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Jüdische Korrespondenz · 1916-09-01 · 31 (1.9.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
31 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz I*. 31. von Nordamerika offiziell Protest gegen die Bedrückung der Juden in Rumänien erhoben, in den europäischen Parlamenten, in Wien und Budapest, Berlin und Rom, Paris und London, wurde die rumänische Unmenschlichkeit den Juden gegenüber auf das heftigste gegelselt. Aber die rumänischen Freiheitshelden haben es stets verstanden, sich mit allen möglichen Spitzfindigkeiten den übernommenen Verpflichtungen und den wiederholt gemachten Versprechungen zu entziehen. Trotz aller Versicherungen blieb alles beim Alten. Als die Rumänen gelegentlich des zweiten Balkankrieges ihre Schakalenpolitik praktisch zur Anwendung brachten und den in zwei Kriegen geschwächten Bulgaren in den Kücken fielen, um billige Beute zu machen, da zeigte sich ihre Ctiarakterlosigkeit im richtigen Lichte. Einerseits versprachen sie den Juden.daß diejenigen, die in den Krieg ziehen, später das Bürgerrecht erhalten werden, andererseits übernahmen sie die Verpflichtung, die Juden in den von Bulgarien geraubten üebieten als vollberechtigte Bürger anzuerkennen, da diese auszuwandern drohten. Weder in der einen, noch in der andern Beziehung haben die lumpigen Rumänen ihr Wort eingelöst. Die jüdischen Soldaten, selbst die Freiwilligen, sind in Rumänien „fremde" und die Juden von Silistria etz. warten noch immer auf die Anerkennung ihrer Bürgerrechte. Zieht man die Taktik der Rumänen den Juden gegenüber näher in Betracht, dann •braucht man sich vielleicht nicht zu wundern, daß sie in ihrer allgemeinen Politik derart verschmitzt und zynisch sind. Es ist dies für die rumänische Moral charakteristisch und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß Rumänien seit jeher dazu gepaßt hat, der Bundesgenosse Rußlands, des kölligsmörderischen Serbien und des verräterischen Italien zu sein. In der Gesellschaft der Mittelmächte hat es sich sicherlich nicht ganz bequem gefühlt. . . . Nun zieht Rumänien in den Krieg. Es überläuft einem kalt, wenn man bedenkt, daß jetzt lausende und Abertausende Juden dazu verurteilt sein werden, für dieses stiefmütterliche „Vaterland" das Schwert zu führen u. ihre Haut zu Markte zu tragen. Es dürfte dies die höchste Tragik dieser „Fremden" sein, die plötzlich eine „Heimat" und ein „Vaterland" gefunden haben . . . Wir aber, die Juden in den Ländern der Mittelmächte, die wir auch sonst die Feinde des Vaterlandes als unsere erbittertsten Feinde betrachten, werden jezt vor uns einen neuen Feind haben, dessen Bekämpfung für uns geradezu als heiliges Gebot gelten muß. Wie gegen Rußland muß auch gegen Rumänien von jüdischer Seite ein „Heiliger Krieg proklamiert werden. Zar Nikolaus I. und Moses Monlefiore. Was man sieb im Wilna erzählt. Bei den Krönungsieierliehkeiten der jungen engflischen Königin Viktoria fehlte unter all den Königen und 1'utentaten und fürstlichen Gasten auch der Königin treuer Freund und Ratgeber, Moses Montefiore, nicht. Als die Freude beim glühenden Weine den Höhepunkt erreicht hatte, hoben die gekrönten Häupter an, sich großtuerisch ihrer Macht und ihres Reichtums /.u rühmen. Wie die Reihe an dem mächtigen Zaren war, seufzte er und sprach mit schwerer Zunge: „Mein Reich ist das größte und mächtigste der Welt, nur