Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 37 (9.11.1916)
- Date
- 1916-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JMdlscdhe lLourrcspo«fccienz Nr-. 31i. Kinder nicht bis. Man kann das bedauern, muß es aber als politische Realität verstehen. Der Sehritt von der jüdisch-orthodoxen Chederschule zur Volksschule eines Volkes, das, seien wir ehelich, die Juden nicht liebt, ist ein sehr weiter. Andererseits: keine Hoffnung auf höhere Lebensformen für die Juden Polens, wenn sie nicht Polnisch lernen, ob in polnischen Volksschulen oder in reformierten jüdischen. Hinter diesem praktischen Problem steht das größere weltpolitische der Judenassimilation, schärfer gefaßt: der ostjüdischen Frage. Niemand kann die nicht Polnisch sprechenden polnischen Juden für polnische Slawen halten. Sollen sie versuchen, es zu werden, so weit das durch kulturelle Annäherung möglich ist? Es gibt in Lublin ein Blatt, ein polnisch geschriebenes Judenblatt (Mysl Zydowska), das diesen Standpunkt vertritt. Jiddisch geschriebene Zeitungen erscheinen zur Zeit im k. u .k. Okkupationsgebiet nicht. Aber die polnischkultivierten Juden von Lublin lassen sich heute an den Fingern abzählen. Ist dieser Weg aus dem Ghetto der richtige, für die Juden und für die polnische Nation der richtige? Irgendein Weg muß aus dem polnischen Ghetto herausführen, muß! Dieser gräßliche Krieg ist für die ganze Welt verloren, wenn er nicht die giftigsten und gefährlichsten Weltprobleme löst. Und die Ostjudenfrage könnte die Rekonvaleszenz Europas nach diesem schrecklichen Fieber gefährden. Die Wahrheil Uber die Juden in Rußland. Eingetroffene amerikanische Zeitungen bringen Berichte über die Lage der Juden in Rußland, die ein herzzerreißendes Bild entrollen. Die Berichte wurden überbraefrt vom bekannten Schriftsteller Saloinon Goldberg, der Ende August, direkt aus Rußland kommend, in Amerika eingetroffen ist. Als Gesamteindrudk seiner Darstellungen ergibt sich, daß die Juden in Rußland überhaupt schon alles Hoffen und Vertrauen verlernt haben und nur noch auf den Moment des Friedensschlusses warten, um der Hölle entrinnen zu können. An den Judenhetzen, die früher Domäne des Echt russischen Verbandes waren, beteiligten sich jetzt ganz öffentlich die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden. Auf einer geheimen Konferenz jüdischer Notabeta in Petersburg wies ein bekannter Advokat an Hand von Dokumenten nach, daß für die Zeit nach dem Krieg von offizieller Seite Judenpogrome vorbereitet werden. Als sichere Belege seiner Behauptung dienten verschiedene Verordnungen und Befehle. Eine unerhörte Beleidigung und Kränkung wurde einer Rabbinerdeputation, bestehend aus den Rabbinern von Moskau, Kiew und Kischinew zuteil, die bei den Hauptkommandierenden die Einstellung der militärischen Judenhetzen zu bewirken suchte. Vom Höchstkommandierenden Alexiew wurde sie überhaupt nicht empfangen. Ein anderer Qeneral empfing sie höchst ungnädig und verabschiedete sie nach wenigen Minuten in recht unhöflicher Weise . Nur Qeneral Iwanow begrüßte die Rabbiner mit ausgesuchter Höflichkeit, schloß aber seine Unterredung mit folgenden Worten: „Mir ist die traurige Lage der Juden wohl bekannt, die Tatsache aber, daß sie in so großem Maße Spionage treiben, rechtfertigt ihre Behandlung vollkommen." Auf der Konferenz wurden auch zwei Befehle der Regierung verlesen, deren einer die Erlangung eines Reisepasses für einen Juden von der Genehmigung der Militärbehörde abhängig macht, weil „jeder Jude als Deserteur