zitate aus Bibel u. Talmud nach, daß weiland Kaiser Franz Joset ein wirklicher gottbegnadeter Herrscher war, dessen Name in der Weltgeschichte und in der Geschichte der Juden mit goldenen Lettern verzeichnet sein wird. Der einzige Trost, den wir in dieser schweren btunae haben, ist der Umstand, daß dieser große und edle Monarch in dem Thronerben, Kaiser Karl 1., einen würdigen Nachtolger getunden hat, dessen Manifest und dessen wiederholte Aeußerungen die Gewähr bieten, daß der neue Kaiser das Werk vollenden wird, dem weiland Kaiser Franz Josef mit so großem Lrfoige sein Leben gewidmet hatte. Der Redner schloß mit einem Hoch auf das Kaiserpaar, in welches die l'rauerversammlung lebhaic einstimmte. Hierauf wurde an die Allerhöchste Kabinettskanzlei eine Trauer- und Huldigungsdepesche abgesandt. Kaiser Franz Joser-Gedächtnis-Tempel. Von besonderer Seite wird uns geschrieben : Das Andenken des unvergeßlichen Kaisers Franz Josef wird seitens aller Völker der Monarchie durch Errichtung von Denkmälern, Benennung von Straßen und Brücken nach dem Namen des Monarchen usw., gefeiert und verewigt werden. Wir Juden sind als solche außerstande, dem Kaiser, dem wir unsere Gleichberechtigung und bürgerliche Freiheit zu verdanken haben, auf diesem Wege den Tribut unserer Dankbarkeit abzustatten. Aber wir haben die Möglichkeit und auch die Pflicht, dem Andenken des Kaisers das zu widmen, was uns am heiligsten und teuersten ist: unsere Gotteshäuser. Ueberall, wo jetzt oder in nächster Zeit ein jüdisches Gotteshaus errichtet werden sollte, soll es den Namen „Kaiser Franz Josef Gedächtnis-Synagoge" tragen. Eine ganz besondere Pflicht obliegt diesbezüglich der ersten Gemeinde des Reiches, der Wiener Kultusgemeinde. Wie bekannt, durfte bis zum Jahre 1848 in Wien keine offizielle jüdische Gemeinde existieren. Erst beim Regierungsantritt des Kaisers Franz Josef wurde in dieser Hinsicht Wandel geschaffen und zwar war es der Kaiser, der persönlich dazu die Initiative gegeben hatte, indem er die Deputation der Wiener Judensehaft, die ihm die Glückwünsche zur Thronbesteigung überbrachte, als die Vertreter der- Judengemeinde Wiens begrüßte, womit die Gemeinde als solche anerkannt war. Nun plant die Kultusgemeinde seit längerer Zeit die Errichtung eines Monumentaltempels in der inneren Stadt, da der Tempel in der Seitestättengasse den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht. Der Gedanke ist bisher nicht zur Durchführung gelangt. Jetzt aber ist es an der Zeit, — natürlich nach Beendigung des Krieges — diesen Plan einer Verwirklichung zuzuführen. Der neue Tempel soll dem Andenken des Kaisers Franz Josef gewidmet sein und dessen Namen tragen. Es ist anzunehmen, daß in diesem Falle alle Schwierigkeiten materieller und sachlicher Natur, die bisher die Durchführung des Planes verzögerten, wegfallen werden.- Es sei gestattet, diese Anregung dem Kultusvorstande und speziell dem Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern, der jede gute Sache mit seltener Energie einer Durchführung zuzuführen pflegte, auf diesem Wege zu unterbreiten. Trauergottesdiedst der Jüdfecnaa Soldaten. Einem kaiserlichen Befehle entsprechend, fem! Samstag nachmittag für die israelitischen Soldaten der Wiener Garnison ein feierlicher TrauerEOttesdienst «tatt. Um halb 6 Uhr nachmittags versammelte tieft im Tempel in der Leqpotdstadt, Tempelgasse, die israelitilsche Mannschaft aller Truppenkönper und die aus-- gangsfahigen Kranken und Verwundeten sämtlicher Santtätsamstalten mit den Offizieren. Der Tempel wies Trauer-schmuck auf. Schwarzes Tuch verdeckte. die Wände, die 'Bundestage war schwarz verhängt. Der I-eiter der israelitischen Militärseelsorge FeWrabbiner Dr. Frankfurter hielt die eindrucksvolle Trauerrdde. Trauerkundgebung des Krakauer Kaufmännischen Vereines. Aus Krakau wird uns berichtet: Anläßlich