Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 35 (26.10.1916)
- Date
- 1916-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3495278-3495300-3495335--0276-3520910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Jtldlsche Korrespondenz Nr. 35. band dm kJejfcuBduaerieMea an SÄea Rußlands bemüht sei» v«geüei, äm iüJHCben Arbeitern data Wofarireciit zu erwirke» .... Ohne Antwort bleiben auch die aaaio«en Bemühungen des MriegvRirtsdraftücta Komitees, des Üidisctiea industrielle* m£ Arbeitern das Wohnrecht zu erlauben. „Die unersetzlichen und sehr nützlichen" jüdischen Mitglieder des Handels- und der JVlariulaktur-Koniitees in Moskau werden ausgewiesen. Voir 803 großen Unternehmungen des Nordwestrayons, die wieder hergestellt werden sollten, gehören 553 den Juden^ Die Vesulutkm der Kongresse und der Komitees waren eine Stimme in der Wüste. Aber all diese Tatsachen sind nichts im Vergleich zu dem, was in der letzten Zeit vorgeht. Schon wieder werden planmäßig und zielbewußt Gerüchte und Verleumdungen verbreitet, einer ganzen Nation wird der Vorwurf gemacht, daß sie sich deshalb mit sozialer Arbeit aJagibt, weil sie aul diese Weise vom Militärdienst sich freimachen wolle, oder auch um i'arteiagitation zu treiben. Schon wieder wird offiziell bekannt gegeben, „daß ein großer Teil der Juden der Spionage verdächtig sei." Es wird dem Städte- und Semstwo-Verband vorgeschrieben. Befestigungs-Arbeiten nicht Privatunternehmern zu übergeben, „geschweige denn an Juden." Jüdische Techniker, Ingenieure usw. wurden seinerzeit aus den Kraftwagen-Kompagnien im Widerspruch zum Uesetz ausgeschlossen und nun wird geplant, die Juden auch aus den Pionier-Kolonnen auszuschließen, „wo diese Elemente absolut schädlich und bei der Arbeit auch nicht nutzbringend sind." Jetzt wird, des weiteren geplant, alle Kontrakte mit den Juden für Arbeiten zu Verteidigungszwecken zu lösen, „ohne daß der Fiskus Schaden leidet" und selbstredend keinesfalls neue Kontrakte zu schließen. üegen den Semstwo- und Städteverband wird ein Kampf geführt; es wird von ihm verlangt, daß er die jüdischen Aerzte entlasse, „selbst wenn man hierdurch die Lazarette schließen müßte." Fürwahr, „Pereat Rossia, fiat.....Justitia." In beschämender Weise gewöhnen wir uns an all das, wir benützen solche „technische Ausdrücke" wie „Ansiedelungsrayon", „Wohnrecht" usw. Das schmutzige, versteckte, klebende Zeug — die Verleumdung — durchdringt das Volksleben, gelangt in seine entferntesten Winkel..... Bald ist die Rede von „minderwertigen Zuckerwaren in jüdischen Läden", bald vom „Ausbrennen des Getreides an der Wurzel", bald wird getuschelt von „versteckten Ooldschät'- zen" usw. usw. (In diesem Artikel sind viele Stellen von der Zensur gestrichen.) Die Woche. Die Flüchtlingsfürsorge. In der jüngsten Sitzung des Poleraklubs wurde eine besondere Kommission für die Flüchtringsfürsorge, bestehend aus den Abgeordneten Graf Lasocki, Halban, t Kautta und €■** gmrtfelt. Zum Referenten für <ie jfidtscfewr TOdMae wurde der AbgaondHete Rauch bestimmt. Ueber Intervention 4er j&dachca Abgeordneten wurden die Flucht taigs-Baracken-Lager n PMirlifö uaU Gaya anfeelö« und die deatügea FHcbttrgr naefe wschiedenen Städten Schlesiens überführt. In den Flüchtlmgskretsen wind diese Maßregel der Regierung mit großer Zufriedenheit begrüßt. Es verlautet, daß auch die anderen Barackenlager aufgelöst werden sollen. Aus dem polnischen Okkupationsgebiete. Aus Lublin wird uns geschrieben: Vor einigen Tagen