Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 34 (10.10.1916)
- Date
- 1916-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. llf««!,^!«** <iill'.A'.^^U^ __~„ Redaktion und Administration: vierteijÄhrtch k 12o Wochenblatt für jüdische Interessen. > wien, vm. Aiserstmße NtQUnek Mit »oller Qudteiangabe gettattot. Redakteur: Jonas Kreppel. I Erscheint jedTn Donnerstag Mr. 34. Wien, 10. Oktober 1916. 2. Jahrgang. Jfch *^sdü; 8 AS befreite Siebenbürgen. Qottes Mühlen mahlen diesmal rasch und sicher. Rascher als erwartet, haben die verräterischen Rumänen die Strafe für ihr ruchloses Unterfangen. In Siebenbürgen, wo sie auf leichte Beute ausgezogen sind, hat sie das Schicksal ' " ilt, nachdem sie zuvor in der Dobrudscha die :hwere Hand der strafenden Gerechtigkeit zu spüren bekamen und so nebenbei an der Donau ein furchtbares Debacle erlitten haben. Die Raschheit, mit der diesmal die Strafe dem Verbrechen auf den Fuß folgte, ist wahrlich ein Fingerzeig Qottes, jenes Qottes, der noch immer jeden Sünder und Verbrecher zu finden und zu strafen wußte. Mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel sind die Rumänen in das Lager des Vierverbandes gezogen. Die elenden Verräter, deren Wortbruch in der Judenfrage seit vielen Jahrzehnten in der ganzen Kulturwelt gebrandmarkt wurde, sind in Paris mit dem Prädikat „edelmütig" gekrönt worden. Nicht taxlos ist dies geschehen. Seine Söhne sollte Rumänien dafür opfern, mit dem Blut von Tausenden und Abertausenden sollte es die Ehre bezahlen. Der Preis wird ehrlich gezahlt, diesmal können sich die schlauen Bojaren ihren Verpflichtungen nicht entziehen, aber der Gegenwert bleibt aus. Nach sechs Kriegswochen haben sie einen vierten Teil ihrer Streitmacht verloren, die „Eroberungen" in Siebenbürgen mußten aufgegeben werden, der Feind steht in der Dobrudscha und der ruchlose Minister und der schwachmütige König haben nun volle Hände damit zu tun, das eigene Territorium zu verteidigen. Gar mancher geht zu scheeren aus und kommt geschoren selbst nach Haus ... Für uns Juden, die in dem Debacle Rumäniens eine Strafe für dessen Verbrechen gegen unsere Brüder erblicken, hat somit das neue Jahr gut angefangen. O, möge dies für uns und für das teuere Vaterland ein gutes Omen sein. „So mögen alle Feinde zu Grunde gehen!" — rufen wir mit der Heldin Debora aus. Der Fluch der bösen Tat, der Fluch Tausender und Abertausender Juden möge das verräterische Rumänien bis ans Ende verfolgen. Die gerechte Sache muß und wird triumphieren! Brief aus Lublin. Die bevorstehenden Wahlen zu den Stadtverwaltungen im. k. u. k. Okkupationsgebiet beherrschen überaus stark die öffentliche Meinung und sämtliche politischen Kreise machen bereits die Vorbereitungen zu der ersten Wahlkampagne. Die wichtigste Frage, die auf der Tagesordnung steht, ist der eigentliche Wahlmodus, der in der Verordnung des Oberkommandos nur in großen Zügen festgesetzt wurde und erst jetzt in den Einzelheiten bestimmt werden soll. Zu diesem Zwecke hat k. u. k. Generalgouvernement vorige Woche nach Lublin eine Konferenz von Vertretern aller politischen Kreise im Okkupationsgebiet einberufen, welche unter dem Vorsitze d. Zivilkommisws beim Generalgouvernement, Exz. Dr. v. Madeyski, stattgefunden hat. Die meisten Teilnehmer haben sich dafür ausgesprochen, daß in den einzelnen Kurien das Proportionalsystem eingeführt werde, mit Ausnahme der ersten (Inntelligenz) Kurie, welche nach dem Warschauer Muster in einige Subkurien geteilt und auf Grundlage der einfachen Majorität wählen soll. Die Entscheidung der maßgebenden Kreise dürfte auch in diesem Sinne fallen. Was die Juden betritt, so sind diese im Okkupationsgebiete politisch nicht organisiert und vermochten es bis jetzt nicht, zu einer einheitueäen Stellungnahme zu gelangen. Die Versuche gewüier nationalistischer Kreise, eine Pktttionn für die Juden in der Wahlbewegung