Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 29 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. i iir..L«v-Ll-U i_ i j. Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 j Wochenblatt für jüdische Interessen. wie„, vm Aiserstraße 65. Nachdruck mit voller Quellenai^ahe gestattet | Redakteur: Jonas Kreppe!. j Erscheint jeden Donnersta Nr. £9. Wien, 18. August 1916. 2. Jahrgang. um® (*i@m ®J®1@!(B> Per IS. August. Zum dritten Male während des blutigen Weltringens feiern heute die Völker Oesterreich-Ungarns den Geburtstag ihres Kaisers. Der Ernst der Zeit ist wirklich nicht darnach angetan, um Festesstimmungen zu wekken. Das blutige Ringen, das gerade in den letzten Wochen mit überraschender Gewalt eingesetzt hat, macht die gegenwärtige Zeit noch ernster und die Stimmungen aller Volkskreise sind den Schlachtfeldern zugewendet, auf welchen um die Entscheidungen gekämpft und gerungen wird. Nichtsdestoweniger wird auch diesmal, wie seit vielen Jahrzehnten, des Kaisers Geburtstag in der ganzen Monarchie festlich und feierlich begangen werden. Stärker den je werden sich an diesem Tage die Blicke aller Völker Oesterreich-Ungarns nach dem Kaiserschloße in Schönbrunn wenden, wo der greise Monarch mit Ruhe und Zuversicht die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen verfolgt und dessen unerschütterliches Siegesbewußtsein sich auch auf die Herzen aller seiner Völker verpflanzt, in den 68 Jahren, seitdem Kaiser Franz Josef I. das glorreiche Szepter der Habsburger führt, sah dieser Musterherrscher Trone schwanken und Dynastien verschwinden, Reiche entstehen und vergehen. Oesterreich-Ungarn aber trotzt unter der Herrschaft dieses edelsten aller Monarchen allen Stürmen und steht heute, trotz aller schweren Prüfungen, mächtiger und stärker denn je da. Mit eiserner Faust verteidigen die treuen Söhne den Boden des Vaterlandes gegen die böswilligen Feinde im Norden und Süden. Gar manche derselben sind bereits niedergerungen und haben ihr böswilliges Beginnen schwer gebüßt. Andere fühlen seit vielen Monaten die mächtige Faust des tapferen Heeres und auch diejenigen, die bisher vom verdienten Schicksal verschont geblieben sind, wissen es, daß ihnen nur eine Galgenfrist vergönnt ist und daß auch für sie der Tag der Abrechnung kommen werde. im Durchhalten der Völker findet der Kaiser Freude und Zuversicht in diesen schweren Tagen. In der Zuversicht des Monarchen finden die Völker Mut und Ausdauer. Ein Gegenseitigkeitsverhältniß, wie es schöner und idealer nicht sein kann. Ein Bild echt österreichisch-ungarischen Völkerlebens und Kaisertreue, den Feinden zum Trotz und Neid, den Freunden zum Trost und Bewunderung, dem Kaiser und seinen Völkern zur Freude und Aufrichtung. Wie in jenen schweren Tagen, da der 18jährige Erzherzog Franz Josef mit kräftiger Hand das Staatsruder ergriff, ist auch heute die Monarchie von Feinden umgeben. Wie damals ^.V-.T(rs*^r/£\ *»*^JÖi^i©, gehen diese auch heute darauf los, das Habsburgerreich zu erschüttern und zu vernichten. Aber wie damals führt des Kaisers weise Hand das Staatsschiff allen Stürmen zum Trotz in den ruhigen Hafen. Das Oesterreich-Ungarn, das Kaiser Franz Josef in den 68 Jahren seiner glorreichen Regierung geschaffen, steht mächtig wie ein Granitblock da und erwehrt sich aller Feinde. Das tapfere Heer, das der Kaiser mit unermüdlicher