Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 35 (26.10.1916)
- Date
- 1916-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt 35. JBdtediC Kwicspondem Seite 3 Landes sind aber auch viele zumeist aus Holz gebauten Synagogen in kleinen Provinzstädten, merkwürdig sowohl durch ihren Baustil wie durch die in ihnen aufbewahrten Gottesdienstgeräte vom hohen Alter. So wird in einer Publikation zweier polnischen Forscher aus dem Jahre 1874 eine Synagoge in Wysokie-Mazowieckie erwähnt nnd einige Jahre später jene noch viel interessantere Synagoge v. Nasielsko. In den Sitzungsberichten der kunsthistorischen Kommission der Krakauer Akademie der Wissenschaften ist eine mit zahlreichen Abbildungen versehene Beschreibung der alten Holzsynagoge von Jahlonow niedergelegt, eines kleinen um die Mitte des XV. Jahrhunderts gegründeten Städtchens an der Lucka, einem Nebenfluß des Pruth. Der Wiener Maler Isidor Kauffmann hat eine ganze Keihe von Interieurs galizischer Synagogen gemalt, die er an Ort und Stelle aufgenommen hat und vor jetzt bald 20 Jahren im Wiener Kunstlerhaus ausstellte. Der größte Gelehrte auf dem Gebiete der polnischen Synagogenforschung ist das Warschauer Mitglied der Krakauer Akademie der Wissenschaften Matthias Berson, der ein zweibändiges Buch über dieses Thema verfaßt hat. In seinen Werken, denen sowohl durch die ärmlichen Verhältnisse in dcii polnisch. Provinzstädten, wie durch die konservative Gesinnung der Juden die größten Schwierigkeiten entstanden, sind verschiedene Synagogentypen erwähnt, die künstlerisch und kulturhistorisch gleich bedeutsam sind, so die Synagoge von Zabludow, einem in der Mitte des XVI. Jahrhunderts gegründeten litauischen Städtchen unweit von Grodno. Die Synagoge ist aus Lärchenholz gebaut und besteht aus einem Mittelschiff und zwei oder mehreren Nebenbauten. Dies scheint die Grundform der alten Holzsynagogen zu sein, von der es nur wenige Ausnahmen gibt. Was nun die Zeit betrifft, aus welcher diese merkwürdigen Holzsynagogen stammen, so zwingt schon die geringe Dauerhaftigkeit des Materials zu dem Schluß, daß sie kaum älter als 250 bis 300 Jahre sein können. Das genaue Datum der Erbauung einer Synagoge ist gewöhnlich nie sicher festzustellen. Die Synagoge von Zabludow soll schon um die Mitte des XVill. Jahrhunderts vorhanden gewesen sein. Das letzte Mal wurde sie nach einer noch erhaltenen Inschrift im Jahre 1732 restauriert. Von einer anderen Synagoge in Pohrebyscze im Gouvernement Kiew hat der gelehrte Warschauer vertasser das Datum der ersten Renovierung im Jahre 1733 in der Chronik der griechischen Kirche des Urtes gefunden. Auf einem an der Wand der Synagoge lehnenden unscheinbaren und früher unbeaentet gebliebev nen Steindeckel entdeckte er eine Inschrift, daß im Jahre 1688 Horden die Stadt unvermutet überfielen und die meisten Einwohner, die pol- | nischen Herren ebenso wie die Juden, niederi metzelten, ohne Greise, Kinder oder Frauen zu Vergangenheit, die er so wunderbar poetisch zu schildern weiß, ersteht ihm das Bild einer nationalen Zukunft, reich an Schönheit und Hoheit. Aus dem reichen Schatze der Bibel schöpfte er häufig den Stoff zu Erzählungen, Legenden, Balladen und Märchen. Er verstand es, sich in den Geist der talmudischen Agada und der späteren Voikssagen zu vertieren und nach ihren Motiven Bilder nachzudichten, deren Formschönheit unvergleichlich isst. So vertiefte er das Verständnis für die klassischen Schriften des Judentums und belebte die alte Poesie in neuer Gestalt. Die neue jüdische Jugend mit ihrem Enthusiasmus für die Ideale der Zukunft verstand ihn, und er wurde ihr Lieblingsdichter. Viele