aufzasielkH, können nicht entscheidend sein, da diese Kreise nur über einen geringen Anhang verfüge*». Ein ©faßer Teil der Juden im Okkupationsgebiete möchte es nach Möglichkeit vermeide», sieb irgendwie einseitig zu engagieren, um aidit bei der definitiven Regelung der polnischen Frage zwischen Hammer und Ambos zu gelangen. Die Versuche gewisser Kreise von draußen, den J*ten im k. u. k. Okkupationsgebiete eine bestimmte politische Orientierung zu imi3utieren, müssen deswegen als üebergrifte zurückwiesen werden. Immerhin sind die Juden uaran interessiert, daß sie in den btadtverwaltuiigen entsprechend vertreten seien und die Bestimmung des Proportionalsystems üurtte sie am besten beiriedigen. In jeder Kurie werden dann Juuen im Verhaltnisse zu ihrer Zahl gewählt werden. Das schließt naturlich nicht aus, dali wiederum nach dem Warschauer Muster zwischen den Juden u. gewissen poln. Parteien teien ein Wahlkompromiß zustandenkommen soll, Die nächste Zukunft wird übrigens daruoer Klarheit verschaffen. Die Wahlen sollen schon im Dezember vor sich gehen. Dem Berichte über die Rabbinerkonierenz - (einen ausiülirlichen Bericht bringen wir in der nächsten Nr. D. Rj — ist noch nachzutragen, aaß nach den eingehenden Reieraten und i/iskussiouen vier Kommissionen eingesetzt v urden, und zwar eine hygienische, moralische, ökonomische und eine Matrikelkommission. Ls wurde der Beschluß geiaßt, daß die Rabbiner in ihren Gemeinden mit aller Energie den Unfug der Angeberei bekämpteu sollen, ebenso sollen sie sich dafür einsetzen, daß den Juden erlaubt werde, am Sabbat die Geschalte zu schließen, datur am Sonntag einige Stunden offenhalten zu dürfen. Die Matrikelkonnnission laiite den Beschluß, daß nur die wirklichen religiösen Rabbiner, nicht wie bisher andere Personen die Familien-Register führen sollen. Die Rabbiner, die uie Stellen der geflüchteten Ortsrabbiner besetzt haben, soilen in ihrem Amte verbleiben, bis zur Rückkehr der zuständigen Inhaber der ■Mellen, die aber ihren Anspruch verlieren, wenn sie zwei Jahre nach Friedensschluß nicht zurückgekehrt sind. Lieber die Verhandlungen und Beschlüsse, soll dem Generalgouverneur ein :v'ieinoraiidum eingereicht werden. Mamabit. Die ku. k. Militärseeisorge in Wien. Von Feldrabbiner Dr. Arnold Frankfurter. „Der Konig rief und alle, alle kamen." Nicht bloß alle die Tausende, welche mit dem Schwerte in der Hand die Mennatscholle zu schirmen beruien waren, sondern auch jene, ueren Wissen und Können zur Verteidigung des Vaterlandes notwendig ist. Mit dem Arzt bezog auch der Seelsorger seinen Posten. Die Kampfer immer aufs neue für die heilige Sache des Vaterlandes zu begeistern, ihr religiöses und patriotisches Empfinden zu stärken, den Verwundeten Trost zu spenden, ist des Militärgeistlichen Aufgabe. Von welcher Bedeutung es ist, wenn der Soldat schweren Augenblicken seelisch gefestigt entgegen sieht, bedarf wohl keiner Erörterung. Daher hat die Heeresverwaltung von Anbeginn an für die Feldseelsorge aller Bekenntnisse Sorge getragen. So sehen wir an der Front einträchtig nebeneinander wirken: Den katholischen Priester und den Pastor, den Rabbiner neben dem Imam. Eine stattliche Anzahl von Feldrabbrrrern wirkt teils bei den Armeekommandanten, teils — dort, wo die Zahl der jüdischen Soldaten eine größere ist — bei den DivrsionssTäben. Eine zusammenfassende Darstettung ihrer segensreichen Tätigkeit zu bieten, wird erst nach Sammlung der Einzetberichte möglich sein und ist der Zeit nach dem Kriege vorbehalten. Im Folgenden soll in Umrissen das Bild der Militärseelsorgc mit dem gleichen Wirkungskreise, wie die schon in Friedenszeiten bestehenden Militärseelsorgen aller anderen Bekenntnisse gezeichnet werden. Nach Kriegsbeginn wurde die k. u. k. Israelitische Mflitärseelsorge in Wien kreiert, zu deren Leitung der Verfasser dieses Berichtes berufen wurde. Die Aufgabe war keine geringe; handelte