Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 34 (10.10.1916)
- Date
- 1916-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 jüdische Korrespondenz Seite 3 ten werden nicht bezahlt. Bei solchen Arbeiten, für die ein Lohn gewährt wird, lehnt man die massenhaft sich anbietenden Juden einiaoh ab. Der Semstwobund hat an ekligen Orten Arbeitsstellen für Frauen errichtet, in denen auch Jüdinnen beschäftigt werden, doch droht wegen Mangels an Rohstoffen die Schliefhing der Werkstätten. Alle dem Semstwobund zugehenden Berichte betätigen, daß die Juden keine Arbeit scheuen, um ihr Leben m verdienen. Der Bund ist aber „aus Gründen rein örtlicher Natur" (<1. b. wegen des Antisemitismus der ansässigen /polnischen und ukrainischen Bevölkerung) nicht in der Lage, den Juden Arbeit zu verschafien. Der Semstwobund hat in Qalizien eine große Zahl sogenannter 'Komsumgeschäfte zum billigen Verkaufe vom Lebensrnitteln errichtet; die Verwalter sind überall Polen oder Ruthenen. Die Juden sind größtenteils von der Benutzung dieser Einrichtung ausgeschlossen. Einige Verwalter weigerten sich überhaupt, an Juden Waren zu verkaufen, andere verhinderten durch Schikanen, z. Ii. durch den Verkam" aller wichtigen Lebensmittel nur am Samstag, die Juden am Einkauf. An einigen Urteil trafen auch die {Behörden derartige Maßnahmen; 111 Tarnopol. wo der Semstwobund ein eigenes Konsumgtsohäfit für die Juden gegründet hatte, wurde es auf militärischen Befehl wieder geschlossen. Die eigentümliche Erscheinung, daß der Semstwobund gegen die Leiter se.ner Hilfswerke in Qalizien, also seine eigenen Beamten, öffentlich Stellung nimmt, erklärt sich daraus, daß die Verwalter von der Militärbehörde angestellt weiden und sich offenbar den Weisungen der Semstwovertreter einfach nicht fügen. Sie haben auch, wie der Bericht beklagt, gegen die Kinderheime des Semstwobundas, in denen überall christliche und jüdische Kinder mit gleicher Liebe gepflegt werden, Umtriebe angezettelt, um ihre Schließung zu erzwingen. Das ist zwar bisher nicht gelungen, aber es dürtte doch damit zusammenhängen, daß trotz der ganz unzureichenden Zahl d.oser Heime, in denen im ganzen etwa tausend Kinder untergebracht sind, „keine Hofinimg besteht", wie der Bericht ausdrücklich bemerkt, diese Organisation zu erweitern. Auch die medizinische Hilfeleistung ist dort, wo der Semstwobund seine Tätigkeit noch nicht eröffnen komue, besonders für die jüdische Bevölkerung ganz unzulänglich. Dieser Bericht, der den neutralen Stellen zum vergleichenden Studium anläßlich der neuen Angriffe aui die deutsche Verwaltung der Okkupationsgebiete im Westen empfohlen wird, stammt, wie erwähnt wurde, aus russischer Quelle und 'bezieht sich auf die jetzigen Zustände in Ostgalizien. Die Woche. Spende des Kaisers. Der Kaiser hat der Witwe Sarah Ellenberg in Wien als Mutter von 7 zur Krieigsdienstleistung eingerückten Sölmen aus Privatmitteln eine Spende von 500 Kronen und eine mit den Allerhöchsten Initialen gezierte Bronzestatuette gespendet. Die Spenden überreichte Polizeipräsident Freiherr v. Gorup der Genannten in seinem Bureau. Fleischgenuß am Vorabend des Jom-Kippur. Das Ministerium des Innern hat genehmigt, daß den Angehörigen der Fleischgenuß sowohl in der Familie, wie in den rituellen Gasthäusern am Vorabend des Joni- Kippur, d. i. der 6. Oktober 1. J., gestattet werde. Ueber Erlaß des k. u. k. Kriegsministeriums, Abt. XI]., Nr. 9664«, vom 30. September 1916, wurde veriügt, 4. Verschiebung des Zentrums der Judenheit. Eine Folge des Weltkrieges ist die Verschiebung des rationalen Zentrums der Judenheit. Bis jetzt war das üravitationszentrum des jüdischen Volkes