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Jüdische Korrespondenz · 1916-10-10 · 34 (10.10.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
34 (10.10.1916)
Date
1916-10-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 34. brüder, die Wiener Kultusgemeinde und jüdische Wohlfahrtsvereine sind die Spender. Das Bewußtsein, so erfreuen und helfen zu können, erleichtert die Aufgabe des Feldrabbiners; viel schwerer fällt ein anderer Weg: Der Gang zum Sterbenden, dem es Herzensbedürfnis ist, das Sündenbekenntnis abzulegen und mit dem „Schema Jisroel" auf den Lippen aus der Welt zu scheiden. Aber nicht bloß die Kranken, die eine Sorge drückt, haben das Verlangen nach dem Feldrabbiner. Die Augen eines selbstbewußten jüdischen Soldaten leuchten, Wenn im Krankensaale ein Militärseelsorger erscheint, von dessen Lippen der Ruf kommt: „Kameraden, wer von Euch ist ein Jude?" Das Gefühl, auch in religiöser Hinsicht den nicht jüdischen Kameraden gleichgestellt zu sein, erweckt mehr als Freude, geradezu patriotisches Empfinden. Da der Krankenbesuch zu den heiligsten Pflichten des Judentums zählt, haben sich die ehrwürdigen Rabbiner der Kultusgemeinde, sowie mehrere Herren Religionsprofessoren gleich zu Beginn des Krieges bereit erklärt, die Verwundeten zu besuchen. Die Militärseelsorge hat diese Mitarbeit freudig begrüßt. Nicht minder wird für die jüdischen Soldaten gesorgt, welche außerhalb Wiens in den Garnisonen d. Korpsbereiches sich befinden. Allmonatlich bereisen zwei Feldrabbiner die einzelnen Stationen nach einem bestimmten Programme, halten Gottesdienste ab und besuchen die Kranken. Diese Reisen führen zunächst in Orte, in denen es keine Kultusgemeinde gibt; sie sind daher von größter Wichtigkeit. Man vergegenwärtige sich einmal, wie gehoben und gestärkt sich jüdische Soldaten, die losgelöst von jedem Gemeindeleben sind, durch einen solchen Besuch fühlen; auch ihre Dienstesfreudigkeit wird sicherlich günstig beeinflußt. Mit Rücksicht auf die Größe des, Militärkommandobereiches versehen in einigen Stationen die Ortsrabbiner subsidiär die Militärseelsorge; auch dort erscheint von Zeit zu Zeit ein Feldrabbincr, namentlich wenn sich daselbst ungarische Soldaten befinden. Regelmäßig werden in jedem Monate die Kriegsgefangenenlager im Militärkommandobereiche besucht. Das Verlangen nach dem Seelsorger ist hier ein sehr großes. Denn wer sehnte sich wohl mehr nach dem Trostwort der Religion, als Menschen, die fern der Heimat in Gefangenschaft weilen. Daß die Militärseelsorge bestrebt ist, sie mit Ritualien zu versorgen, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Sämtliche Erlässe, die Religion betreffend, welche für unsere Soldaten erwirkt werden, finden auch auf sie sinngemäße Anwendung. So erhalten sie am Pessach rituelle Kost, und sind an allen Festtagen von der Arbeit befreit. Es ist dafür gesorgt, daß sie sich nach Verlangen zum Gebete versammeln können; in einigen Lagern haben sie einen ständigen Betraum mit einer Torarolle, so, daß sich ein regelrechtes Gemeindeleben gebildet hat. Anläßlich des Monatsgottesdienstes wird das Lagerspital besucht, und stirbt ein Kriegsgefangener, entsendet das Militärkommando einen Feldrabbiner zum Leichenbegängnisse. Jeder einzelne jüdi- Feuilleton. Die Juden im Wellkriege. Von Boris Goldberg. Iis ist Zeit nachzuprüfen, welchen Einguß bisher der Krieg auf das Leben des jüdischen Volkes gehabt hat. Der Anteil der Juden am Kriege läßt sich in dreifacher Hinsicht feststellen. Sie stehen zum Kriege in Beziehung: 1. als Teil der Bevölkerung der kriegführenden Länder; 2 als Teil der Bevölkerung jener Gebiete, die unmittelbar von der Kriegsnot heimgesucht wurden; 3. als Teil der kämpfenden Heere, die tätigen Anteil an der Kriegführung nehmen. 