Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1916-08-10 · 28 (10.8.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
28 (10.8.1916)
Date
1916-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3495278-3495300-3495328--0242-3520869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28. Jüdische Korrespondenz Seite 3 Die Aenderung des Vornamens wurde nicht bewilligt. Die Seltenheit der Vornamen und der Umstand, daß ihr Sinn nur für einen engen Personenkreis deutbar ist, reichen nicht aus zu einer Aenderung, sonst müßte eine solche für zahlreiche andere Vornamen ohne weiteres zugestanden werden. Wenn Juden in roher Weise verspottet werden, so wird der Spott kaum durch ihre Vornamen herausgefordert. Die Aenderung des Familiennamens wurde bewilligt. Basel, Rg. R. 31. 3. 15 (Der Zivilstandesbeamte 5, S. 218)." Wir pflichten dem hohen Regierungsrat vollständig bei, daß Simcha Löb schöner als Leo is*, billigen auch seine Ansicht, daß nicht der jüdische Namen die Verspottung der Juden veranlaßt, und bemerken, daß Löb in Zusammenhang mit Simcha nicht der jüdische Rufname für das hebräische Jehuda, sondern für Chaim (Leben) ist. Simcha Chaim (und nicht Leo) ist ein Ehrentitel höchsten Ranges (vergl. Aboth de R. Nathan XXXIV, s. f.). Simcha Löb mag also getröstet und beruhigt sein und auf Wunsch der hohen christlichen Behörde seinen Namen in aller Ewigkeit weiter führen; der Regierungsrat hat das richtige Verständnis für die Sache gefunden: Simcha Löb soll nur weiter Simcha Löb heißen! Dr. Ch. L. Die jüdische Emigration aus Polen. Im Zusammenhange mit den Kriegsereignissen wurde vielfach behauptet, daß die bereits früher lebhafte jüdische Emigration aus Polen nach dem Kriege noch verstärkt werden würde. Es ist demnach interessant, zu sehen, daß diesbezüglich irrige Meinungen vorherrschen. Im nachstehenden reproduzieren wir einen Artikel aus der Nr. 4 der Monatsschrift „Der Jude", welcher auf Qrund eines Aufsatzes von N.Szwalbe in der in Lublin erscheinenden Wochenschrift „Mysl zydowska" (..Der jüdische Oedanke") ausgearbeitet wurde und interessante Daten über dieses Thema enthält: Es tut not, die Fabel von der Massenauswanderung der Juden aus dem Königreich Polen, die zu so unsinnigen Schlußfolgerungen geführt hat, zahlenmäßig zu widerlegen. Kongreß- Polen ist ein Land einer steten Einwanderung von Juden mit Steigerungstendenz. Im Jahre 1870 wohnten im Kgr. Polen 815.000 Juden Im Jahre 1897 wohnten im Kgr. Polen 1,321.000 Juden. Im Jahre 1913 wohnten im Kgr. Polen 1,957.000 Juden. Wir ersehen aus dieser Zusammenstellung, daß in der Zeit von 1897 bis 1913 die Zahl doer Juden um 636.000 gewachsen ist, d. i. um 41.1%, während im gleichen Zeitabschnitt sich die Zahl der christlichen Bevölkerung nur um 38.8% vergrößert hat. Die natürliche Volksvermehrung war bei den Juden kleiner als bei den Christen und weist eine Minderungstendenz auf. So z. B. sank die natürliche Zuwachsziffer der Juden im Jahre 1904 auf 17.6 vom Tausend und sank im Laufe von 4 Jahren auf 13.1 v. T., während sie bei den Katholiken im Jahre 1908 sich auf der Höhe von 17.1 v. T. erhielt und bei den Protestanten sogar 19.8 v. T. erreichte. Zieht man in Betracht, daß aus Polen jährlich durchschnittlich 8—10.000 Juden nach Amerika auswandern, so kann man leicht ermitteln, daß von 1897 bis 1913 ungefähr 400.000 Juden nach dem Königreich Polen eingewandert sind. Der größte Zustrom an jüdischen Einwanderern entfällt auf das Petrikauer Gouvernement (11.6% im Jahre 1870, 16.2% im Jahre 1913). *) Ferner stellen wir entgegen der üblichen Annahme, die insbesondere von polnischen Nationalökonomen vertreten wird, fest, daß die Einwanderung der Juden nach dem Königreich Polen nicht als eine Folge des Bestehens des Ansiedlungsrayons aufzufassen ist. Hätte man in Rußland vor 20 Jahren den Ansiedlungsrayon aufgehoben, so würde trotz alledem der Zufluß der Juden nach Polen nicht abgenommen haben. Die galizischen Juden wandern nach Amerika aus, obgleich in Oesterreich kein Ansiedlungsrayon besteht. Die litauischen Juden, die zum Teil nach Polen statt nach Amerika auswanderten, hätten dies nicht tun können, wenn Polen, und namentlich das Warschauer und das Petrikauer Gouvernement, nicht infolge der ungeheuren industriellen Entwicklung im Zeitalter der großkapitalistischen Wirtschaft eine entsprechende Einwanderungskonjunktur erzeugt *) Vergl. Statystyka Polski (Statistik Polens), Krakau 1915. S. 95. Rocznik Stat. K. P. (Statutisches Jahrbuch des Kgr. Polen) 1914, S. 10. Zeitschrift f. Demographie u. Stat. der Juden, No. 7—9, 