Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 38 (23.11.1916)
- Date
- 1916-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 38. Die V. Ösierr. Kriegsanleihe. | Zum fünften Male, seitdem der große,! blutige Krieg tobt, ruft das Vaterland seine Söhne auf, ihm die materiellen Mittel zur Verfügung zu stellen, die für die Vollendung des Triumphes und die Erkämpfung des Endsieges nötig sind. Viermal sind die Bürger Oesteri reiehs diesem Kufe gefolgt und jedesmal brachte I die Kriegsanleihe ein glänzendes Ergebnis. Auch I diesmal wird dies der Fall sein und ohne iede i l Übertreibung kann gesagt werden, daß " die i Durchführung der Kriegsanleihen in Oesterreich nur mehr lediglich eine technische Aufgabe darstelle. In aufsteigender Linie bewegte sich das Ergebnis der Kriegsanleihen. Brachte die erste etwas über zwei Milliarden, so war das Resultat der zweiten schon auf 2.6 Milliarden gestiegen, die dritte erreichte bereits die vierte Milliarde und die vierte gelangte bis zur Ziffer von 4.6 Milliarden. Sollte sich auch die fünfte Kriegsanleihe in derselben Linie bewegen, so müßte sie eigentlich die fünfte Milliarde erreichen. Jedenfalls aber dürfte ein glänzendes Resultat derselben schon heute gewiß sein. Die fünfte Kriegsanleihe wird unter überaus günstigen Ausspizien zur Zeichnung aufgelegt. Nachdem es der Monarchie geglückt war, alle ihre bisherigen Feinde zu Boden zu werfen, wird nun auch dein neuesten Feinde dasselbe Sckicksal bereitet. Das verräterische Rumänien liegt heute schon platt zu Boden und dürfte seinem verdienten Schicksale nicht entgehen. Die früheren Feinde berennen ohnmächtig die Grenzen des Vaterlandes, der gewaltige Vorstoß der Russen gegen Lemberg ist seit vielen Wochen zum Stillstande gebracht worden und die ungeheueren Opfer, die der Zar bringen ließ, um dieses Ziel zu erreichen, haben vergeblich geblutet und ausgerungen. Im Südwesten rennt sich der italienische Verräter wieder und wieder den Kopf blutig an, ohne einen nennenswerten Erfolg erreichen zu können. So stehen wir heute vor einer militärischen Situation, wie sie glänzender nicht bezeichnet werden kann und es ist klar, daß wir nur noch die letzten Kraftanstrengungen machen müssen, um den Endsieg zu erringen. Dies zu ermöglichen, ist die heiligste Pflicht aller Derjenigen, die im Hinterlande weilen. Es ist dies nicht bloß ihre heiligste Pflicht für Kaiser und Vaterland, sondern auch ihren Brüdern gegenüber, die auf den Schlachtfeldern ihre Haut zu Markte tragen, um dem Vaterlande den Sieg zu erkämpfen. Je größer der finanzielle Erfolg der Kriegsanleihe, desto näher der Endsieg, desto näher der siegreiche und ehrenvolle Friede. Unsere Feinde wissen es schon längst, daß sie die Monarchie militärisch nicht bezwingen können. Ihre einzige Hoffnung ist, daß wir finanziell nicht werden durchhalten können. Bereiten wir ihnen also noch eine, vielleicht die letzte, bittere Enttäuschung und zeigen wir aller Welt, daß Oesterreich nicht bloß stark und mächtig, sondern auch reich geworden ist. Die mehr als 13 Milli-! arden, die die diesseitige Reichshälfte bisher aus j eigener Kraft dem Vaterlande zur Verfügung gestellt hatte, es sind dies glänzende Siege, große Triumphe, würdig jener auf den blutigen Schlachtfeldern Galiziens, Serbiens und Rumäniens. Jeder dient dem Vaterland, wie er kann, wer mit dem Schwert in der Hand und wer mit goldenen und silbernen Kugeln. Die Subskription der Kriegsanleihe ist aber auch finanziell eine glänzende Kapitalanlage. 