Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 30 (24.8.1916)
- Date
- 1916-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr. 30. se zögerte nicht mit der Teilnahme an der eröffneten Diskussion, in welche sodann langsam und unauffällig auch die russische Fresse hineingezogen wurde. Man sollte wirklich glauben, daß die Vierverbaiidmächte die ehrliche Absicht hatten, die jüdische frage einer günstigen Lösung im Sinne der vorn jüdischen Volke gehegten Wünsche zuzuführen. Es folgten prompt Freudenkundgebungen aus üen jüdischen Kreisen der Schweiz, aus Frankreich, England und Italien, welche Kundgebungen auch in der rumänischen Presse einen starken Widerhall fanden. Die Vierverbandmächte und nur diese Mächte wurden als die einzigen Vorkämpfer für die jüdische Sache bezeichnet, und die Glaubensgenossen aller Länder wurden autgefordert, für den Endsieg der Vierverbändler, von denen das Schicksal des Judentums abhänge, zu beten und zu kämpfen. Es hat sich aber bald herausgestellt, daß der Tam-Tam nichts anderes als ein künstlich hervorgerufener trügerischer Schein und zwar eine vom britischen Regisseur geschickt arrangierte Komödie war. Die jüdische Frage war ein neues Agitationsmittel, um dem Vierverband die Unterstützung der jüdischen Finanzwelt zu sichern. Die jüdische Finanz in England drohte mit dem Streik gegenüber Kußland, und die jüdischen (Jroßkapitalisten Frankreichs und Amerikas zuckten mit den Achseln, als man ihnen neue russische Kreditforderungen vorlegte. Aus diesem Grunde war die Aufrollung der jüdischen Frage notwendig. Da aber diese Frage für Kußland sehr heikel ist, mußte man sehr vorsichtig zu Werke gehen mit der Lancierung der bombastischen Nachricht, daß Kußland ernstlich an die Erleichterung der Lage der Juden im Zarenreiche denke. Die nationalistische russische Presse verstand aber offenbar nicht diesen rein finanziellen Trick, und eröffnete eine stürmische Campagne gegen die Engländer und Franzosen, die sich einen derart geschmacklosen Scherz auf Kosten Kußland erlaubt haben. Nun scheint es, daß die russische Presse bereits über den geplanten Streich informiert wurde, sodaß wir in der letzten Zeit in der gesamten russischen Presse Lobeshymnen für die Juden lesen können. Die durch einen blutrünstigen Antisemitismus ausgezeichnete russische Presse verkündet plötzlich die Absicht der russischen Regierung von der Aufhebung des Wohnungszwanges für die Juden. Weiter sollen den Juden gewisse Erleichterungen in Bezug auf ihre Bewegungsfreiheit gewährt werden. Wir möchten eine Wette eingehen, daß Kußland eine neue Anleihe benötigt, zu welchem Zwecke es um die Gunst der jüdischen Finanz L. Schalkowitz. (Ein literarischer Gedenktag.) Mau schreibt aus Warschauer Schriftstellerkreisen : Am 20. Ab (19. August) feiert die hebräische Literatur einen historischen Gedenktag: vor 25 Jahren erschien an diesem Tage das erste Heft der „Sifre Agorali" (Kopekenbibliothek), eine Publikation, die einen Merkstein bildet in der Geschichte der neuhebräischen Literatur. Sie trat damit eigentlich in ihr modernes Stadiuni und nahm ihre wahrhaft moderne „europäische" Horm an. Und zwar gilt dies in einem doppelten Sinne: äußerlich bedeutete die Herausgabe dieser Kopeken- Bibliothek die erste auf gesunder Basis angestrebte Popularisierung der hebräischen Literatur, den ersten großzügigen Versuch, sich in -die breiten jüdischen Volksmassen, zu tragen; innerlich war aber diese Publikation von richtungweisender Bedeutung, weil sie als erstes Büchlein die schnell berühmt gewordene Erzählung „Lea nmchereth