Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 32 (12.9.1916)
- Date
- 1916-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korr e spondenz Nr. 32. iands unwürdig mit Entrüstung zurückweisen und tür das Kecht der Auswanderung das Wort ergreiien. Bezeichnenderweise aber tritt niemand tür das ciniachste ein: die fremden im frieden wohnen zu lassen, wo sie sind, es scheint, der russische Konsul m London wirü mit der Aeußeiung, üie er zu einem üer vielen, üie um einen l'aii bei linn ansuchten, tat: „Ich hohe, wir kriegen vvhitechapel leer'"' recht behalten. Die englischen Juden, die es als Patrioten liiu nein Ministerium hauen, autiern die furcht, daß in England eine starke Lrbiuerung gegen uie Juden einstehen konnte, tails diese sich der Mnitarptiieht 1111 englischen neer entziehen würden. Diese Erbitterung, die eingeborenen gegenüber ihre Berechtigung hatte, ist indes gegenüber Ausländern, die Keine englischen Bürger sind, völlig unberechtigt. Man hat es in uer Macht, jenen, die englische Soldaten werden, das Heimatsrecht zu verleihen und die anderen irei zu lassen, wohin sie wollen. Es ist bezeichnend für das freie England, daß der Minister hier nicht im Namen des üesetzes auttreten noch ein neues Gesetz vorschlagen kann, sondern sicii nicht ohne F reisinnsheuchelei daraul beschränkt, eine Art administrativer Verordnung zu erlassen, deren Durchtührung genau wie ein üesetz wirkt, So ist denn zum mindesten der Schein eines Systems der Freiwilligkeit geretten. Mit sehr gemischten Gefühlen beobachtet ein Bewunderer des englischen Vertassungswesens und englischer i raditionen, wie wahrend des Krieges in allen Schichten der Bevölkerung, oben wie unten, die freiheitsliebe abnimmt, je mehr die Notwendigkeit zunimmt, den großen Alliierten des Ostens festzuhalten und ihm zu Gefallen zu sein. Schon seit langem fügt man sich seiner Zensur. Längst hat man ihm höchst gewagte Zugeständnisse in Asien gemacht. Nun hat man mit diesem letzten Schritt auch auf europäischem Boden sich förmlich bei ihm einzuschmeicheln versucht. Auch ein anderer ürund als das Verhältnis zu Kuliland hat während dieses Krieges die englische Freiheitsliebe geschwächt, üie Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in diesem Lande, das sich stets aufs äußerste gegen sie gewehrt hatte. Mit Befriedigung las ich in William Croders letzter Polemik gegen mich den Satz: „Ich gestehe, daß mir blut kocht über die Art, wie Leute in England behandelt werden, die sich aus Gewissensgründen weigern, Militärdienste zu leisten.." Auch mir kocht das Blut, wenn ich lese, wie Mr. C. H. Norman, einer der besten, tapfersten und kenntnisreichsten Engländer, die es gibt, einer der wenigen, der wie ein Held gegen die Korruption der englischen Presse gekämpft hat, mißhandelt und zur Verzweitlung, zu einem Selbstmordversuch getrieben wurde, weil er nicht Soldat werden wollte, wozu ihn noch vor einem Jahr niemand hätte zwingen können. Ich habe Stücke aus seinem Tagebuch gelesen, die aus der Gefängnisbaracke von Wandsworth horausgeschmuggelt wurden. Hier einige Zeilen daraus: „Bei der Ankunft mit einem Hagel von Schimpworten empfangen. Bat um etwas Papier, um mein Testament zu machen. Sie frugen mich, ob ich die Uniform anlegen wolle. In meine Zelle geführt und zwangsweise Die letzte Zuflucht.®) Mit dem Uesichte gegen -die Mauer Liegt die kleine Channe im Krampf und Schauer. Mitten in der Stube auf dem Boden sitzt Esther. Sic sieht nicht mehr auf die kleine Schwester. Ein Tuch ist vor das Fenster gehängt. Und zwischen Tuch und Holzrand zwängt Sich vom blauen Himmel ein Streifen. In den sieht Esther mit dunklen, reifen Augen, mit Augen fragend und groß. jlhre Hände lösen sich im Schoß. (Ihre Blicke bleiben in dem Streifen stehen. Sie sinnt, hat sie dies helle Blau gesehen? Als sie draußen ging mit ihren Schwestern? Vor tausend Jahren oder gestern? Es ist so anders. Es ist so neu. Sie sieht es mit Augen schaudernd und scheu. Die Türe geht auf. Gehüllt in dichte Falten Kommen zwei Mädchen, die sich an Händen halten. Sie treten vor Esther und blicken scheu zur Erde Und klagen mit stummer Gebärde. Und Esther nickt. Und andere Mädchen kommen herein, Manche mit Schluchzen und Schrei'n, Manche starr wie in Traum verlor'n. Eine Dunkle, Blitzäugige schreit: „Wir schleichen