Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 38 (23.11.1916)
- Date
- 1916-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. __«__U1„ii e.. ... «. « , x [Redaktion und Administration: * vierteljährlich k 120 Wochenblatt tur jüdische Interessen. Wien, vm. Aiserstraße w.- Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet.! Redakteur: Jonas Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag _l^1*. 38. Wien, 23. November 1916. 2. Jahrgang. Kaiser Franz Josef I. Kaiser Franz Joseoli lebt nicht mehr. Ueber die Sprache eines Jeremias müßte man verfügen, um die ganze Größe und Tiefe des Schmerzes ausdrücken zu können, von welchem die Herzen aller Völker der Monarchie erfüllt sind. Wir stehen noch wie betäubt unter der Wucht des Schicksaisschlages und können kaum die Worte finden, um die Größe des Verlustes zu schildern, den Oesterreich-Ungarn, den alle Völker der Monarchie erlitten haben. 68 Jahre leitete die weise Hand des Kaisers Franz Joseph das Staatsschift und führte es trotz mancher heftiger Stürme über alle Klippen und Gefahren hinweg, in den sicheren Hafen. Welche Umwälzungen haben sich nicht im Laufe dieser sieben Dezennien in fast allen Ländern und Weltteilen vollzogen; Staaten sind neu entstanden und verschwunden, Throne erblühten und schwankten, Reiche gelangten zur Höhe und stürzten wieder nieder. Während dieser, selbst im Völkerleben nicht so kurzen Spanne Zeit stand Oesterreich-Ungarn stets aufrecht da, es machte eine innere und äußere Entwicklung durch, die bei Freund und Feind Bewunderung und Erstaunen erregten. All dies war aber zum größten Teile aas persönliche Werk des Kaisers Franz Joseph, der es verstanden hatte, das alte Oesterreich in die neue Zeit hinüberzuleiten, ohne Erschütterungen, ohne gewaltige Umwälzungen. Das Oesterreich-Ungarn, wie wir es heute sehen, das seit dritthalb Jahren einer Welt von Feinden trotzt und ruhmbedeckt aus dem Weltenringen hervorgeht, dieses Oesterreich - Ungarn, dessen tapfere Armee, dessen unerschütterliche innere Konsolidierung, dessen unerschöpfliche moralische und materielle Kräfte und Hilismittel — es ist das Werk des greisen Monarchen, der nunmehr im Alter von Großes Leid hat Kaiser Franz Joseph während seiner Regierungszeit erfahren. Das Schicksal hat ihn nie veschont. Dem Verluste ues einzigen Sohnes folgte die Ermordung der treuen Lebensgefährtin, Brüder und Familienmitglieder büßten auf tückische Weise das Leben ein. Der Kaiser schwankte jedoch keinen Moment und in der Erfüllung seiner Herrscher- Pflichten fand er die Kraft, diese harten Schicksalsschläge zu ertragen und sein Reich von Stufe zu Stufe aufwärts und vorwärts zu bringen. Nun sollte er den Triumph seiner Arbeit sehen, die Krönung seines Werkes. Den Endsieg, den seine Armee ihm zu erfechten im Begriffe steht, den siegreichen Frieden, der bereits auf dem W ege ist. Aber da setzte wieder einmal das unerbittliche Schicksal ein; nur von der Ferne üurtte Kaiser Franz Joseph das gelobte Land erblicken. Der große, glorreiche Friedensakt, der den großen Krieg beendigen wird, wird die Unterschritt des Kaisers Franz Joseph nicht tragen. Cs war dem Kaiser nicht beschiedeu, das Ende seiner Jahre in Frieden zu beschließen. Im üreisenalter von 84 Jahren mußte er seine Völker zum Kampt gegen tückische Feinde aufruien. Sie sind seinem Rufe gefolgt und die gewaltige Begeisterung aller Klassen und Schichten konnte dem greisen Monarchen Trost bieten für alle Unbilden des Geschickes, die er so oft zu erdulden hatte. Aber der Endtriumph ward ihm wieder einmal versagt. Das edle Monarchenherz, es schlägt nicht mehr, die sanften Augen, aus welchen so viel Güte und Huld leuchteten, sie sind für immer geschlossen. Nicht bloß die Monarchie, auch die Menschheit hat einen ihrer besten Söhne verloren. Als eine Zierde der Fürsten wurde der Kaiser bezeichnet. Seine Popularität war groß in aller Herren Länder. Selbst im Lager der Feinde sprach man seinen Namen nur mit Verehrung und Respekt aus. Seinen Völkern aber war Kaiser Franz Joseph ein wirklicher Vater, wie er denn auch alle seine Völker als Mitglieder einer Familie bezeichnete und behandelte. In dem Kaiser war Oesterreich - Ungarn verkörpert, er personifizierte die Monarchie, in jeder schweren und ernsten Situation wandten sich alle Blicke zum Kaiser, der schon immer Rat wußte. Es war eine Art patriarchalisches Verhältnis zwischen Herrscher und Völkern, das fast an die schönsten Zeiten der Antike erinnerte. So sehr sah man in dem Kaiser die Personifizierung des Reiches, daß man sich gar nicht in den Gedanken hineinleben konnte. Er würde uns jemals genommen werden. Als vor einigen Tagen die ersten Nachrichten über ein Unwohlsein des Kaisers in die Oeffentlichkeit