1 >er hohe Zinsfuß, die leichte Einzahlungsmöglichkeit, die billige Belehnung. der durch die neuen Steuern über jeden Zweifel sichere Zinsendienst, all dies macht die Zeichnung der Kriegsanleihe zu einem verlockenden Geschäfte. Wir wollen jedoch dieses Moment nicht besonders hervorheben. Jeder, der das Anleihepro- -pekt einer Durchsicht unterzieht, gewinnt selbst die Ueberzeugung, daß er nur sich selbst nützt, wenn er alle seine verfügbaren Kapitalien in Kriegsanleihe anlegt. Wir betonen nur nochmals, daß das moralische Moment auch für diejenigen ausschlaggebend sein müßte, die der materiellen Seite der Sache keine so große Aufmerksamkeit widmen möchten. Wir stehen heute im 28. Kriegsmonate, wir stehen vor einem dritten Kriegswinter. Der Sieg war den vaterländischen Waffen hold und für uns hat die Fortsetzung des Krieges keinen realen Zweck mehr. Wir sind zu jeder Zeit bereit, Frieden zu schließen. Die geschlagenen Feinde sind es aber, die sich noch immer lächerlichen Hoffnungen hingeben und eine Wendung des Kriegsglückes erwarten. Je glänzender und widerstandsfähiger wir dastehen, desto schneller werden auch für sie die Illusionen schwinden. Je größere Mittel wir dem Vaterlande zur Verfügung stellen, desto rascher werden sie zur Besinnung kommen und erkennen, daß sie bloß einem Phantom nachjagen. Der Erfolg der Kriegsanleihe ist demnach entschieden ein Mittel zur Beschleunigung des Kriegsendes, zur Herbeiführung des Friedens. Kaiser und Vaterland haben noch nie vergebens an die österreichischen Völker appelliert. Jedem Rufe folgte stets ein lebhaftes j Echo. Auch diesmal soll und wird es so sein. Die fünfte Kriegsanleihe wird ein glänzendes Ergebnis bringen, den Feinden zum Trotz, dem vateriande zur Ehre und zum Heile. Wie bei den ersten Kriegsanleihen werden die Juden Oesterreichs auch diesmal ihre Pflicht voll und ganz erfüllen. Wenn wir uns die Beteiligung unserer Glaubensgenossen an den bisherigen Kriegsanleihen vor Augen halten, erachten wir diesmal jeden speziellen Appell als überflüssig. Wir erwarten mit aller Bestimmtheit, daß unsere Rabbiner auch diesmal von der Kanzel herab ihre andächtigen Zuhörer, die sie stets für alles gute und erhabene zu begeistern verstehen, zur Zeichnung der Kriegsanleihe aneifern werden. Wir erwarten mit aller Bestimmtheit, daß unsere Gemeinden, Vereine und Korporationen alle ihnen zur Verfügung stehenden Kapitalien in Kriegsanleihe anlegen werden. Der Ruf des teueren Vaterlandes wJrd auch diesmal im Lager des Judentums ein lebhaftes Echo finden. Wir werden ebenso als Bürger, wie als Juden, mit Stolz auf die sich häufenden Ziffern-Kolonnen blicken können, aus welchen sich schließlich das glänzende Milliardenresultat zusammensetzen wird. Gut und Blut für Kaiser und Vaterland! Die Selbständigkeit Polens und die Juden. Die Proklamierung des Königreiches Polen und die Schritte, die in den letzten Tagen zur Realisierung dieses Aktes unternommen wurden, bilden, wie nicht anders zu erwarten war, ein politisches Ereignis ersten Ranges und die Presse aller Länder ist fortgesetzt damit beschäftigt, die Folgen desselben zu erörtern und dessen Tragweite abzuschätzen. Es war natürlich zu erwarten, daß in dieser Diskussion unter anderem auch die Judentrage eine wesentliche Rolle spielen werde. Tatsächlich ist dies der Fall. Nur ist es weniger die allgemeine