Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 32 (12.9.1916)
- Date
- 1916-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. » » , * t . 1A t i j. Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20. I WOCflettblatt fUT jUdtSChe llltereSSen. Wien, VHI.jUsersträBe 55. Nachdruck mit »eller Quellenangabe gestattet. | -Redakteur: Jonas Kreppel. j Erscheint jeden Donnerstag Mr. 32. Turtukai-Silistra. Früher als erwartet, werden die hinterlistigen Rumänen von der verdienten Strafe erreicht. Schon die erste Kriegswoche brachte ihnen zwei schwere Niederlagen. In der Dobrudscha, welche sie vor drei Jahren in hinterlistiger Weise den damals nach zwei blutigen Kriegen geschwächten Bulgaren geraubt haben, hai sie das Schicksal ereilt. Dort, wo sie mit ihrer verbrecherischen Politik begonnen haben, werden sie zuerst gestraft. Die Strafe auf den anderen Kriegsgebieten wird hoffentlich gar bald folgen. Mit der „Eroberung' der Dobrudscha haben die erbärmlichen rumänischen Politiker ihre Schakalentaktik eingeleitet, üa es ihnen damals geglückt ist, eine derartige Raubpoiitik zu betreiben und billige Lorbeeren zu pflücken, glaubten sie sich schon alles erlauben zu dürren. Nun gehen sie dem verdienten Schicksal entgegen und die schweren Niederlagen, die sie bei Turtukai und bei Snistra erlitten haben, sind nur die Ankündigung dessen, was ihrer harrt. im Lager der Entente, in Paris und London, in Petersburg und Rom, loste Rumäniens Eingreifen in den Krieg eitel Ereude und Jubel aus. man feierte begeistert den neuen Verbündeten, der das Schwergewicht auf die Seite dieser Mächtegruppe bringen sollte. Uebermütig und berauscht vom „sicheren Sieg" glaubte mau schon triumphieren zu können, als es den Rumänen infolge ihres tückischen Verrates gelang, einige siebenbürgische Grerizstriche besetzen zu können. Aber wie einst in jener schrecklichen Nacnt, da der Babylonerkönig Baltazar Siegesorgien feierte, erschien plötzlich die Schicksalshauü und schrieb bei Turtukai und Silistra das „Mene, tekel, upharsin". Ailzu früh hat die Entente mit dem neuen Freund geprotzt. Heute ist man im Lager des Vierverbandes schon ziemlich kleinlaut und hat die Empfindung, daß das neue Ereignis wohl eine Verlängerung der Kamptestront und einen neuen Kriegsschauplatz gebracht hat, aber sonst hat sich die Kriegslage wenig geändert. Vielleicht erleben wir noch aas Schauspiel, uaß die Erout derMittelmächte und deren Verbündetersich vom Rigaschen Meerbusen bis zum bchwarzen Meer ununterbrochen ziehen werde, auf der ganzen Linie siegreich und triumphierend. Dieses Resultat hat die Entente sicher nicht herbeigewünscht, aber der ganze bisherige Kriegsverlauf hat schon gezeigt, daß die Ereignisse immer eine andere Wendung nehmen, als man dies in Paris und London, in Petersburg und Rom wünscht. In der Dobrudscha, welche so rasch den Rumänen entrissen wurde, wohnen mehrere lausend Juden. Erst vor drei Jahren sind sie dazu verurteilt geworden, rumänische „Bürger" zu sein. Man erinnert sich noch daran, wie lebhaft die Juden von Silistra gegen diesen Wechsel der Staatszugehorigkeit protestiert haben. Ursprünglich waren es auch die Westmächte, die sich dieses Momentes bedient haben, um die rumänischen Ansprüche abzuweisen. Dies geschah aber nur insolange, als es diesen Mächten in den Kram gepaßt hatte, gegen Rumänien, das noch damals als Anhängsel des Dreibundes galt, aufzutreten. Kaum aDer hat es Rußland für richtig gefunden, die gesinnungsgenössischen Rumänen als seine freunde zu behandeln und ihnen bei ihrem Raubzug behilflich zu sein, da haben auch die Freunde des Zaren in Paris und London rasch einen Frontwechsel vorgenommen und der rumänischen Schakalenpolitik das Placet erteilt. Ohnmächtig mußten es die Juden der Dobrudscha erdulden, wie sie von der Freiheit in die Knechtschaft gelangten. Drei volle Jahre haben sie vergebens gewartet, daß Rumänien sein feierliches Versprechen einlösen und mindestens diesen seiner jüdischen „Untertanen" das Bürgerrecht verleihen