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Jüdische Korrespondenz · 1916-11-09 · 37 (9.11.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
37 (9.11.1916)
Date
1916-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. I IUrtnLA«ktn4+ J- „i,^ I*,4.Ä«.Ä„„Ä*. Redaktion und Administration: vierteljährlich k r 20. Wochenblatt für jüdische Interessen, wie«, vm. AiserStraße 55. NacMruck.mitvoller Ouelteoangabe gestattet. | Redakteur: Jonas Kreppet. Erscheint ie^d e n^ Donnersta« Wien, 9. November 1916. 2. Jahrgang. Das Königreich Polen. Ein mehr als hundertjähriger Traum geht in Erfüllung. Seit der letzten Teilung Polens und der vollständigen Vernichtung des polnischen staatlichen Lebens haben die Polen nicht aufgehört, von der Wiederherstellung desselben zu träumen. Nicht bloß zu träumen. Mit dem Schwerte in der Hand haben sie es oft versucht, sich die verlorene politisch-nationale ' Freiheit wieder zu erkämpfen und blutige Aufstände haben wiederholt die Blüte der polnischen Jugend dahingerafft, ohne daß das Ziel erreicht wurde. Das wiederhergestellte Polen blieb ein Traum und erst dem gegenwärtigen Weltenringen blieb es vorbehalten, diesbezüglich die große Umwälzung zu vollführen, die so lange erwartet, aber immer wieder verschoben wurde. Polen wird wieder als Königreich aufleben und die Mittelmächte sind es, die dieses große Werk vollführen. Gegen Rußland haben die Polen mehr als einmal sich erhoben, gegen die Schergen des Zaren haben sie mehr als einmal ihre Haut zu Markte getragen. Gegen den Willen Rußlands erhalten sie heute auch ihre Freiheit. Kaiser Franz Josef, der großherzige Monarch, in dessen Reich die Polen sich seit mehr als einem halben Jahrhundert der größten nationalen und politischen Freiheiten erfreuten, Kaiser Wilhelm, der mächtige Herrscher, dessen Heere gegen eine Welt von Feinden kämpfen und siegen, diese beiden Herrscher, deren Heere das polnische Land den Russen entrissen haben, schenken dem polnischen Volke die staatliche Wiederauflcbung ^und. lassen^ das polnische Königreich wieder erstehen.' "Ein ftame, der seit vielen, vielen Dezennien von der europäischen Landkarte verschwunden war, lebt wieder auf. Mag der Krieg noch wie lange immer dauern, die Mittelmächte haben ihr Wort, daß die polnischen Gebiete nicht wieder der russischen Tyrannei ausgeliefert werden würden, eingelöst. Der Status quo ante im Osten bleibt nun ein frommer Wunsch des Zaren und seiner Verbündeten, die wohl von Völkerfreiheit faseln und der naiven Welt einreden möchten, daß sie fiir Recht und Gerechtigkeit den Krieg führen, in Wirklichkeit aber selbst ihre kleinen Bundesgenossen ins Unglück stürzen und nicht einmal im Traum daran denken, unterdrückten Völkern die Freiheit zu verschaffen. Die vielverschrieenen Mittelmächte sind es, die mitten im Toben der Schlachten diesen denkwürdigen Akt vollzogen haben, der seinesgleichen in der Geschichte sucht. Das Land, das sie mit unsäglichen blutigen Opfern erobert haben, sie behalten es nicht für sich, sie wollen keine Annexionen machen, sie geben es dem Volke wieder, das darauf einen historischen Anspruch hat und übernehmen auch noch die Verpflichtung, dessen Bestarid zu garantiereu. Es ist dies ein moralischer Triumph dieser Mächte, ebenso wie dieser Akt eine schallende Ohrfeige für den Zaren und seine Verbündeten bedeutet, die wohl wiederholt mit Versprechungen nicht gegeizt haben, aber gar nicht daran dachten, dieselben zu erfüllen. Jetzt kann die Welt klar sehen, wo die Völkerunterdrücker und wo die Völkerbefreier zu suchen sind, wenn es überhaupt noch jemanden geben konnte, der der lächerlichen Behauptung, der Zar kämpfe für Freiheit und Kultur, auf den Leim gehen wollte. Aber nicht dies allein. Auch militärisch bedeutet dieser Akt einen Schritt von unermeßlicher Tragweite. Daß sich die Mittelmächte gerade jetzt zur Proklamierung des Königreiches Polen entschlossen haben, beweist, daß man an maßgebender Stelle derselben die militärische Situation sehr günstig beurteilt