se.ner Gedicht« werden: oft und gern von der Jugend rezitiert und gesungen. In allen -seinen Dichtungen lebt ein prophetisches Pathos, und er meistert die russiche Sprache wie die größten Klassiker. Eins; besondere Neigung zur Allegorie und Symbolik und?;u; Naturbildern ist ftir ihn charakteristisch. Frag war auch: ein gern gesehener Gast in den vornehmsten russischen Blättern, und die bedeutendsten russischen Kritiker schätzten sein Talent ungemein hoch ein. Lange dichtete Frug nur in russischer Sprache. Später atoer kam er zu der Erkenntnis,, daß. wenn matt j aus der Seele des Volkes schöpft, auch in. seiner Sprache zu ihm sprechen muß, und so fing er an, m jiddischer Sprache zu dichten, und erst da erlangte er eine gewaltige Popularität und hatte die Genugtuung, allen Gliedern seiner Gemeinschaft etwas zu geben. Er gewann diesem spröden Instrument die zartesten Seiten ab, und viele seiner jiddischen Gedichte sind von einer seltenen Plastik und von einer wunderbaren Schönheit des Ausdrucks. Frug ist ein jüdischer VoHksdichfer — im edlen Sinne des Wortes* Er steigt nicht zum. Voike herab, sondern erhebt es zu s,ch und bereichert es mit den edelsten Freuden. Die Liebe zum Volke ist der Born, aus dein er schöpft, und. die Liebe des Volkes ist der höchste Preis seines Ringens. schonen. Dies geschah im Moment, als die Gemeinde im uralten Ootteshause zur Trauung eines junges Paares versammelt war. Ebenso wie über die Erbauungszeit der einzelnen Synagogen ist man im allgemeinen über die Künstler, die sie erbauten und welche sie ausschmückten, im unklaren. Unzweifelhaft ist, daß vielfach christliche Künstler beim Bau und bei der Renovierung der Synagogen tätig gewesen sind. In mehreren Fällen bezeugen dies die Inschriften, mit denen die meisten an den Wänden in den Gotteshäusern ihren Namen verewigt hatten. Bekannt ist, daß polnische Könige und zahlreiche- Magnaten die Errichtung von jüdischen Gotteshäusern in Polen oft förderten. Die bekannte schöne Synagoge von Zolkiew, unweit Lemberg, wurde von Körrig Johann III. Sobieski nicht nur in einen Reskript vom Jahre 1676 gestattet, sondern der König hatte noch der Tradition gemäß einen Teil der Kosten aus eigenen Mittel bestritten. Ebenso haben zahlreiche Magnaten für die Erbauung von Synagogen in den ihnen gehörenden Städten namhafte Beträge gespendet und die in ihren Diensten stehenden Architekten empfohlen. Was die innere Ausschmückung betrifft, so waren da hauptsächlich jüdische Meister tätig. Aus zahlreichen Urkunden aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert ist bekannt, daß es unter den Juden jener Zeit viele kunstfertige Ziseleure, Stecher, Gießer, Maler, Goldschmiede, Teppichwirker usw. gab. Nur ein jüdischer Architekt aus jener Zeit ist bekannt, der Hillel Benjamin heißt, aus Lasko stammt und die Synagoge von Lutomiersk erbaut haben soll. Merkwürdig ist die sogenannte Festungssynagoge von Luck, die nicht nur durch die Schönheit, sondern auch durch die Fremdartigkeit der Formen auffällt Der Bau bildet einen seltsame Kombination eines Hauses im Stile der italienischen Renaissance und eines schönen flachen viereckigen Turmes von festen Mauern, dessen oberster Teil mit seinen Zinnen, Luken und Schießscharten eher an eine Festung erinnert. Ein im Warschauer Kronarchiv be- Ihidliches, aus den Jahren io^ö und 16<Ä> stammendes, von König Sigismund Iii. ausgestelltes Privilegium teilt uns mit, daß den Juden gestattet wurde, eine Synagoge zu erbauen, jedoch nur unter der Bedingung, daß sie so errichtet werde, um gleichzeitig ais restung wider die lataren zu dienen. Und so entstand die Festungssynagoge.'" Jüdische