Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 29 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. JUdlsche Korrespondenz S«ite 3 Brief aus Warschauner Jahrestag der Befreiung Warschaus von der russischen Herrschaft ist hier wie im ganzen Okkupationsgebiete in festlicher Weise gefeiert worden. Diese Feier ist gleichzeitig mit der Jahrzeit für die im Jahre 1864 durch die Russen hingerichteten Mitglieder der damaligen polnischen Nationalregierung begangen worden. Die Warschauer Judenschaft hat sich in beiden Feierlichkeiten lebhaft beteiligt und die jüdische Presse hat besonders dem Jahrestag der Befreiung von der Russenherrschaft begeisterte Artikel gewidmet, in welchen auf die großen Vorteile verwiesen wurde, welche den Juden dadurch erwuchsen, daß sie nunmehr als freie, gleichbererechtigte Bürger sich politisch und kulturell voll ausleben können. Die Vertreibung der Russen aus Polen war für die Juden wahrlich ein glorreiches Befreiungswerk, für welches sie den Mittelmächten zu Dank verpflichtet sind. Tatsächlich ist der Fortschritt auch im inneren Leben der Juden im Okkupationsgebiete unverkennbar. Auf allen Gebieten des Lebens, in wirtschaftlicher, kultureller und religiöser Hinsicht sind bedeutende Wandlungen zum Bessern zu konstatieren und die seit Dezennien geknechteten und verfolgten Juden atmen frei auf. Auch das Verhältnis zwischen den Juden und Polen hat sich bedeutend gebessert und die Juden in Polen sehen allenfalls besseren Tagen entgegen. * Bei der weiteren Konstituierung der Stadtverwaltung wurde der jüdische Ratmann B. Eiger zum Sekretär des Gemeinderates gewählt. In den Magistrat wurden 2 Juden gewählt und zwar der Ratmann Weissblatt und Herr M. Rundstein. Bei der Verteilung der Referate erhielt Weissblatt das Referat über Kanalisation und Wasserleitung, Herr Rundstein dasjenige über das Versicherungswesen. Entspricht auch diese Berüchsichtigung der Juden in der Stadtverwaltung nicht ganz ihrem Zahlenverhältnisse, so gibt sich die jüdische Bevölkerung vorläufig damit zufrieden, umso eher, als seitens der polnischen Kreise bei jeder Gelegenheit versichert wird, daß die berechtigten Interessen und Forderungen der Juden in jeder Beziehung berücksichtigt werden würden. Der Kampf im jüdischen Lager hat aber noch immer nicht aufgehört und mit der Zeit könnte dadurch das Ansehen und der Einfluß der jüdischen Repräsentanz leiden. Einer der jüdischen Ratmänner, der Vertreter des Volkskomitees Bildhauer Eisenberg, hat sich bereits veranlaßt gesehen, zunächst aus dieser Gruppe auszutreten und schließlich ganz auf sein Mandat zu verzichten. Der Verzicht ist aber vom Gemeinderate nicht zur Kenntnis genommen worden. Andererseits ist es bei der jüngsten Sitzung wieder zu einem Inzident gekommen. Der Vorsitzende hat einen Artikel aus dem „Moment" verlesen, in welchem dem Gemeinderate vorgeworfen wurde, daß dieser mit dem Programm „den Handel zu nationalisieren", eine antisemitische Aktion beabsichtige. Der .Vorsitzende verwahrte sich gegen diesen Vorwurf, den er als Beleidigung des Gemeinderates betrachtet und erklärte, daß falls Herr Prilucki, der Redakteur des „Moment", derartige Angriffe wiederholen sollte, er sich gezwungen sehen würde, den Antrag auf Ausschließung desselben vom Gemeinderate zu stellen. — Es wäre höchste Zeit, den Kampf im jüdischen Lager einzustellen. _ Warschai. Zwang dienst iiir russische Juden in England. (JAK.) Die Einführung der Militärpflicht für die nach England eingewanderten russischen Juden scheint nunmehr eine Frage sehr kurzer Zeit zu sein. Nach der bekannten Rede des Ministers des Innern, Samuel, in welcher er die Alternative — Eintritt in die englische Armee oder zurück nach Rußland — noch als seinen persönlichen Vorschlag bezeichnete, hat sich das Unterhaus und auch das Oberhaus wiederholt mit dieser Frage beschäftigt. Die Vertreter der Regierung habein dabei den Standpunkt Samuels schon als den der Regierung bezeichnet. In beiden Häusern haben die russischen Juden christliche Fürsprecher gefunden. Im Unterhause protestierte King gegen die antisemitische Judenhetze und sprach sich gegen die Ausweisung nach Rußland aus. Die rusisschen Juden sollen sich der englischen Armee anschließen und sofort naturalisiert werden. Für diejenigen, die die englische Sprache nicht verstehen, verlangte King die Gründung einer jüdischen Legion. Herbert Samuel erklärte, die Frage der Deportieruaig nach Rußland werde jedenfalls erst erhoben werden, wenn ein dienstpflichtiger russischer Jude, trotz Abweisung seines Befreiungsgesuches durch eines der dazu zu gründenden Tribunale sich weigern sollte, in die englische Armee Anzutreten. Für politische Flüchtlinge werden auch dann noch Ausnahmen möglich sein, der Minister lehnte es jedoch ab, alle russischen Juden als politische Flüchtlinge zu betrachten. Hinsichtlich der Naturalisierung steht die Regierung auf dem Standpunkt, i daß diese erst eitrige Monate nach dem Eintreten in die Armee zu erfolgen haben. Den Qedanken einer jüdischen Legion lehne die Regierung ab. Im Uberhause richtete Lord Sheffield einige Antragen an die Regierung, zu deren Begründung er eine längere Rede hielt. Er torderte, daß England auch fernerhin das Asylrecht für die aus Rußland und Polen vor Verfolgung und Unterdrückung entflohenen Juden wahre. Die Heranziehung der russische« Juden zum Militärdienst müsse in einer entsprechenden Form geschehen. Man müsse ihnen die Möglichkeit geben, ebenso wie bis zum Zwangsdienst den Engländern, freiwillig in die Armee einzutreten. Er sei überzeugt, daß ein freundlicher Appell an die russischen Juden Erfolg haben werde. Es müsse aber denjenigen, die sich weigern, sich der englischen Armee anzuschließen, gestattet sein, ins neutrale Ausland zu gehen. Schließlich protestierte Lord Sheffield gegen die Terrorisierung der russischen Juden durch die Polizei, die ihnen schon jetzt mit der Ausweisung nach Rußland droht. Auch der durch seinen Friedensappell bekannte Lord Loreburn verlangte iür die russischen Juden das Recht des Abzuges nach einem neutralen Lande. Großes Aufsehen erregte im Hause und in der ÜeffentLichkeit sein energischer Ausspruch: „Wenn ich ein Jude wäre oder auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in mir hatte, ließe ich mir lieber die Hand abschneiden, als das zu tun, was Mr. Samuel getan hat, nämlich diesen Leuten zu sagen: wenn ihr nicht in der englischen Armee dienen wollet, werden wir euch nach Rußland zurückschicken." Gegen die Ausweisung nach Rußland sprach auch Lord Russell. Die Mitglieder der Regierung, Lord Sandhurst und Marqius oi Landsdown waren in sichtlicher Verlegenheit, ob dieser bewegten Judendebatte im House of Lords. Sandhurst erklärte, die Regierung könne einem freien Abzug russischer Juden ins neutrale Ausland nicht zustimmen. Sie werden vor besonderen Gerichten ihre eventuellen Befreiungsgesuche begründen können. Seine sonstigen Erklärungen deckten sich mit denen von Mr. Samuel. Lord Landsdown erklärte offenherzig, über die ganze Sache nicht informiert zu sein. Er werde aber der Regierung meitteilen, wie sehr sich die edlen Lords die Sache zu Herzen nehmen und Instruktionen verlangen. Vielleicht werden diese Debatten Mr. Samuel daran erinnern, daß er als Jude nicht unbedingt verpfkchet ist, den russischen Juden gegenüber rücksichtsloseste Kaltherzigkeit an den Tag zu legen. » Wir hatten bereits Gelegenheit, auf die unrühmliche