gelangten, wurden sie zunächst mit einigem Skeptizismus aufgenommen. Gerade jetzt, in dieser ernsten Zeit, wird uns doch der Kaiser nicht verlassen wollen! — so sagte und beruhigte man sich. Man glaubte fast an die heilige Pflicht des Schicksals, den greisen Monarch den Endsieg im Weltkriege erleben zu lassen. Es ist leider anders gekommen. Die Natur hat diesmal unerbittlich ihren 'Tribut gefordert und selbst die zähe Widerstandskraft des Kaisers, die auch in den letzten Jahren allen IJnbehaglichkeiten Trotz zu bieten verstand, konnte diesmal nichts ausrichten. Jäh traf uns der Schlag des Schicksals und wie betäubt stehen wir noch in diesem Momente, außerstande, auch nur in 'Tränen unseren Schmerz zu erleichtern und in schlichten Worten die Dankesschuld abzutragen, die unser Herz belastet. Was wir heute sind, das verdanken wir den (>8 Regierurigsjahren des Kaisers Franz Joseph 1. Das Oesterreich- Ungarn, wie es heute aussieht und wie es jetzt auf neuen Grundlagen gestellt wird, es ist das Lebenswerk dieses großen und edlen Monarchen, dessen Erbschaft nun ein junger Sproß aus dem Stamme Habsburg antritt, dem wir den Wunsch entgegenbringen: es möge ihm vergönnt sein, das Werk zu vollenden, das sein Vorgänger unter so glücklichen Auspizien in Angriff genommen hat. In dieser Stunde, da alle Völker der Monarchie in Trauer und Schmerz vereint die Bahre ihres heißgeliebten Monarchen umstehen, geziemt es sich wohl schwer, spezielle Erscheinungen hervorzuheben. Und doch können wir den Gedanken nicht unterdrücken, schon in diesem Momente auf das Verhältnis des Kaisers Franz Joseph zu den Juden hinzuweisen. Nicht bloß die Judenschaft der Monarchie, auch die Judenschaft der ganzen Welt verehrte in dem Kaiser einen besonders huldvollen und gnädigen Herrscher, unter dessen Fittichen über zwei Millionen Juden sich, aller Rechte und Freiheiten erfreuten und zu jeder Zeit, in der Situation. Schutz und Wehr fanden. Im jüdischen Viertel zu Jerusalem, ebenso wie im jüdischen Quartal zu New-York. überall war der Kaiser Franz Joseph eine der populärsten Persönlichkeiten und wenn einmal die ernste Nachricht verbreitet war, Kaiser Franz Joseph ist krank, da ertönten vor der Klagemauer in Jerusalem, wie in den Synagogen Amerikas innigste Gebete für die Gesundheit und dem langen Leben des Monarchen, der den Juden so huldvoll und gnädig ist. Geradezu Legion ist die Zahl der Anekdoten, die unter den Juden der ganzen Erde über die Wohltaten und Gnadenbeweise des Kaisers den Juden gegenüber verbreitet sind. Die Juden der Monarchie wurden gewissermaßen ob ihres Herrschers beneidet und oft hörte man sagen: „Ihr Juden Oesterreichs habt es gut, Ihr lebt unter dem Schutz des Kaisers Franz Joseph und braucht Verfolgungen und Verletzungen Euerer Rechte nicht zu befürchten!" In der 'Tat hatten wir Juden allen Grund, diesem Monarchen stets in kindlicher Liebe und Verehrung zugetan zu sein. Haben wir doch unter dessen glorreicher Herrschaft den weiten Weg von Parias zu gleichberechtigten Bürgern durchgemacht: war es doch der Kaiser, der die goldenen Worte verkündete: „In meinem Herzen bildet die Verschiedenheit der Religion meinen Völkern gegenüber keine Scheidewand". War es doch der Kaiser, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne den Patriotismus und die 'Treue der Juden öffentlich anzuerkennen und sie damit vor jeder Verleumdung zu schützen. Fürwahr, der Name des Kaisers Franz Joseph wird mit goldenen Lettern in der Geschichte der Juden eingraviert sein und das Gesamtjudentum wird diesem Herrscher ewig ein dankbares Angedenken bewahren. Wir aber. Juden Oesterreich - Ungarns, die wir stets gewohnt waren, in unseren Synagogen die heißesten Gebete für das Glück und Wohlergehen des heißgeliebten Landesvaters zu verrichten, wir werden uns diesmal versammeln, um tiefempfundene Trauerandachten zu verrichten, bittere 'Tränen ob des großen, unersetzlichen Verlustes zu vergießen und den ewigen Vater im Himmel anzuflehen, er möge nun seinen Gnadenschatz dem Nachfolger des Kaisers Franz Joseph spenden und ihn und das teuere Vaterland zum Ruhm und zum Heil führen. Wir begrüßen m dieser Stunde den neuen Herrscher, dessen unvergeßlichen Worte zum Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Czernowitz nach der zweiten Befreiung der Stadt von der russischen Invasion: „Ihre Glaubensgenossen haben wegen ihres Patriotismus unter der Russenherrschaft sehr gelitten, die jüdische Bevölkerung ist sehr patriotisch, wir werden ihr das nie vergessen", dafür bürgen, daß derselbe in den Fußstapfen des edelsten aller Monarchen wandeln werde. An der Bahre des Kaisers Franz Joseph erneuern wir unser Treugelöbnis für Kaiser und Vaterland. Gott gebe der Seele des Kaisers den ewigen Frieden!