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Jüdische Korrespondenz · 1916-09-01 · 31 (1.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
31 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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lüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. lir^„t«~*.UI#»4+ -WS- SnASo^Ut* InWocon« Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120.! Wochenblatt tur jüdische Interessen. Wien, vm. Mserstraße 55. N«cWr«cV mit vflHer Oue|lena.g.be gestaltet Redakteur: Jonas Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag Wien, I. September 1916. 2. Jahrgang. und die Inden. „Der Hinterlistige wird keine Beute verzehren. (Sprüche Salonio. \Z. -'■'.) Rumänien hat an Oesterreich - Ungarn den Krieg erklärt. Es hat damit jjjfyy^cjiluß au die Entente gefunden, an\(fcj^m»1Vlacli[egruppe, die das blutige WeitSWHIn hervorgerufen hat und in einer Siegespsychost si n befindet, die den Olauben an den Endsieg trotz aller Enttäuschungen und Erfahrungen nicht aufgeben will. Zu diesem Behufe versucht sie immer neue Verbündete zu finden, immer neue Völker in den Kriegswirbel hineinzuziehen, um mit Hilfe der Zahl das zu erreichen, was sich bisher als unerreichbar erwies. Länger als 2 jähre hat Rumänien gezögert, 25 Monate hat es sich neutral verhalten. Es war dies wohl nie eine ehrliche Neutralität. Obwohl seit vielen Jahren mit den Mittelmächten in einem Bundesverhältnis lebend, dem es seinen Autschwung, seine politische und wirtschaftliche Entwicklung verdankt, hat es seit Kriegsausbruch gegenüber den Feinden dieser Mächte eine Haltung beobachtet, die mehr als wohlwollend war. wogegen es seine früheren Verbündeten bei jeder Gelegenheit brüskierte und ihnen alle nur möglichen Schwierigkeiten in den Weg legte. Rumänien hat nie geleugnet, daß es die Absicht habe, aktiv in den Krieg einzugreifen. Es wollte war »ttH&chst sehen, wer der Stärkere sein wirü und diesem sich anschliessen- Nun hat es seine Wahl getroffen und steht heute als der Verbündete von Rußland da. Es mag dahingestellt bleiben, ob es gerade jetzt den richtigen Zeitpunkt für sein Eingreifen gewählt hat. Es ist vielmer mit der vollsten Zuversicht zu erwarten, daß es seine Eist schwer büßen und nicht dazu kommen werde, die Früchte seiner Schakalenpolitik zu genießen. Für die Mittelmächte und deren Verbündete war der Entschluss Rumäniens kenn Ueberraschung, obwohl die heuchlerischen Staatsmänner in Bukarest alles getan haben, um gerade jetzt ein Eingreifen in den Krieg als 'unwahrscheinlich erscheinen zu lassen. In Wien, Berlin und Sofia war man auf diese schheßliclie Lumperei vorbereitet und es ist dafür gesorgt worden, daß die Rumänen ebenso die Stratc lnr ihr ruchloses Beginnen erhalten.wie sie bis heute schon die anderen Schuldigen am Wcltkii g erhalten haben. Das Eingreifen Rumanie s macht niemandem bange und die Mittelmachte, die mit den Millionenheeren Rußlands fertig geworden sind, werden auch schon mit den Rumänen fertig werden. Das Eingreifen Rumäniens in den Weltkrieg hat aber auch eine Seite, die uns Juden besonders angeht. Außer Rußland ist Rumänien der einzige europäische Staat, in welchem in Bezug auf die Juden noch mittelalterliche Zustände herrschen. Die Behandlung der Juden in Rumänien machte dieses Land zum würdigen Bundesgenossen des Zarenreiches und es ist nur folgerichtig, daß diese schönen Seelen sich gefunden haben und daß sie nun vereint die vediente Strafe erleiden werden. Niemand in den Monarchie konnte wünschen, daß das V; terland in dieser schweren Stunde einen neuen Feind erhalte. Aber nun, da er da ist, so möge gesagt werden, wir würden uns gewundert haben, wenn es anders gekommen wäre und wir wurden es den Rumänen nicht gegönnt haben, wenn sie etwa auch aus diesem Kriege so ohne Opfer billige Beute erhalten hätten. Nun haben sie den schiefen Weg betreten und mögen nun dem verdienten Verderben entgegenrennen. Die Zahl der Juden in Rumänien ist verhältnismäßig viel kleiner, als diejenige in Rußland. Die Bedeutung der Judenfrage in diesem