1. Die Juden in den kriegführenden Ländern. Vom gesamten jüdischen Volke, das üi der ganzen Welt 13'ln Millionen Seelen zählt, leben nicht weniger als 10.299.000 in den kriegführenden Ländern. Rund geredinet gab es zu Beginn des Krieges in den Ländern ■der Entente 6.943.0Ü0 und in den Ländern der Zentralmächte 3.356.000 Juden. (Rußland 6.060.000; England 246.000; engl. Kolonien 170.000; Frankreich 100.000; französ. Kolonien 283.000; Italien 44.000; ital. Kolonien 19.000; Belgien 15.000; Serbien 6.000; Oesterreich-Ungarn 2.258.000; Deutschland 615.000; Türkei 445.000; Bulgarien 38.000). Danach verbleiben in den neutralen Ländern 2.984.000 oder knapp 22.5 Prozent.') Von dieser Gesamtzahl entfallen auf die Vereinigten Staaten 2,350.000. ') Durch den Eintritt Rumäniens in den Krieg hat sich diese Ziffer inzwischen noch verschoben. In Rumänien gibt es 269.000 Juden. sehe Gefangene ist bestrebt, das Seine dazu beizutragen, aaß der tote Gefährte nach judischen Bräuchen zu Grabe gebracht werde. Alle judischen Lagergenossen geben ihm das Geleite. Eine Tafel mit hebräischer Inschrift bezeichnet das in einer besonderen Gruppe des Knegsgeiangenenfriedhofes liegende Grab, ein aus 1 annenzweigen geflochtener „Mögen Dovid" ziert es. Kein Auge bleibt tränenleer, wenn der tote Bruder in die fremde Erde gebettet wird. Ein rührender Anblick jüdischer Bruderliebe! Durch all die angeführten Maßnahmen tragt unsere Heeresverwaltung nicht bloß den religiösen Gefühlen der jüdischen Kriegsgefangenen Keciinung, was diese wiederholt dankbarst betonen, sie gibt vielmehr ein leuchtendes Beispiel euelster Duldung und Menschlichkeit und wirkt so erzieherisch aui sämtliche Kriegsgefangenen ohne Unterschied des Stammes und Bekenntnisses. in dem Bisherigen ist die Seelsorgetatigkeit im engeren Sinne des Wortes gezeichnet. Ls erübrigt noch in wenigen Sätzen weiterer Agenden Erwähnung zu tun, die dem Amte obliegen. In einem an die Kanzlei anstossenden Räume in d. Rossauer-Kaserne wurde eine Haussynagoge der Militärseelsorge eingerichtet, in itir tiiiüen Gottesdienste statt, wenn die 1 eiliiehmerzahl keine große ist, so für die in der Kaserne untergebrachten Kriegsgefangenen-Arbeiter. Vor allem aber werden in derselben 1 rauungen von Militärpersonen vorgenommen. Im engsten Familienkreise schließen hier Braut und Bräutigam den heiligen Bund, bewegten Herzens empfangen sie den Segen der Religion. Auf aller Lippen ist ein Gebet: Gesunde Heimkehr! Es sind Kriegstrauungen! Schließlich sei noch des traurigen Zweiges der Seelsorge gedacht, des Friedhorsdienstes. Bei jedem Militärleichenbegängnisse fungiert ein Feldrabbiner. Ueber Anregung der israelitischen Militärseelsorge vertreten jüdische Offiziere abwechselnd das Militärkommando. Es würde zuweit führen, fernere Einzelheiten zu schildern, wie die Erwirkung und Durchführung aller Maßnahmen, welche den judischen Soldaten die Möglichkeit bieten, nach den religiösen Vorschriften zu leben (Gottesdienst, Feiertage, rituelle Kost). Es sollte ja bloß ein B i 1 d von der Arbeit einer im Kriege gebo^- renen Institution entworfen werden. Die k. u. k. Israelitische Militärseelsorge ist heute die berufene Vertretung der israelitischen Konfession bei der Militärbehörde. Und gerade an einem solch anerkannten militärischen Repräsentanten hat es bis jetzt gefehlt. Das Bestreben der Heeresverwaltung, allen Bekenntnissen gleiches Recht angedeihen zu lassen, berechtigt zur Hoffnung, daß die israelitische Mihtarseelsorge eine dauernde