das Reich des Zaren. Dort lebte, unter dem Szepter der Romanotis, die Hälfte des jüdischen Volkes als eine kompakte nationale Menge. Die russische Judenheit, d. h. die Juden von Littauen, Polen, Wolhynien und anderer Reichen standen alle unter den gleichen Gesetzen und Beschränkungsmaßregeln, und mehr als 125 Jahre lang — mit nur wenigen Unterbrechungen — bildeten sie nolcus volens eine kompakte nationale Einheit und führten ein besonders Leben. Dieses jüdische Zentrum, das — trotz seiner Unzulänglichkeiten — die Quelle jüdischer Kultur, die Basis des jüdischen Volkslebens ist, hat die übrige Judenheit in der ganzen Diaspora beeinflußt. Im Juli 1914 gab es im ganzen 6 Millionen Juden russischer Staatszugehörigkeit. Jetzt (im Sommer 1916) ist Rußland um ein Gebiet von über 21/» Millionen Juden ärmer (Polen 1.800.000; der größte Teil von Littauen, d. h. Grodno 280.000, Wilna 210.000, Kowno 22.000 und ganz Kurland etwa 40.000). Die jüdische Bevölkerung innerhalb der jetzigen russischen Grenzen beträgt kaum noch 3Vi Millionen: Südwestlicher Teil des Ansiedlungsrayons (Kiew, Wolhynien, Podolien, Poltawa. Tschernigoff) 1.800.000 Südlicher Teil (Bessarabien, Jekaterinoslaw, Taurida, Cherson 800.000 Kleine Abschnitte des nordwestlichen Teils (Minsk, Mahilew, Witebsk) 700.000 ZentralruBland, Sibirien, Turkestan, Kaukasus, etwa 50.000 3.800.000 daß, um den Offizieren und Mannschaften des israelitischen Glaubensbekenntnisses am Vortage zum Versöhmingsfeste den FlaischgenuU zu ermöglichen, der 6. Oktober al FleisOhtag, dagegen der 5. Oktober als fleischloser Tag erklärt werde. bk kreutiorganisatlooeu Ualiziens und der Bukowina Nach dem Erscheinen der kaiserlichen Verodnungen uoer oie Emiuhrung eines Kriegszuschlages zu den direkten Steuern und über die Erhöhung der Stempel und Gebühren haben die wirtschaltuchen Vereinigungen und Kreditorgamsationen Qauziens und der Bukowina in Denkschritten, die der Regierung überreicht wurden, Wünsche wegen der Behandlung dieser beiden Länder auf dem Gebiete des Steuer- und Gebuhrenwesens im H.nbhck aui die durch die Knegsereignisse verursachten wirtschaftlichen Verhältnisse erhoben. Ueber diese Fragen hat am 7. d. M. eine Konferenz im Finanzministerium unter dem Vorsitze des Fuianzmmisters Dr. Rrtter v. Leih und im beisem des Ministers Dr. v. Morawski mit den Vertretein der beiden Lander stattgefunden. Die Konferenzteilnehmer nahmen Gelegenheit, die wirtschaftlichen Verhältnisse der beiden Länder eingehend zu schildern und die Gründe darzulegen, die nach ihrer Anschauung gewisse Erleichterungen für deren Bewohner rechtfertigen würden. Finanzminister Dr. Ritter v. Letii betonte, wie sehr er es als seine besondere Autgabe betrachte, den Wiederaufbau aller vom Kriege unmittelbar betroffenen Länder zu unterstützen und ihnen jene Förderung angedeihen zu lassen, die ihr wirtschaftliches Leben und damit auch ihre Steuerkraft neu zu beleben vermöchten. Um die in dieser Hinsicht von den Vertretern der beiden Länder angeregten Maßnahmen m,t den Fachorganen des Finanzministerium im einzelnen zu beraten, wurden zwei Subkomitees, das eine für Steuern, das andere für Gebühren, bestellt, denen Vertreter der wirtschaftlichen Organisationen Galizieus und des reiohstätlichen Polenklubs sowie Vertreter der Bukowina angehören. Die „Städtische Kriegskreditbankiur Uallzien. Die „städtische Kriegskreditbaiik" iur üalizien, deren Aufgabe es sein soll, den gahzischen Handel- und Gewerbetreibenden, sowie den Angehörigen der freien Berufe, die indirekt durch die Kriegsereignisse gelitten haben, hillige und unter günstigen Bedingungen rückzahlbare Anleihen zu gewähren, dürite demnächst