Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 37 (9.11.1916)
- Date
- 1916-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUdlsche Korrespondenz Nr. 37. Die offiziellen Altie. Die Wiederaufrichtung des polnischen Staates wurde am 5. November in Lublin mittelst folgenden Manifestes verkündet: „An die Bewohner des Generalgouvernements Lublin! Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich und Apostolische König von Ungarn und Seine Majestät der Deutsche Kaiser, getragen von dem festen Vertrauen auf den endgültigen Sieg ihrer Waffen und von dem Wunsche geleitet, die von ihren tapferen Heeren mit schweren Opfern der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebiete einer glücklichen Zukunit entgegenzuführen, sind dahin übereingekommen, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu bilden. Die genauere Bestimmung der Grenzen des Königreiches Polen bleibt vorbehalten. Das neue Königreich wird im Anschluß an die beiden verbündeten Mächte die Bürgschaften finden, deren es zur Entfaltung seiner Kräfte bedarf. In einer eigenen Armee sollen die ruhmvollen Ueberlieferungen der polnischen Heere früherer Zeiten und die Erinnerung an die tapferen polnischen Mitstreiter in dem großen Kriege der Gegenwart fortleben. Ihre Organisation, Ausbildung und Führung wird in gemeinsamen Einvernehmen geregelt werden. Die verbündeten Monarchen geben sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß sich die Wünsche nach staatlicher und nationaler Entwicklung des Königreiches Polen nunmehr unter gebotener Rücksichtnahme auf die allgemeinen politischen Verhältnisse Europas und die Sicherheit ihrer eigenen Länder und Völker erfüllen werden. Die großen westlichen Nachbarmächte des Königreiches Polen aber werden an ihrer Ostgrenze einen freien, glücklichen und seines nationalen Lebens frohen Staat mit Freude neuerstehen und aufblühen sehen. Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich und Apostolischen Königs von Ungarn. Der Generalgouverneur: gezeichnet: Kuk." (Eine vollständig analoge Kundmachung erfolgte am gleichen Tage im Generalgouvernement Warschau.) Das Kaiserliche Handschreiben bezüglich der Sonderstellung üaliziens hat folgenden Wortlaut: Lieber Dr. v. Koerber! Im Sinne der von Mir mit Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser getroffenen Vereinbarungen wird aus den von Unseren tapferen Heeren der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebieten ein selbständiger Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung gebildet werden. Bei diesem Anlasse gedenke Ich bewegten Herzens vieler Beweise der Hingebung und Treue, die Ich im Laufe Meiner Regierung sei- Die Anschauung der Bibel Uber Aushungerungskriege. In Europa waren bis nun feindliche Aushungerungsversuche gegen ein fremdes Land wenig bekannt. Da bis vor ungefähr 50 Jahren die europäischen Staaten sämtlich einen ausgesprochen agrarischen Charakter hatten, so waren die einzelnen Länder auch soweit mit Nahrungsmitteln versehen, daß im Kriegsfalle sie nicht ausgehungert werden konnten. Geschichtlich sind derartige Repressalien nur bei den alten orientalischen Völkern nachweisbar. Nur wurden im grauen Altertum Aushungerungskriege in etiner anderen Form, als der, den England gegenwärtig gegen Deutschland führt, unternommen. Es wurden Freischaren organisiert und in das feindliche Gebiet geschickt, um die Erntefelder und die vorhandenen Lebensmitel zu vernichten. Aber das Ziel war damals wie heute das gleiche: die Aushungerung des Gegners, um, was mit den Waffen nicht erreichbar, durch Hunger zu erzwingen. Unter derartigen Aushungerungskriegen hatte auch das biblische Israel viel zu erdulden gehabt. Oft haben die Vollcsstärnme, die um Palästina wohnten, und die zu Israel, wie heute Albion zum deutschen Volke, stammverwandt waren, die Saat- und Ernteielder zu vernichten gesucht. Wohl wurden gegen diese Aushungerungsversuche verschiedene Abwehrmaßnahmen getroffen. Aber man konnte nicht verhindern, daß die räuberischen Freischaren an verschiedenen Stellen die Grenzen überschritten und alles vor sich vernichtet und verwüstet haben. Nur Burgen und Festungen haben einen Schutz gewährt. Das Perrtateuchische Gesetzbuch und die führenden Männer der biblischen Zeit, so besonders die Propheten, hatten demnach reichlich Gelegenheit, Stellung zu Aushungerungskriegen zu nehmen. Die gesetzlichen Bestimmungen, die im Pentateuch erhalten, und tens des Landes Galizien erfahren habe, sowie der großen und schweren