erschien eine jüdische Deputation, bestehend aus den Herren: Direktor J. Kipmann, Advokat Warmann und Kultusvorsteher Frankel beim Ohef der Zivilverwaltirng Exzellenz Dr. v. Madeyski, um demselben die Wünsche der jüdischen Bevölkerung bezüglich der Städtewahlordnung vorzulegen . Sektionschef Madeyski hörte den Ausführungen der Deputation aufmerksam und wohlwollend zu, anerkannte die Billigkeit einiger Forderungen und versprach dieselben zu erfüllen. Die Mitglieder der Deputation gewannen den besten Bindruck von der unparteiischen Haltung des obersten Zivilbeamten im Okkupationsgebiete und hegen den festen Glauben an seinen guten Willen und seine Gerechtigkeit. Vor kurzem weilte hier der Vertreter der amerikanischen Hilfsaktion, Dr. Magnus, um die hiesigen Verhältnisse näher 'kennen zu lernen und um sich mit dem hiesigen jüdischen Rettungs-Komitee bezüglich der weiteren Hilfsaktion zu verständigen. Dr. Magnus äußerte sich überaus 'befriedigend über die bisherige Tätigkeit des Komitees. ZwangsmaBregem gegen die Juden in Saloniki. Der „Temps" berichtet: Nach einer Meldung aus Saloniki, hat die provisorische Regierung die Juden der Jahresklassen 1913 bis 1915 unter Androhung ihrer Verhaftung aufgefordert, sich bis spätestens Mittwoch zu stellen. Jüdische Gotteshäuser in Polen. Die altertümlichen jüdischen Qotteshäusef im Gebiete der ehemaligen Republik Polen haben schon seit längerer Zeit die Aufmerksamkeit sowohl der Kunstkenner wie der Kunsthistoriker auf sich gezogen und eine ganze Anzahl von Publikationen veranlaßt. Da ist vor allem die alte Synagoge auf dem Kasimir zu erwähnen, wie Üer nach Konig Kasimirdem Großen benannte und den Juden eingeräumte Stadtteil in Krakau heißt. Diese Synagoge wird bereits in einem amtlichen Dokument aus dem Jahre 1532 „polnische Synagoge" genannt und soll der Sage nach schon im XL Jahrhundert erbaut worden sein. Diese Legende ist übertrieben, aber auf dem Stein der Almosenbüchse am Eingang ist in einer Inschrift das Jahr 1417 zu ermitteln. Viel' jünger ist die Stadtsynagoge in Lemberg, obgleich auch ihr durch die lokale Legende ein Alter von mehr als sechs Jahrhunderten zugeschrieben wird. Die alte Synagoge in Posen soll aus dem Ende des XV. Jahrhunderts stammen. Neben den mächtigen aus Stein gebauten Tempeln der großen Judengemeinden des Es mutet angesichts dieser Süwüor» ßadeaeu konriseft m wenn der rumäofee&e Gesaadte in Pari* in den französische» HlaÖern die feierliche Erklärung veröffentliche« läßt, daß Rumänien den Juden in den „erafcerten" QriHeten all jene Reckte zusichern, #e sie bisher genießen und wenn diese Blätter daran die, Bemerkung knnüpfen, daß diese Erklärung in den jüdischen Kreisen den besten Eindruck gemacht IkHw;. Es ist schon dafür gesorgt, daß die Rumänen keine Eroberungen machen sollen und für das Schicksal dieser Juden braucht heute niemandem bange zu sein. Im Gegen* teil, die Mittelmächte und ihre Verbündeten werden auch schon dafür sorgen, daß auch die Juden Rumäniens ein besseres Los erhalten. Die Juden In Rußlaond. in der Nummer 23 der Wochenzeitschrift „Nowy Pu4j" befindet sich ein Artikel der russischen Schriftstellerin Brüllawa - Schokalskaja, betitelt „Einigkeit." Die Verfasserin erinnert an die Stimmung in den ersten Tagen und Wochen des Krieges, wo jeder innere Maß und. Zwist sich gelegt zu haben schienen, eine Aera des inneren Friedens ankündigend; indes hat die harte Wirklichkeit bald all diese Illusionen zerstört. Später tauchte zuweilen wieder ein