Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 32 (12.9.1916)
- Date
- 1916-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. JUdische Korrespondenz Seite 3 „Es fiel mir schwer, zu glauben, daß es irgend einen amerikanischen Bürger mit Selbstachtung geben könne, der so wenig Rücksicht nimmt auf die Ehre seines Landes, auf den Stolz der amerikanischen Bürgerschaft und auf die Achtung, mit welcher andere Nationen verpflichtet werden müssen, daß er in Handelsbeziehungen trete mit einem Staate, mit welchem unser Volk den Vertrag gelöst hat aus Gründen, welche bei jedem rechtlich denkenden Menschen Zustimmung haben. Ihre und Ihrer Genossen Handlung ist eine Beleidigung für unser Volk, ein nicht geringeres Verbrechen das diejenigen begehen, die sich mit einer auswärtigen Macht verbünden, um unser Land zu erniedrigen. Durch ihre Handlung haben Sie Rußland in dem Glauben bestärkt, daß es unsere Regierung nicht ernst und aufrichtig meinte, als sie die Forderung stellte und darauf bestanden hat, daß die amerikanischen Bürger, ohne jeden Unterschied, in gleicher Weise behandelt werden, weil auch wir keine Klassenunterschiede in unserer Bürgerschaft machen. Sie führen ein falsches Spiel mit dem Willen des amerikanischen Volkes und vergewaltigen seine gewissenhaften Ueberzeugungen. Sie haben der amerikanischen Bürgerschaft einen schändlichen Hieb versetzt, in einer Zeit, in welcher es die Hauptpflicht aller Amerikaner ist, geenigt dazustehen, Verbindungen zu vermeiden, welche geeignet sind, zu einem Konflikt zu führen, und in welcher es vor allem unser aller Pflicht ist, die Würde und die Ehre des Landes zu berücksichtigen." Beachtenswert ist, daß Marschali die schändliche Zumutung, Rußland zur Stärkung seiner Macht Geld vorzustrecken, nicht vom Standpunkte des Juden oder des Präsidenten ües „American Jewish Committee", sondern als Amerikaner, der sich in seiner Würde schwer gekränkt sieht, zurückweist. Botschafter Elkus Uber das Palästina-MärclTien- Die „V. Z." schreibt: Der neue amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Herr Elkus, ist mit seiner Gattin und seinen drei Kindern über Kopenhagen in Berlin eingetroffen. Herr Elkus, der in der Mitte der vierziger Jahre steht, gehört einer angesehenen jüdischen Familie in New-York an. Er ist mit dem Botschafter Oskar Strauß, der zu wiederholten Malen Amerika am Goldenen Horn vertreten hat, verschwägert und mit seinem unmittelbaren Vorgänger Morgenthau, nahe befreundet. Er stellt die Verdienste seines Vorgängers sehr hoch und betrachtet sie als vorbildlich für sein eigenes Wirken in der Türkei. — Unser Mitarbeiter fragte im Laufe eines Gespräches den Botschafter: „Ist Ihnen Exzellenz, bekannt, daß in den europäischen Zeitungen das Märchen verbreitet war, Botschafter Morgenthau habe der türkischen Regierung Anerbietungen gemacht, Palästina anzukaufen und dort in großem Maßstabe eine jüdische Siedelung zu fördern?" „Lachenden Mundes hat mir kurz vor meiner Abreise Mr. Morgenthau von dieser Ausstreuung, die die Runde durch die ganze Presse beider Hemisphären gemacht hat, erzählt. In scherzendem Tone hatte Morgenthau in Anwesenheit einiger türkischer Staatsmänner bei Kaffee und Zigaretten gelegentlich einen lustigen Einfall zum Besten gegeben, aber weder ihm, noch den türkischen Staatsmännern ist es auch nur im Traume eingefallen, diesen Nachtisch-Scherz ernst zu nehmen. Es ist mir erwünscht, daß