ihre Tätigkeit aufnehmen. Vorige Woche ist der Verwaltungsrat dieser Bank bestimmt worden und zwar wurden 12 Mitglieder seitens des Finanzministers ernannt und 6 Mitglieder seitens des gahzischen Städteverbandes bestimmt. Unter den Mitgliedern des Verwaltungsrates befinden sich auch 2 Juden und zwar wurde Abg. Dr. v. Löwenstein vom Finanzminister ernannt, Hofrat Sare vom Städteverband designiert. Die Kriegswalsenlürsorge. Vorige Woche hat eine Deputation des jüdischen Ki legswaisenkomitees in Qalizien, vertreten durch Präsident Hofrat Sare, Prof. Dr. Ehrmann und Dr. Gelber vom Wielner Kriegswaisenhilfskomitee unter Führung der Abg. Dr. v. Löwenstein und Dr Steinhaus beim Referenten des Finanzministeriums vorgesprochen, um verschiedene Wünsche des Komitees vorzubringen. Abg. Dr. v. Löwenstein hat in dieser Angelegenheit speziell beim Finanzminister interveniert. Sowohl der Minister als auch der Referent haben versprochen, die Wünsche und Forderungen der Deputation bezüglich einer stärkeren Dotation der staatlichen Beträge nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Die Juden in jenen Gebieten, die unter deutsche Herrschaft gelangt sind, zusammen mit den Juden in Deutschland (615.000) und denen in Oesterreich-Ungarn (2.260.000) sind also im Begriff, ein neues jüdisches Ztntrum von über 51/» Millionen Seelen zu bilden. Wenn die Verhältnisse bleiben wie sie jetzt sind, eihält das jüdische Volk ein ganz anderes Aussehen als näher. Es erhält dann drei große Zentren: erstens das österreichisch-deutsch - polnische oder das jüdische Zentrum der Zentraimächte mit 5'/» Millionen Seelen; zweitens das russische mit etwa 3'/2 Millionen; drittens das amerikanische mit .3 JVliltionen. Dazu kommen eine Reihe kleiner Zentren in verschiedenen Ländern. Diese Verschiebung ist die größte, die je in der Geschichte der Juden stattgefunden hat. 5. Die Katastrophe im Jüdischen Leben. Ein Resultat des Krieges, an dem auch eine Änderung der heutigen politischen Lage nichts mehr ändern könnte, ist die Zerstreuung der Juden Littauens und Polens über Zentralrußland und die damit verbundene Katastrophe im jüdischen Gemeindeleben. Durch sie ist die seit 140 Jahren bestehende Ansiedlungsrayon durchbrochen worden. Seit anderthalb Jahrhunderten war das russische Volk in Zentralrußland und m den asiatischen Provinzen Rußlands (Sibirien, Turkestan und Kaukasus) niemals in nahe Berührung mit den Juden gekommen. Eine ganze „chinesische Mauer" von Oesetzen, ministeriellen Verfügungen, Gerichtsentscheidungen, Polizeiverordnungen usw., war zu diesem Zweck aufgebaut worden, die nun durch den Weltkrieg gewaltsam zerstört worden ist. Der große Strom der Kriegsflüchtlmge und Ver- Die Arbeiten des Komitees m Gahzien weiden sehr energisch betrieben und eine große Anzahl Waisen ist bereits entsprechend untergebracht. Besonders eifrig ist das Mitglied des Westgalizischen Koinites. Kuhusvizepräsident Dr. Rafael Landau, um die Waiseniursorgc t>einulit, welcher er viel Zeit und Arbeit widmet. Judenverfolgungen in Rumänien. Wie man aus Stockholm berichtet, veröffentlicht das russische Blatt „Swiet" mit großem Beilagen die Bu- Karester Behauptung, wonach in Rumänien die anti-jüdisclie Mromung sich bedeutend verschärft habe. Schon bei den Agitationen der Kriegsparlei vor Kriegsbeginn Partei die Oberhand gewann, wurden die Juden rücksichtslos verfolgt. In Braila wurden die Warenlager streng durchsucht, dabei wurde auch geplündert u. die Besitzer schwer mißhandelt. Es ist zu erwarten, dal die Ausjetzt der große Ruckschlag am den Knegsseuauplauon eingetreten ist. In Bukarest wurde em judisclivi Uctrcidohandler und dessen Frau