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Jüdische Korrespondenz · 1916-09-01 · 33 (9.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
33 (9.1916)
Date
1916-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1 Nr. 33. Jüdische Korrespondenz Seite 3 etwas milder angewendet. Sie machen aber das Leben der Juden in Rumänien unmöglich. Im Janre 1878 (Berliner Kongreß) wußten die europäischen Mächte wohl, unter welchen Verhältnissen die Juden in Rumänien leben müssen. Die Mächte verlangten daher von Rumänien die Garantie, die Emanzipation der Juden gewissenhaft u. ehrlich durchzuführen. Nur unter Durchführung dieses Punktes ist die rumänische Unabhängigkeit anerkannt worden. Rumänien hat damals die Gleichberechtigung der Juden anerkannt und dies durch ihre Repräsentanten Bratianu und Kogolnitschanu unterzeichnen lassen. Oer Artikel 44 'besagt in kurzen Worten, daß die Zugehörigkeit zu irgend einer Religion kein Grund sein darf, um einem Einwohner Rumäniens die volle bürgerliche Gleichberechtigung zu verweigern. Um diesen Punkt durchzuführen, war es notwendig, eine Verfassungsänderung vorzunehmen. Bei dieser Änderung hat aber die rumänische Regierung einen Punkt hineingestellt, der ein Schandfleck für Rumänien bleiben wird, weil es einen Trick darstellt, um ein vor der ganzen Welt gegebenes Versprechen einer Nation gewissenlos zu brechen. Die rumänische Regierung hat nämlich folgendes Amendement hinzugefügt: „In Rumänien lebende Ausländer, die sich unter keinem ausländischen Schutz befinden (damit sind die Juden gemeint), können durch ein Gesuch an das Parlament ihre Naturalisation erlangen. Das Parlament wird das Recht haben, die Naturalisation in solchen Fällen zu gewähren, in denen es sie für richtig anerkennt. Es versteht sich von selbst, daß die Naturalisierten alle Bürgerrechte beikommen. Aber anstatt die Judenmasse als naturalisiert zu erklären, wie es der Berliner Kongreß verlangt hat, hat die rumänische Regierung beschlossen, ihre Juden einzelweise zu naturalisieren. Die Eolge dieser ehrlosen Politik war, da'J im Lande der letzten 35 Jahre nur einige hundert Juden emanzipiert wurden, während mehr als ein Viertel Million Juden heute noch als Fremde im Lande betrachtet werden. Das Schlimmste an diesem Akte war, daß, während vor dem Berliner Kongreß die Juden als rumänische Untertanen angesehen wurden und sich unter dem Schutz der rumänischen Regierung befanden, sie durch dieses Amendement plötzlich als in Rumänien lebende Ausländer ohne ausländischen Schutz erklärt wurden. Große Massen von Juden, die seit Generationen in Rumänien leben, ihre Militär- und alle anderen staatlichen Pflichten erfüllen, sind eines schönen Tages schutzlose Ausländer geworden. Diese Tatsache wird eine der Schandtaten bleiben, die jeder Gerechtigkeit und der Gesetzlichkeit Hohn spricht. Sie wird ein Schandfleck bleiben, bis Europa ihn schließlich erkennen und diesem Zustande ein Ende machen wird. loh appelliere an die ganze zivilisierte Menschheit, ich iprotestiere gegen Rumänien! Die Woche. Dienstbefreiung der jüdischen Soldaten au den hohen Feiertagen. Gemäß einer Anordnung der k. u. k. Heeresleitung ist anläßlich der bevorstehenden hohen Feiertage den jüdischen Soldaten nach Dienstzulässigkeit der 28. und 29 September, sowie der Nachmittag des 6. und der 7. Oktober frei zu geben. Diese Anordnung gilt auch für die Gefangenenlager, sowie für die Arbeitsstellen außerhalb der Lager. Die Auflösung des Lemberger Kultusvorstandes. Vorige Woche wurde die bereits angekündigte Auflösung des Lemberger Kultusvorstandes vollzogen. Zum Regierungkommissür wurde Dr. Emil Parnes, zu Beiruten die Herren: Prof. Dr. M. Allerhand, Dr. Osias Wasser, H. Blauer, Finanzrat Grabscheid, Dr. Ringel, S. Orange, Hermann