Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 37 (9.11.1916)
- Date
- 1916-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37. JUdische Korrespondenz Seite 3 Professor Dr. Josef Rosenblatt, Rabbiner Dr. 1'iion, der Repräsentant der Krakauer Bnai Brith Loge Dr. Hermann Hirsch und Frau Dr. Warsehauer. Das Landeskomitee ist in zwei Sektionen geteilt, und zwar in die westgalizische mit dem sitze in Krakau u. die ostgalizische Sektion mit dem Sitze in Lemberg. Die Lemberger Sektion repräsentiert als Stellvertreter des Hofrat Sare der Lemberger Rechtanwalt Dr. Emil Farnass. als Bureauleiter fungiert in Krakau H. Ignatz Danziger und in Lemberg H. Rubenzahl. Dm einen Ausweis der Kriegswaisen zu erlangen, bildete das Landeskoniitee im Sitze einer jeüeu Bezirkshauptmannschait ein aus Vertrauensmännern bestellendes Lokalkomitee. Die Zahl der bis nun angemeldeten Kriegswaisen beträgt zirka 5000. Das Hauptkontingent bilden die Kinder aus Üstgalizien und aus den Städten am Dunajec und San, wo viele .fuden infolge ihrer Loyalität und Patriotismus von den Russen erhängt oder nach Rußland verschleppt wurden. Die Erzieher der Kriegswaisen erhalten als Unteistützungsbeitrag für je ein Kind 10 bis 20 Kronen monatlich. Diese Summen werden an die Lokal-Komitees geschickt. Das Landes- Komitee gründete dank der reichlichen Unterstützung des Wiener Vereines „zur Rettung verlassener Kinder üaliziens" mehrere Waisen- Anstalten in Lemberg, Sambor, üliniany, Rzeszow und Ernsdorf. Diese groß angelegte Aktion, deren Wichtigkeit sich noch nach Jahrzehnten geltend machen wird, hatte bis nun einen provisorischen Charakter, dank jedoch dem Statthaltereireferenten Hofrat Brückner, dem sämtliche Kriegswaisen-Kotuitees in Oalizien unterstehen, der die Kriegswaisenfürsorge nicht bureaukratisch, sondern mit warmem Herzen und bürgerlichem Sinn auffaßt, wird die Aktion binnen kurzem auf eine sichere (irundlage gestellt werden. Es sei noch bemerkt, daß außer dem Hoirat Sare, Dr. Rafael Landau die Seele dieser Organisation bildet. Aber nicht nur dieses Arbeitsgebiet verdankt ihm seine Entwicklung, sondern auf allen Gebieten des jüdischen Wohltätigkeitswesens sieht man ihn rastlos und opferwillig arbeiten. In den nächsten Tagen wird ein jüdisches Kinderheim in Krakau gegründet, eine große jüdische bürgerliche Kriegsküche ist im Entstellen, ferner die Massen- Friihstückausspeisungen der jüdischen Schulkinder, die reorganisierte jüdische Volksküche, dies alles sind die Schöpfungen des Präsidenten Dr. Rafael Landau. Die Juden in Lublin. Unter dem Titel „Polnisches ühetto' veröffentlicht der Kriegskorrespondent der Wiener „Zeit", A. Höllriegel, in diesem Blatte eine Schilderung der jüdischen Verhältnisse in Lublin. Wenn diese Schilderung auch in vielfacher hinsieht oberflächlich ist u. sich gewisser Uebertreibungen und unberechtigter Schlußfolgerungen schuldig macht, so sind die Ausführungen nichtsdestoweniger interessant und wir reproduzieren dieselben unseren Lesern. Stadtleüte bestraft. Damit hat nun Saul, so meint der Talmud, gegen die bisher geheiligte Sitte, selbst dem Gegner Lebensmittel zu geben, gefehlt. Daß Sauls Königtum nur von zweijähriger Dauer war und da!J ei ohne erbliche Nachkommen gestorben, ist, so wird daselbst weiter ausgeführt, wohl auf den Umstand zurückzuführen, daß Saul die Leute bestraft hatte, wo doch ihr Mandeln dem geltenden Gesetz entsprach. Keinen Fehler ließ sich Saul sonst zu Schulden kommen; dies genügte, daß er durch die Bestrafung der Leute von Nab ein Gesetz