Rolle hinzuweisen, die die englischen Wochenschriften „jewish Chronicle" und „Jewish World" in der Frage der Behandlung der russischen Juden übernommen haben, Es war schon sehr aufgefallen, welche Reserve sich diese Sprachrohre der englisch-jüdischen Gemeindegewaltigen im Verlaufe des Krieges bei der Schilderung der namenlosen Leiden der Juden Rußlands auferlegten. Es mußte etwas unsagbar brutales in Rußland geschehen sein, bis die Kunde über diese jüdische Katastrophe die Spalten dieser Blätter erreichte. Die Ausrede auf die Zensur war zwar immer zur Hand, aber zumeist unbegründet, denn dieselben Nachrichten waren in der allgemeinen englischen Presse lange vorher zu lesen. Hingegen wurde jede heuchlerische Nachricht über eine Erleichtjrung der jüdischen Lage in Rußland sofort willig und iiläubig verzeichnet. Was sich jedoch „Jewish Chronicle' und „Jewish World" in der Frage des Zwangsdienstes für die russischen Juden in England in den letzten Monaten Woche für Woche leisten, stellt alles Vorangegangene in den Schatten. Man kann die .ialtung dieser Blätter nicht anders bezeichnen, als eine feige und schamlose Hetze; wenn ihr Statdpunkt der vorherrschende bei den englischen Juden sein sollte, dann müßte man sagen, daß diese entschlossen sind, ilren HyperPatriotismus auf Kosten der russischen Juden zu beweisen. Die Angst vor antisemitischen Anspielungen hat sie geradezu besinnungslos gemacht. Die aufreizende Art, in der die genannten Wochenblätter von den russischen Juden schreiben, die sich vom Militärdienst drücken, die ihren Pflichten gegenüber der Entente nicht nachkommen wollen, würden einem judenhetzerischen Blatte zur Ehre gereichen. Als die liberalen englischen Blätter „Manchester Guardian" und „Nation" gegen de Bedrohung der russischen Juden mit Deportation nach Rußland aufgetreten sind und diese als eine Verletzung des englischen Asylrechtes bezeichneten, wurden sie von den englischen jüdischen Blättern mit hämischen Bemerkungen überschüttet. „Jewish World" weist mi' allen Mitteln der Sophistik Woche für Woche nach, daß der Begriff des Asylrechtes in diesem Falle unanvendbar sei und gibt seinem Unbehagen offen Ausdruck, daß Mr. Samuel die event. Rücksendung der russschen Juden nach ihrer „Heimat" mit dem richtigen Namen Deportation bezeichnete. Als ihre oberste Pflicht betrachten es diese Blätter. Mr. Herbert Samuel, also den jüdischen Minister zu halten. Die Angriffe im Jnterhause und im Oberhause gegen den Staatssekretär des Innern bringen sie geradezu aus der Fassung. Es ist unglaublich, was sich diese Blätter gegenüber dai in diesem Falle wirklich edlen Lords leisten, die im Oberhause für die russischen Juden eingetreten sind, dieselben Blätter, die sonst vor einem Lord auf dem Bauche rutschen. Von Lord Loreburn wird gesagt, daß er sich einen „Wutausbrucli erlaubt hat". Er „wagte dies und jenes zu sagen". Lord Shetiield wird für seine Rede im Oberhause und seine Zuschrift im „Manchester Guardian" gegen Mr. Samuel, der die Ausweisung eines Mannes namens Saruo bereits verfügte, vom „Jewish World" einlach beschimpft. „Höchst unanständig, impertinent, lächerlich" sind die bchmeicheleien. mit denen er belegt wird. Es ist wahrlich ein köstliches Bild, englische führende Blätter, radikale Unterhausmitgheder und liberale Lords ernstlich daiür eintreten zu sehen, daß England nicht berechtigt ist, aus der russischen Uutertanenschait von Juden Verpflichtungen gegenüber der Entente abzuleisten, gleichzeitig aber zu beobachten, wie die engliseh-düdischen Blätter diese geradezu wütend augreiten, jede Rücksicht aui die russischen Juden ablehnen und nur einen britischen Standpunkt kennen, der die russischen Juden als Schlachten-Futter