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Jüdische Korrespondenz · 1916-08-18 · 29 (18.8.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
29 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUdlsche Korrespondenz Nr. 29. dürfte nicht bloß untunlich, sondern auch jetzt direkt unmöglich sein, eine derartige Organisation zu schaffen, wenn nicht die religiösen Interessen dieser Kreise entsprechend gewahrt werden würden. Diesbezüglich ist es dringend geboten, schon jetzt entsprechend aufmerksam gemacht zu werden. Wir zweiflen keinen Moment, daß die maßgebenden Kreise, die ja mit dieser Reform nur das allgemeine Wohl anstreben, diesem Umstände die notwendige Berücksichtigung zuteil werden lassen würden. In dem vorliegenden Entwürfe müßten dann manche Aenderungen vorgenommen werden, besonders bezüglich der Qualifikation der Rabbiner, die als Mitglieder der Landes- und des Reichsverbandes in Betracht kommen. Amtliche Dokumente Uber die Russengreuel in Galizien. Das k. u. k. Ministerium des Aeußern hat jüngst einen zweiten Nachtrag zur „Sammlung von Nachweisen für die Verletzungen des Völkerrechtes durch die mit Oesterreich-Ungarn Krieg führenden Staaten" erscheinen lassen. Wie in den früheren Ausgaben, findet sich auch hier eine Reihe amtlicher Dokumente über die seitens der Russen gegenüber den Juden in Qalizien und der Bukowina während der Invasion verübten Greueltaten, welche die Grausamkeiten des Zaren Kosakenhorden im richtigen Licht erscheinen lassen. Diese Dokumente bilden eine weitere Illustration der russischen „Kulturarbeit" in den besetzten Gebieten und geben ein schreckliches Bild davon, wie die „Freunde von England und Frankreich" für „Freiheit und Menschlichkeit" kämpften. In Paris und London, wie auch in den neutralen Ländern möge man davon Kenntnis nehmen. Aus dieser Dokumentensammlung reproduzieren wir hier einige besonders charakteristische Schilderungen: Auszug aus dem Befehl Nr. 289 vom 8./21. April 1915 an das 278. Kromski-Infanterieregiment. § 2. Es gelangen Mitteilungen an den Minister des Innern, wonach mit der Evakuierung der Juden aus Galizien nach dem Innern Rußlands begonnen wurde. In Anbetracht des Umstandes, daß wir in Rußland ohnehin schon viel zu viel Juden haben, kann ein weiteres Zuströmen solcher und noch dazu aus Galizien, nicht geduldet werden. Der Erlauchte Höchstkommandierende hat daher befohlen, daß bei der Besetzung neuer Gebiete durch unsere Truppen sämtliche Juden zu versammeln und nach vorwärts, den feindlichen Truppen entgegen, zu jagen sind. In den von uns besetzten Gebieten des Hinterlandes sind aus den vermögenderen und einflußreicheren Juden Geiseln auszuheben, welche nach Rußland zu schaffen sind, und zwar in den vorgesehenen Ansiedlungsrayon; sie sind aber unter Bewachung zu halten, das heißt im Gefängnis, und ihr Besitz ist zu sequestrieren. Der Besitz solcher Juden, die sich auch nur die geringste Feindseligkeit zuschulden kommen ließen oder die der Spionage verdächtigt werden, ist einzuziehen. Rabbi Scholaum unterwegs.15) Nach fast zweijähriger Verbannung machte sich an einem schönen Morgen Rabbi Scholaum -„Frieden" auf den Weg nach Europa. In Amerika, wo er in Banden lag, wa ihm schier der Atem ausgegangen, nun fühlt er sich frei und froh und voller Unternehmungslust für die Reise über das große Wasser in die alte Heimat. r Pas gute Amerika bekam