hadagim" (Lea, die Fischverkäuferin) brachte, eine der ersten realistischen Erzählungen der neulierbäischen Literatur, die schon in ihrer künstlerischen Form und Gesinnung das Stadium der „Haskalah" und den Stil der „Haskalah", die unnatürliche, gespreizte, gewaltsam gewollte „Melizah" ganz überwunden hatte und mit wuchtiger Kraft der hebräischen Belletristik den \\ eg wies, eine moderne, im Leben wurzelnde, natürliche Literatur zu werden. Sucht man daher nach irgend einem Datum, mit dem man die neueste wahrhaft moderne Epoche der hebräischen Literatur beginnen lassen will, dann muß man den 20. Ab des Jahres 1891 wählen, und die neuhebräische Literatur dürfte so heute in einem gewissen Sinne ein 25jähriges Jubiläum feiern. Der vor 25 Jahren das erste Büchlein der „Sifre Agora" herausgab, war „Ben-Awigdor", (L. Schalkowitz), der mit „Lea der Fischverkäuferin" seine erste belletristische Schöpfung publizierte. Und so wie dies sein erstes Auftreten in der neuhebräischen Literatur ein historischer Ereignis, den Beginn einer neuen Entwicklungsform derselben darstellt, so blieb er bis zum heutigen Tage so etwas wie der Repräsentant und Träger der machtvollen Entwicklung, auf die die hebräische Literatur in diesen 25 Jahren zurückblicken darf. Das gesamte äußere Gerippe, um das sich diese Entwicklung gerankt hat. hat ihn zum Mittelpunkt gemacht: jagt. Es ist eine bittere Ironie, das Land der Pogrome, der legitimierten fiuligans, des blutrünstigen Antisemitismus und der schwarzen Banden als Beschützerin der Juden hinzustellen! Was England und Frankreich betrifft, ist es bekannt, daß diese Staaten nie den Mut aufbringen werden, sich in die inneren Angelegenheiten Kußlands einzumengen, und umsoweniger werden sie irgendwelchen Einfluß auf die günstige Lösung der jüdischen Frage in Rußland ausüben können. England und Frankreich, die ihre höheren Interessen in Kleinasien, Persien usw. zu Gunsten Kußlands geopfert haben, werden sicherlich mit Leichtigkeit auch die russischen Juden opfern — nach dein Kriege! Amiliche Dokumenle über die ttussengreuel In CialLzlen. (Schluß.) „Protokoll" aufgenommen zu Czernowitz am 4. August 1915. Es erscheint Georg von Wolczinski, griechisch-orientalischer Pfarrer zu Bojan, 62 Jahre alt, verheiratet, Vater dreier Kinder und gibt über das Hausen der Küssen iii Bojan folgende Darstellung: Am 23. August 1914 zogen die Küssen zum erstenmal in Bojan ein. Sofort nach ihrem Einmärsche beganneii sie sämtliche Läden zu plündern. Die Waren vernichteten sie, warfen sie auf die Straße oder verteilten sie unter den Bauern, welche zufällig des Weges kamen, indem sie sie mit den Worten heranlockten: „Wir sind hergekommen, um mit den Juden Ordnung zu machen. Von nun an werdet Ihr die Herren sein und alle Grundstücke der Juden werden unter Euch verteilt werden." Nur lichtscheues Gesindel, welches sich damals zufällig auf der Straße befand, nahm die Aufforderung der Küssen geni entgegen und plünderte mit. Die seßhafte Bevölkerung aber wurde von den Russen schikaniert, weil sie nicht mittun wollte. Der Pöbel war für die russischen Soldaten ein gutes Werkzeug, um Bojans Bürgerschaft zu bedrängen und zu verfolgen. Am 25. August hatte das Treiben der Russen sein vorläufiges Ende erreicht, da sie die Ortschaft wegen des Herannahens der österreichisch-ungarischen Truppen räumen mußten. Nicht lange aber blieb Bojan von der Plage befreit. Am 28. August zogen sie wieder in das Städtchen ein und begannen mit ihren Untaten in einem noch viel größeren Umfang. Zuerst richteten sie ihr Augenmerk auf die jüdischen