eine Sorge bedrückt mich: Unzählig viele Juden wohnen in meinem Lande, und ich weiß kein Mittel, sie los zu werden." In Moses Monteiiore kochte das Blut heili a.ii beim Vernehmen dieser gehässigen Worte des Zaren. Kr beherrschte sich aber, trat mit aller Ehrerbietung an Nikolaus heran und sprach: „Mein Herr und Kaiser! Wie ich aus Deinen Worten merke, sind Dir die Juden zuwider, warum behältst Du Sie denn in Deinem Lande?" „Was könnte ich mit ihnen anfangen?" fragte der Kaiser. „Verkaufe sie mir alle", bat Montefiore, „ich zahle drei Rubel für den Kopf, ohne Rücksicht auf Al*er, Stand und Geschlecht." Der Zar schlug freudig ein. Alle Juden loswerden, zudem noch an zwanzig Millionen einsacken, schien ihm ein recht gutes Geschäft. Man schloß einen regelrechten Vertrag ab, nach dem Moses Montefiore nach drei Monaten nach 'IjISland zu kommen hätte, um nach Erlegung des ausbedungenen Betrages die Juden aus dem Lande zu führen. Nach Rußland zurückgekehrt, erzählte der Kaiser frohgemut seinem versammelten Rate von seiner glücklichen Abmachung mit dem englischen Hofjudan. Die Minister schüttelten aber unzufrieden den Kopf und ineinten einstimmig: Aber auch unsere Glaubensgenossen in den neutralen Ländern werden jetzt wissen, wie sie sich gegenüber dem neuen Verbündeten der Entente zu veraalten haben. Wieder haben sie es jetzt mit einem bösen Judenfeind zu tun, dessen Niederringung für aas Gesammtjudentum ein Glück und eine Erlösung bedeuten würde. Den Hunderttausenden Juden Rumäniens würde Freiheit und Erlösung winken, wenn — was wir zuversichtiieh hoffen — dieser hinterlistige Staat von der verdienten Strafe ereilt weraen wird. Noch weniger als früher dari ein Jude den Sieg dieser Mächtegruppe wünschen. Noch mehr als früher ist es die heilige Pflicht aller Juden, den Sieg der Mittelmächte herbeizusehnen, deren Sieg die Niederringung der ärgsten Judenfeinde und deren heuchlerischer Verbündeter bedeutet England und Frankreich, die früher gegen die Bedrückung der rumänischen Juden zu protestieren pflegten, werden jetzt wohl schweigen, da doch Rumänien als Kollegin von Rußland ihre Freundin geworden ist. Die Entente hat längst alle menschlichen Ideale verraten und diese gemischte Gesellschaft paßt wohl zu einander. Die Juden Rußlands sind dank der Hilfe der Mittelmächte schon zum großen Teile vom Zarenjoch befreit. Die Juden Rumäniens werden es auch mit Gottes Hilfe gar bald werden. Die siegreichen Heere der Mittelmächte werden auch den rumänischen Juden Freiheit und Erlösung bringen und die Pflicht der Juden aller Länder ist es, dazu mitzuhelfen. Noch stärker als früher müßen die Sympathien und die Wünsche alier Juden den Armeen der Mittelmächte zugewendet sein, die neue Feinde zu bekämpfen haben, denen aber trotzdem der Sieg zuteil werden wird. Die gerechte Sache tnuu siegen. „Der Hinterlistige wird keine Beute verzehren" — hat schon der König Salomo versichert. Die Slädteordnung für die Siädte und MarJklüeciieii in Polen. Lublin, 28. August. Das Preßbureau des Militärgeneralgouvernements teilt mit: In dem am 23. d. herausgegebenen und verschickten Verordnungsblatte der k. und k. Militärverwaltung in Polen sind zwei Verordnungen des Armeeoberkornmandanten erschienen, die eine Städteordnung für Kielce, Lublin, Petrikau und Radom, sowie zugleich für 34 andere Orte veröffentlichen, die sei es schon Städte waren, sei es gegenwärtig als Sitze von