die Abwesenheit des lieben Scholaum sofort zu spüren. In Mexiko krachte es gleich los . . . Indes schritt Rabbi Scholaum wie auf Siebemneilen-Stiefeln über Wellen und Wogen und stand nun an der englischen Grenze, wo ihn der Wachtposten anhielt. „Wer sind Sie?" „Ich . . ." „Wer ist Ich?" „Ich, Scholaum." „Wer?" Der Soldat hörte nicht recht, oder traute seinen Ohren nicht. „Ich, Scholaum selbst", wies sich der Passant aus. Da sah sich der Soldat ängstlich und behutsam nach allen Seiten um. und als er sich überzeugt hatte, daß er ganz allein war. von niemand beobachtet, drückte er Rabbi Scholaum mit Wärme und Inbrunst die Hand und fiel ihm beinahe um den Hals. „So, Ihr seid es selbst. 0, wüßtet Ihr, wie ich mich seit Jahr und Tag nach Euch sehne, wie ich in wachen Nächten auf meinem einsamen Posten um Euch den Himmel anrufe, wie in den Briefen von und an Weib und Kind immer und immer wieder von Euch die Rede ist . . . Allein, was kann ich, ein simpler Soldat machen, wenn die da oben von Euch noch nichts hören wollen? Fast fürchte ich mich, mit Euch ein Wort zu wechseln, es ist mit Gefahren verbunden . . . Hier noch einen Als Aufenthaltsgebiete für die evakuierten Geiseln hat der Minister des Innern die Gouvernements Poltawa und Tschernigow, das heißt die außerhalb des Kriegsschauplatzes liegenden Bezirke, bestimmt. Vorstehendes zur Kenntnis bringend, fordere ich, daß der in Rede stehende Befehl aufs genaueste befolgt werde; beim Vollzuge dieser Maßnahme ist im Einvernehmen mit den etwa vorhandenen Zivilbehörden vorzugehen; von Seiten der Kommandanten ist hiebei größte Initiative an den Tag zu legen. Unterschrieben: Der Kommandant der 3. Armee: General der Infanterie Radko Dimitrijew. Mitteilungen des Majors d. R. Osnialowski über die Russengreuel in Lemberg. 5. Pogrom der Juden an einem Sonntag im Monat November 1914. Angeblicher Grund, daß ein russischer Soldat von Juden geprügelt wurde. Russische Kosaken haben jüdische Häuser am Haticzerplatz, dann in der Zölkiewer- und Krakauervorstadt umstellt und stark beschossen. Hiebei fielen 20 Juden, zirka 30 wurden verwundet. — Drei jüdische Häuser am Haliczerplatz wurden durch einen Ukas konfisziert. Aus einem Berichte der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Horodenka. Augenzeugen der von der russischen „Wilden Division" verübten Räubereien und Gewalttätigkeiten — dieselbe steht unter dem Kommando des Bruders des Zaren Michael Alexandra wiez — erzählen mir geradezu Abscheu erregende Szenen, so z. B.: Nach dem Einmärsche der russischen Truppen am 12. Mai 1. J. begann die Soldateska Geschäfte und Privatwohnungen zu plündern und zu vernichten, so daß alles, was nur einen Wert hatte, ihnen zum Opfer fiel. Um die Spuren der Verwüstung zu verwischen, haben die feindlichen Truppen noch am selben Tage zwischen 9 und 10 Uhr abends die in der inneren Stadt, sowie auch in der Vorstadt Folwark vorwiegend von den Juden bewohnten Häuser und Geschäfte angezündet. Opfer des Brandes wurden unter anderen die Hauptsynagoge, alle jüdischen Bethäuser, Luri's Apotheke mit der ganzen Einrichtung und Vorräten, sowie alle Geschäfte mit den verschiedenartigsten Waren. Von einer Rettung des Bettzeuges, der Waren und anderer Effekten aus den brennenden Häusern konnte keine Rede sein, da die russischen Soldaten dies nicht erlaubten. Während des Brandes durchzogen die Stadt russische