ihnen nach. Sie sind nicht weit. Wir werfen Bomben auf ihre Schienen, *) Die jüdischen Mädchen einer kleinen polnischen Ortschaft stürzten sich, nachdem sie von den eingefallenen Russen vergewaltigt worden waren, ins Wasser. eingekleidet Wiederholte das Ersuchen, mein Testament aufsetzen zu dürfen, da ich nicht mehr als 3 bis 4 Tage am Leben sein würde... Der Kommandant erschien, und ich wurde ohne ein Wort ins Spital überführt und in eine Zwangsjacke gesteckt, die mir zu eng war und mir unleidliche Schmerzen verursachte. Der Kommandant verhöhnte mich und spie mich an." Und so ging es tagaus, tagein bis am 31. Mai sich die Bemerkung findet: „In die üefängnisbaracken überführt. Begann Hunger-, Durst¬ und Schlafstreik." So sieht nun das freie England aus, das England, das den preußischen Militarismus haßt, verabscheut und ausrotten wilL Das ist das England, dessen Regierung nun die russischen Juden ihren Quälgeistern heimsenden will. Zur Ehre des englischen Parlaments muß herforgehoben werden, daß sowohl im Unterhause wie im überhause bei dieser Gelegenheit hervorragende Männer, ob sie nun erwählte oder geborne Vertreter des Volkes sind, ein tiefes Gefühl für den Wert der Sinnes- und Handlungsweise bewahrt haben, die bisher Englands Stolz ausmachten. („Politiken".) Die Juden Im k. u. k. Okkupationsgebiet. (Brief aus Lublin.) Die Einführung der Städte-Autonomie im k. u. k. Okkupationsgebiete hat auch in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung die lebhafteste Befriedigung hervorgerufen. Wenn auch die Wahlordnung keineswegs die Vertretung der Juden in der Verwaltung der Städte im Verhältnis zu ihrer eigentlichen Zahl sichert, da sie in allgemeinen höchstens 20—25% der Stadtvertreter werden entsenden können, wogegen ihre Zahl ötfers 40—50% der Gesamtbevölkerung ausmacht — in manchen Ortschaften ist der jüdische Perzentsatz noch viel höher — so bedeutet diese Wahlordnung immerhin einen gewaltigen Fortschritt gegenüber den bisherigen Verhältnissen und die Juden können mit der neuen Wendung der Dinge höchst zufrieden sein. Das hiesige polnisch-jüdische Blatt „Mysl zydowska" begrüßt auch die Einführung üer Autonomie sehr lebhaft und konstatiert, daß dieser Akt dem Grundsatze der Demokratie und der Gleichheit der Bevölkerung in würdiger Weise entspricht. Es fehlen in dem neuen Erlaß des k. u. k. Armeeoberkommandos die in den früheren russischen Verordnungen seit jeher in Geltung gewesenen Ausnahmsbestiinmungen für die Juden. Die Verwaltungsbehörden bekunden damit, daß sie mit dem bisher üblichem System gebrochen haben und in den Juden tatsächlich Bewohner erster und nicht zweiter Klasse sehen wollen und sehen. Die ganze jüdische Gesellschaft sei verpflichtet, dieses historische Dokument mit Ehrfurcht und Freude zu begrüssen. Auch manche anderen Maßnahmen der Verwaltungsbehörden im Okkupationsgebiet finden die vollste Zustimmung der jüdischen Bevölkerung, welche immer mehr den Eindruck gewinnt, daß alle ihre berechtigten Wünsche und Forderungen im Rahmen der Zulässigkeit berücksichtigt werden. So entspricht auch die Neuordnung der Landgemeinden-Verwaltungen den jüdischen Interessen, die nunmehr auch die Möglichkeit einer Vertretung in denselben erhalten. Legen in ihre Quartiere Minen. Ich werde Gift mischen in ihre Speisen. Ich will sehen, wie ihre Augen brechen und vereisen." Sie wirft sich hin und schlägt mit den Fäusten die Dielen. Esther beugt sich nieder, ihre Stirn zu kühlen. Die anderen stehen wartend um sie her. Sie sitzt auf dem Boden, groß, ernst und schwer. Mit dem Gesichte gegen die Mauern Zuckt die kleine Channe in Krampf und Schauer. Esther sieht in den Streif en Licht Und spricht: „Wir haben einst von Gott eine Seele bekommen. Aber man hat uns genommen, Als wären wir eine tote Erdmasse, Durch die fremder Wille sich reißt eine Gasse, Eine Gasse, drin zu wühlen und zu treten Und läßt dann liegen. — Da hilft kein Beten." Esther schweigt fragend. Aber alle sind still. Alle horchen, was Esther will. Nur eine zitternde Stimme spricht: „Ich bin ganz leer. Esther, ich habe keine Seele mehr." Esther lächelt mit hellem Gesicht Und spricht: „Die Seele, die wir von Gott in uns tragen, Können Menschen nicht zertreten und zerschlagen. Aber sie will sich voll Scham verstecken, Denn ihre Hülle hat häßliche