Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 35 (26.10.1916)
- Date
- 1916-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Roppespondenz Preis per Nummer 10 Heller. lir. ..L1. 1,J.1,1J,44_ Ctt., Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120. WochenblaiM|ir jüdische Interessen. wien, vm. Aiser«*«^ Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Reliefe fir: j| Ofl a S Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 35. Wien, 26. Oktober 1916. 2. Jahrgang. Ministerpräsident Graf SlUrgkh. Einem ruchlosen Verbrechen ist der österreichische Ministerpräsident Qraf Karl Stürgkh zum Opfer gefallen. Ein exaltierter Parteifanatiker, selbst m. seinen eng. Gesinnungsgenossen zerworfen, hat den Regierungs-Chef, der sich bei Freund und üegner der größten Achtung und Wertschätzung erfreute, mit einigen Revolverschüssen ermordet. Es ist dies kein politischer Mord, denn es lagen gar keine politischen Motive vor, die den Attentäter, den radikalen sozialistischen Publizisten ür. Friedrich Adler, zu diesem Schritte hätten veranlassen können. Der Attentater mußte sich auch darüber klar sein, daß seine verdammenswerte Tat keine wie immer gearteten politischen Folgen haben werde. Der Mordakt ist nichts anderes als ein wahnwitziges Verbrechen, das wohl allgemein die höchste Empörung und Entrüstung hervorgeruten hat, aoer nirgends Billigung finden konnte. Selbst die engeren Gesinnungsgenossen haben jede Verbindung mit diesem haibverrückten Mann abgelehnt und selbst in ihren Kreisen ist die Verurteilung der schrecklichen Tat eine allgemeine und rückhaltslose. Immerhin, das ändert nichts an der schauererregenden Tatsache, daß die Monarchie einen ihrer besten Sohne verloren hat. An der Bahre ues Uraten Karl Stürgkh trauert ganz Oesterreich und die gesamte Oeffentlichkeit ist einstimmig in dem Urteil, daß das Vaterland einen schweren Verlust erlitten hat. Die warme Vaterlandsliebe des ermordeten Ministerpräsidenten, die Lauterkeit seines Charakters, sein ehrliches staatsmännisches Wollen, sein vornehmes, gerechtes, entgegenkommndes Wesen, seine treue Pflichterfüllung sicherten dem Grafen Stürgkh die allgemeinen Sympathien. Ohne Uebertreibung kann gesagt werden: Der unter solch schrecklichen Umständen dahingeraffte Ministerpräsident hatte selbst unter seinen politischen Gegnern keinen Feind und sein politisches Wirken im Dienste der Oeffentlichkeit, sowohl als langjähriger Parlamentarier, wie auch als Unterrichtsminister und schließlich als Ministerpräsident, war stets von hingebender Vaterlandsliebe und Aufopferung, nie aber von irgendwelcher persönlichen Engherzigkeit oder Einseitigkeit geleitet, die etwa dazu geführt haben könnten, gegen ihn Gefühle des Hasses oder der Rache hervorzurufen. Wir stehen vor der unverständlichen Tat eines Verrückten, die eher dem Psychiater, als dem Politiker zur Beurteilung vorgelegt werden kann. Stimmen aus dem ganzen Reiche vereinigten sich an der Bahre des Grafen Stürgkh zu einem mächtigen Trauerchoral. Es ist im allgemeinen keine leichte Aufgabe, in Oesterreich Ministerpräsident zu sein. Selbst in normalen Zeiten ist da die Bürde viel größer und schwerer als die Würde. Den Grafen Stürgkh hatte aber das Schicksal in den schwersten Stunden an die Spitze der Staatsgeschäfte gestellt, die die Monarchie je durchgemacht. Gleich im ersten Jahre seiner Ministerpräsidentschaft brach der Balkankrieg aus und in einer richtigen Vorahnung der kommenden Dinge, die leider alle Befürchtungen übertroffen haben, mußten jene Maßregeln ergriffen werden, die der Schutz des Vaterlandes erheischte. Das neue Wehrgesetz, die Kriegsdienstleistungsgesetze usw. mußten einer parlamentarischen Erledigung zugeführt werden. In dem von einer mehrjährigen Obstruktion zerrütteten österreichischen Parlamente war dies keine leichte Aufgabe. Aber das schwierige Werk ist dem Grafen Stürgkh, dank seinem ernsten Wollen, seiner Geschicklichkeit und seinem moralischen Einflüsse auf die Volksvertretung gelungen. Als dann das schreckliche Blutvergießen, dessen Ende noch immer