iür sich reklamiert. * Die Vertretung der jüdischen Synagogengemeinden Englands, Board oi Deputies genannt, hielt in der zweiten Julihäite eine außerordentliche Konferenz. Sie hatte den Zweck, zu der Frage des Militärdienstes der russischen Juden Stellung zu nehmen und die Leitung, Lord Rothschild und Mr. Henriques, haben ein bedingungsloses Votum für die Politik des Ministers Samuel beantragt. Lord Rothschild hat persönlich in sehr energischer Weise eingegriffen. Es ist jedoch nicht gelungen, die ungeteilte Zustimmung der Konferenz zu erlangen. Die Delegierten von Manchester und der Zionist Daiclies führten die Opposition. Es kam schließlich ein Kompromiß zustande. Die Koniereuz billigte die Heranziehung der russischen Juden zum Dienst in der englischen Armee, verwarf jedoch die Eventualität einer Deponierung nach Rußland. Bei der Beantwortung einer Anfrage von King im Unterhause stellte sich nunmehr das Merkwürdige heraus, daß die Leiter des Boards der Regierung nur den ersten Teil der Resolution, die vom Vertrauen spricht, mitgeteilt haben. Man muß auf die Folgen dieses Doppelspieles neugierig sein. Aus Galizien. (Der Wiederaufbau. — Die Kriegswaisenfürsorge. — Die Präsidentschaft der Krakauer Handelskammer. — Die Flüchtlinge.) Krakau, 14. August 1916. Die Arbeiten für den Wiederaufbau Galiziens beginnen jetzt in ein lebhafteres Tempo zu gelangen und besonders wird jetzt der Wiederaufrichtung von Handel und Gewerbe große Aufmerksamkeit gewidmet, wovon die jüdische Bevölkerung ganz besonders interessiert ist. Am 1. d. M. wurde hier die städtische Abteilung der Kriegskreditanstalt eröffnet. Nunmehr werden sämtliche Kreditansuchen aus den Städten durch diese Abteilung erledigt und es ist die beste Gewähr vorhanden, daß alle Gesuche objektiv und rasch einer Erledigung zugeführt werden. Der Direktor dieser Abteilung, der langjährige Bürgermeister von Podgorze und Landtagsabgeordneter Herr Franz Maryewski, ist seit jeher als überaus freundlicher, wohlwollender und entgegenkommender Mann bekannt und die Handels- und Gewerbetreibenden sehen seiner Wirksamkeit mit dem größten Vertrauen entgegen. Am 11. und 12. d. M. hat hier in Anwesenheit des Statthalters GM. Baron Diller die erste Sitzung des Beirates der „k. k. Landeszentrale für den Wiederaufbau Galiziens" stattgefunden. Die Beratungen waren sehr eingehend und haben sich speziell mit der Wiederaufrichtung von Handel und Gewerbe beschäftigt. Seitens der Beiräte wurden mehrere Initiativanträge eingebracht, die zum größten Teile zum Beschlüsse erhoben wurden sind. Unter anderem hat der Vizepräsident der Krakauer Handelskammer, Herr Wachtel, den Antrag gestellt, daß die Zahl der Mitglieder der Handels- und Gewerbesektion entsprechend vergrößert werden soll und zwar durch Berufung von Vertretern der Krakauer und Lemberger Handelskammern. Der Statthalter widmete den Beratungen ein sehr warmes Interesse und die meisten Redner drückten dem Landes-Chef den Dank für seine Bemühungen bezüglich des Wiederaufbaues aus. Die Regierungsvertreter erklärten, die vorgebrachten Wünsche und Verlangen nach Möglichkeit zu berücksichtigen. # Vorige Woche hat hier eine Sitzung des Kriegs\vaisenfürsorge>-Komitees stattgefunden. Der Präsident, Herr Hofrat Sare, konstatierte, daß die Vorarbeiten für die Waisenfürsorge und besonders die Zusammenstellung des statistischen Materials im raschen Fortschreiten begriffen sind. Im Lande sind bereits mehrere Kriegswaisen-Fürsorgeheime eröffnet worden. Demnächst wird auch in Rzeszow ein Waisenhaus eröffnet werden. Der Präsident drückte bei dieser Gelegenheit dem Statthaltereireferenten für die Kriegswaisenfürsorge, Herrn k. k. Hofrat Brückner, der dieser Angelegenheit das