Kreiskommanden, besondere Voraussetzungen für ihre Entwicklung besitzen. Die gegewärtig ins Leben tretende Städteordnung entspricht vollkommen den Anforderungen einer neuzeitlichen Städtewirtschaft und sichert über jeden Zweifel den polnischen Charakter der Städte und Marktflecken dieses Teiles von Kongreßpolen. Die neue Städteordnung stützt sich im allgemeinen auf ungefähr dieselbe Grundlage wie „Das ist kein gut Geschäft, Väterchen, denn heute bringt uns jeder im Lande, ot> Mann oder Weib oder Kind, durchschnitlich vierzig Rubel im Jahre ein. Der Vertrag kann nicht eingehalten werden." Nun sann man angestrengt, wie man aui schöne Weise der Verpflichtung aus dem Wege gehen könnte, und einer der hohen Räte schlug vor: „Es gibt nur ein Mittel, Väterchen, uns den drohenden Ausfall zu ersparen: Wir lassen allen Jud;n zwangsweise Rock und Bart kürzen, so daß sie als Juden gar nicht mehr kenntlich sind. Mag dann der Engländer seine Juden im Lande herumsuchen. Am Ende geben wir ihm die Karaiten, an denen ja weiter nichts verloren ist, da sie Rechte haben und keine Bestechung geben . . .." Dem Zarem gefiel diese Idee über alle Maßen. Und bald erging der kaiserliche Befehl an alle Juden des weiten Landes, Bärte und Seitenlöckchen, sowie die langen Rockschöße abzuschneiden. In der jüdischen Welt löste dieser Ukas namenKse Bestürzung aus. Ein Weinen und Jammern gab es, als galt es, mit dem jüdischen Qewande die jüdische Saele herzugeben. Aber es half kein Bitten und Flehen. Mit Schere und Messer machten sich die kaiserlichen Büttel an die Arbeit, denen jüdische Bärte und Kaftans in Massen zum Opfer fielen. Zur verabredeten Zeit erschien Moses Montefiore im Palais des Zaren und verlangte, den Vertrag mit der geforderten Geldsumme in der Hand, die Auslieferung der Juden. Der Kaiser war jedoch nicht zu sprechen, und ein Minister verständigte ihn. daß man in Rußland als eigentliche Juden nur die Karaiten in der Krimgegend betrachte, die er sich holen könnte. Montefiore durchschaute sofort den Betrug, und voller Aerger über den schnöden Wortbruch, verließ er Petersburg und fuhr nach Wilna, wo er unter den frommen Glaubensbrüdern den Sabbat verleben wollte. Damals waltete in Wilna seines Amtes als Stadthauptmann der bekannte nachmalige „Ger Zedek" Graf Potocki. Als dieser von der Anwesenheit des großen Juden m der Stadt erfuhr, beehrte er ihn m seinem Hotel mit seinem Besuche. Es war am Sabbatmittag. die Selbstverwaltung der Städte aad Marktflecken in Galizien, die doch im Rahmen dieser Autonomie und auf ihren Grundlagen alle Schwierigkeiten überwunden und die Fundamente einer durch nichts aufzuhaltenden Entwicklung und Bedeutung gelegt haben. Es ist die Ausarbeitung einer Wahlordnung für die Städte auf Grund der schon veröffentlichten Städteordnung beabsichtigt, welcher andere Arbeiten folgen werden, die eine noch weitere Anteilnahme der Gesellschaft am öffentlichen Leben zum Ziele haben. Die Städteordnung, mit dem Geltungsbereich für die Städte Kielce, Lublin, Piotrkow und Radom erlassen, verfügt im wesentlichen: Jede dieser Städte bildet eine eigene Stadtgemeinde. Das Stadtgebiet wird, wenn es nicht mit dem Gemeindengebiete zusammenfällt, durch Verordnung des Militärgeneralgouvernements bezeichnet. Mitglieder einer Stadtgemeinde sind alle Personen, die die Staatsangehörigkeit im Königreiche Polen besitzen und im Stadtgebiete ihren ordentlichen