Institution bleiben wird. Aus Hickels „Jiddischem Volkskalender", 5677. Die Juden im russischen Okkupationsgebiete. Schon vor dem Durchbruch von Gorlice und larnow der die in wenigen Wochen durchzuführende Räumung Es leben also drei Viertel oder, genau gerechnet, 77,5 Prozent des jüdischen Volkes in den knegtührenden Ländern, und diese haben ein tiefes Interesse am Ausgang des Krieges. Dieser Gedanke wird noch klarer, wenn man ihn folgendermaßen ausdrückt: Das judische Volk als solches führt gegen niemand Krieg, aber 7/.5 Prozent aller Juden vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen, 55 Prozent auf Seiten der Zentralmächte. Diese statistischen Zahlen zeigen noch nicht genügend, wie sehr das jüdische Volk durch den Krieg leidet. 2. Die Juden im Kriegsgebiet. Das Leben in einem kriegführenden Lande ist bestenfalls mit großen persönlichen und materiellen Optern verbunden. Diese sind jedoch am größten und stärksten in jenen Teilen der kriegführenden Länder, welche die eigentlichen Kriegsgebiete ausmachen. Alle Schrecken, die mit einem Feldzug verbunden sind — Bombardement, Mord, Feuer, Plünderung, Requisitionen, Not und Krankheit, sind das unvermeidliche Los der Bevölkerung in diesen Gebieten. Und gerade in dieser Beziehung sind wir das ausgewählte Volk; gerade die Gebiete in denen die größten Massen des jüdischen Volkes vereinigt sind — Polen, Littauen, Galizien, Bukowina, Wolhynien — sind die Stätten der kriegerischen Vorgänge. So sind z. B. Sochaczew in Polen und Smorgon in Littauen einfach vom Erdboden verschwunden. Bezüglich Rußlands mögen die folgenden Zahlen die Lage veranschaulichen: Von den 25. Gouvernements, die die jüdische Ansiedlungsrayon bilden und wo 94 Prozent russischer Juden leben, liegen 19 im Kriegsgebiet und nur 6 außerhalb desselben, aber doch in unmittelbarer Nähe. Dagegen sind von den gesamten 60 Gouvernements, in die das europäische Rußland eingeteilt ist, nur 22 -direkt vom Kriege betroffen, und hierdes von den Russen besetzten teils von Gakzien eizwang, machte sich *n der russischen tortscnnttiichen Piesse eine leohalte bewegung gegen die Verwaltung des Okkupationsgebietes geltend, die dortbin die schlimmsten Mißbrauche der russischen Bureaukratie ubertragen hatte. Auch m englischen Zeitungen bemerme man eleu Widerhall dieser Klagen, die nur zu begründet waren. Die Räumung üanzNiiis entzog dann diesen Erörterungen wen Boden der unmittelbaren polnischen Aktualität, sie wurden aber noch einige Zeit fortgetührt. Gewiß ist es kein Zufall, daß nach der abermaligen Besetzung «miger leue Owgdliziens in diesem Sommer nicht melir Gral BobnnsKi, uer in Lemberg als btattnalter des Zaren wi-rtseliaxtete, in sejn trüberes Amt eingesetzt wurde. Man schien tn Petersburg entschlossen zu sein, d.e Mißstände der ersten Okkupation zu vermeiden und die liberalen Blatter machten kein Mehl aus ihrer Befriedigung darüber, weil sie vor den westlichen Verbündeten Rußlands gerne die Rolle des Kulturträgers spielen mochten. Wie es nun aber wahrend der zweiten Besetzung in Galizien unter russischer fierrschart aussieht, geht aus einem Berichte des russischen bemstwobundes hervor, dessen Hilfswerk im größten Still organisiert ist und dessen a-mtUehe Mitteilungen, die jede .politische Polemik vermeiden, sich von jeher durch strengt bachnchkeit, ausgezeichnet haben. Wir entnehmen diesem Berichte, der uns vor den „Judischen Nachrichten zur Verfugung gestellt wird, folgende Einzelheiten über die Lage der Juden im russischen Okkupationsgemete, aus denen auch scharfe Lichter aui die dort herrschenden allgemeinen Zustande fallen. Die materielle Lage der Juden, sowohl