und keinen Rückschlag seitens der russischen Massenheere befürchtet. Deutlich gesprochen bedeutet dies: Es ist keine Furcht mehr vorhanden, daß des Zaren Kosakenhorden zum dritten Male den Westen bedrohen könnten. Der russische Eisbär ist nun tödlich verwandet und keine Aufputverung aus Paris und London wird es vermögen, demselben neue Lebenskräfte zu verleihen. Die Völker Europas sind wie von einem Alp befreit. Von Norden her drohen ihnen keine Gefahren mehr. Europa wird nicht mehr kosakisch werden und die russische Barbarei wird in die Schranken verwiesen, wohin sie eigentlich gehört. In London, Paris und Rom konnte man wohl den Versuch machen, die Russen zu Kulturkämpfern zu stempeln. Wer sich aber die schrecklichen Greueltaten vor Augen hält, die sie in denjenigen Gebieten verübten, die sie zeitweilig erobern konnten, und dagegen die wahre Kulturarbeit in Betracht zieht, die die Mittelmächte in den ihrerseits eroberten Provinzen vollbracht haben, eine Kulturarbeit, die nunmehr ihren deutlichsten Ausdruck in der Wiederherstellung des Königreiches Polen findet, der kann leicht beurteilen, wo in diesem Kriege die Wahrheit und wo die Lüge zu suchen ist. Die kühne Tat der Mittelmächte führt eine sehr beredte Sprache und sichert ihnen ein Ruhmesblatt in der Weltgeschichte. Die Allpolen und ihr Anhang, die schon früher vom Schauplatze verschwinden mußten, haben im polnischen Lager vollständig ausgespielt. Man dürfte es in Petersburg genau wissen: in Polen hat der Zarismus nichts mehr zu suchen . Die Grenzen desselben sind hinter Weichsel und Bug verschoben worden. Europa, der Gesittung und der Kultur ist ein großes Heil geworden. Wir Juden, die wir so viel vorn Zarismus zu leiden hatten und demgemäß Leidensgenossen der Polen waren, begleiten die Wiederaufrichtung Polens mit unseren aufrichtigen Wünschen. Als unterdrückte* Volk wissen wir am "besteh, den SctmfgrZ umTdie Not der Unterdrückten und Verfolgten zu empfinden. Die Freude der Polen, deren Schicksal ein großer Teil unseres Volkes Jahrhunderte hindurch teilte, ist demgemäß auch unsere Freude. Ebenso wie Millionen Polen endgültig den Klauen des Zaren entrissen wurden, wurden ja auch fast zwei Millionen Juden endgültig befreit. Gleich den Polen wissen wir den erhabenen Monarchen, die diese Tat vollziehen, tiefempfundenen Dank zu sagen. 1 >ie Erwartung, daß der Sieg der Mittelmächte auch ein Sieg der Juden sein werde, hat sich vollauf und glänzend bestätigt. Aber wenn wir unserer großen Freude über dieses Ereignis Ausdruck geben, können wir nicht umhin, gleichzeitig den Wunsch auszudrücken, daß das polnische Volk, das nun endgültig jeden politischen Zusammenhang mit Rußland aufgibt, auch jenen russischen Manieren endgültig entsage, die manche polnische Kreise hinsichtlich der Juden anzunehmen für gut befunden haben. Der Umstand, daß das neue Königreich Polen durch die Mittelmächte geschaffen wurde und daß diese Mächte bei der Schaffung der Konstitution des Königreiches nicht als passive Zuschauer dastehen dürften, gibt uns wohl die stärkste Gewähr dafür, daß die Rechte der Juden nicht im geringsten geschmälert werden würden. Aber aufrichtig gestanden: Wir würden es im Interesse sowohl der Juden als auch der Polen gerne sehen, wenn eine diesbezügliche Einflußnahme von draußen überflüssig sein sollte, wenn das polnische Volk selbst und aus eigenem Antriebe seine Pflicht erkennen sollte, den jüdischen Mitbürgern diejenige volle Gleichberechtigung die iure und de facto zu geben, auf welche diese Anspruch zu erheben das volle Recht haben. Im alten Polen erfreuten sich die Juden fast immer der weitgehendsten Toleranz und die Polen stolzieren noch heute mit dieser ihrer Tugend. Die Zeiten haben sich jedoch geändert und heute verlangen die Juden nicht bloß Toleranz, sondern auch vollste Gerechtigkeit und gleiche Rechte mit allen Bürgern in des Wortes vollster und weitgehendster Bedeutung. Man sollte eigentlich daran nicht zweifeln und die Polen müßten es im eigenen Interesse