anzusehen sei". Der zweite Befehl schließt alle jüdischen Flüchtlinge aus öffentlichen Arbeiten ans. „weil alle Juden der Spionage verdächtig seien". Beide Befehle sind unterschrieben von dem Ministerpräsidenten Stürmer. Von der ökonomischen Lage entwirft Goldberg ein äußerst trübes Bild. Die Verarmung der Juden hat einen Grad erreicht, von dem man sich keine Vorstellung machen kann. Trotzdem steht das geistige Leben fast auf der alten Höhe. In Bogarozk, unweit von Moskau, in Saratow und anderen Städten, die früher kaum Juden in ihren Mauern beherbergt hatten, sind von den Flüchtlingen große JeschiwQJis eröffnet worden. Die von Rabbiner Reines s. A. in Lida gegründete Jeschiwoh ist nach Jelisawetgrad übersiedelt und wird vom Sonne des Begründers und vom bekannten Gaon, Rabbi Satorno Chaiim Poljaczik, geleitet und verwaltet. Mit Sforim und Lehrbüchern werden alle jüdischen Schulen und neuen Lehranstalten von der Moskauer Abteilung des Jüdischen Bildungs-Vereines versorgt. So geht bei aller Ungunst der Umstände, bei aller Unsicherheit und Bedrängnis das geistige Leben seinen Gang. Man denkt unwillkürlich an das alte Talmudwort: „Wohin auch der Jude wandert, die Thora geht mit ihm." JUdlsche Kriegsaphorismen. Von Fabius Schach. — (H. 1s. Fambl.) — Willst Du den Frieden, so berette Dich für den Krieg vor, — lehren die Römer. Willst Du den Frieden, so strebe nach ihm mit ganzem Herzen, — verkündet das Judentum. — Daß man den Krieg m der Bibel sucht, ist wertvoll. Noch wertvoller aber ist es, daß man im Kriege die Bibel sucht. — Da streiten sich die Menschen, ob der Krieg mit Gott vereinbar ist. Vereinigen wir uns mit Gott, und — aller Krieg ist überflussig. — Daß es auch jüdische Kriegswucherer gibt, wer mag es bestreiten? Bestreiten aber wird man, daß sie — jüdisch sind. — Zu den Gewinnen dieses Krieges gehört auch der Bankerott der Rassenlehre. Allerdings wird der Bankerotteur sdch auch hier unter anderer Firma neu etablieren. — Daß der Krieg ein Unglück ist, wer mag es leugnen? — Höchstens der Kriegslieferant. — Daß der Krieg der Vater aller Dinge ist, ist nicht jüdisch. Eher ist es wahr, daß jedes Ding zum Vater des Krieges werden kann. — Der Krieg zeigt, was der Mensch kann, aber nicht, was er soll. — Im Leben gelangt man oft durch Liebe zum Haß, — im Kriege durch Haß zur liebe. — Muß man wirklich erst gemeinschaftlich sterben, um zu erkennen, daß man auch gemeinschaftlich leben kann? — Der Krieg schmiedet das Volk zusammen. Wenn man aber das Eisen zu oft schmiedet, dann zersetzt — Der Krieg führt die entferntesten Welten zusammen, sogar die Juden des Ostens und Westens. — Was hat der Krieg erzeugt? fragt Ihr. Man sollte lieber darüber nachdenken, was ihn beseitigen könnte. — Daß auch der Krieg manchen Judenfeind nicht bekehrt, ist kein Wunder. Die innerlich nichts erleben können, wie sollen sie das neue Leben verstehen? — Früher kämpften die Juden für das Recht auf Arbeit. Heute arbeiten sie für das Recht des Kampfes. Die Woche. Samstagruhe für jüdische Gefangene. Wie wir erfahren, hat das k. u. k. Kriegsministerium angeordnet, daß in Würdigung des religiösen Empfindens der Kriegsgefangenen israelitischen Glaubensbekenntnisses für dieselben der Samstag als allgemeiner Ruhetag zu gelten hat. Es ist streng darauf zu achten, daß die Israeliten an Sonntagen zu allen Diensten und an ihren allgemeinen Ruhetagen nur zu dringenden Arbeiten herangezogen werden. Für Israeliten ist daher der Samstag als allgemeiner Ruhetag anzusehen. Für die Christen gilt