werde. Heute aber sind sie schon wieder frei. Nicht die Einlösung des Versprechens, nicht der Schutz der Westmachte, sondern das siegreiche Schwert des Vierbundes hat ihnen die Freiheit wiedergegeben. Hoffentlich werden auch gar bald die übrigen Juden Rumäniens ein ähnliches Qlück erleben. Die Mittelmächte machen gewöhnlich Wien, 12. September 1916. ganze Arbeit. Das Schicksal Serbiens dürfte den Rumänen nicht vorenthalten bleiben. Die Bukarester Maulhelden haben gleich bei Kriegsbeginn den Bev, eis dafür geliefert, daß sie würdige Bundesgenossen des Zaren seien. Eine Verfügung der Heeresleitung ordnete die Vortreibung der jüdischen Soldaten zur ersten Feuerlinie an, „damit sie nicht spionieren und nicht verraten könnten" - man sieht, das russische Beispiel hat würdige Nachahmer gefunden. Wer weiß, in welcher Angst und Pein die dortigen Juden jetzt leben, do doch die ersten Niederlagen sicherlich im Lande eine höchst gereizte Stimmung hervorgerufen haben und wie gewöhnlich muß man damit rechnen, daß nach russischem Beispiel die Juden für die Schlappen verantwortlich gemacht würden! — Wir haben aber den einen Trost, daß diese peinliche Situation nicht lange dauern wird. Je weiter die siegreichen Heere der Verbündeten ins Feindesland vordringen, desto mehr Juden werden den Klauen der Bratianu, Mille, Jorga und Konsorten entrissen werden. Es wird sich da das Bild wiederholen, dessen Zeugen wir beim vorjährigen Siegeszug gegen Rußland waren. Die schweren Niederlagen, die die Rumänen schon in den ersten Kriegstagen erlitten, bestätigen noch einmal die Zuversicht an den endgültigen Sieg der Zentrahnächte in diesem gewaltigen Ringen. Die Hand der ewigen Gerechtigkeit ist auch in diesen Ereignissen deutlich zu sehen. Der Sieg wird der gerechten Sache zuteil werden. Spectator. Niedergang der Freiheit u. das AsylrecJhl in England. Von Georg Brandes. Kopenhagen, im September. England war das letzte Land, das in Europa noch politisches Asylrecht gewährte. Nun ist das Asylrecht in England aufgehoben oder stark bedroht und die russische Allianz, die die britische Regierung bestimmte, der russischen das ganze Nordpersien zu grausamer Ausrottung aller politischen und bürgerlichen Freiheit zu überlassen, hat ihren Druck auch auf die Regierung im Heimatland ausgeübt. Am 29. Juni d. J. teilte der Minister des Innern Samuel dem Parlament mit, daß auf seinen und anderer Antrag hin das britische Kriegs- 'imnisteriuin den russischen Untertanen, die sich in England aufhalten und im Alter der Wehrpflicht ständen, die Erlaubnis gegeben habe, freiwillig in das englische Heer einzutreten. Man sei bereit, sie in einer Anzahl von 2 Prozent der britischen Heeresstärke aufzunehmen. Zwingen könnte man sie natürlich nicht. (Es gab in England 25.000 Russen irn Alter zwischen 18 und 41 Jahren). Hiezu ist zu bemerken, daß bisher (mit ganz vereinzelten Ausnahmen) Auslander im britischen Heer keine Aufnahme fanden. Ja noch ganz kurz vor der Erklärung des Ministers Samuel war sie ihnen entschieden verwehrt. Zugleich machte der Minister den Vorschlag, man sollte den in England wohnhaften Russen folgendes kundtun: Man erwartet, daß alle jene, die nicht vom Kriegsdienst befreit sind, sich entweder bei der britischen Armee melden oder nach Rußland zurückkehren, um dort ihrer Wehrpflicht zu genügen. Der Minister beantragte ferner die Errichtung eines besonderen Gerichtes zur Untersuchung der Ansprüche auf Befreiung. Das sah in gewisser Hinsicht ja recht harmlos und natürlich aus. Nun war diese Zumutung ein Bruch mit den besten englischen Ueberlieferungen. Teils handelte es sich um eine Menge politischer Flüchtlinge, Polen oder Leute aus den Ostseeprovinzen: Letten, Esthen usw., die im Falle ihrer Rückkehr der schlimmsten Behandlung ausgesetzt wären u. die sich vielleicht doch nicht berufen fühlen, ins englische Heer einzutreten; teils um das ganze zahlreiche jüdische Proletariat, das unter den Verfolgungen des vorigen und dieses Jahrhunderts nach England