es sich doch um ein Novum, mußte erst der Weg für eine ersprießliche Tätigkeit angebahnt werden. Eigene Vorschriften gab es nicht, es mußte erwirkt werden, daß die Dienstvorschriften für die Militärgeistlichkeit der andern Konfessionen sinngemäße Anwendung findet, hiezu kommt noch der große Wirkungsbereich, der das Gebiet des >. Korps umfaßt. (Nieder-Oesterreich. Ergänzungsbezirke Kremsier, Brunn, lglau Znaim). Da hieß es, regelmäßig Gottesdienste abhalten, Religionsunterricht in einigen Kadettenschulen erteilen, den Truppen vor dem Abgang ms Feld ein Wort des Segens mitgeben, die Verwundeten besuchen, heimgegaugenen Kameraden die letzte Ehre erweisen. Zu den Rechten und Prhchten der Seelsorge gej hört auch die Führung der Militärmatrike und! der Vollzug der Eheschließung von Personen, die der militärgeistlichen Jurisdiktion unterstehen. Aber die Militärverwaltung sorgt nicht bloß für die religiösen Bedürfnisse der Angehörigen des eigenen Heeres, sondern auch für die Kriegsgefangenen. Daher ist auch die Pastorierung derselben Aufgabe der Miluarseelsorge. Allmählich wurde jeder einzelne Zweig der angeführten Obliegenheiten immer unrfangj reicher, weshalb nach einiger Zeit noch zwei I Feldrabbiner ") der Militärseelsorge zugeteilt I wurden. | Hiemit wäre in großen Zügen die Organi- I sation der Seelsorge gezeichnet. | Was min die Tätigkeit im Besonderen an- | 'Klangt, wird vor allem auf die Erbauung u. Be- | lehrung der Soldaten Wert gelegt. Wie der Soll dut von seinem Offizier militärisch ausgebildet wird, so soll er von seinem Seelsorger zu Gott- \ertrauen und religiösem Wandel erzogen, zur liebevollen Hingabe an den Allerhöchsten Dienst im Interesse des Vaterlandes und znr Ehre des jüdischen Volkes immer wieder gemahnt werden. Daher findet mindestens einmal im Monate ein Militärgottesdienst mit deutscher und ungarischer Predigt für alle Truppenkörper der Garnison Wien in den Synagogen der israelitischen Kultusgcmeinde statt. (Seitensteticn- oder Tempelgasse). Ebenso für die Kranken und Verwundeten in den größeren Sanitätsanstalten und vor allem in den großen Kriegsspitälern, wo über Ansuchen der Militärseelsorge eigene Beträuinc mit äußerst würdiger Ausstattung eingerichtet wur- Auch im Garnisonsarreste wird allmonatlich ein Gottesdienst abgehalten. Ist ein Bataillon marschbereit, so wird die Militarseelsorge von dem Detreffenden Kommando in Kenntnis gesetzt und in einem der l .- bikation nächstgelegcnen Gotteshause ein feierlicher Gottesdienst anberaumt. Wer einer solchen Andacht beigewolint.weiß.welche Stärkung Inedurch den Soldaten auf den schweren Weg mitgegeben wird. Wenn schon das bloße Wort der Kanzel auf das Gemüt des Soldaten wohltuend wirkt, um wievielmehr die Tat. die der Seelsorger bekundet, wenn er an das Kraukenbett tritt. Em großer Prozentsatz der Verwundeten ist ortsfremd. Die Meisten stammen aus Galizien. Daher ist ihre Freude nur zu begreiflich, wenn sie Teilnahme an ihrem Schicksale empfinden. Das Bewußtsein, jemanden zu haben, dem sie ihr Merz eröffnen können, läßt das Gefühl der Vereinsamung schwinden. Und sie erleichtert ihr Herz. Jeder Einzelne hat eine Bitte. Der eine erbittet Ritualien, der anderer Lektüre. Unter 'Iränen berichtet so mancher, daß er von seinen Angehörigen keine Nachricht erhält und bittet um Recherchierimg. Unausgesprochen beseelt sehr viele der Wunsch nach werktätiger Hille. Und es wird ihnen geholfen. Oft wird auch der! Familie solch materieller Beweis glaubeiis hinderlicher Liebe gegeben. Anläßlich der Chanukafeier und der anderen Feste wird unserer verwundeten Krieger stets gedacht. Aus einer Liebesgabensammlung der Militärseelsorge wird all dies bestritten. Edelgesinnte Glauhens- *) Dr. RwioH Ferda, Rabbiner in Pohrlitz, und Dr. Ernst Deutsch, Rabbiner in Karansehes, nach TransferieruoK des Letzteren zur Armee im Felde Dr. Samuel Kaudel, Rai». Pro! in Budapest.