Häuser, welche sie ohne Ausnahme ausraubten und anzündeten. AlleWirtshäuser wurden erbrochen. Die dort aufgefundenen Getränke wurden er war es, der den ersten hebräischen Verlag „Achiassaf" schuf, der dann den anderen großen hebräischen Verlag „Tuschijah" ins Leben rief, der die ersten populären hebräischen Büchersammlungen herausgab, der in hervorragender Weise beteiligt war an der Schaffung des neuhebräischen Zeitungssystems, der m unermüdlicher Produktivität Zeitschriften, Sammelschriften und Bibliotheken publizierte; und man kann heute ohne jede Uebertreibungen sagen, daß es fast keinen einzigen hebräischen Dichter und Schriftsteller der letzten 25 Jahre gibt, der nicht in den Verlagskatalogen Ben Awigdors verzeichnet war. Was Cotta etwa für die klassische Zeit der deutschen Literatur, was S. Fischer für die neuere, naturalistische Richtung gewesen ist, das ist Ben Awigdor für die neuhebräische Literatur geworden, das und eigentlich noch viel mehr, da er bis in die letzte Zeit hinein fast der einzige große Verleger derselben geblieben ist. Vor allem aber: Er ist nie nur Verleger gewesen. Wie sein erstes Hervortreten gleichzeitig verlegerischer und literarischer Natur war, so trägt seine gesamte 25jährige Tätigkeit diesen Doppelcharakter. Er ist immer im tiefsten Grunde hebräischer Schriftsteller geblieben, einer der innerlich, selbst schaffend und kritisch beeinflussend den ganzen Entwicklungsgang der neuhebräischen Literatur mitgemacht hat und dem seine verlegerische Wirksamkeit nur das Mittel war zur Verwirklichung der Ideen, Aufgaben und Bedürfnisse, die er als Mitträger der hebräischen Literaturentwicklung für notwendig und zeitgemäß erkannte. Diese seine literarische Grundeigenschaft verlieh seiner Verlegertätigkeit jene rastlose Produktivität, die nie in Schablone erstarrt, sondern ständig Neues schafft; die dauernd fortschreitet, fast allzuseher überquellend an der Fülle der Anregungen, Gedanken und Ziele, die sie zu verwirklichen trachtet. Wer die Namen all der Zeitungen und Zeitschriften liest, die Ben Awigdor gegründet hat, wer all die Bibliotheken und Schriftensammlungen überblickt, die er publiziert hat, wer all die zahlreichen Projekte kennt, die er verwirklicht hat, all die zahlreichen noch, für deren Verwirklichung die Zeit noch nicht reif war, erschrickt förmlich vor der Rastlosigkeit, Elastizität und ungewöhnlichen Dynamik dieses Mannes, den ein Projekt eigentlich nur reizt, solang« seine Verwirklichung tausend Schwierigkeiten zu überwinden hat und der im selben Augenblick, da es gesichert ist, bereits an ein neues denkt. ausgetrunken. Nachdem die jüdischen Häuser ganz ausgeplündert waren, wurden sie niedergebrannt und bis auf den Grund zerstört. Dann kam der Besitz der rumänischen Bevölkerung an die Reihe. Die Russen zündeten viele Nebengebäude rumänischer Bauernhäuser an, schleppten die Zäune weg und zerlegten zahlreiche Scheunen und andere Holzgebäude. Obwohl die Besitzer der Liegenschaften dagegen Einspruch erhoben, achteten sie nicht darauf, sondern setzten ihr Zerstörungswerk fort. „Protokoll," aufgenommen zu Czernowitz am 3. August 1915» Es erscheint Dionys Miirofanowicz, griechisch-orientalischer Erzpriester und Pfarrer zu Toporoutz, 78 Jahre alt, Witwer, Vater von vier Kindern und deponiert weinend, wiederholt von krampfhaftem Schluchzen unterbrochen, wie folgt: Es war schrecklich, wie die Russen während der Invasion in Toporoutz gehaust haben. Ich hätte nie geglaubt, daß Menschen, daß Christen solche Mord- und Räubergeselien sein können. Jener Sonntag im September