Flecken. Ich weiß nicht, warum das ist und kam. Aber unsere Seele versteckt sich voll Scham. Wir wollen nicht, daß unsere Seelen sich verstecken. Unsere Seelen sollen sich stolz hochrecken. Wir wollen nicht, daß sie weinend am Boden liegen, Unsere Seelen sollen jauchzen und auffliegen. In mehreren Ortschaften haben die Militärbehörden den jüdischen Kaufleuten die Sperrung ihrer Geschäfte am Samstag gestattet, wofür sie am Sonntag einige Stunden offen halten dürfen. * Der seitens des k. u. k. Generalgouvernements anläßlich des Kaisergeburtstages dem jüdischen Rettungskomitee zur Verfügung gestellte Betrag von 30.000 K wurde derart verteilt, daß das jüdische Komitee in Lublin Kronen 13.183, dasjenige in Radom K 9.183, dasjenige in Piotrkow K 4285 und dasjenige in Kielce K 2755 erhielt. * Die hiesige jüdische Gemeinde hat eine öffentliche jüdische Bibliothek eingerichtet, welche täglich geöffnet sein wird. Die Errichtung dieser Bibliothek entspricht einem lebhaft empfundenen Bedürfnisse und findet ungeteilte Zustimmung. Demnächst wird hier der Besuch des amerikanischen Delegierten Dr. Magnus erwartet, welcher gegenwärtig das deutsche Okkupationsgebiet bereist und dortselbst die Verteilung der amerikanischen Unterstützungsgelder geordnet hat, was auch bei uns geschehen dürfte. _ Hamabit. Kein jüdisches Geld fiir eine russische Anleihe in Amerika. Amerikanische Blätter kommen — soweit sie dem englischen Postraub entgehen — mit großer Verspätung hier an. Die letzten hier eingelangten amerikanisch-jüdischen Zeitungen geben ein Bild von dein geradezu heldenhaften Widerstand, den die fuhrenden Persönlichkeiten der amerikanischen Judenschaft gegen die Versuche der ententefreundlichen amerikanischen Finanziers, die Juden zur Beteiligung an der russischen Anleihe zu veranlassen, entgegensetzten. Das ablehnende Verhalten des Herrn Jacob H. Schiff, des Chefs der Firma Loeb, Kuhn u. Co., wurde wiederholt verzeichnet. Heute liegt uns ein Brief vor, den der Präsident des „American Jevish Committee", Rechtsanwalt Louis Marschall, auf eine Einladung des Finanzkomitees sich an der Aufbringung einer Anleihe von 50 Millionen Dollars an Rußland zu beteiligen, an das Komitee richtete. Die Antwort entspricht der Zumutung, die an die Juden gestellt wurde. Sie lautet: „Ich lehne es ab, die mir dargebotene Gelegenheit zu ergreifen, denn wenn ich es täte, so stünde das, meiner Meinung nach, nicht im Einklänge mit meinen Pflichten als amerikanischer Bürger. Ich bin vielmehr der Meinung, daß Sie und Ihre Genossen in der Anleihe durch Ihren Schritt bewiesen haben, daß es Ihnen an „Patriotismus" mangelt." Marschall rekapituliert die Geschichte der Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages, dessen Erneuerung bekanntlich daran scheiterte, daß Rußland die Gleichberechtigung „gewisser amerikanischer Bürger" mit den übrigen Amerikanern nicht anerkennen wollte, und weist darauf hin, daß sämtliche politischen Parteien der Vereinigten Staaten gegen die Haltung Rußlands Stellung nahmen, und zieht daraus den Schluß: Wer heilt unsere Seelen von ihrem Weh.' — Wir müssen reinwaschen die Hüllen draulien im See." Die Dunkle reißt sich vom Boden und lacht: „Wenn ich tot bin, hab ich größere Macht. Ich werde sitzen als Alp auf ihrer Brust, Ich werde trinken als Mahr ihr Blut mit Lust. Ich werde sein ihr Grauen bei Nacht und ihr Fluch am Schlachtentage, Bis ich sie in gräßlichen Tod und Verwesung jage." Esther nimmt von der Bank das' zuckende Kind Und drückt es an sich fest und lind. An ihre Wange preßt sie das kleine Gesicht, Aber anschauen kann sie es nicht. — Und wie sie kamen ans weite Wasser, Da wurde manche noch stiller und blasser, Die Dunkle, Blitzäugige springt hinein, Die Luft durchschneidet ihr gelles Schrei'n. Esther sieht Klein-Channe ins Gesicht, Ihr ist, als ob etwas in ihr zerbricht, Und Esther spricht: „Vater, wir bitten dich, laß unser Leben Weiter über dem Wasser hier schweben. Mir ist so angst, daß wir ganz vergehn, Und Klein-Chane kann Sonne und Wald nie mehr sehn. Wir sind so jung, und wir sterben nicht gern, Und du bist so hoch und bist so fern. Wenn du kannst, nimm uns in dich hinein, Mach uns leicht und hell! Sieh, wir waschen uns rein." Und dann sind sie ins Wasser gegangen, Mit den Armen hielten sie sich umfangen. («. Isr. Fambl.)