Opfer, die dieses Land im gegenwärtigen Kriege, dem heftigsten feindlichen Anprall ausgesetzt, im Interesse der siegreichen Verteidigung der östlichen Reichsgrenzen zu bringen hatte und die ihm den dauernden Anspruch auf Meine wärmste väterliche Fürsorge sichern. Es ist daher Mein Wille, in dem Augenblicke, in welchem der neue Staat zur Entstehung gelangt, Hand in Hand mit dieser Entwicklung auch dem Lande Galizien das Recht zu verleihen, seine Landesangelegenheiten bis zum vollen Maße dessen selbständig zu ordnen und damit der Bevölkerung Galiziens die Gewähr ihrer nationalen und wirtschaftlichen Entfaltung zu bieten. Indem Ich Ihnen diese Meine Absicht kundtue, beauftrage Ich Sie, zu ihrer gesetzmäßigen Verwirklichung geeignete Vorschläge auszuarbeiten und Mir vorzulegen. W i e n, am 4. November 1916. Franz Joseph m. p. Koerber m. p. Die „Wiener Zeitung" begleitete dieses Handschreiben mit folgendem halbamtlichen Kommentar: „Es ist klar, daß das Entstehen eines selbständigen polnischen Staates im Nordosten der Monarchie nicht ohne Rückwirkung auf die Entwicklung der Verhälnisse im Lande Galizien bleiben kann. Infolgedessen ergibt sich die Notwendigkeit, diese letzteren sowohl in Bezug auf die Gesetzgebung als auf die Verwaltung der neuen Lage anzupassen. Die in Aussicht genommene Neugestaltung knüpft an die besonderen Verhältnisse an, die schon längst in verschiedenen Einrichtungen des Landes und deren Handhabung Ausdruck gefunden und weist den Weg ihrer weiteren Ausbildung. Die Stellung, die dem Lande Galizien innerhalb Oesterreichs eingeräumt werden soll, ist hinsichtlich ihrer Einzelheiten im Handschreiben nicht präzisiert; diese letzteren bleiben vielmehr späterer Erwägung und Entschließung vorbehalten. Immerhin bietet das Handschreiben wichtige Anhaltspunkte für die Beurteilung der künftigen Gestaltung, indem es den Rahmen bezeichnet, in welchem die neue Ordnung Platz greifenwird. Wenn dem Lande das Recht verliehen-wird, seine Angelegenheiten bis zum vollen Maße dessen, was mit seiner Zugehörigkeit zur staatlichen Gesamtheit und mit deren Gedeihen im Einklänge steht, selbständig zu ordnen, so vereinigen sich in diesen Worten die beiden für jede staatliche Entwicklung in Oesterreich maßgebenden Momente: Das Wohl des Reiches und innerhalb dessen jenes des Landes. Was die Verwirklichung der in dem Handschreiben angekündigten Absicht anbelangt, so wird in dieser Kundgebung selbst der erste Schritt dazu getan und die verantwortliche Mitwirkung der Regierung in Anspruch genommen. Der Ministerpräsident erhält den Auftrag, geeignete Vorschläge darüber auszudie Anschauungen der Propheten sind noch heute von hohem Interesse. Führt doch heute England einen Aushungerungskrieg gegen Deutschland. Und zwar das nämliche England, das sich wegen seiner äußerlich puritanischen Frömmigkeit gerne als biblisches Volk überall gefällt. Im Gegensatz zu den deutschen „Barbaren" bezeichnet sich der Engländer als biblisches Volk. Betrachten wir daher, wie die Bibel über Aushungerungskriege denkt und urteilt. Beginnen wir mit den pentateuchischen Gesetzen. Hier bemerken wir verschiedene Bestimmungen, für den Fall vorgesehen, daß Israel feindliche Festungen belagern sollte. In humanster Weise fordern sie, daß dem Gegner auch während des Kampfes die Nahrungsmittel nicht entzogen werden sollen. Sie verbieten nicht nur, dem wehrlosen Teil des feindlichen Volkes die Nahrungsquellen abzuschneiden, sondern sie setzen sich auch dafür ein, daß den feindlichen Kämpfern die Zufuhr von Lebensmitteln nicht verlegt werde. Nach Anschauung der Bibel soll das Schwert und nicht der Hunger entscheiden. Diese milde Anschauung und diese humane Behandlung des Gegners ist umso höher einzuschätzen, als, wie bereits erwähnt, die Völker um Israel Aushungerungskriege in brutalster Weise führten. Aber Israel durfte keine Rache an seinen Feinden nehmen. Der erwähnten Anschauung gemäß verbietet das pentateuchische Gesetz, Fruchtbäume, die in der Näne einer feindlichen belagerten Stadt stehen und von denen der Feind seinen Unterhalt erhält, abzuhauen. Ebenso ist untersagt, die Wasserquellen, die die feindliche belagerte Stadt und die um sie gepfanzten Bäume mit Wasser versorgten, zu verschütten. Das Abhauen von fruchtspendenden Obstbäumen war für Israel auch dann verboten, wenn das Horz zum Zwecke der Belagerung verwendbar war. Selbst wenn die Belagerung lange Zeit dauerte, mußten die Fruchtbäume verschont arbeiten, wie die neue Gestaltung der Dinge