der Sonntag, für die Mohamedaner der Freitag als allgemeiner Ruhetag. Ein jüdisches Zentralkomitee in Polen. Aus Lublin wird berichtet: Mysl Zydowska meldet: Im üebäude der israelitischen Kultusgemeinde fand eine Beratung der Vertreter der israelitischen Bevölkerung der größeren Städte des österreichisch-ungarischen Okkupationsgebietes statt. Es wurden aktuelle Fragen besprochen und die Gründung eines zentralen israelitischen Komitees nach dem Muster des bestehenden christlichen Komitees beschlossen . Die Statuten für dieses Komitee wurden genehmigt. Lebhaft erörtert wurden auch die mit den bevorstehenden Stadtwahlen zusammenhängenden Fragen. Kriegsanleihe-Zeichnungsverein „Agudas Jisroel". Anläßlich der bevorstehenden V. österreichischen Kriegsanleihe nimmt der von der Agudas Jisroel gelegentlich der vorigen Kriegsanleihe ins Leben gerufene Kriegsanleihe-Zeichmmgsverein seine Tätigkeit wieder auf. Bei diesem Verein können Zeichnungen auch in kleinen Raten perfektioniert werden. Näheres darüber ist im Vereinslokal, Gr. Pfarrgasse 23 zu erfahren. Was von Rußland zu erwarten ist. Aus Stokholm wird geschrieben: Für die jüdischen Politiker in Rußland besteht noch immer die Frage der Aufrechterhaltung des Schtscherbatow-Erlasses bezüglich der Erweiterung des Ansiedlungs-Rayons nach dem Kriege. Bekanntlich erhielt dieser Erlaß bis jetzt noch keine Sanktionierung eines gesetzgeberischen Organs und gilt nur als administrativer Erlaß, der vom Ministerium jederzeit rückgängig gemacht werden kann. Wie begründet dieses Bemühen der jüdischen Politiker um die rechtzeitige gesetzgeberische Sanktionierung dieses Erlasses ist, zeigt u. a. eine sehr charakteristische Antwort, die die Gesellschaft der Freunde der hebräischen Sprache in einer Provinzstadt Zentralrußlands (Bogorodsk) von den zuständigen Behörden auf ihr Gesuch, eine hebräische Schule in der Stadt zu eröffnen, erhalten hat. Dieses Gesuch wurde mit der Motivierung abgelehnt, „daß eine solche Anstalt nicht lebensfähig ist, da Bogorodsk außerhalb des jüdischen Ansiediangs-Rayons liegt und die jüdischen Einwanderer, die schon jetzt eine Tendenz zur Auswanderung zeigen, in nächster Zukuntt die Stadt völlig verlassen werden." OtiroiiUK. Rumänien und die Judeiiirage. England und Frankreich haben dieser Tage in Bukarest Schritte unternommen, um die Gleichstellung der rumänischen Juden mit den übrigen Staatsbürgern zu verwirklichen, wie sie schon im Berliner Vertrag von 1878 vorgesehen wurde. Die Vertreter der beiden Westmächte forderten eine förmliche Zusage der rumänischen Regierung in dieser Frage. Allein die letztere lehnte jede Einmischung in ihre innere Politik ab, worin sie augenscheinlich von Rußland unterstützt wird. Nur soviel hat Rumänien versprochen, daß es der israelitischen Bevölkerung von Siebenbürgen und der Bukowina, falls diese Länder ihm zufallen sollten, dieselben Bürgerrechte 'Zuerkennen würde, wie sie heute unter der österreichisch-ungarischen Herrschaft genießt. England und Frankreich gaben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden, und die Verhandlungen dauern fort.. — Nach den jüngsten kriegerischen Ereignissen werden sowohl die Juden Siebenbürgens, wie die der Bukowina auf dieses Entgegenkommen der rumänischen Regierungantisemiten verzichten können, das ebensowenig auf Erfüllung zu rechnen hätte, wie das analoge Versprechen Rumäniens für die Juden der eroberten bulgarischen Dobrudscha nach dem Balkankriege. Eine jüdische Volkshochschule. Aus New-York wird berichtet: Vom 