Ausdauer und bewunderungswürdigem Eifer in den Friedensdezennien geschaffen, die treuen Freundschaften, die des Monarchen Weisheit dem Reich gesichert — sie bilden das Rückgrat der Monarchie und führen das Vaterland von Sieg zu Sieg. y£j MUitiHlt1'!!! JliiirLtlKii l if |J(l<'I|{ltMtiHliiM»f(MiU{t M<< >t l| finn 11 |im 11) tl ■< >^IIt ■<1 ><l II'1'11 H Ll= ■rzmm 1 | 1830-1916. | ^ailUUiUlllHtlUlllllllJlllllllUulllltltUllllllllIlllt>illIJU(llllllllU(tll(rillit1l1(lllll1tilllllllllllitttullffi Reich an glorreichen Siegen war das abgelaufene Jahr, seitdem die Völker der Monarchie zum letzten Male den Geburtstag ihres Landesvaters gefeiert haben. Aber auch schwere Tage waren uns beschieden. Stets war unser Auge dem Kaiser zugewendet. Die Freude der Völker war doppelt, da sie wußten, daß die Ereignisse dem Kaiser Freude und Stolz bereiten, sie waren fest und zuversichtlich, da sie wußten, daß es ihr allgeliebter und allverehrter Monarch ist. Kein Opfer war ihnen zu teuer, keine Last zu schwer, um zum Siege des Vaterlandes beizutragen und mitzuhelfen. Mit Stolz und Freude konnte Kaiser Franz Josef auf seine Völker hinblicken. Sie haben die in sie gesetzten Erwartungen vollauf gerechtfertigt, sie haben sich für die Gnaden des Kaisers vollauf erkenntlich gezeigt. Sie haben ihrem Monarchen den glänzenden Beweis dafür geliefert, daß dessen Lebenswerk kein vergebliches war, daß das Oesterreich-Ungarn, das Er geschaffen, Seiner würdig sei. Ernst und zuversichtlich haben die Völker der Monarchie die verflossenen zwei Kriegsjahre verbracht und verlebt, in edlem Wetteifer für Kaiser und Vaterland. Ernst und zuversichtlich haben sie sich in den schweren Tagen und in den Momenten der Triumphe verhalten. Ernst und zuversichtlich haben sie zweimal den Geburtstag ihres Kaisers gefeiert und sich in ihren Gotteshäusern versammelt, um den Segen des allmächtigen Vaters im Himmel auf das greise Haupt ihres allergnädigsten und aller geliebten Landesvaters herabzuflehen. Gott im Himmel erhörte ihr Flehen und verlieh dein Monarchen Kraft und Gesundheit, physische und geistige Frische, um auch in diesen schweren Tagen das Staatsruder mit kräftiger Hand leiten zu können. So wird es auch heute geschehen. Nicht rein formell, einer althergebrachten Sitte gemäß, wird heute in den weiten Gauen der österreichisch-ungarischen Monarchie der Geburtstag des Kaisers gefeiert werden, sondern es wird wiederum, wie seit vielen Dezennien, ein wahrer Fest- und Freudentag für die zahlreichen Millionen sein, denen das Glück zuteil geworden ist, diesen edelsten aller Monarchen zum Landesvater zu haben. Die Zahl derselben ist diesmal noch viel größer als sonst. Auch Millionen, die des Kaisers tapfere Heer vom Feindesjoch befreit und erlöst, werden heute ihre inbrünstigen Gebete für das Glück dieses Völkerbefreiers ertönen lassen. Unter diesen werden es auch Millionen Juden sein, deren Dankbarkeitsgefühle sich heute dem greisen Monarchen zuwenden. Die Millionen Juden, die vom Zarenjoche befreit und einem menschenwürdigen Dasein zugeführt wurden. Die Millionen jüdischen Bürger der Monarchie, die mit Begeisterung die Gelegenheit ergriffen haben, dem Kaiser, dem sie so vieles verdanken, die Beweise ihrer Freue und Hingebung zu liefern, auf den Schlachtfeldern ihr Blut für Kaiser und Reich zu verspritzen und im Hinterlande Hab und Gut zu