gesetzmäßig ins Werk zu setzen wäre. Es wird sonach Aufgabe der Regierung sein, die Formen zu finden und die Wege zu beschreiten, welche die Durchführunng im Geiste der zugrunde^- liegenden Absichten gewährleisten. Der tiefe Eindruck, den dieses Handschreiben in Galizien hervorzurufen geeignet ist, wird zweifellos einen mächtigen Impuls für das Land bieten, den durch den unmittelbaren Anprall des Weltkrieges herbeigeführten Rückschlag in der Hoffnung auf eine gedeihliche Zukunft um so rascher zu überwinden und damit auch die Grundlage für ein Einvernehmen zwischen den beiden das Land bewohnenden Volksstämmen zu schaffen. Die Verlautbarung des Allerhöchsten Handschreibens bedeutet einen Markstein in der Geschichte des Landes und es ist zu hoffen, daß die hochherzigen Absichten des Monarchen, die sich in dem Allerhöchsten Handschreiben kundgeben, in einem machtvollen Aufschwünge des Landes reiche Erfüllung finden". Die israelitische Kriegswalsenfursorge in Galizien. Der größte Judenfeind wird im jetzigen gigantischen Völkerringen zuerkennen müssen, daß die galizischen Juden von der Russeniii vasion am meisten gelitten haben. Die Russen, die größten Feinde des Fortschritts und der sozialen Gleichberechtigung, fanden in Galizien Gelegenheit, unter der Sanktion der „heiligen russischen Kriegshetze" Pogrome im großen Stile zu veranstalten und ihre barbarische Wut über die Juden auszugießen, weil sie bis zum letzten Lebenshauch treu dem Staate und dem geliebten Kaiser geblieben sind. Tausende Juden wurden von den Russen gräßlich ermordet oder nach Rußland verschleppt und die zurückgebliebenen Familien, aller Habseligkeiten beraubt, in das entsetzlichste Elend versetzt. Die unglücklichen Mütter mußten ihre Kinder, die Freude ihres Daseins, als Last betrachten. Mit gebrochenem Herzen und tränenfeuchten Augen sahen sie Schutt und T-rümmer ringsherum und keine Möglichkeit, ihre Kinder zu ernähren und zu erziehen. Diese tragischen Umstände sind der Aufmerksamkeit unserer Regierung nicht entgangen. Der verstorbene Statthalter Galiziens General von Colard gründete außer den katholischen und ruthenischen Komitees ein Lanueskomitee zur Rettung der israelitischen Kriegswaisen in Galizien mit dem Sitze in Krakau. In dieses Komitee berief die Regierung die Elite der jüdischen Bürger. Zum Obmann wurde der um das Aufblühen Krakaus so hochverdiente Vizepräsident der Stadt Krakau Hofrat Sare ernannt. Zu Mitgliedern: üer Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Advokat Dr .Samuel Tilles, der allgemein bekannte Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde und Vorsteher der Synagogengemeinde Dr. Rafael Landau, der Universitätsbieiben (vgl. hierzu Deuteronomium 20, 19 f. und die Kommentare daselbst). Im Talmud wird an einer Stelle sogar gefordert, daß Israel während der Belagerung einer feindichen Festung die Bäume und die Quellen ringsum erhalte und ipflege. Für die entschieden ablehnende Stellungnahme der Bibel gegen jedwede Aushungerung des Feindes sind folgende Begebenheiten, die sich in der biblischen Zeit abgespielt haben, charakteristisch. Der König Hiskia sieht das mächtige assyrische Heer gegen seine Hauptstadt heranziehen. Der König beriet sich mit seinen Fürsten und Heerführern, um die Wasserquellen, die außerhalb der Stadt fließen, zu verschütten. Diese ritten dem König dazu . Ohne weiter einen Bescheid von der obersten Behörde, dem sogenannten Synhedrion, dem alle derartigen zweifelhaften Dinge zur Entscheidung unterstellt waren, einzuholen, ließ Hiskia gioße Mengen Volkes versammeln, um die Wasserquellen zu verschütten. Dem pentateuchischen Gesetze entsprechend, erhob nun das Synhedrion Einspruch gegen die Verschüttung der Wasserquellen. Es widersprach eben dem jüdischen Empfinden, ein feindliches Heer durch Entziehung von Nahrungsmitteln zu besiegen. Einer ähnlich schroffen Auffassung' über die Entziehung der Lebensmittel vom Feinde begegnen wir im Talmud. Bekanntlich hat ein großer Teil des israelitischen Volkes noch zu Lebzeiten Sauls. des ersten israelitischen Königs, David als König anerkannt. Saul wußte, daß sein Königtum von David sehr bedroht sei. Wurde doch David im Geheimen von einem Propheten als alleiniger König aller israelitischen Stämme gesalbt. Saul traf daher die schärfsten Maßnahmen gegen seinen Rivalen. Einst kam David mit seiner Anhängerschar nach der Stadt Nab und verlangte daselbst Lebensmittel. Die Einwohner von Nab nahmen sich des Ermüdeten und Hungrigen an. Dafür hat Saul die