Feldstein, Michael Ulam, Dr. Zetterbaum, Dr. Alexander Majer und Laurenz Karczinski ernannt. Zu Vertretern des Regierungskommissärs wurden die Herren Dr. Allerhand und Feldstein designiert. Diese Verwaltung der Kultusgemeinde dürfte bis nach Beendigung des Krieges im Amte bleiben. Ein Manifest der russischen sozialdemokratischen Partei. In der Londoner „Tribüne" veröffentlicht der russische Sozialdemokrat Borezki das Manifest der russischen Sozialdemokraten, welches bei einer Versammlung der russischen Sozialdemokraten in Kopenhagen aufgestellt wurde. Das Manifest lautet: „Wir protestieren gegen die Behauptung der russischen Regierung, daß die russischen Juden Verrat betrieben haben. Wir protestieren gegen die unmenschliche Behandlung und gegen die Verfolgung der Juden in Rußland. Wir rufen die Demokratie aller Länder und vor allen Dingen das internationale sozialistische Proletariat an, uns in unserem Kampf gegen das reaktionäre Rußland so weit als möglich zu unterstützen. Wir ersuchen die russischen Juden, die bürgerlichen Parteien nicht mehr au unterstützen, weil sie mit den reaktionären Parteien zusammengehen und die Lösung der Judenfrage während des Krieges nicht für richtig finden. Wir fordern sie auf, ohne sich um die Kriegslage in Rußland zu kümmern, mit allen Mitteln die sozialistische Propaganda m Rußland zu unterstützen, denn se allem kann gleiches Recht für alle in Rußland bringen. Gleichzeitig brandmarken wir die Haltung der englischen Regierung, die die russischen Flüchtlinge, welche in England Zuflucht fanden, an Rußland ausliefern will. Nichts veranschaulicht besser die wahren Bestrebungen der französischen, englischen und russischein Streiter für -die Freiheit der unterdrückten Nationalitäten als die Allianz des freien England und des republikanischen Frankreich mit dem Zarismus und die Bereitwilligkeit der englischen Bourgeoisie, das Asylrecht, auf das England so stolz war, dem Absolutismus auszuliefern." Dieses Manifest ist in ganz Rußland verbreitet worden. Pogrome in Rumänien. Es war vorauszusehen, daß das nunmehr mit Rußland verbündete Rumänien sieh beeilen würde, gleich seinem Bundesgenossen, seine Kriegswut an den Juden auszulassen. Die Tageszeitungen berichten wie folgt über Pogrome in der Moldau: „In der Mehrzahl der rumänischen Städte der Moldau inszenieren rumänische Nationalistenkreise Pogrome. Da die jüdischen Männer sofort am ersten Kriegstage zu den Fahnen berufen waren, zog der Mob in Jassy und Botosani von Haus zu Haus, plünderte alle Familien aus, die ihrer männlichen Beschützer beraubt waren. In Botosani beteiligten sich an dem Raube auch die Oendarmen. Nirgends wurde auch nur der Versuch gemacht, den Pöbel zurückzuhalten. In Jassy, wo sehr reiche Juden wohnen, wurden die Frauen von 20 bekannten jüdischen Kaufleuten, deren Männer im Felde stehen, als Geiseln genommen. Zwei Synagogen wurden von der Menge demoliert, der Oberrabbiner wurde gezwungen, im lächerlichen Aufzug, allgemein verhöhnt, durch die Stadt zu ziehen. In üalatz, Braila und Ismail, wo sich russische Soldaten befinden, nahmen die Pogrome einen blutigen Charakter an. Hier leitete das Militär die Pogrome. Soldaten drangen in die Häuser ein, rissen Frauen und Qreise heraus, beschuldigten sie der Deutschfreundlichkeit und Spionage und erschossen sie standrechtlich. Die auch zahlenmäßig geringe jüdische Bevölkerung von Crajowa ist durch die Pübelexzesse dezimiert." So hat sich also den vom Kriege so schwer betroffenen Juden eine neue Leidensquelle er^- schlössen. Die „lieben rumänischen Juden." Die Pogrome, mit welchen Rumänien seinen Eintritt in den Krieg „gefeiert" hat, halten die Bratiamus und Konsorten nicht davo» ab, nach russischem Muster den Juden heuchlerische Versprechungen zu machen. Der