Strahl der Hoffnung auf» doch nur für sehr kurze Zeit. Das Zirkular des Fürsten Schtseherbatow bedeutete wohl d. Anfang einer neuen Politik in der Judenfrage. Aber wie schnell tolgten unzählige Beschränkungen bei seiner Anwendung. So wurde die Zureise und Ansiedelung in Kiew selbst solchen Juden verboten, die das allgemeine Wohnrecht besitzen. Aus dem Kaukasus und aus Archangelsk wurden die Flüchtlinge ausgewiesen. In dem Primorsk (Sibirien) und Wladiwostock wurde den Juden verbeten, aus einer Stadt in*die andere zu reisen. Aus den Kreisstädten des Gouvernements Petrograd und zwar Luga, Naras, Jamburg wurden die Juden ausgewiesen. Die Ansiedelung der jüdischen Studenten in Kolpino (bei Petrograd), die in Petersburg selbst kein Wohnrecht haben, wurde zerstört. Den Juden ist fexner die Einfahrt in Finnland verboten worden und dadurch wurde den Kranken die Möglichkeit genommen, die Sanatorien in Finnland aufzusuchen. Aus Narym- Gebiet (Sibirien) hat man die Frauen der dahin deportierten Juden ausgewiesen (für jüdische Zuchthäusler und Deportierte gibt es nämlich keine Wohnrechtsbeschränkungen). Man weist ferner jüdische Flüchtlinge aus, welche aus den Gefängnissen entlassen werden, weil sie „versehentlich" in Warschau arretiert wurden und jetzt kein Obdach finden. Auf dem Etappenwege wird nach......Wilna (!) ein Mädchen ausgewiesen, die nach vieler Mühe in einem Gymnasium in Petrograd untergebracht wurde. Die „Mobilisation der Industrie", die Evakuierung der polnischen, litauischen und Ostseeprovinzen wurde ganz plan- und ziellos vorgenommen. Es sind nötig Handwerker, qualifizierte Arbeiter, Techniker. Der Ver- Feuillelon. Ein Jiddisches Krlegsbucn. (..Strechalyh" — Novellen u. Skizzen aus der Kriegszeit.) (Von D. S. Silberbusch. Wien, XX. Waüensteinstraüe 2h. — Preis 5 Kronen.) Der Weltkrieg bietet naturgemäß der Literatur ein überaus reiches Material und nicht bloß die Geschichtsforscher, Politiker und Kriegshistoriker, sondern auch die Dichter, Dramatiker und Novellisten werden für viele, viele Jahre mit Stoff versorgt sein. Schon jetzt ist die Kriegsliteratur sehr groß, und auch die Belletristik nimmt unter derselben einen ansehnlichen Raum ein. Die jüdische Kriegsliteratur, besonders die jiddische, ist nooh ziemlich arm in dieser Hinsicht, obwohl gerade das Schicksal der Juden im Kriege einen unerschöpflichen Born für jeden Literaturzweig bietet. Gerade deswegen konnte sich bisher dieses. Literaturgwtre nicht entsprechend entwickeln. Die breiten jüdischen Volksmaasen, für die diese Literatur bestimmt ist, wie nicht minder die jiddischen Literaten, die da ihr Können zeigen sollten, sind gerade durrch den Krieg derart in. Mitleidenschaft gezogen worden, daß die gegenwärtige Zeit sie* schwerlich zu schöpferischen Literatur-Produktionen eignet Erst nach der Wiederherstellung des Friede«« ist eine reiche Entwicklung dieses Literaturzweiges zu erwarten und man tonn schon jetzt sagen, daß gar manche dieser Schriften, selbst diejenigen belletristischen Inhaltes, em Spiegelbild der Ereignisse, der Leiden und Freuden dieser Juden bieten werden, das großen historischen Wert haben dürfte. MW der vorliegenden Schrift, die der bekannte hebräische und jiddische Novellist D. S. Silberbusch gegenwärtig auf den Büchermarkt bringt, ist diesbezüglich ein Anfang, und ein guter Anfang gemacht worden. Dasselbe enthalt eine größere Kriegsnovelle „Beileüitel", sowie eine Reihe Skizzen und feuilletonistischer Aufsätze. „Beile-Oitel" ist