geflohen war und dort menschliche Verhältnisse gefunden hatte. Von einemKriegsdienst war für diese aus gutem Grund keine Rede ge- 2. Jahrgang. wesen, da England bis vor einem Jahre keine Wehrpflicht kannte. Im Unterhause protestierte das liberale Parlamentsmitglied King gegen die vorgeschlagene Maßregel. Die meisten der in England ansässigen Russen wären russische, durch die Pogrome vertriebenenJuden. Er sprach sich sowohl gegen diese Pogrome wie gegen die Ausweisung der Eingewanderten aus und meldete mehrere Interpellationen an. Kurz darauf äußerte sich im Unterhause Morel gegen den Antrag des Ministers. Er erklärte, daß dieser den Glauben, England führe den Krieg für die Befreiung der kleinen "Nationen, gründlich erschüttern müsse; dieGeschiclite der Juden in Rußland sei eine Schmach für die Zivilisation und auch im Krieg sei ihr Schicksal nicht besser worden; derMinister hätte keinerlei Recht, das Asylrecht aufzuheben und die Eingewanderten in ein Land zurückzuschicken, wo sie der Todesstrafe oder anderer schrecklicher Strafen sicher wären; ein solcher Schritt würde für immer als ein Makel auf dem englischen Volke haften. John Rondels sprach sich im selben Sinne aus. Im Unterhause richtete Lord Sheffield in einer längeren Rede einige Fragen an die Regierung. Er forderte, daß England auch in Zukunft für die aus Rußland und Polen geflüchteten Juden das Asylrecht aufrechthalte. Er sei überzeugt, daß eine freundschaftliche Aufforderung an die russischen Juden, sich freiwillig bei dem englischen Heer zu melden, nicht fruchtlos bleiben würde. Denjenigen, die dies nicht wollen, möge die Auswanderung in das neutrale Ausland freigestellt werden. Großes Aufsehen weckte im Oberhause wie außerhalb desselben die Rede des Lord Loreburn. Er sagte unter anderm: „Wäre ich ein Jude oder hätte ich auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in meinen Adern, so ließe ich mir lieber die Hand abhauen, als daß ich täte, was Mr. Samuel tat: diesen Menschen sagen, wenn ihr nicht im englischen Heer dienen wollt, so schicken wir euch nach Hause." Auch Lord Rüssel sprach gegen die Ausweisung nach Rußland. Irn Namen der Regierung gab Lord Sandhurst die Erklärung ab, daß diese ihre Einwilligung nicht dazu geben könne, die Juden frei in das neutrale Ausland auszuwandern zu lassen. Sie müßten für dieses Privilegium die Berechtigung eines eventuellen Ansuchens um Befreiung von der Wehrpflicht nachweisen können. Die orthodoxen Rabbiner Englands haben sich in einem Schreiben, das allen Parlamentsmitgliedern und anderen bekannten Persönlichkeiten zugesendet wurde, gegen denRegierungsvorschlag ausgesprochen; auch die jüdischen Studenten an der Universität Manchester traten in einemAppell sowohl an dieRegierung wie an das Volk dafür ein, daß England nicht ein solches Unrecht gegen die kleine und schwache jüdische Nation begehe. Sowohl die englisch-jüdische Zeitschrift „The Jewish Chronicle" wie „Daily Chronicle" nahmen die Partei des Ministers. Doch in letzterem Blatt fand gleichwohl ein Artikel des liberalen Parlamentsmitgliedes Llewelyn Aufnahme, des Inhalts, daß man weder ein Recht hätte, die englische Militärpflicht auf die Eingewanderten auszudehnen, noch das Recht, diese in ihr Vaterland zurückzuschicken. Der Weg ins neutrale Ausland müsse ihnen rechtlich allen offen stehen. Das Wochenblatt „Nation" enthielt jüngst einen scharfen Artikel .gegen den Minister des Innern: Der Minister sollte als Jude nicht um die Gunst der Oeffentlichkeit in England (wie in Rußland) buhlen durch rücksichtslose Haltung gegenüber seinen Stammesgenossen. Hätte er vielmehr ohne Rücksicht auf seine Abstammung seine verfolgten Brüder in Schutz genommen, so würde er doppelt hohe Achtung .gewonnen haben. Noch ist die Sache nicht .entschieden. Nicht Wenige sind allerdings schon, trotz großer Paßschwierigkeiten, nach dem neutralen Ausland geflüchtet. Doch erstehen mit jedem Tag den Eingewanderten neue Verteidiger, die die Drohung ihrer Rücksendung nach Rußland als Eng-