Neuen Züricher Zeitung wird aus London berichtet: Der rumänische Gesandte in London M. Mischu hat einem Mitarbeiter der Jewish Chronicle die kategorische Versicherung gegeben, daß die Juden der von den Rumänien zu erobernden Gebiete sich sämtlicher Menschenrechte erfreuen werden, gleich allen anderen Nationen und BevöMtcrungsgruppen. Der rumänische Gesandte hat diese seine Erklärung in einer offiziellen Note an das Foreign Oftice wörtlich wiederholt. Es dürften sich wohl wenig Naive finden, die diesen Versicherungen auf den Leim gehen werden. Allerdings werden die Mittelmächte schon dafür sorgen, daß Rumänien gar nicht dazu kommen soll, Eroberungen zu machen. Chronik. Sven Hedin in Tel-Awiw und in Rischon-Ie-Zlon. Der berühmte schwed sehe Schriftsteller, Dr. Sven Ilcdin, der sich seit mehreren Wochen auf einer Reise durch die Türkei befindet, um insbesondere die türkischen Fronten zu besuchen, ist in Jerusalem eingetreften. Von Jerusalem aus machte Herr Dr. Hedin einen Abstecher nach Jaffa, hauptsächlich um hier die deutschen Kolonien Sarona, das jüdische Stadtviertel Tel- Awiw und die jüdische Kolonie Rischon-le-Zion zu besichtigen. Am 10. August traf er in Tel-Awiw ein. Er besuchte hier das Haus Waad (Gemeindeamt), wo ihm der Bürgermeister von Tel-Awiw, Herr Disengoff, an Hand von Plänen und Abbildungen Aufklärungen über die Entstehung und Entwicklung Tel-Awiws gab. Tel-Awiw mit seinen Gärtchen und teilweise sohmuoken Häuschen, seinem in orientalischem Stil gebauten Gymnasium maohte einen sehr günstigen Eindruck auf den Gast. Ganz gerührt war Sven-Hedin, als ihm der Übersetzer einiger seiner Schriften und Reisebesohreibungen aus dem Tibet, Herr Krischevsky, Lehrer an der Jaffaer städtischen Mädchenschule, diese Ubersetzungen, die vor einigen Jahren in der Jugendschrift „Hamoledet" erschienen waren, überreichte. Sven Hedin vernahm mit sichtlichem Interesse, wie gern seine Schriften von der hebräischen Jugend gelesen werden. Von Tel-Awiw fuhr Sven Hedin nach Sarona. Dort wurde er von den Komiteemitgliedern der Kolonie und sonstigen Einwohnern mit größter Herzlichkeit empfangen. Von Sarona fuhr Dr. Hedin weher nach Rischon-Ie-Zion. Unterwegs ließ er sich von seinen Begleitern über das Land und die jüdische Kolonisation informieren. Sven Hedin besichtigte eingehend die Rischoner Weinkellereien mit allen ihren Einrichtungen und gafc in warmen Worten seiner vollen Anerkennung für die kulturellen Leistungen der Juden ki Stadt und Land Ausdruck. Die Juden in Bulgarien. Bald nach Eintritt Bulgariens m den Weltkrieg sahen sich die meisten jüdischen Vereine genötigt, ihre liitigkeit einzustellen. Aber nach und nach gelang es ihnen, wieder dieselbe aufzunehmen, um sie in noch größerem Maßstabe auszuführen. So mußte auch die , v ereinigung zur Pflege dler jüdischen Sprache und Cultur", eine für die bulgarische Judereheit außerordentlich bedeutungsvolle Institution, infolge des Krieges ihre gesamte mühevolle Arbeit unterbrechen, während sie heute schon wieder zu neuem Leben emporgebliiht ist. Diese Organisation zählt in Bulgarien allein 14 Comites, deren jede allwöchentlich Versammlungen abhält, in welchen jüdische Tagesiragen und jüd. Literatur erörtert werden. Von Zeit zu Zeit landen öffentliche Unterhaltungsabende statt, deren Erlös den jüdischen Soldaten an der Front, sowie jüd. Soldatenlaimlien, welche durch den Krieg ihres Ernährers betäubt worden sind, zugute kamen. Überricbter Brandeis. Oberrichter Louis D. Braudels wurde vom Präsidenten Wilson in einen aus drei Mitgliedern bestehenden Maatsausschuß beruien, der die Belegung des Sireties mit Mexiko unternehmen soll. Die jüdische Presse in Amerika. tiner Statistik der „American Association of Foreign i.unguage Newpapers" zufolge gibt es in den