Patrouillen und verhafteten unter dem Verdachte der Brandstiftung jeden Juden, der sich zufällig auf der Gasse aufhielt oder sich den brennenden Häusern näherte, um sein Hab und Gut zu retten. Am nächsten Tage wurden sechs angeblich auf frischer Tat ertappte Juden in der Hauptstraße aufgehängt; vorher wurde noch mit ihnen ein Protokoll aufgenommen, in dem sie gestehen und mit der Unterschrift bestätigen mußten, daß sie tatsächlich selbst das Feuer gelegt haben. Diese Exekution wurde unter dem Kommando eines Obersten des Generalstabes bei den Klängen der Militärmusik durchgeführt. Kuß zum Abschied und nun viel Glück auf den Weg." Und er ließ ganz leise den Wanderer durch die Grenzkette schlüpfen. In London angeikommen, meldete sich Rabbi Scholaum sofort im Ministerium des Aeußern und gab bei Herrn Edward Grey seine Visitenkarte ab. Den Minister ergriff ein Beben, Angst und Freude zugleich schüttelten seinen Körper beim Anblick des Namens auf dem Kärtchen. Er gab dem Kammerdiener Weisung, sofort den Gast hereinzulassen, aber durch eine geheime Hinlertüre, daß keine Menschenseele von seiner Anwesenheit etwas erfahre. In einem der innersten geheimen Gemächer hinter verschlossenen Türen und dichten Vorhängen empfing der Minister Rabbi Scholaum mit so festem Händedruck, daß diesem die Hand ordentlich schmerzte. Er versicherte ihn seiner Hochachtung, seiner Liebe, seiner glühenden, heimlichen Sehnsucht nach ihm. Allein, reden dürfe er darüber nicht. „Sie verstehen doch, mein Lieber. Frankreich--." So schritt Rabbi Scholaum kurz entschlossen über den Kanal und war bald, vom französischen Wachposten freudig durchgelassen, in der schönen Hauptstadt der Republik. Poincare sah mit großen, starren Augen den Namen auf der Visitenkarte an und war kaum eines Wortes mächtig. „Nicht hereinlassen?" schloß der Diener aus der Miene seines Herrn. „Nein! Oder doch! Ich weiß es selber nicht", zitterte der Präsident. „Er mag außerhalb der Stadt an entlegener Stelle unauffällig warten, bis die Dunkelheit hereingebrochen ist. Vielleicht kann ich ihn dann un*er dem Schutze der Nacht empfangen." Der nächtliche Empfang war so verbindlich und so herzlich, wie es Rabbi Scholaum garnicht besser hätte erwarten können. Sogar einen heißen Kuß erhielt er von Angesichts der Gehängten unterhielten sich betrunkene Soldaten und schlugen einen solchen Lärm, daß man es von weitem hören konnte, während die anwesenden Offiziere mit vollen Händen Geld verteilten und die Soldaten zu weiteren Exzessen aufmunterten. Ein hiesiger Einwohner sah, wie ein bezechter russischer Offizier einen Gehängten bei den Füßen packte, ihn hin und her schwang und sich so photographieren ließ. Gleichzeitig wurden an einem anderen Punkte des Ringplatzes Juden und Jüdinnen mit Nagajkas geprügelt. Die Weiber und Mädchen wurden bei hellichtem Tage öffentlich vergewaltigt. Alle, die Widerstand leisteten, wurden in tierischer Weise gepeinigt. Aus einem amtlichenlBericht über die Russengreuel in Lemberg. Fast täglich kamen in Lemberg Verhaftungen vor. So wurde der Kaufmann Eidmann unter Spionageverdacht verhaftet. Obwohl ihm aber nichts nachgewiesen werden konnte, wurde er nach Lemberg und von dort nach Sibirien gebracht. Elf angesehene Juden, darunter der Rabbiner, der Kantor und der Großgrundbesitzer Luft wurden ohne jede Begründung eingezogen. Sie mußten sich Tag und Nacht im Stadtkommando