vorigen Jahres, an welchem die Kosakenhorden in Toporoutz einbrachen, wird mir mit allen seinen Schrecken bis zu meinem Tod in Erinnerung bleiben. Das Wüten der wilden Horde vermag ich nicht zu schildern, aber die Erinnerung daran raubt mir noch jetzt den Schlaf. Wie Tartaren stürmten sie unter Höllenlärm ins Dorf, gefolgt von bessarabischem Gesindel, fielen zunächst in die Schenken und Geschäfte der Juden ein, raubten und plünderten alles, und was sie nicht mitschleppen konnten, wurde zertrümmert und vernichtet. Mitleidlos haben sie mit Kolben und Nagaikas auf die jammernden Beraubten eingehauen und lachten höhnisch, wenn sich die Geprügelten vor Schmerzen wanden. Krieg und Krieyswudier in den Sprüchen Salomos. Einem Aufsatze des Dr. M. Epstein-Brünn in dem „Isr. Wochenblatt für die Schweiz" entnehmen wir folgende interessanten Stellen: An zwei Stellen nur und wie man zu sagen pflegt — nur en passant — wird in den Sprüchen des Königs Salomo des Krieges gedacht, an die ich während des jetzigen Weltkrieges namentlich nach der Seeschlacht amSkagerrak oft gemahnt wurde oder richtiger gesagt, auf die ich bei der mir an meinen Lebensabende lieb gewordenen Arbeit der metrisch gereimten Uebersetzung der Alttestamentarischen Poesien gestoßen bin. Es ist daher nur natürlich, daß Es ist leicht zu verstehen, wie segensreich ein „Verleger" dieser Art gerade für die neuhebräische Literatur werden mußte, der bei der Fülle der Talente nichts mehr fehlte als der starke Organisator, der ihr die äußere gesunde Basis schaffen konnte und die in Ben Awigdor einen solchen Organisator von geradezu vorbildlicher Art gefunden hat. Seine Verdienste um die Entwicklung der neuhebräischen Literatur kann man darum garnicht hoch genug anschlagen. Sie sind vor allem einzig in ihrer Art und unersetzlich. Er ist nicht nur ein bedeutender hebräischer Schriftsteller, deren es so manche, nicht nur ein warmherziger Förderer der hebräischen Literatur, wie es deren viele gibt, sondern er ist b:s heute in vielen Ansichten so etwas wie die zentrale organisierende Persönlichkeit derselben geblieben. Sein 25jähriges Jubiläum als Verleger und Schriftsteller fällt in eine Zeit, da unter den furchtbaren Wirkungen dieses Krieges auch die hebräische Literatur in ihrer Entwicklung jäh gehemmt und unterbrochen wurde; und es ist wohl auch persönlich für Ben Awigdor das Schmerzvollste an seinem Jubiläumstage, daß er ihn nicht mitten im Kreise all der hebräischen Schriftsteller und Dichter feiern kann, denen er Führer und Verleger war, und deren größter Teil heute von ihm, der in Warschau verblieben ist, getrennt ist. Wenn aber die hebräische Literatur auch in ihrer äußeren Organisation heute bereits so stark ist, daß sie sicher sein darf, selbst die Stürme dieser Zeit zu üoerdauern, so trägt mit das stänkste Verdienst daran zweifellos Ben Awigdor. Die jüdischen Schriftsteller Warschaus gedenken das Jubiläum Ben Awigdors in gebührenden Weise zu feiern. Mit Rücksicht auf die gegenwärtige Ferienzeit hat der „Verein jüdischer Schriftsteller und Journalisten" beschlossen, die öffentliche Feier bis zum Herbst zu verschieben. Das gesamte Warschauer Judentum nimmt an seinem Jubiläum lebhaften Anteil und mit ihm darf die gesamte Judenheit an diesem Tage nicht achtlos vorbeigehen; denn der Jubiläumstag Ben Awigdors ist ein Jubiläumstag der neuhebräischen Literatur; und nichts spricht wohl beredter von den Verdiensten und der Bedeutung Ben Awigdors, als diese Tatsache, die seinen persönlichen Jubiläumstag zu einem solchen des gesamten jüdischen Volkes erhebt.