Presse, die diesem Thema größere Aufmerksamkeit widmet, als die jüdischen Blätter, die sich sehr intensiv mit dem Schicksal der Juden Polens nefassen und je nach Parteirichtung und Haltung denselben Horoskope zu stellen versuchen. Im allgemeinen überwiegt die Meinung und die Erwartung, daß die Polen in ihrem eigenen Interesse es sich angelegen sein lassen werden, die berechtigten jüdischen Wünsche und Forderungen zu erfüllen, um nicht der Welt das Schauspiel zu bieten, daß ein Volk, das die eigene Freiheit erhält, so engherzig ist, um Anderen die Freiheit zu versagen. Ein jüdisches Blatt geht sogar so weit, zu behaupten, daß bei dem wandelbaren Charakter des polnischen Volkes ein Umschlagen der in der letzten Zeit sich bemerkbar machenden antijüdischen Strömung in eine philosemitische zu erwarten ist. Aber auch diejenigen 'Blätter, die nicht so optimistisch sind, drücken die Hoffnung auf eine baldige Konsolidierung der jüdisch-polnischen Verhältnisse im Sinne gegenseitiger Freundschaft und Achtung der speziellen Interessen aus. Die sogenannten Juden-Polen sind rückhaltlos von der Wendung der Dinge begeistert. Sie drücken die Ueberzeugung aus, daß die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit all jene Differenzen aus der Welt schaffen werde, die bisher das Verhältnis zwischen Polen und Juden vergiftet haben. Die Polen werden in den Juden nicht mehr Germanisatoren oder Russifikatoren sehen, sondern treue Söhne des polnischen Vaterlandes, die ihre Pflichten voll und ganz erfüllen und auch den Anspruch auf vollster Gleichberechtigung haben. Das Schlagwort „Assimilation", wie das Gegenschlagwort „Nationalismus", die gerade in Polen infolge der bisherigen eigenartigen Verhältnisse einen speziellen Klang hatten, dürften nunmehr vieles von ihrer extremen Schärfe verlieren und analog den Verhältnissen in den anderen Westländern eine mehr formelle Bedeutung haben. Insoferne es sich um die besonderen Eigenarten der breiten jüdischen Volksmassen handelt, so haben sich die Polen stets mit großer Toleranz ausgezeichnet und sie dürften auch jetzt diesen Eigenarten Rechnung tragen. In der zionistischen Presse kommt natürl'ch ein etwas anderer Ton zum Ausdruck. Dort w ird ausdrücklich die Wahrung der jüdischnationalen Rechte als entschiedene Forderung aufgestellt und es wird zugleich der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß diesbezüglich seitens der Polen gewisse Widerstände zu erwarten seien. Diese Blätter appellieren an die Regierungen der Mittelmächte und erwarten ihrerseits Schutz der jüdisch-nationalen Interessen. Aber auch in einem Teile der zionistischen Presse wird die Hoffnung ausgedrückt, daß die Polen nach der Wiedererlangung ihrer Staatlichkeit auch dem jüdischen Nationalismus gegenüber eine andere Haltung einnehmen werden, da sie dann keine Ursache haben dürften, in der Betätigung des jüdisch-nationalen Lebens eine Gefahr für die eigenen nationalen Interessen zu erblicken. Insoferne es sich um die allgemeinen bürgerlichen und politischen Rechte der Juden Polens handelt, gelangt allgemein die Meinung zum Ausdruck, daß man sich diesbezüglich ruhig auf die Regierungen der Mittelmächte verlassen könne. Diese, die bei der Schaffung der polnischen Konstitution Pate stehen werden, dürften schon dafür sorgen, daß in dem neuen Königreiche, an dessen innerer Konsolidierung sie übrigens so lebhaft interessiert sind, keine russischen Methoden