opfern. Tiefernpfunden und herzensinnig werden heute die Gebete sein, die in allen jüdischen Gotteshäusern ertönen werden: Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Reich! Gott segne unser tapferes Heer und lasse den geliebten Monarchen gar bald den vollen Triumph eines ehrenvollen und siegreichen Friedens erleben! Eine Organisation der österreichischen Judenschafl. Auf den Schlachtfeldern Galiziens und Wolhyniens tobt der Kampf und es wird um die Entscheidung im Weltkrieg gerungen. Im innern wird aber an der Neugestaltung der Monarchie emsig gearbeitet und eifrig werden jene Bausteine zusammengetragen, mittelst deren das neue Oesterreich aufgebaut werden soll. Man wird fast an das klassische Bild aus der Bibel erinnert: Die eine Hand führt das Schwert und die andere die Kelle, um den Neubau aufzuführen. Seit Wochen und Monaten wird seitens der berufenen Kreise daran gearbeitet, alle jene Projekte und Vorlagen fertigzustellen, die geeignet seien, die innere Umgestaltung der Monarchie und die Konsolidierung der politischen Verhältnisse herbeizuführen, wie sie sich nach den Lehren und Erfahrungen des großen Krieges als notwendig und dringend erwiesen haben. Hiebei haben die maßgebenden Kreise auch der Juden Oesterreichs nicht vergessen und es wird eine Ausgestaltung des Kultusgemeindegesetzes nach der Richtung geplant, um der österreichischen Judenschaft eine Gesamtorganisation und eine berufene Repräsentanz zu schaffen. Es handelt sich hiebei in erster Linie um die Schaffung eines Reichsverbandes der Gemeinden, der berufen sein soll, die Kultusgemeindeangelegenheiten im innern zu ordnen, sowie die Judenschaft nach Außen zu repräsentieren. Der diesbezügliche Entwurf, auf Grund früherer seitens des „Allgemeinen österreichischen Gemeindebundes" gemachter Vorschläge, die aber entsprechend modifiziert wurden, ist vor einiger Zeit den Kul.usgemeinden zur Begutachtung übermittelt worden, mit der Direktive, bis zum 15. August ihre Meinungsäußerungen bekanntzugeben. Der Entwurf schlägt die Schaffung von acht Landesverbänden vor, die ihre Sitze in Wien, Triest, Czernowitz, Lemberg, Krakau, Prag, Brünn und Troppau haben sollen und deren Delegierte durch die Kultusvorstände gewählt werden. Die Landesverbände wählen 50 Delegierte zum Reichsverbande und dieser wählt einem Oberrat. Jedem Landesverbände gehört als Mitglied der Gemeinderabbiner des Ortes an, an dem der Verband seinen Sitz hat. I >em Reichsverbande gehören 8 Rabbiner an, die die Landesverbände dorthin entsenden. Dem Oberrat gehört ein Rabbiner von W ien an. Die Reichs-Organisation wird auch seitens der Regierung als die berufene Repräsentanz der Judenschuit angesehen und hat das Recht, im Namen derselben nach Außen aufzutreten. Indem wir uns vorbehalten, zu den einzelnen Bestimmungen dieses Entwurfes ausführlich Stellung zu nehmen und uns heute vorläufig damit begnügen, den Plan als solchen lebhaft zu begrüßen — können wir nicht umhin, schon jetzt einige Bemerkungen prinzipieller Natur zu machen. Der Umstand, das es bis jetzt trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, einen österreichischen Oemeindenbund zu schaffen, lag in dem Widerstand der orthodoxen Kreise, die eine Majorisierung seitens der Fortschrittler befürchteten. Nun bilden die Strenggläubigen im Osten die überwiegende Majorität der österreichischen Judenschaft und es