verletzte, das die Ernährung des Gegners fordert. Zuletzt möchten wir noch ein Vorkommnis hier anfuhren, in dessen Folge die Einwohner zweier Städie nur wegen Entziehung der Nahrungsmittel vom Gegner auf die grausamste Weise bestraft wurden. Israel wurde nämlich von seinem Nachbar Midjan hart bedrängt. Nun war es wie bereits erwähnt, bei den Völkern, die um Palästina wohnten, Brauch, dem Gegner die Nahrungsmittel zu entziehen. In diesem Sinne hat Midjan den Einwohnern der von ihm eroberten Städte bei Todesstrafe verboten, den noch freigebliebenen israelitischen Stämmen Nahrungsmittel zu geben. Eingedenk der schweren angedrohten Strafe wurden dem gegen den Unterdrücker ziehenden israelitischen Heere tatsächlich die Nahrungsmittel verweigert. Wiewohl nun die Entziehung der Nahrungsmittel nur aus Furcht vor Rache des übermächtigen Unterdrückers geschah, betrachtete Israel dies Verhalten als ein Vergehen und Verbrechen gegen die bis nun heilig geltende Sitte, auch dem Gegner Nahrungsmittel zu geben. Daher wurden die zaghaften Einwohner mit den härtesten Strafen belegt. Mit Dornen der Wüste wurden die Missetäter gezüchtigt. So heilig galt den Juden dies Kriegsrecht, daß sie dasselbe auch rhren Schüler Mohammed lehrten. Anläßlich der Belagerung des jüdisch-arabischen Stammes Die Judenstadt von Lublin beschreiben? Man müßte Widerliches von Gestank und Ungeziefer berichten, mit widerstrebenden Worten steile Gäßchen malen, in denen kein Fenster ganz ist und keine Für schließt; vor dem Leser ausschütten den grauenhatten Inhalt rascher Blicke, ins Innere schmutziger Behausungen getan, in denen zerbrochener Hausrat spärlich steht; all das im Schatten eines stolzen historischen Schlosses, zehn Schritte von der lebhaften, ja glänzenden Korsostraße der provinziellen riauptstadt, von den blumenleuchtenden üärten, von den feierlichen byzantinischen Türmen der Kathedrale. Kinder müßte man beschreiben, deren armer, magerer, schmutzig verkrusteter Körper durch die Risse trauriger Kleideiiumpen schimmert. Aber es genügt, zu w iederholen, was mir ein hoher Beamter der ükkupationsregierung erzahlt hat: Man hatte beschlossen, wenigstens die bösesten asiatischen Seuchen aus dem Lubliner ühetto zu vertreiben. Den Einwohnern wurde befohlen, sich gegen Typhus und Cholera impfen zu lassen, man sagte ihnen: wenn ihr an dem und dem Tage keinen Impfschein vorweisen könnt, bekommt ihr keine Brotkarte mehr, und wenn ihr aus der Stadt gehen wollt, keinen Passierschein. Man sagte den Leuten, die voll von Ungeziefer sind und aus bitterer Armut seit Jahren ihr Hemd nicht gewechselt haben: Kommt, man wird euch ein Bad geben und reine Wäsche. Es geschieht, damit ihr nicht eines gräßlichen Todes sterben müßt! Sie kamen nicht. Sic sind stumpfe, angstvolle Menschen, gewöhnt, in jeder übrigkeit einen Feind zu sehen und in jeder Vorladung eine üefahr. Man mußte Bewaffnete ausschicken, sie ins rettende Bad zu treiben. Die Sanitätssoldaten, die in die schmutzigen Winkel der Judenstadt eindringen müssen, erzählen Gräßliches: Zehn, fünfzehn Familien wohnen in einem großen kahlen Zimmer; jede hat einen Winkel gemietet oder ein Stück des Fußbodens. Immer war das Lubliner Ghetto zu eng; jetzt hausen zu Hunderten noch wolhynische Juden darin, Flüchtlinge aus den grausam zerstörten Städten des Ostens. Nicht die ganze Judenstadt besteht aus den fürchterlichen überfüllten Winnkelgäßcheii, es gibt auch breite Straßen, in denen statt der unsagbaren und unfaßbaren Gewerbe des östlichen Ghettos, bürgerlicher Handel getrieben