man dieser mißverständlichen Ausstreuung ein Ende bereite!" Zum Heeresdienst der russ. Juden in England. Debatte im Unterhaus. Am 16. August erklärte der Minister des Innern, Herbert Samuel, im Parlament, daß die Zahl der militärpflichtigen russischen Juden in England sich auf 25 bis 30.000 belaufe. Es bestehe eine Möglichkeit, daß diese Juden sich der englischen Armee anschließen werden. Der Minister dementierte die Behauptung, daß den russischen Juden irgendwelche Unannehmlichkeiten durch die englische Polizei bevorstünden. Mr. King richtete an den Minister des Innern folgende zwei Anfragen: 1. Wird man bei der Aufforderung der alliierten Ausländer, in die Armee einzutreten, einen Unterschied machen zwischen denjenigen Juden, die stets in England ansässig sind und denjenigen, die erst bei Ausbruch des Krieges nach England geflüchtet sind? Wird man betreffs dieser letzteren Ausländer eine Ausnahme machen? Vielleicht so, wie man sie betreffs englischer Staatsangehöriger macht, die sich stets im Auslande aufhalten? 2. Viele der russisch. Juden die sich jetzt in England befinden, sind durch die deutsche Invasion gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen und diese Menschen warten seit zwei Jahren auf den Zeitpunkt, in ihre Heimat zurückkehren zu können, nachdem diese Orte von den Deutschen befreit worden sind. Da diese Personen bei in uns sehr nützlichen Arbeiten Beschäftigung gefunden haben, frage ich, ob man diese vor einer Deponierung bewahren wird oder ob man sie nach Rußland bringen wird, wo sie keine Heimat mehr haben, wo sie in ewigen Schrecken leben müssen vor Pogromen und Verfolgungen. Mr. Samuel antwortete nur auf die letzte Frage: Die Angelegenheit dieser Personen wird auf die gleiche Weise erledigt werden, wie die Frage der andern russischen Untertanen, die sich im Verenigten Königreich befinden. Die „Evening Standard" vom 16. August meldet aus zuverlässiger Quelle, daß der Minister des Innern, Herbert Samuel, seinen Vorschlag wegen Deponierung der Juden nach Rußland zurückziehen wird. Diejenigen, die es ablehnen werden, in die englische Armee einzutrete, obwohl sie für Militärdienst tauglich befunden werden, sollen aufgefordert werden, eine andere Arbeit zu verrichten, die von nationaler Bedeutung ist. in jüdischer Kreisen hält man den Modus, uen die Regierung vorgeschlagen hat, entweder Dienst od. Deponierung nach üer „Heimat" für absolut unstatthaft, da "die größte Mehrheit der in England lebenden russischen Juden wegen Verfolgungen usw. geflüchtet sind. Man erwartet deshalb, daß diesen Juden die Möglichkeit gegeben sein wird, iur das Land zu kämpfen, das sie beschützt. Ls ist Tatsache, daß sich sehr viele russische Juden zu beginn des Krieges als Freiwillige dem englischen Heere zur Verfügung stellten, aber als Ausländer wollte man aut ihre Dienste verzichten. Line jüdische Arbeiter-Deputation bei Samuel. Am 16. August tagte die Konferenz der verschiedenen Arbeiter-Komitees und Arbeiter-Unions, die an den Minister des Innern, Herbert Samuel, eine Deputation wegen der Erörterung der Militärpflicht der russischen Juden in England entsandt hat. , Die Deputation erteilte Bericht über ihre Verhandlungen mit dem Minister. An den Beratungen dieser Konferenz nahmen Vertreter von 10 jüdischen Unions Teil, ebenso der Führer den englischen Arbeiterbewegung, Mr. Appelton, der die Deputation zum Minister geleitet hatte. Der eingentliche; Bericht