nicht abzusehen ist, seinen Anfang nahm, sah sich der Ministerpräsident vor Aufgaben gestellt, wie sie vielleicht keinem seiner Vorgänger gestellt waren. Ohne Parlament, — das infolge der bekannten Vorgänge ausgeschaltet war, — mußte die Staatsmaschine gerade in dieser ernsten Zeit nicht bloß in Gang gehalten, sondern es mußte auch vieles neue und unerwartete geradezu improvisiert werden. Es galt, sämtliche Kräfte des Staates in politischer, finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Es war dies eine Riesenaufgabe, die nur mit der höchsten Anstrengung, der höchsten Aufopferung und der weitgehendsten Pflichterfüllung bewältigt werden konnte. Daß dies alles gelungen und zustandegebracht werden konnte, das ist zum größten Teile das persönliche Verdienst des ermordeten Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh. Nur dank seinem Riesenfleiße, seiner unermüdlichen Arbeitslust und seinem unschätzbaren Verantwortlichkeitsbewußtsein konnte das Durchhalten aller Bevölkerungskreise und das friktionslose Funktionieren der Staatsmaschine erreicht werden. Nun ist er durch Mörderhand gefallen. Wie ein Held auf dem Felde der Ehre. Die große Zeit, die wir jetzt durchleben, fordert täglich große und teuere Opfer. Graf Stürgkh ist eines dieser Opfer und nicht gerade das Geringste. Wenn die Feinde im Auslande etwa aus diesem Ereignis Kapital iür sich schlagen und das Märchen vom Zerfali der Monarchie wieder auftischen sollten, so werden sie gar bald eine bittere Enttäuschung erleben. Die allgemeine, rückhaltslose Verurteilung, die das ruchlose Attentat des Dr. Friedrich Adler in der ganzen Monarchie gefunden hat, die große, aufrichtige Trauer aller Klassen und Schichten ob des schweren Verlustes, den das Vaterland durch das Hinscheiden des Grafen Stürgkh erlitten, sie sind der beste Beweis dafür, daß dieser Verlust überaus schmerzlich und betäubend wirkte, daß aber alle Völker der Monarchie in grenzenloser Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit zu Kaiser und Reich nach wie vor entschlossen sind, im Kriege bis zum Endsiege durchzuhalten. Das Vorbild des ermordeten Ministerpräsidenten, dessen Eifer und Pflichtbewußtsein wird jedem Oesterreicher vorschweben und beispielgebend sein. Auch die österreichische J udenschaft beklagt in dem ermordeten Ministerpräsidenten einen wohlwollend, u. überaus gerechten Staatsmann, der in seiner langjährigen öffentlichen Tätigkeit, sowohl als Parlamentarier, wie auch als Unterrichtsminister und als Ministerpräsident, nie einen konfessionellen Unterschied gelten ließ und jeder gerechten und erfüllbaren Forderung und jeden berücksichtigungswerten Wunsch stets im Rahmen der Möglichkeit erfüllte. Als Unterrichtsminister hat Graf Stürgkh zum ersten Male einen jüdischen Referenten in das Departement für die Angelegenheiten der jüdischen Kultusgemeinden berufen. Er hat auch vielen langjährigen Wünschen bezüglich der jüdischen Religionslehrer in den öffentlichen Schulen entsprochen. Als Ministerpräsident nahm er jede Gelegenheit wahr, um sein Wohlwollen für die Juden zu bekunden. Wiederholt drückte er den bei ihm erschienenen jüdischen Deputationen seine Anerkennung über die patriotische Haltung der jüdischen Bevölkerung aus. In Angelegenheit der Flüchtlingsfürsorge, der Kriegswaisenfürsorge, wie auch in allen Angelegenheiten, die mit den Kriegsereignissen im Zusammenhange stehen, dokumentierte Graf Stürgkh das vollste Verständnis für die speziellen Interessen der Juden, und keine gerechte Forderung, kein gerechter und erfüllbarer Wunsch wurde abgewiesen. Mit dem größten Entgegenkommen wurden die jüdischen Deputationen empfangen und wer jemals die Gelegenheit hatte, vor dem Grafen Stürgkh zu erscheinen, war des Lobes voll über dessen Freundlichkeit, Wohlwollen und echten Liberalismus. Gleichsam mit allen anderen Völkerkreisen trauert die österreichische Judenschaft an der Bahre des Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh, dem sie stets ein dankbares Angedenken bewahren wird. Anläßlich des ruchlosen Attentats, dem der Ministerpräsident Graf Stürgkh zum Opfer gefallen ist, haben zahlreiche jüdische Gemeinden und Korporationen der k. k. Regierung Bedleidskundgebungen zugehen lassen. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde veranstaltete in einer Vorstandssitzunng eine Trauerkundgebung und der Kultuspräsisdent Dr. Alfred Stern richtete an die k. k. Regierung folgendes Telegramm: „Aufs tiefste ergriffen ob des unter so erschütternden Umständen plötzlich erfolgten Hinscheidens weiland Seiner Exzellenz des Herrn Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh gebe ich im eigenen Namen und namens des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde dem innigstempfundenen Schnterze Ausdruck. Wir beklagen in dem Dahingeschiedenen den Verlust eines Mannes, der in seinen hervorragenden Stellungen als Kultusminister sowie als Ministerpräsident der Tätigkeit unserer Gemeinde gerechte Würdigung zuteil werden ließ. In der heutigen Vorstandssitzung habe.ich der Trauer, die uns alle erfüllt, Ausdruck .gegeben, und wurde die dankbare Erinnerung an den Dahingeschiedenen im Sitzungsprotokoll einverleibt." Rumäniens Verrat und Strafe. Den verräterischen Rumänen ist ein großes, freilich zweifelhaftes Glück zuteil geworden. Ihr Name will gar nicht aus den Spalten der Tageszeitungen verschwinden. Allerdings ernten sie hiebei wenig Ehre und noch weniger Vergnügen. Tagtäglich erfahren sie neue Züchtigungen. Bald sind es moralische, bald physische Züchtigungen, die ihnen verabreicht werden und dies dürfte so lange dauern, bis sie aufhören werden, in diesem Kriege eine Rolle zu spielen. Das österreichisch-ungarische Ministerium des Aeußern hat kürzlich ein neues Rotbuch erscheinen lassen, enthaltend „Diplomatische Aktenstücke betreffend die Beziehungen Oesterreich-Ungarns zu Rumänien in der Zeit vom 22. Juli 1914 bis 27. August 1916". — Diese Akten - Sammlung ist nichts anderes als eine furchtbare Anklageschrift gegen die rumänischen Verräter, die bewußt das schändliche Verbrechen, einem langjährigen Freund in den Rücken zu fallen, begangen haben. König und Minister haben diesen Schritt selbst als Felonie, als Gemeinheit bezeichnet, und doch schreckten sie vor demselben nicht zurück, als es ihnen schien, daß die passende Zeit, leichte Beute zu machen, gekommen ist. Bilden die in dieser Sammlung veröffentlichten 111 Aktenstücke eine glänzende Rechtfertigung der österreichisch-ungarischen Diplomatie, die dadurch den Beweis erbrachte, daß sie die Rumänen richtig beurteilt und eingeschätzt hat und sich keineswegs hinters Licht führen ließ, so ist mit dieser Veröffentlichung andererseits erst recht der Beweis erbracht worden, wie elend und schändlich dieses Gesindel gehandelt hat, dem man in Paris und London den Titel „edelmütig" so freigiebig verlieh. Der Verrat der Rumänen bezüglich der den Juden gemachten Versprechungen findet hier ein passendes und bezeichnendes Gegenstück. So sieht die politische Moral dieser Leute aus, die sich erkühnten, sich als die „Franzosen des Balkans" zu bezeichnen. Ist dieser Verrat nun so evident, so ist andererseits auch die Strafe überaus drastisch. Nach den wuchtigen Schlägen, die sie bei Tutrakan, Silistria und Rahova im Süden, sowie bei Hermannstadt, Fogaras unnd Kronstadt an der Nordfront erhalten haben, sind sie nun bei Konstanza und Predeal von neuen Katastrophen ereilt worden. Nicht einmal die vor etwa zwei Jahrtausenden durch einen Römerkaiser errichteten Wälle haben ihnen und ihren russischen Freunden Schutz geboten. Geschlagen auf der ganzen Linie, in Nord und Süd flüchten sie nun in wilder Panik ins eigene Land zurück, von dem Sieger verfolgt. Mit Riesenschritten eilen sie dem verdienten Schicksale entgegen und es bewährt sich an ihnen der Fluch der heiligen Schrift: Auf einem Wege wirst du dem Feinde entgegengehen und auf sieben Wegen wirst du vor ihm die Flucht ergreifen. „Hilfe für Rumänien!" ist heute die Parole der Entente. Aber keiner der Freunde ist im Stande, diese Hilfe zu bringen und die Verräter werden ihrem Schicksale überlassen.