Vereinigten Staaten 55 Zeitungen in jüdischer Sprache, um einer Auitage von 1,625.748 Exemplaren. Hierbei sind otlenbar die hebräischen Blätter nicht mitgerechnet. Zur Lage in Palästina. Aul Anordnung der Behörden wurden aus Gesundheitsrücksichten alle .palästinensischen Schulen auf drei Monate geschlossen. — Das jüdische Gesundheitsamt in Jerusalem unterhält seit dem 25. Juni drei Stationen, v. o die Bewölkerung gegen Cholera geimpft wird. — liiiuige der L-hoieragetahr wurden Absperrungsmutiregeln getrotteu und Massensamiiiluiigen verboten. — Das Gebäude des setarischen Altenheuns in Jerusalem \>uide als jüdisches Oholeraspital eingerichtet. Rumänen und Russen gegen Juden. Die „1 ribuua" meldet aus Bukarest: Die Regierung erließ ein allgemeines Verbot für die jüdische Bevölkerung, vor den russischen Besatzungsheeren ihren Wohnsitz zu verlassen. — Dann werden, und das ist v.olii der Zweck des Verbotes, beim Abmarsch tier Russen dort wohl nicht viel Juden mehr übrig bleiben, jedemalls zeigt dieses Verhalten, welches Schicksal den Juden Siebenbürgens und der Bukowina bevorsteht, falls Rumänien seine Kriegsziele erreicht. Zur PaUfrage in Amerika. Wenn man den jüdischen Zeitungen ui New-York «tauben darf, geht die Paßtrage, die vorübergehend zu einem ilandelskoniUikt zwischen Rußland und Amerika geiülirt hat, ihrer Lösung entgegen. Einzelheiten sind nicht bekannt. So viel Stent aber fest, daß Rußland gar Keine Neigung hat, die amerikanischen Juden in Rußland von den Paß-Schikanen zu befreien, und Amerika den nachgebenden Teil bilden wird. Rußland hat in den letzten vier Jahren alle Hebel in Bewegung gesetzi, Voik und Regierung in Amerika gegen die Juden zu summen und mit Hilfe einer bestimmten amerikanischen Suisauonsprctssc der amerikanischen Kauimaimschatl üigein, tagaus vor Augen zu führen, welcher Vorteile sie sich durch die Auflösung des Handelsvertrages, aus lalsclier Rücksicht aut die Juden, begebe und wie gereclittertigt überhaupt die russische JudenpolHik sei. Nachdem so der Boden ordentlich vorbereitet war, streckt man jetzt von Petersburg die Fühler aus, um festzustellen, ob die Zeit für den Abschluß eines neuen Handelsvertrages, natürlich unter vollständiger Umgehung der Judenfrage, gekommen sei. Nach dem jetzigen Stande der Dinge ist in der Tat zu befürchten, daß die russischen Vorschläge geneigte Ohren in Amerika finden. Bei der Neuorientierung des Wirtschaftslebens für die Kommende Zeit möchte kein Land eine Gelegenheit zur Sicherung seines Welthandels verpassen. Damit rechnet die amerikanische Handelswelt, damit rechnet noch mehr Rußland, und darin liegt die eminente Gefahr für die Juden Amerikas, die heute doppelt auf der W acht stehen müssen. Die kommende Pogromäre in Rußland. „Rjetsch" schreit: Die Ernennung Makarows zum Justitzrrtinister beweist, daß man wieder Pogrome abhalten will, denn Makarow gehört jenen Kreisen an, in denen der Jude als gefährliches Element betrachtet wird, das vernichtet werden muß. Daher wird man nicht wundern dürfen, wenn wieder Ritualmordprozesse kommen werden. Die Berufung Makarows beweist aber auch, daß man mit energischen Maßnahmen gegen die revolutionären Strömungen zu rechnen haben wird, denn Makarow hat schon einen gewissen Ruf als Bekärrapfer der Arbeiterbewegung. Ais im April 1912 Streikunruhen in den Lena-Goldgruben ausbrachen, war es Makarow, der mit ungewöhnlicher Brutalität gegen die streikenden Arbeiter vorging und sie durch Kosaken attackieren ließ. 320 Arbeiter wurden damals schwer verwundet, 107 blieben tot auf dem Schauplatz der Unruhen zurück. Jetzt, da die Revolution sich wieder in Rußland vorzubereiten scheint, ist Makarow als Justttzminister den Reaktionären höchst willkommen.

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