Lande ist demgemäß auch viel geringer. Aber ohne Uebertrerbung kann gesagt werden, daß dte Laxe der Juden in Rumänien hundertmal ärger und schrecklicher Ist, als in Rußland. Im Zarenreiche ist die Reaktion allmächtig und die dortigen Juden haben noch immer die tionnungdaß wenn einmal in Rußland die Freiheit ihren Einzug halten werde, es auch ihnen besser ergehen wurde. In Rumänien ist die Lage eine andere. Dort herrscht seit vielen Jahren eine politische Freiheit, die geradezu an Anarchie grenzt. Die Rumänen nennen sich stolz ..die beigier des Balkans . Die Konstitution gewann dem Volke rreiheiten, wie sich last kein anderes Volk Europas solcher erfreut. Nur in Bezug auf die Juden herrschen in diesem Lande Zustande, denen gegenüber diejenigen in Rußand geradezu in einem milden Lichte erscheinen müssen. Das macht die Lage der dortigen Juden so verzweifelt und hofffitingslos und deswegen kann ohne Uebertreibung gesagt werden : Außer Rußland ist Rumänien der ärgste Feind des jüdischen Volkes und das ganze Judentum ist daran interessiert, daß diese hinterlistigen Heuchler endlich einmal von der verdienten Strate ereilt werden. Das Verhalten Rumäniens v\ahrend der bisherigen Kriegsperiode und sein gegenwärtiges Eingreifen in den Krieg ist eine elende und feige Heuchelei, der gegenüber selbst das Verhaken Italiens verblaßt. Niedertrachtig und heucnlensen war auch seit jeher das Verhalten Rumäniens in der Judenfrage, womit es sich, wieder einmal selbst von kubland zu seinem .mgunsten unterscheidet, isoeh als Vasallenstaat hat es Rumänien an keiner Gelegenheit fehlen lassen, die Juden zu bedrucKen und zu verfolgen und wiederholt mußten die europaiscnen Machte eingreifen, um die dortigen Juden vor Mord und Raul) zu schlitzen. Bekannt ist jener Judenpogrom in Galatz in den 6Ü-ger Jaliren des vorigen Jahrhuderts, wo die unschuldigen Opfer ganz einfach von den Huhgans ergriffen und in die Donau geworfen wurden. Eni Schrei aer Entrüstung durchbrauste damals die ganze gesittete Welt und last alle Großmächte uberreichten heftige Proteste gegen diese Scheußlichkeiten, tue von der Regierung geduldet wurden, um der Volkswut ein Ventil zu verschalten. Heuchlerisch wie immer, versprach die Regierung Abhilte und auch die Intervention ues berühmten jüdischen Plnlantropen R. Moses Montetiore hatte das Ergebmß. daß die Regierung mit Versprechungen nicht geizig war. Vom versprechen bis zumrialten ist aber m Rumänien stets ein sehr weiter Weg und es tiel den Macluhabern in Bukarest und Jassv nicht einmal ein. die Versprechungen in laten umzusetzen. Die Not der rumänischen Judenschaft war derart groß und ihre Leiden derart entsetzlich, daß der Berliner Kongreß im Jahre 1«/«. aer Rumäniens Selbständigkeit dekretieren sollte, sich der Notwendigkeit nicht verschheiien konnte, die dortigen Juden zu schützen und so wurden im Berliner Vertrag ausdrücklich die Bedingungen aulgenommen, daß Rumänien nur dann selbständig werden kann, wenn es allen Burgern ohne Unterschied der Koniession volle Gleichberechtigung gewahre. Zähneknirschend mußten sich die Rumänen damals lugen. Aber schon hatten sie einen Ausweg gefunden, die Bestimmungen zu umgehen, der ihrer Charakterlosigkeit alle Ehre macht. Im Prmzipc wurde die gewünschte Bestimmung in die rumänische Konstitution aufgenommen aber gleichzeitig wurden fast sammthehe in Rumänien wohnenden Juden, selbst diejenigen, die dort geboren wurden und die im jüngsten Krieg Militärdienst geleistet haben, als „Fremde" erklart, die erst das rumänische Bürgerrecht speziell erwerben musten. Die Erwerbung des Bürgerrechtes wurde aber an derartige Bedingungen geknüpft, daß es fast eine Unmöglichkeit tur einen Juden war. dieses ..Glückes ' teilhaftig zu werden. Es genügt daraut zu verweisen, daß die gesetzgebenden Körperschaften dazu berufen wurden, das Bürgerrecht zu gewahren und daß es tur jeden diesbezüglichen Akt einer besonderen Gesetzesvorlage bedarf. Das Resultat war auch dementsprechend. Zirka 40 Jahren sind seidem verflossen und kaum einigen Hundert Juden ward das Gluck