erschlagen, deren enuigei i-otm desertierte. Eine rumänische Zeitung veroticutlicht Linen Artikel, der bezeichnend dafür ist, wie die Rumänen nach Siebenbürgen Freiheit bringen wurden, wenn es ihnen gelange, das Land zu erobern. Das Blatt schreibt nämlich unter anderen folgendes: Und so wird endlich em wahrhatt rumänisches Land entstehen. Denn besoiklci.s was uns ist, ausgesehen. Das Judentum wird aus unserer Mitte ausgemerzt werden . . . Die Mittelmächte haben schon inzwischen dann hei) anrichten können. Simon Samuel Frug gestorben. Nach l'erez und bchalom-Alejchem ist nun auch der berühmte jiddische Dichter Simon Samuel Frag wahrend des Krieges gestorben. Auch Frug gehörte zu denjenigen jiddischen Dichtern, die zur Schaffung der modernen jiddischen Literatur mitgeholfen haben, ^ein im setzbaren Verlust. Frug verschied am 2U. September in Oddessa infolge einer Nierenkrankheit. Das Leichenbegängnis fand unter überaus großer Beteiligung statt. Ehre seinem Andenken. Chronik. Die Juden in Siebenbürgen. Die jüdische Bevölkerung jenseits des Kömgssleigs ist verhältnismäßig klein an Zahl. Laut der Volkszählung vom Jahre 1910 betrug die Seelenzahl der Juden m Siebenbürgen im Ganzen 64,074, was i,4"o der Gesamtbevolkerung in diesem Teile Ungars entspricht. Am wenigsten ist das jüdische Element m dem Gebiete zwischen der Theiß und der Maros vertreten. Durch den Ueberiail Rumäniens wurden 13 siebenbürgische Kouutate berührt. Die Bevölkerungszahl beträgt hier im Ganzen 2,255,664, davon 35.ÜUÜ Juden oder 1,48 >«, w elche jetzt gleichfals ihre alte Heimat verlassen mußten. In ganz Umgarn beträgt die Zahl der Juden 5% der Gesamtbevölkerung. Ein neues jüdisches Gefängnis In Kiew. Die aus Qalizien verschleppten zahlreichen Einwohner werden regelmäßig eine Weile in Kiew gehalten, bevor sie über den Dnjepr geschickt werden. Für die verschleppten Polen existiert seit vorigem Jahre ein spezielles Arresthaus und ein ebensolches ist für die Juden im vorigen Jahre eingerichtet bannten, den die Ansiedlungsrayen nicht mehr fassen konnte, strömte auf das geheiligte russische üebiet über. Durch die Ministerialverordnung vom 4. (17.) August 1915, durch die den Juden vorübergehend das Wohnreeln in allen Städten Rußland (mit Ausnahme der kaiserlichen Residenz und einiger anderen Plate) zugebilligt wurde, ist diese Tatsache legalisiert worden; außerdem wurden 250.000 bis 300.000 Juden gewaltsam evakuiert. Es haben also gewaltige Verschiebungen der jüdischem Ansiedlung in den russischen Städten stattgefunden. Juden aus Srnorgon sind nach Kungunsk im Ural gekommen, Juden aus Krakinow nach Ufa. Man muß das Leben einer jüdischen Qememde in Srnorgon, Krakinow oder einer ähnlichen Stadt kennen, um zu verstehen, was für eine Katastrophe ihre gewaltsame Verschickung nach dem Ural bedeutet. Es handelt sich nicht nur um einen völligen Umschwung m der traditionellen Politik der russischen Regierung, sondern auch um einen völligen Umschwung im innerjüdischen Leben. Die Lage in den neuen jüdischen Siedlungen ist heute sehr schlimm. Inmitten einer fremden Umgebung, ohne Kenntnis der sie umgebenden Sprache, ohne die dein Juden so notwendigen Einrichtungen, wie Synagogen, Chedarim, Ohevras usw., fühlt sich der neue Siedler sehr unbehaglich und leidet materiell, körperlich, seelisch und sozial unter den neuen Verhältnissen. Aber dank der riesigen Hilfe der jüdischen Organisationen, dank dem Organisationstalent der Juden und besonders ihrer Fähigkeit, sich anzupassen, beginnen die verstreuten Juden sich einzugewöhnen. Die Zersplitterung des jüdischen Gemeindelebens wird sich aber nie wieder gut machen lassen. (American Hebrew.)