wird; aus diesen Straßen kommen, hie und da, wie schüchtern, wohlgewaschene Männer im reinlichen Kaltau, mit gepflegten Bärten und mit goldenen Uhrketten; hier müssen die kleinen Judenmädel zu Hause sein, die den eleganten Polinnen schon abgeguckt haben, was für Stockei der nette Schuh haben soll und wie man einen Strohhut garniert; es ist eine alte Geschichte, daß die Jüdinnen sich westlichem Wesen immer rascher assimilieren als ihre Brüder und Gatten. Unsere Verwaltung in Russisch-Polen hat diese zwei Schichten von Juden vorgefunden, das jammervoll elende Volk des inneren Ghettos und die behäbigen Händler. Das heißt, ins Russische übersetzt: Leute, die ihre Unter- Btni-Nadr ließ Mohammed die Dattelbaume der Festung abhauen. Bald empfand er aber Reue. Er sah sich genötigt, durch eine Offenbarung, worin Allah dem Propheten ausnahmsweise Konzessionen macht, sein Vergehen zu entschuldigen. Wie erhaben hoch steht docli dieser Wüstenprophet einem Volke gegenüber, das immer die christliche Liebe im Munde führt und doch sich nicht scheut, ein stammverwandtes Volk von siebzig Millionen dem Hunger preiszugeben. Wir sprachen bisher von Strafen, die über den Einzelnen sowie über Stämme des israelitischen Volkes verhängt wurden, weil er oder weil sie dem Gegner die Nahrungsmittel entzogen haben. Welche Strafe sehen aber die biblischen Männer einem nichtisraelitischcn Volke vor, das ein anderes Volk durch Aushungerung bezwingen will? Bei genauer Betrachtung lassen sielt drei Unterschiede bezüglich der Stellung der Bibel bei solchen Völkern, die mit Aushungerungskriegen fremde Länder überziehen, feststellen: Aushungerungskriege, gesellschaftliche Absonderung und eine künftige göttliche Vergeltung. Eine ähnliche Repressalie, wie es bei den um Palästina wohnenden Völkern der Fall war, hat Isiael nur ein einziges Mal während seines zweimaligen Staatslebens angewandt. Es war dies gegen Moab, ühsystematisch durch Aushungerungskriege Israel vernichten wollte. Als Gegen maßregel hat Israel aie Wasserquellen Moabs verschüttet und die Fruch;- bäume seines Landes niedergehauen. Bevor die biblischen Männer zu dieser harten Vergeltungsmaßregel geschritten waren, war über Moab, das die Aushungerungskriege sehr oft anwandte, bereits eine andere Strafe verhängt worden. Die Bibel betrachtet nämlich ein jedes Volk, das einen Aushungerungskrieg gegen ein anderes führt, als sittlich und moralisch verkommen. Aus diesem Grunde verbietet sie zu allem Zeiten, mit einem Volksgenossen davon eine Heirat einzugehen. Dem biblischen Gesetzgeber ist drücker bestechen konnten und sich behaupten, und solche, die keine Rubel, keine schmutzigen Kopeken hatten, um die ärgste Tyrannei von sich abzuwenden, und die fast das menschliche Antlitz verloren haben in den stinkenden Winkeln, in die sie sich verkriechen mußten. Die einen wie die anderen sind heute in der Obhut eines Staates, dessen Grundgesetz die Gleichheit aller Bürger vor dem Tribuunal des Richters ist. Aus dem Munde des höchsten Vertreters unserer Staatsgewalt im besetzten Polen habe ich die \ ersicherung gehört. dali, welche Form immer wir dem öffentlichen Leben in Polen auferlegen werden, im Sinne unserer eigenen Staatsgrundgesetze keine Bürger zweiter Klasse, keine rechtlosen Heloten, keine russischen Juden in Polen lelv.i w erden. Aber es ist eine schwere, schwere Frage. Ich sehe das gütig-kluge Soldatengesiclu des Generalgouverneurs noch vor mir, wie es im Gedanken an diese offene Wunde traut ig wurde. Diese Juden Polens kennen die Sprache das Landes