empfinden, wie sie ihr Verhalten den Juden gegenüber einzurichten haben, um das Vertrauen zu rechtfertigen, das ihnen selbst seitens der Mittelmächte und der gesamten Kulturwelt entgegengebracht wird. Aber wenn wir heute es für nötig finden, diesbezüglich besondere Wünsche zum Ausdruck zu bringen, so sehen wir uns durch gew isse Erscheinungen, die in den letzten Jahren in Polen und selbst jüngst in Warschau an den Tag traten, hierzu veranlaßt. Der Geist der Dmowski und Grabski muß ebenso aus Polen verschwinden, wie diese selbst den polnischen Staub von ihren Pantoffeln abschütteln mußten. Der Zarismus ist endgültig verjagt und dessen Methoden müssen ebenfalls verschwinden. Heute verhetzt niemand mehr Polen und Juden gegeneinander und im wiederauferstandenen Königreich Polen darf kein Raum für nationalen Chauvinismus und konfessionellen Haß vorhanden sein. Das große Werk, das die Großherzigkeit des Kaisers Franz Josef und die mächtige Faust des Kaisers Wilhelm geschaffen, es soll seine Krönung in dem friedlichen Zusammenleben der Völker, die das neuaufgerichtete Königreich bewohnen, finden. Dann erst wird der Triumph ein vollständiger sein und dann erst wird das Werk seine Meister loben. Es wird für die Herrscher, die den Polen ihre Freiheit wiedergeben, der Ausdruck der höchsten Dankbarkeit sein, wenn in diesem Lande Friede und Eintracht herrschen und wenn dessen Bewohner in friedlichem Wetteifer daran gehen werden, das Land jener europäischen Kultur zuzuführen, in deren Kreis es nun mit Hilfe dieser Herrscher gelangt. Die Sonderstellung Galiziens. Gleichzeitig mit der Proklamierung des Königreiches Polen und im Zusammenhange mit diesem Ereignisse ist auch die Ausdehnung tfer Antöt(örfife'''OSKziCTisi "aiigökürfrflgt" wotiIbh: * Mittelst eines Allerhöchsten Handschreibens an den Ministerpräsidenten wird dieser Schritt angekimdigt und die Regierung wird beauflagt, diesbezüglich die entsprechenden Maßnahmen zu treffen. In den polnischen Kreisen, die schon lange eine Autonomie angestrebt und gefordert haben, hat diese Ankündigung die größte Freude ausgelöst und das ganze Volk begrüßt diese kaiserliche Gnade mit der höchsten Dankbarkeit. Auch die Juden Galiziens begrüßen diesen Akt und nehmen vollen Anteil an der Freude des polnischen Volkes, das auch unter dem Szepter des Kaisers Franz Josef dasjenige Maß nationaler Freiheit und Entwicklung erreicht, das es seit jeher anstrebte. Der Umstand, daß die näheren Bestimmungen dieser Autonomie seitens der österreichischen Regierung ausgearbeitet werden sollen, gibt andererseits den Juden Galiziens die Gewähr, daß ihre politischen und bürgerlichen Rechte nach wie vor vollauf gewahrt werden würden. Das Verhältnis zwischen Polen und Juden in Galizien war eigentlich stets ein ziemlich normales und es bedürfte keiner besonderen Betonung, daß die Rechte der Juden bei Einführung einer erweiterten Autonomie erst besonders gesichert werden müßten. Aber die letzten Ereignisse haben es mit sich gebracht, daß auch in Galizien eine Spannung zwischen Polen u. Juden in die Erscheinung trat, und daß auch diesbezüglich manches zu wünschen übrig blieb. Wir wollen jedoch hoffen, j daß es sich hiebei bloß um vorübergehende | Erscheinungen handelt und daß die Ausdehnung der politischen Freiheit, die dem Lande gewährt wird, dazu führen werde, das frühere Einvernehmen zwischen allen Klassen und Schichten der Bewohner Galiziens wieder herzustellen. Die Allergnädigste Anerkennung, die der edle Monarch dem Lande Galizien auszusprechen geruhte, bezieht sich auch auf alle seine Bewohner ohne jeden nationalen oder konfessionellen Unterschied und es ist die heiligste Pflicht aller dieser Bewohner, durch gemeinsame, friedliche Arbeit fiir das teuere Vaterland sich dieser kaiserlichen Gnade würdig zu zeigen. Nur dann könnten die hochherzigen Absichten des Monarchen segensreiche Früchte bringen. Wir begrüßen somit auch dieses Ereignis und wollen das Beste hoffen.

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