wurde vom Sektretär der London Lady-Tailors, Mr. Lash, «•stattet. Er war der erste Redner, der von der Deputation bei Samuel sprach. Er schilderte dem Minister die Stimmung,.die in tastend herrscht, wo die Kunde von der eventuellen Deportation nach Rußland helle Umrüstung hervorgerufen habe. Es gibt fast keinen russischen Juden in Uigland, der nicht aus irgendwelchen politischen oder religiösen schwerwiegenden Gründen aus Rußland habe wegziehen müssen. Aui fast jeden von ihnen warte in Rußland eine Strafe. Er erklärte auch, daß sie, als Ausländer, doch unmöglich die Pflicht haben könnten, sich in die Armee einzureihen. Mr. Dreen wies dann Herrn Samuel darauf hin, daß die russisch-jüdischen Arbeiter in England in politischer Beziehung völlig rechtlos seien und nicht den geringsten Anteil an der Bestimmung des Krieges genommen hätten. Mr. Scharf machte auf die geschriebene Erklärung der Hn. Samuel aufmerksam, die er der Konferenz zugeschickt hat. In dieser Erklärung sagt der Minister des Innern, daß die russischen Juden dienen müssen. Er schlägt ihnen jedoch verschiedene Systeme vor, nach welchen der Anschluß an die Armee erfolgen könne. Mr. Appelton erklärte auf der Konferenz, daß er ein scharfer Gegner der Deportierung nach Rußland sei. Er habe auch in diesem Sinne eine Beeinflussung der Regierungskreise versucht. Als ein Freund der jüdischen Trade-Unions hat er es auch durchzuführen gewußt, daß ein Vertreter der jüdischen Arbeiter direkt mit der Regierung verhandeln soll. Die Regierung fühlt den Druck der öffentlichen Meinung. Die englischen Arbeitermassen sind gegen diejenigen gestimmt, die nicht für England mitkämpfen wollen. Den besten Beweis sieht man in dem Umstand, das die Arbeiter gegen ihre irischen Genossen sehr aufgebracht sind. Mr. Appelton schloß mit einem Apell, daß die russischen Juden in den Kampf ziehen sollten, nicht für Rußland, sondern für das England, das sie schütze. Um 12 Uhr nachts werden die Verhandlungen noch fortgesetzt. Wie Russland »eine Juden behandelt. Es ist eingentlich immer dieselbe Geschichte: unschuldig verfolgte, verbannte, eingekerkerte Juden, gepeinigt und formalisiert, bloß weil es Juden sind. Daran hat auch der Krieg in Rußland nichts geändert, trotzdem in den Reihen der russischen Armee die Juden neben ihren christlichen Brüdern ihr Blut für den Zaren vergießen. Und alle offiziösen Kundmachungen, die die Welt glauben machen sollen, daß die russischen Behörden von ihren geradezu mittelalterlichen Praktiken sich längst abgewendet haben, werden durch neue Fälle von Grausamkeit Lügen gestraft, Fälle, die so arg sind, daß selbst im Lager der Verbündeten schonungslose Kritiker aufstehen, um das unbegreifliche Vorgehen Rußlands gegen seine Juden an den Pranger zu stellen. Einen solchen Fall rührt jetzt das „Journal de üeneve" auf. Es ist die Leidensgeschichte eines Greises, dessen Söhne und Schwiegersöhne im Felde stehen und der nach Sibirien deportiert wurde, weil er am Gedenktag der Zerstörung des Tempels — gebetet hatte! In einem Briefe an das jüdische Hilfskomitee für Kriegsopfer in Petersburg schildert er alle ausgestandenen Üuulen. Der 76jährige Mann, ein gewisser Meier Moschkovvitsch Grinschvone aus dem Marktflecken Kuvina im Distrikt Kamenetz- Podolsk, erzählt, daß er an dein Tage, an dem die Juden der ganzen Welt die Zerstörung des Tempels neweinen, in seinem Zimmer auf dem Erdboden gesessen sei