kaum, zu dessen Bürgern man sie machen soll. Von hundert jüdischen Einwohnern können fünSundachtzig nicht oder nur Hebräisch lesen und schreiben. Es gibt jüdische Schulen; sie sind mittelalterliche Anstalten, in denen nur erstarrte Theologie gelehrt wird, ganz ähnlich wie die veralteten mohammedanischen Schulen in Bosnien, die man gerade in diesen Tagen zu reformieren sich entschlossen hat, weil sie zwischen dem mohammedanischen \ olk in Bosnien und seiner modernen Entwicklung störende Schranken bilden. Die Lehrer, die an den jüdischen Chederschulen in Lublin unterrichten, sind im Sinne der westeuropäischen Bildung Analphabeten; ihre Unkenntnis aller nicht talinudischen Wissenszweige ist last unglaublich; sie wissen nicht, wie der nächste Fluß hinter Lublin heißt oder der Kaiset von Oesterreich. Was tun? Gerade hier erkennt man, daß Schultragen Lebensfragen sind. Dein polnischen Ghetto kann kein Gott helfen, wenn der Schulmeister nicht hilft. Wie diese durch Elend vertierten Menschen heilsam regieren, wenn sie es nicht begreifen? Die einen, die aus den unsäglichen üäßchen, verstecken sich vor dem Arzt, verbergen Typhuskranke, nehmen reine Wasche nicht an. Die anderen verstehen von der neuen Ordnung in Polen nur, daß sie unverständlich ist, daß man seltsamerweise eingesperrt wird, wenn man einem Beamten, einem Richter hübsche Banknoten schenken will, und iedes Gesetz, das. um dem Land in der Kriegszeit seinen Bedarf zu sichern, ein Monopol schafft, den Verbrauch regelt, Hamsterei und Wucher unterbindet, sperrt zugleich die krausen Nebenwege, auf denen in der Russenzeit der jüdische Händler sich sein tägliches Brot holen mußte, treibt, gerechtes und gutes Gesetz, das es ist, vielleicht neue Familien vom lichtbesclhenenen oberen Rand des Ghettos in seinen tiefsten Abgrund. Schulen brauchen die Juden von Lublin. Man hat ihnen die neuen polnischen Volksschulen eröffnet, aber sie schicken ihre Einflüssen zu bewahren, die durch Annäherung' an ein Volk, das andere stammverwandte Völker durch Hunger /.ii vernichten sucht, entstehen konnten. Moab und weniger trachteten sie danach, Israel durch liiingeraile Zeit, einen Moabiter und Aminomter in die israelitische Volksgemeinschaft aufzunehmen. Weder materielle noch sonstige Rücksichten zurück. Moabs und Amnions Unmenschlichkeit sollen von Israel fern gehalten werden; das ist das einzige Bestreben der Bibel. „Es komme nicht ein Ammoniter noch ein Moabiter in die Gemeinde Gottes und auch das zehnte Geschlecht komme nicht in die Versammlung Gottes. Weil sie euch auf der Wanderung, da ihr aus Aegypten gezogen seid, nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen sind." Und schließlich bemerken wir, daß die biblischen Propheten Uber einen jeden, der einen Aushungerungskrieg fuhrt, für die Zukunft eine ähnliche Mrafe erflehen und erhoffen. Wie bereits erwähnt, pflegte Moab die Nachbarvölker mit Hungerkriegen zu überziehen. Emst traf Moab dasselbe Geschick; ein fremdes Volk plünderte es aus und nahm ihm alle Lebensmittel weg. Diese Angelegenheit benutzte ein israelitischer Prophet, um Moab mit eindringlichen Ermahnungen darauf hinzuweisen, daß es jetzt dasselbe Geschick erleide, womit es andere Völker zu vernichten drohte: den Aushungerungskrieg. Die Feinde haben Moabs Nährquellen, worauf es so stolz war, vernichtet. Und als einziges Abwchrmittel der Katastrophe empfiehlt der Prophet dem moahitischen Volke mehr Menschlichkeit gegen andere Völker sowie eine größere Schonung der Wehrlosen! (J. Pr.) Dr. A, N e u w i r t h-Mainz.