zuteil, das rumänische Bürgerrecht zu erhalten. Die Uebrigen aber, etwa ein viertel Million, gelten noch heute im Lande als „fremd", ohne jedes Recht, obwohl verpflichtet, an allen bürgerlichen Lasten mitzutragen und selbst Militärdienst zu leisten. Seitdem es den Rumänen gelungen ist. den europäischen Machten aut diese Weise cm Schnippchen zu schlagen und deren Bemühungen zugunsten der Juden illusorisch zu machen, liaiien sieh die ruinaniscneii Staatsmänner mit einem seltenen Raitmement darauf verlegt, die ruman. Gesetzgebung derart auszubauen, daß den dortigen Juden das Leben buchstäblich unmöglich gemacht werde. Es gibt selten ein Gesetz oder eine Bestimmung in Rumänien, die nicht die ominösen vVorte enthalten sollen ..außer den Fremden". Dass russische .Jtroaic Jewrci" une Juden ausgenommen) hat da cm Gegenstuck gefuuen und es muß gesagt werden, daß der bclmler vieitacii den Meister übertrifft. Die Lage der .luden m Rumänien ist auch vielfach arger und unerträglicher, als die Lage ihrer Bruder in Zarenreiche. Diese leben wohl unter Ausnahmsgesetzen, aber wenigstens sind es besetze, die ihre Lage regeln und die melir-wvmger eingehalten werden mußen. In Rumänien i c smo sie Ii Luide \ogtlfici sie stehen tußci nulo jeden keehtes und jeden Gesetzes: ein Zustand, aer selbst im tinstern Mittelalter keine Analogie findet. es wurde zu weit fuhren, alle Einzelheiten auszuzahlen, unter welchen die rumänischen .iUüen zu leiden hauen, vian mußte eine blutige Chronik schreiben, um diese Leiden nur halbwegs zu schildern. Es genügt daraut zu verweisen, daß die Juden in Rumänien von dem Besuch der otfentlicnen Schulen ausgeschlossen seien, uaii deren Privatseliuleu Kein Oeltentlichkeitsreeht besitzen und daß deren Zöglinge nachher in rurtiantscrien schulen Prüfungen ablegen mußen, um gültige Aeugnisse zu erhalten, was wieder mit großen Unkosten und bcliwiengkeiten verbunden ist: daß die Juden keine Apotheken besitzen, die Advokatur nicht ausuuen und auch sonst von vielen treien Berufen ausgeschlossen sind. - Dinge, tue nicht einmal in Rußland vorkommen. Die Juden dürfen auch keinen eirund und Boden auf dem Lande besitzen und die judisenen Laudpachter sind stets von Ausweisungen bedroht, die auch Utters vorkommen. Die jüdischen Pachter werden ud i Vitf ft 1s ndenl oeis ftir die Gutsbe sitzer nciuu/t. und aut die Juden wird die v\ ui „er Bauern gelenkt, wenn diese sich gegen die Ausbeutium seitens der Boiaren uuilenneii. wann kuiiiuu es zu furchtbaren Pogroms, deren Resultat noch dazu die Austreibung der jtubchc! 1. eh e ■ dai ist. I >era n gelegentlich der großen Agrarnanien aut der iagesordnung und ials Zeuge einer jüdischen Masisteu Stunden der Massenemigrationeu aus isianu erinnerte. Den iioehstpunkt der .1 tidenbedruektmg iteu sieh aber die Rumänen, indem sie der Gesetzgebung eine Bestimmung aufneh-;n ließen, daß industrielle Unternehmungen ehstens _-.->/„ ..fremde Arbeiter und Angei Mellte neschaüigen dürfen. Somit ist selbst ein i üidiselie. industrieller gezwungen, in seinem i unternehmen Höchstens 25/, Juden zu beschäl! ugen eine Bestimmung, deren Gleichen man mraens linden durfte. Die Austreibungen der Juden aus d tu Lande, die verjagung von Stadt zu Stadt, sind in Rumänien stets aui der I agesordnung. Auen in dieser Beziehung ist die Unsicherheit groL-r. als in Rußland, wo es mindestens einen Ansicdlungsrayon gibt, m welchem die Juden unu-.- hindert wohnen dürfen. In Rumänien sind sie aber mrgens sicher und mußen jeden lag eine Vertreibung und Verjagung gewärtigen. Danei mußen sie Militärdienst leisten. Da/u sind sie keine ..Fremden"". Aber avancieren hei uer Armee dürfen sie wiederum als ..fremde" tucht . . Nicht einmal die ausgedienten Soldaten, selbst solche, die sich Auszeichnungen erworbei haben, besitzen das Burger- und Wohnrecht im Lande . . . Die Not und das Elend der rumänischen Jude:! hat wiederholt zu heftigen Protesten seitens der Kulturwelt geführt. Vor einigen Jahren hat segar die Regierung der Vereinigten Staaten

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