eigentlich weniger Novelle als eine Bilderserie aus dem Leben der Juden in Gakzien unmittelbar vor und während des Weltkrieges. Da wird in einer anziehenden Sprache das Schicksal einer jüdischen Familie geschildert, die alle Uualen des Krieges miterlebt hate, das Leben unter der russischen Invasion, die Strapazen und Aengstc der Flucht, die Rettung, das Leben in den Flüchtingsbaracken usw.; dabei kommt das echt jüdische Leben im Osten, die echt jüdische Lebensauffassung und Lebensanschauung klar und kraftvoll zum Ausdruck. Qar mancher Derjenigen, die jetzt plötzlich die Ostjuden „entdeckt" haben und auf deren Rechnung „Ostjüdische Literatur" machen wollen, könnte da sehen, wie man dieses eigenartige Leben kennen mufl, um es richtig zu schildern. Der Inhalt der Novelle an und für sich ist ziemlich gleichgiltig. Die Hauptsache sind doch die einzelnen Bilder, die oft geradezu tief ergreifen und einen starken Eindruck hinterlassen. Ganz besonders ist dies mit den Schilderungen der Flucht vor den Kosakenhorden, dem Barackenleben der Flüchtlinge usw. der Fall. Audi die Sprache des Autors ist eine gewählte und der ihm angeborene Humor, der selbst in den ernstesten Szenen durchschimmert, macht das Buch überaus lesenswert. Von. den kleineren Skizzen, ist besonders diejenige hervorzuheben, die den Titel ,43er Kaiser" führt und ein Bild der großen Anhänglichkeit der breiten jüdischen Vofksmassen in Galizien zur erhabenen Person des Kaisers Frans Josef darstellt. Ben—Zwi. Simon Frug s. A. Im „H. Isr. Familianblatt" schreibt S. F.: Die Judenheit des Ostens erlebt während dieses Krieges auch das tragische Geschick, daß sie ihre hervorragendsten Dichter verliert. Nach Perez und Scholem Aiechem ist nun vor kurzem auch Frug dahingegangen. Die Judenheit verliert m ihm einen echten Dichter, einen hervorragenden Lyriker. Er schöpfte aus der jüdischen Volksseele, und seine Gedichte zeichnen sich durch tiefe Empfindung und Formenschönheit aus. Besonders verstand er es, der ewigen Tragödie des jüdischen Stamme«, seinen seelischen und sozialen Schmerzen einen modernen und doch echt jüdischen Ausdruck zu verleihen. Während die meisten jüdischen Dichter des Ostens in der dumpfen, engen Gasse des Ghettos geboren worden sind, hatte Frug das Glück, auf dem Lande, in der freien Natur seine Jugend zu verleben. Er ist im Jahre 1860 in der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonie Bobrowikut im Gouvernement Cherson geboren; er brachte da seine Kinder- und Jünglin&sjahre zu und er hebte diese Atmosphäre. Diese leidenschaftliche Liebe zur Natur ist eine der stärksten Seiten seiner Dtehtumj. Etwas wie Waldesdtift und Steppenstimmung haftet seinen Liedern an, es ist Kraft und Eigenart darin . Erst mit dem 21. Lebensjahre begannen für ihn die L.eiden des geistig kämpfenden Juden. Im Jahre 18X1 erlebte er einen Pogrom, der einen gewaltigen Eindruck auf ihn maohte und seinen Innenleben und seiner Dichtung eine Wendung gab. Der Jude erwachte in ihm mit aller Kraft, und der Genius des Judentums wurde zum Quell seiner Schöpfung. „Zwei Gaben verrlieh mir das Schicksal, den Drang nach Freiheit und die Sehnsucht, des Sklaven," sagt er, sich richtig charakterisierend. Der jüdische Gedanke erfüllte stets seine Seele. Seine Msise v/eint heiße Tränen über die Leiden seiner Gemeinschaft, aber der Traum einer besseren Zukunft der Judenheit, eines Lebens in Freiheit und Glück, ist der Trost, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Aus der herrlichen