und gebetet habe. Plötzlich traten zwei im Dorfe als Banditen bekannte Bauern ein und riefen ihm zu: „Du betest wohl zu Gott, daß die Deutschen sich unseres I )orfes bemächtigen mögen." Als sich der Alte im Gebet nicht stören ließ, sondern, wie es bei den Juden Sitte ist, betend den Kopf neigte, nahmen die beiden Bauern die Kopibewegung als Bejahung ihrer Frage hin und zeigten den Greis an. Die Gendarmerie holte ihn, es begannen Verhöre, er wurde ins Gefängnis geschleppt und nach einem Monat in ein sibirisches Dorf deportiert, wobei er furchtbare Oualen auszustehen hatte, in der Heimat sind nun die Familien seiner Sohne und Schwiegersöhne, für die der Alte gesorgt hatte, ohne jeden Unterhalt, die Mühle des Verbannten ist eingeäschert, und er selbst erhalt nicht die geringste Unterstützung, nährt sich vom alten Brot und leidet Kälte. In dem Briefe fleht er um Hilfe. Er hat nur noch einen Wunsch: im Kreise seiner Familie zu sterben und in der Heimat üegraben zu werden. Charakteristisch ist nun, was das „Journal de Geneve" zu dem Fall sagt. Es sendet dem Brief, der übrigens in einer Reihe russischer Blätter publiziert wurde, ein Geleitwort voraus, worin es den Hilfeschrei des unglücklichen Greises als einen Beweis mehr unter den Tausenden nimmt, daß sich die Lage der russischen Juden, allen Beschönigungen zum Trotz, nicht gebessert hat. Im vergangenen Jahre, führt das Blatt aus, wurden die unglaublichen Peinigungen, denen die jüdischen Flüchtlinge ausgesetzt waren, geschildert, ihre endlosen Wanderungen durch Rußland, in Viehwagen eingepfercht, nach einem Ort, wo die Behörden gegen ihre Niederlassung keinen Einspruch erheben. Dann wurde die ganze jüdische Presse — die tägliche, halbmonatliche und monatliche, im Jargon und hebräischer Sprache eingestellt, so daß das einzige Band zwischen den verstreuten Juden, von denen eine große Anzahl der russischen Sprache nicht mächtig ist, entzweigerissen wurde. Gleichzeitig wurde eine lebhafte antisemitische Propaganda in der Armee und im Hinterland ins Werk gesetzt. Nach dieser Auslegung waren die Juden Verräter und der große russische Rückzug im vorigen Sommer wurde ihnen in die Schuhe geschoben. Man spricht heute nicht mehr von den Massenhinrichtungen, den Gefängnisstrafen und den Vertreibungen. Da sich die militärische Lage gebessert und die Spionenplage gelegt hat, findet man etwas Neues, das den Juden zur Last gelegt werden kann: die Teuerung der Lebensmittel. Ein Geheimzirkular der Polizeibehörde an die Provinzverwaltungen bezeichnet ausdrücklich die Juden als Urheber der allgemeinen Teuerung und erwähnt, daß diese Aufklärung zur „Richtschnur für die Verwaltungsbehörden" erfolge. Man weiß, was das bedeutet. Dabei weiß die Polizeibehörde sehr wohl, daß das jüdische Territorium, das berühmte 'Standquartier der russischen Juden, fast vollständig in Feindeshänden ist und die Juden von dort ohne Habe nach allen Winkeln Rußlands, in denen sie Unterschlupf zu finden hofften, geflohen waren. Man weiß allgemein, daß diese Flüchlinge nur geduldet sind und unter ständiger polizeilicher Ueberwachung stehen. Die Duma weist diese unsinnigen, von der Polizeibehörde ausgehenden Verleumdungen energisch zurück, aber das Zirkular geht seinen Weg weiter, ruh die gewünschte Wirkung hervor und steigt Stufe um Stufe in der Rangordnung der russischen Verwaltung hinab, wie man dies im Gouvernement Cherson kürzlich beobachten konnte.