des Ablebens unseres erhabenen Monarchen hat der Krakauer Kaufmännische Verein eine Trauersrtzung abgehalten. In tiefempfundenen Worten gedachte der Vorsitzende, Herr Samuel Spira, des unenmeßliohen Verlustes, welcher das Reich betroffen hat, und -die tiefa Trauer, in der die Völker der Monarchie gehüttt sind. Nach Absend'ung eines Beileidstelegrammes an die Kahinettskaitzlei und den galtzischen Statthaher Exzellenz Diller wurde der Beschluß gefaßt, zu Ehren des Andenkens des verblichenen Mona-rohen 300 Kronen an die „Neue Freie Presse" zu senden, als Spende für deu „Wiener Verein zur Rettung der israelitischen verlassenen Kinder Galiziens und der Bukowina". Pogromgefahr. (Ein Stimmungsbild aus Rußland.) Die dänische Presse berichtet bereits von einer Resolution der „Arbeitergruppe des russischen Kriegs-industrie-Komitees", die die Arbeiter aufforderte, sich nicht von der Erfüllung ihrer Pflicht ablenken zu lassen, auch wenn von vielen Seiten Gerüchte verbreitet würden, daß die Arbeiterschaft Kußlands sich erhebe, daß in Moskau, Petersburg und in vielen anderen Städten schwere Revolten stattfänden, daß Fabriken und Munitionslager in die Luft flögen und daß Rußlai.u vor einer Revolution stünde. Die Resolution schildert des weiteren die außerordentlich beunruhigte und nervöse Stimmung der russischen Arbeiterschaft und spricht den Verdacht aus, daß alle die alarmierenden, die Arbeiterschaft systematisch verhetzenden Gerüchte eines und desselben Ursprungs seien und „ihre [vVurzel?n einem unbeirrbar wirkenden und fest auf etn bestimm^ tes Ziel gerichteten bösen Willen haben". Mit Recht mißt die deutsche Presse dieser Resolution eine große Bedeutung bei und folgert aus ihr, daß die revolutionäre Stimmung in Rußland in ständigem Wachsen begriffen sei, und wir vielleicht am Vorabend ernster Ausbrüche des Volksunwillens stehen. Wenn aber die deutsche Presse fast durchweg die Anschauung ausspricht, daß es sich bei diesen die Arbeiterschaft systematisch aufhetzenden Gerüchten um eine sozialdemokratische Propaganda handelt, und wenn sie fernerhin meint, daß die obige Resolution des Kriegs-Inciustrie-Komitees unter dem Drucke der Regierung gefaßt worden sei, dann irrt sie vollständig. So absurd es auch klingen mag, — diese zum Aufruhr reizende Werbetätigkeit unter der russischen Arbeiterschaft geschieht in Wahrheit unter den Fittichen der russischen Regierung und wird ausgeübt von Personen, die den russischen Regierungskreisen nahe stehen! Die Kriegs-Industrie-Komitees gehören der Opposition an. Wollte die Opposition in Wirklichkeit Aufruhr unter der Arbeiterschaft erregen, dann würde sie nicht gleichzeitig Resolutionen fassen, die sich gegen die Agitation zum Aufruhr richten. Mithin: nicht in der Sozialdemokratie, nicht im russischen Liberalismus haben wir die Agitatoren zu suchen, sondern unter den russischen Reaktionären, die den latenten Kampf zwischen Volk und Regierung auf die Straße tragen und der Regierung damit die Möglichkeit geben wollen, mit Waffengewalt die gefürchtete, aber noch nicht für ein geschlossenes aktives Vorgehen organisierte Opposition niederzuwerfen. Daß dem so ist, beweist am besten der letzte Sitzungsbericht der Budget-Kommission der Reichsduma. Darüber schreibt die „Rjetsch" folgendermaßen: Verhandelt wurden die alarmierenden Gerüchte, welche eifrig unter der Bevölkerung verbreitet werden und außerordentlich schädlich auf die Arbeiter wirken .... Miljukoff (der Führer der Kadetten), wies auf die dunklen Quellen hin, die diese Gerüchte speisen. Allen Kommissionsmitgliedern war es klar, wen er mit diesen Quellen meinte; nur ein einziger Deputierter, G. G. Samyslowki, erklärte, daß er nicht verstehe, wer da eigentlich von Miljukoff verdächtigt werde. „Ist es da nicht wunderbar? Viele Deputierte waren in der Kommissionssitzung anwesend, aber aHein Samys-