Rundschau. Finanziniitisier Dr. ujth und die Juden. Man meldet uns aus Lemberg: Anläßlich uer Anwesenheit des Finanzministers Dr. v. L e t h in Lemberg begrüßten denselben viele Abordnungen, welche ihm auch die Bitten und Wünsche der Bevölkerung vorbrachten. Unter anderen wurde auch Uer Kegierungskoininissär uer israelitischen Kultusgerneinde in Leinberg L/r. P a r n a s empfangen, aui dessen warme Begrüßungsansprache Dr. v. Leth erwiderte: „Das rege patriotische Wirken und der eminente Wohltatigkeitssinn der israelitischen Bevölkerung Lembergs sind der Regierung wohlbekannt. Es wird mir der Moment, wo ich ihre berechtigten Bitten erfüllen werde, ein freudiger sein." Diese Aeußerung des Ministers hat bei der israelitischen Bevölkerung Lembergs große ßeirieuigung hervorgerufen. Koschere Burgerküche in Krakau. Aus Krakau schreibt man uns: Wie in mehreren großen Städten werden auch gegenwärtig hier seitens der Stadtverwaltung sogenannte Bürgerküchen eröffnet, in welchen Bürger aus dem jViittelstande, die nicht die ötfentlichen Volkskuchen besuchen können, für billiges Entgelt entsprechende Mittagsmahle erhalten. Ueber Initiative des Vizepräsidenten der hiesigen KuluisKcmeinde, Gemeinderat Dr. Raphael Landau, wurde auch die Errichtung einer koscheren Küche beschlossen, um auch der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, von dieser V\ ohltat genießen zu können. Von den b Bürgerküchen, die zunächst errichtet werden, wird eine in der Zielonagasse Nr. 7, koscher gehalten sein. Späterhin dürfte noch eine koschere Bürgerküche, und zwar nahe dem neuen Stad Heile Podgorxe, eröffnet werden . Von der amerikanischen Kongreßbewegung. Das Uebereinkommen. daß das Sub¬ Komitee des Kongreß-Organisierungs-Komitees mit dem Sub-Komitee der „Konferenz amerikanisch - jüdischer Organisationen" getroffen hatte und das vom Kongreß-Organisierungs-Komitee den Mitgliedern der Philadelphiaer Vorkonferenz zur schriftlichen Abstimmung unterbreitet worden war. ist von diesen in seinen wesentlichen Punkten abgelehnt worden. Damit ist die Einigkeit im amerikanischen Judentum wieder eine Frage der Zeit. Rosch Haschono-Gruß eines Kardinals. Der Fürstprimas Ungarns, Kardinal Johann C s e r n o c h, ist noch von seiner Eigenschaft als gewesener Domherr des üraner Domkapitels mit der Familie des jüdischen Barons Hatvan y befreundet. Baron Hatvany erhielt nun aus Anlaß des diesmaligen jüdischen Neujahrstages vom Fürstprimas folgende Depesche: „L'schono Tauwo." Unterschrieben: Kardinal Johan n. Das amerikanische Hilfswerk. Dem Bericht des Joint Distribution Couiittee entnehmen wir folgende Ziffern über die für die notleidenden Juden in den kriegführenden Ländern in der Zeit vom ii). Jänner 1915 bis 15. August 1916 gesammelten u. versandten Gelder. Insgesamt wurden in Amerika durch alle jüdischen Hilfskomitees in dieser Zeit 4,891.613 Dollar gesammelt. Dies Geld wurde den Ländern nach folgendermaßen verteilt: für die Kriegsfeidenden in Rußland l,S()0.0iiti Dollar, in dem von Deutschland okkupierten Polen 1.454.50U Dollar, in Oesterreich-Ungarn l.OOö.