der ansässigen wie der aus früheren Wohnsitzen vertriebenen, hat sich sehr verschlechtert. Der Mandel ist von judischen allmählich in andere Hände ubergegangen, die Steuerlasten sind bedruckend, vor allem aber hat das unbedingte Verbot der Bewegungsfreiheit, das die Juden verhindert, ihre Waren in Handelsstädten einzukaufen, den judischen Mandel ruiniert. (Aus dieser Bemerkung geht hervor, das die Verordnungen Bobrinskiis, wonach kein galizischer Jude seinen Wohnort verlassen dari, noch jetzt m Kraft sind.) Alle judischen Feehauser wurden geschlossen und die Eröffnung neuer verboten, wodurch em bedeutender Gewerbezweig vernichtet wurde. Die Lage der Handwerker ist -jämmerlich. In einer Stadt verboten die Militärbehörden den Juden den Handel mit Brot, weil sie sich geweigert hatten, am babat Handel zu treiben. Der Semstwobund unterhalt uberall in Gakzien apeisehallen, deren Leiter und Angestellte aber den Militärbehörden unterstehen. Da sie steh den Juden gegenüber otten feindlich verhalten, biäbef nie Juden, auch wenn sie das Recht zur benutzung dieser Wohlfahrtsemnehtungen hatten, ihnen fern. Die Speisehallen dürfen nahmlich nur ausschließlich von der arbeitsunfähigen BevolKerung benutzt werden. Tatsächlich wenden sich aber nur solche Juden an sie, die unmittelbar vor dem Verhungern -stehen. Der Bericht fugt bei, daß gegenwartig beabsichtigt sei (von wem, wird nicht gesagt), die Stpeisehallen ganz zu schließen und den notleidenden Greisen und Kindern dafür eine tägliche Geldunterstutzung von 15 bis 18 Kopeken zu gewahren. Die Juden werden zwar überall zur arbeitsfähigen Bevölkerung gezahlt, die keine Unterstützung erhält, tatsächlich sind sie aber von den meisten Arbeiten ausgeschlossen. Man zwingt sie, wie der Bericht bemerkt, nach wie vor ohne Rucksicht auf Alter, Stand und Gesundheit zu Arbeiten auf den Landstraßen, Eisenbahnen, zur Straßen- und kloakeiireinigung; aber diese Arbeivon liegen 19 -im judischen Ansiedlungsrayon und nur 3 außerhalb desselben. (jalizien nud die Bukowina sind volls.iindig Knegs- In einem Wort: Für mehr als die Hälfte der 10 Millionen Juden, die durch ihre Staatszugehorigkeit zu den kriegführenden Landern vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen sind, sind die Schrecken und Leiden des Krieges durch ihren Autenthalt im Kriegsgebiet wesentlich verschärft worden. 3. Tätiger Anteil der Juden am Heeresdienst. Bisher war nur von dem passiven Anteil die Rede, den der größte Teil der Juden am Kriege hat. Sehr bedeutend ist aber auch der aktive Anteil der Juden als Soldaten und Offiziere m den kampfenden Heeren. Noch laßt sich über diesen aktiven Anteil kerne genaue Statistik zusammenstellen. Im September 1914 hatte der bchreaber dieser Zeilen Gelegenheit, statistisch festzustellen, daß damals m der russischen Armee rund 368.000 Juden dienten. Seit dieser Zeit hat sich diese Zahl aut 4S0.0O0 bis 500.000 erhöht. In Deutschland und Oesterreich dürften etwa 200.000 Juden im Herre stehen. Dazu kommen 40—50.000 Juden in den türkischen, bulgarischen, britischen, franzozischen, serbischen u. ital. Heeren. Im ganzen können wir annehmen, daß das jüdische VoIk eine Armee -von etwa 800.000 Soldaten auf die Schlachtfelder entsandt hat. Es erhebt sjch nun die elementare Frage: Welchem gemeinsamen jüdischen Volksmteresse dient dieses große Heer von Juden? Für welctie jüdische Sache werden diese furchtbaren Blutopfcr gebracht? Für kern einziges anderes Volk existiert diese Frage. Vom Standpunkt des judischen Volkes »t das Blut eraer riesigen judischen Armee umsonst vergossen.

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