2. bis 5. September fand die Jahresversammlung der National W orkers Alliance in Detroit statt. Bei dieser Gelegenheit wurde beschlossen, möglichst bald die Vorarbeiten zur Eröffnung einer Volkshochschule in Angriff zu nehmen, in der Jiddisch, Hebräisch, die Literatur dieser beiden Sprachen, jüdische Geschichte und verwandte Stofte gelehrt werden sollen.. Zum Heeresdienst der russischen Juden in England. Das „.Komitee für russische Gefangene und Verbannte" veröffentlichte einen Aufruf, der von hervorragenden Vertretern der holländischen Intelligenz, wie den Dichtern van Eeden, de Haan, den Gelehrten de Sitter und Visscher, den Sozialdemokraten Wdhaut und Frau Roland Holst gezeichnet ist. In dem interessanten Dokument heißt &: „Unter ihnen (den russischen Juden in England) befinden sich viele Männer, die für Rechte gestritten haben, die in Westeuropa die Grundlagen des bürgerlichen Zusammenlebens bilden; das Recht der Organisation und Versammlung, der Freiheit des Wortes und der Presse usw. Der Gedanke, daß diese Männer, falls sie sich weigern in die englische Armee einzutreten, mit Gewalt nach Rußland zurückgebracht und ihren Henkern ausgeliefert werden sollen, ist ungeheuerlich für das demokratissehe Bewußtsein von Neutralen, die ein unbefangeneres Urteil bewahrt haben, als es in kriegführenden Staaten möglich scheint .... Wir wollen einen Versuch machen, um dem drohenden Konflikt der englischen Regierung und den Flüchtlingen zuvorzukommen, von diesen Männern das schreckliche Los abzuwenden, das sie erwartet, falls sie wirklich den russischen Behörden ausgeliefert werden, und das englische Volk vor einem politischen Treubruch, dem Verrat an einer seiner besten und edelsten Traditionen z.i bewahren . Unser Komitee hat die Absicht, an die englische Regierung das Ersuchen zu richten, von den beabsichtigten Zwangmaßregeln abzusehen." Der Aufruf schließt mit der Aufforderung an die demokratisch gesinnten Kreise der holländischen Bevölkerung, ihre Zustimmung zu dieser Aktion dem Komitee bekanntzugeben. Einberufung der russischen Juden in Aegypten. Der Londoner „Jewish Chronicle" meldet in seiner Nummer vom 13. Oktober 1916 nach einem Central- News-Telegramm aus Kairo, daß der russische Geschäftsträger in diesen Tagen einen Befehl veröffentlicht hat, wonach alle russischen Untertanen im dienstfähigen Alter sich zum Dienst im englischen Heere melden müssen. Der Befehl trift in erster Linie die sich gegenwärtig in Aegypten aufhaltenden russischen Juden. Ein jüdisches Hilfskomitee in Kopenhagen, das seine Mittel zum größten Teile von den in Kopenhagen sich aufhaltenden Kriegsflüchtlingen erhält, gewährt jüdischen Notleidenden in den Kriegsgebieten Unterstützung. In einer am 16. Oktober stattgehabten Generalversammlung des Komitees wurde dagegen protestiert, daß die Juden in Galizien aus bestimmten Gründen bisher nicht unterstützt wurden. Nach heftiger Debatte wurde beschlossen, künftig auch nach Galizien Geld zu senden. Die rumänischen Juden In Amerika. Der Verband rumänischer Juden in Amerika hat am 17. September in New-York eine Konferenz aller rumänischen Juden in den Vereinigten Staaten einberufen, um darüber tax beraten, wie man den Juden in Rumänien Unterstützung gewähren und Urnen die bürgerliche und ipoHtiscbe Gleichberechtigung erwirken könnte. Die Versammlung war von mehreren Hundert Delegierten besucht. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jona» Kreppet. — Buchdruckerei JAelantrich", Wi«n DC Pramergatte 6. (Verantwortlich S, Grüna»».)