üUU Dollar, für die jüdischen Studenten in Uer Schweiz 5U.UUU Dollar, für die jüdischen Flüchtlinge in Alexandrien J 1.000 Dollar, für die palästinensischen Juden (Geld und Nahrungsmittel) 403.780 Dollar, für die Juden Griechenlands und der Türkei (außer Palästina; l6i.6Z5 Dollar, für die Juden von Tunis, Algier und Marokko 5.000 Dollar, für jüdische Emigranten in Frankreich 5.000 Dollar. Märtyrer! Von Hermann Daniei-Krotusehm, z. Zt. m Felde. Bin wehmutvoiles üehiiii beschlich mich, als ich vor wenigen lagen im lernen Rußland an den Gräbern jüdischer Märtyrer stand, an der Ruhestätte jener unerschütterlichen, glautrcnstreuen Manner, die ihre Treue zum Vätergtauben mit ihrem Blute besiegelten. Unser Uwirru-Malkenu-üebet bezeichnet diese Märtyrer mit den Worten: lciriaan-harugm al schem kodschecho, „die erschlagen wunden um d. Heiligkeit Deines Namens willen". — Der große Krieg, der einer so grolien Anzahl Feldgrauer Gelegenheit bietet, Einblick ut das Leben und Treiben unserer ofthehen Glaubensschwestea und Bruder zu, gewinnen, macht uns mit so vielem vertraut, was besonders den Juden mit Interesse ertallt. tin bekanntes Dichterwort paßt so recht für das Verstehenlemeu des jüdischen Lebens in Rußland: „Willst du den Dichter recht verstehen mußt du in Dichters Lande sehn". Wahrlich, um uns ein rechtes Bild vom Leben und Treiben der Ostjuden machen zu können, müssen wir sie im eigenen Lande beobachten, unter ihnen leben und Anteil an allem nehmen, was sie betrifft. So allein vermögen wir zu einem Urteil zu gelangen über das Leben unserer östlichen Olau bensgenossen. Wer den Üstjuden an Werktagen zu beobachten Gelegenheit hat, wie er ungeachtet seiner schweren, körperlichen Arbeiten und seiner oft bemitleidenswerten Dürftigkeit, sich gleich einem versinkenden Menschen im Morast, fest an seinen Glauben klammert, um sich durch Frömmigkeit ein befreiendes Uefühl zu erringen, — wer nun dieselben Personen am Sabbat aufsucht, wo sie die Bürde des Alltags vergessend, in Festtagsgewänder gehüllt, ganz ihrem größten Qlücke, der Heiüghaltung des Sabbats sich widmen können, der lernt die Ostjuden schon um ihrer Treue zum Glauben ihrer Väter schätzen. Nirgends wohl macht sich die Schwere des Krieges so fühlbar, wie bei unsern östlichen Glaubensbrudern. Während eine nicht geringe Zahl von Familien ihren Ernährer in Amerika hat, der ihnen sogenannte monatliche Bezüge ehedem zukommen lieli, um sie vor Not zu schützen, so fallen diese Sendungen jetzt größtenteils völlig aus oder kommen nach monatelangen Irrfahrten an den Empfänger, wo oftmals schon die größte Not herrscht; ein anderer Teil ist wiederum durch die strenge Beachtung der innerhalb des Landes vorhandenen Grenzen zwischen den Etappen- und Operationsgebieten und der gleichzeitigen Ueberwachung des gesamten Handels, ihres Erwerbes verlustig gegangen. Wohl hat die bewährte großzügige deutsche Hilfsorganisation im steten Entgegenkommen der deutschen Verwaltungsbehörde ihr Möglichstes getan, um größter Not vorzubeugen, doch die Zahl der Armen und Aermsten ist zu groß, um dauernd ihnen allen Helfer zu sein. Ungeachtet all dieser Erscheinungen, vermag nichts dem Gros der russischen Juden Veranlassung zur Lockerung bezw. Entfremdung in seiner Glaubensstärke zu sein. Schwer sie all die Schmähung und Nichtachtung der Mitbewohner bedrücken, so sehr auch die Last der schweren Arbeit sie beugt, in ihnen allen lebt etwas, was das Schwerste leicht ertragen läßt, etwas, das ihnen keine irdische Macht entreißen kann, und dieses Große, das feste Vertrauen auf Oott und eine bessere Zukunft läßt sie die Schwere der Gegenwart leichter ertragen. Ebenso wie sie m ihren Bethäusern inbrünstig ihre Gebete zu Gott emporsenden, wissen sie auch in ihrem Kreise doch stets die Treue zum Glauben' der Väter fest in den Merzen ihrer Kinder zu festigen, und so pflanzt es sich: fort von Generation zu Generation. Solches Bild jüdischen Lebens schwebte mir mi | Geiste vor, als ich auf dem kleinen Bes-Auiom stand, von I Schmerz erfüllt ob des Verlustes solcher Männer. Vor mir standen sie, zwölf an der Zahl, die hier zur letzten ' Ruhe gebettet waren, wie sie mühsam ihr Brot verdien-