herrschen sollen In diesem Sinne wird die Proklamierung des Königreiches Polen seitens der Mittelmächte auch seitens der Juden als großes Erlösungswerk begrüßt und mit Dank und Anerkennung an die Adresse von Wien und Berlin quittiert. Daß die Mittelmächte in dieser Beziehung alles tun werden, um die Interessen der Juden zu schützen und ihnen volle Gleichberechtigung zu garantieren, darüber konnte allerdings nirgends ein Zweifel herrschen. Zu verweisen ist übrigens auf die Erklärung des ungarischen Ministerepräsidnten Grafen Tisza. die wir an anderer Stelle veröffentlichen und die sich vollständig mit früheren ähnlichen von maßgebender Stelle abgegebenen Erklärungen vollkommen decken. Auch im Hauptausschuß des deutschen Reichstages soll gelegentlich der jüngsten vertraulichen Diskussion über die Polenfrage von autorativer Seite eine derartige Erklärung abgegeben worden sein. Inwieweit hiebei auf die Wünsche und Verlangen der Nationalisten eingegangen werden würde, darüber läßt sich autentisch nichts sagen. Nach dieser Richtung hin ist das Problem äußerst kompliziert und ja gewissermaßen selbst im jüdischen Lager strittig. Diesbezüglich dürfte auch seitens der Polen ein stärkerer Widerstand zu erwarten sein. Die Mittelmächte haben übrigens nach einer anderen Richtung gezeigt, daß sie den guten Willen und die Entschlossenheit haben, die speziellen jüdischen Interessen zu berücksichtigen. Die Veroidmnig betreffend eine Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau der sicherlich eine analoge Verordnung für das Generalgouvernement;.ublin folgen dürfte , über die wir an anderer Stelle näheres berichten, ist eine große Tat und verdient die vollste Anerkennung aller Juden. Auf Grund dieser Organisation werden die Juden Polens die Möglichkeit zur vollsten und weitgehendsten Entwicklung ihres inneren jüdischen, religiösen und kulturellen Lebens haben und im Rahmen derselben können sie alle ihre geistigen Bedürfnisse befriedigen, ohne mit der nicht-jüdischen Umgebung in Kollision zu kommen. Sie erhalten damit auch eine offizielle Repräsentanz nach außen und haben die Möglichkeit, ihre Rechte zu schützen und zu wahren. Der Umstand, daß das Gros der Juden Polens der Orthodoxie angehört, muß wohl bei der Schaffung dieser Verordnung den Ausschlag gegeben haben, denn die Strenggläubigen erhalten da das Recht und die Möglichkeit, ihre religiösen Interessen nach innen und nach außen zu verteidigen und zu verfechten. Ohne Uebertreibung kann demnach gesagt werden: Falls die Regulierung aller, das Judentum in Polen betreffender Fragen in demselben Geiste erfolgen werde — und daran ist nicht zu zweifeln --- so können die Juden Polens ruhig und zuversichtlich der Zukunft entgegensehen. Die Lösung der Judenfrage in Polen bedeutet auch die Lösung der Ostjudenfrage überhaupt. Auch in Galizien dürfte gelegentlich der Durchführung der Sonderstellung analog vorgegangen werden. Ohne sich eines übertriebenen Optimismus schuldig zu machen, kann gesagt werden, daß die Lösung dieser, das Judentum berührender Fragen, in guten und wohlwollenden Händen liegt, und daß die maßgebenden Kreise die berechtigten Wünsche und Forderungen der Juden vollauf berücksichtigen dürften. Spectator. Die Aussichten der rumänischen Juden. Der Redakteur der Pariser jüdischen Zeitschrift „La Renaissance Juive" veröffentlichte in der letzten Nummer der Petersburger „Jewrejskaja Shisn" das Interview, das er mit