aufhalten, verpflegen konnten sie sich selbst. Obwohl sie bereits mehrere Wochen interniert waren, nahm man sich nicht die Mühe, die Gründe hiefür anzugeben. Auf Stühlen sitzend mußten sie übernachten, so daß sie später weder sitzen noch stehen konnten. Eine Grausamkeit sondergleichen, wenn man bedenkt, daß es sich um lauter alte Männer gehandelt hat. Eines Tages wurde eine Verfügung des Stadtkommandos plakatiert, daß die Geschäfte der Juden auch Samstags offen gehalten werden müßten, weil dies im Interesse der russischen Armee gelegen sei. Derjenige, der sein Geschäft geschlossen hielte, würde seines Vermögens verlustig erklärt und nach Sibirien transportiert werden. Eine Frau Stein wurde in der Nacht verhaftet, weil sie einem Manne, der über die Karpathen nach Ungarn wollte, einen Brief an ihren Gatten zur Beförderung weitergegeben hatte. Der Mann ist beim Passieren der Linie verhaftet worden. Frau Stein würfe gegen Zahlung von 100 Rubel an den Polizeimeister freigelassen, am nächsten Tag aber wieder eingezogen und später nach Sibirien gebracht. Im strengen Winter sah ich, wie Jüdinnen aus den Karpathendörfern, ohne warme Kleidung, barfuß, mit Säuglingen an der Brust, durch Schnee und Eis nach Lemberg getrieben wurden, um später in das Innere Rußlands verschickt zu werden. Nach der glücklichen Offensive der Armee Pflanzer-Baltin, Ende Februar, erschien ein Befehl des Armee-Oberkommandanten, durch welchen alle Juden als Spione erklärt wurden. Es wurde den Behörden verboten, an Juden Reisebewilligungen aus einem Bezirke in den anderen zu erteilen. (Schluß folgt.) dem dicken Herrn. „Du bist mein Sehnen und Hoffen, und doch darf ich nicht einmal Deinen Namen nennen. Siehe, sie haben uns zehn Provinzen genommen. Gehe einmal hinüber nach Petrograd und höre, wie sie dort denken , . ." An der russischen Grenze empfing ein breitschultriger Riesenkosak mit wildem Blick und aufgepflanztem Bajonett Rabbi Scholaum. .„Wo hinaus, verdammter Jude?" Es fiel Rabbi Scholaum nicht leicht, dem Kosaken klar zu machen, daß er ein amerikanischer Bürger sei und als solcher auf vollen Schutz im Zarenlande Anspruch mache. Den amerikanischen Paß konnte der Bajonettenmann natürlich nicht lesen, den 10 Rubel-Schein, den ihm der Amerikaner in die Hand drückte, verstand er aber ohne weiteres. Mit Hilfe dieses sichersten Passierscheines stand bald Rabbi Scholaum auf der heiligen russischen Erde. In Petersburg konnte er aber nirgends an die richtige Instanz herankommen. Hatte er sich endlich mit vielen klingenden Münzen zu einer hohen Regierungsstelle die Bahn geebnet und dort Gehör gefunden, stellte sich am folgenden Tag heraus, daß eine andere hohe Amtsstelle genau das Gegenteil entschied und verfügte. Sagte einer Tag, sagte der and«re Nacht. Es war ein Irrgarten, aus dem der schlichte Rabbi Scholaum gar nicht mehr herauskam. Er irrte solange in den Straßen herum, bis er eines Tages als Jude ohne Wohnrecht abgefaßt und nach Sibirien verschickt wurde. Jetzt lebt Rabbi Scholaum unter den Heimatlosen in Sibirien und harrt dort seiner Befreiung. *) Eine Äußerung des amerikanischen Botschafters in Berlin, der Friede befinde sich bereits unterwegs, veranlaßte das „Lodzer Volksblatt" zu einer Satyre, die wir hier in einer Uebersetzung des „Israelit", nach dem jiddischen Originale wiedergeben.

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