Wohnsitz haben. Angehörige der österrechisch-ungarischen oder einer verbündeten Wehrmacht sowie Angestellte der österreichisch-ungarischen Militärverwaltung, die im Stadtgebiete ihren Amtssitz haben, ohne Gemeindemitglieder zu sein, sind von allen Gemeindelasten befreit. Die Vertretung der Stadtgemeinde obliegt dem Stadtrate. Der Stadtrat besteht in Städten mit höchstens 80.000 Einwohnern aus 50, in Städten mit mehr als 80.000 Einwohnern aus CO Stadträten. Die Stadträte werden von den Gemeindemitgliedern nach Maßgabe dieser Verordnung und der besonderen Wahlordnungen gewählt. Die Verwaltung der Stadtgemeinde obliegt dem Magistrate. Der Magistrat besteht aus dem Stadtpräsidenten und in Städten mit weniger als 80.000 Einwohnern aus sechs, in Städten mit mehr als 80.000 Einwohnern aus acht Raisherren. Die Mitglieder des Magistrats werden vom Stadtrate gewählt. Zum Stadtpräsidenten und zum Vizepräsidenten kann jede in einer Stadt Polens, zum Ratsherrn jede in der betreffenden Stadt wählbare Person gewählt werden- Die Wahl de« Stadtpräsidenten und des Vizepräsidenten bedarf der Bestätigung des Militär- Generalgouvernements. Der Stadtpräsident und, .bei seiner Verhinderung zunächst der erste, dann der zweite Vizepräsident, ist Leiter des Magistrats u. Vorsitzender des Stadtrates. Der Wirkungskreis des Stadtrates umfaßt die Wahrnehmung der wirtschaftlichen, hygienischen und kulturellen Interessen der Gemeinde. Der Stadtrat hat seine Beschlüsse mit Beobachtung der bestehenden Gesetze, der Verordnungen des Armeeoberkommandanten und des Militär-Generalgouvernements sowie der gesetzmäßigen Verfügungen der k. u. k. Be- Sie unterhielten sich lange über politische und religiöse Fragen, und der Graf konnte gar nicht genug die Klugheit Montefiores und seine Weltgewandtheit aui allen Gebieten des Lebens bewundern. Sie schlössen an diesem Mittage enge Freundschaft. Da kam ein Kurier ins Haus gestürzt und überbrachte Montefiore ein versiegeltes Schreiben aus dem kaiserlichen Hofe. Montefiore legte das Schreiben ungeöffnet auf den Tisch und wollte die gestörte Unterhaltung fortsetzen. Doch Graf Potocki unterbrach ihn. „Warum öffnest Du nicht das Schreiben? Dies gebietet doch schon die Achtung vor dem hohen Absender." „Die Achtung vor einem Höheren, vor Qott, verbietet mir aber, es heute, am Sabbat, zu tun" gab Monteiiore einfach zurück. „Dann mache ich es für Dich", bot »ich der Graf dienstfertig an. Doch Montefiore fiel ihm rasch die Hand. „Es ziemt Dir, dem ersten Beamten der Stadt, zumal Du mein Gast bist, nicht, mir Dienstarbeit zu leisten." Darauf klingelte der Graf den Diener herbei und befahl ihm, das Schreiben zu öffnen. Doch kaum hatte dieser nichtsahnend den Umschlag gelöst, als er zusammenbrach und, nun eine starre Leiche, auf dem Boden lag. Vielsagend sahen sich die Freunde an und wußten, daß der Brief mit giftigen Gasen versehen und wohl dazu bestimmt war, den Zeugen des kaiserlichen Wortbruches aus der Welt zu schaffen. Der Sabbat hatte ihn vor dem sicheren Tode gerettet. Noch am gleichen Abend verließ Moses Montefiore J>tadt und Land und trat die Heimreise nach England an. Dort berichtete er seine russischen Erlebnisse haarklein seiner geliebten Königin, die sich die Sache sehr zu Herzen nahm und eine Abrechnung mit dem treulosen Zaren beschloß. So entstand der Krieg von SebastopoL

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