1915, S. 68. Die Zahlenangaben des Herrn Kaplun-Kogan, der eine niedrigere Ziffer für die Einwanderung der Juden angibt (266.400), sind unrichtig, da er die Verminderung des natürlichen Volkswachstums und die Auswanderung aus dem Kgr. Polen nach Amerika unberücksichtigt läßt. hätte. Die Berufung auf den Ansiedlungsrayon erklärt nicht, warum die Juden hauptsächlich in diese zwei Gouvernements einwanderten. Hier eben steckt der Kernpunkt der ganzen Frage nach der wirtschaftlichen Rolle, die die j Juden während der Umwandlung Polens aus i einem Ackerland in ein überwiegend industriel-; les und handeltreibendes Gebiet gespielt haben. Um dieses Moment richtig zu würdigen, muß man sich auch die große Bedeutung des Warschauer und des Petrikauer Gouvernements für das gesamte Kgr. Polen vor Augen halten. Am deutlichsten zeugen davon die nachstehenden Zahlen über die Verteilung der Handels¬ und ludustrieunternehmungen.* *) Im Jahre 1911 gab es insgesamt 380 großindustrielle Unternehmungen, von denen 304 auf die oben erwähnten Gouvernements entfallen; von 695 Großhandelsunternehmungen kommen 564 auf die beiden Gouvernements. Hinsichtlich der mittleren industriellen Unternehmungen ist das Verhältnis der Gouvernements Warschau und Petrikau zu der Gesamtzahl der Unternehmungen gleicher Kategorie 27:45, beim Mittelhandel 34:69 und endlich beim Kleinhandel 19:35. Die große Ueberlegenheit der beiden oben erwähnten Gouvernements über die anderen ist augenfällig. Die Einwanderung der Juden in diese Gouvernements steht im engsten Zusammeni hang mit dem aul.ierwöhulichen Aufschwung der Landesindustrie. Der ganze Export der Textil-, Konfektions- und Eisenindustrie, der ganze Transithandel zwisenen Deutschland und Rußland, wie auch der Transport aus Rußland und Polen nach Deutschland (Getreide und Holz) liegt in den Händen von Juden. In der Lodzer Industrie, die ~ja des Exports der gesamten Landesindustrie ausmacht, nehmen die Juden den ersten Platz ein und zwar nicht allein als Unternehmer, sondern auch als Leiter und Werkmeister."**) Eine zweite Fabel, die von polnischen Volkswirtschaftlern verbreitet wird und gegenwärtig in einen gewissen Teil der deutschen Presse Eingang gefunden hat, versucht zu beweisen, daß das Kgr. Polen von Juden „überflutet" und der Prozentsatz der Juden „abnorm" noch sei. Ein flüchtiger Blick auf die nachstehenden Zahlen genügt, um den ganzen Bau vermeintlicher Argumente wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Prof. Buzekt) gibt folgende Berechnungen über die Bevölkerungsverhältnisse des Kgr. Polen im Vergleich zu Galizien und der Provinz Posen. Die Gesamtbevölkerung betrug (in Tausenden): Im Jahre 1880 im Kgr. Polen 7.322, in Westgalizien 2.113, in der Prov. Posen 1.703. Im Jahre 1910 im Kgr. Polen 12.467, in Westgalizien 2.693, in der Prov. Posen 2.100. Der Zuwachs in den Jahren 1880—1910 im Kgr. Polen 5.235. in Westgalizien 0.580, in der Prov. Posen 0.397. In Prozenten im Kgr. Polen 42, in Westgalizien 21, in der Prov. Posen 19. Wir sehen also, dafi der Volkszuwachs in den Jahren 1880—1910 im Kgr. Polen doppelt so groß war wie in Galizien und in der Provinz Posen. Daraus geht unwiderlegbar hervor, daß infolge der Einwanderung der Juden und der ungeheuren Entwicklung der Industrie und des Handels die Bevölkerung in Polen stärker zunahm als in den Ländern, wo der Prozentsatz der Juden gesunken ist. Der Zustrom der Juden verursachte keineswegs eine Beeinträchtigung des Erwerbes für die Polen, sondern er hat im (iegenteil neue Erwerbsmöglichkeiten eröffnet und dementsprechend zur Einschränkung der konstanten Auswanderung der Polen nach Amerika beigetragen. In den Boykottperioden haben verschiedene Pseudo-Volkswirtschaftler (unter denen es an Mitgliedern der revolutionären Fraktion der polnischen sozialistischen Partei nicht fehlte) sich auf die Provinz Posen berufen, die ihre Juden „los wurde", was angeblich in der „objektiven Tendenz der kapitalistischen Entwicklung'lgelegen haben soll Dabeihat man die beredten Ziffern der polnischen Auswanderung aus der Provinz Posen und aus Westpreußeu, die alle Phrasen von der „Unproduktivität" der Juden zunichte machen, hartnäckig verschwiegen. Der von uns oben erwähnte Prof. Buzek gibt (auf S. 14—16) statistische Tabellen, auf Grund deren wir imstande sind, die Durchschnittszahlen für den Zeitabschnitt 1881 bis 1910 festzustellen. "TRÖcznik Stat. K. P. 1913, S. 179. **•) „Woschod" berechnet, daß im J. 1903 in den Fabriken des Kgr. Polens und Litauens von 4473 Werkmetstern 2919 Juden waren, und von 3725 Inspektoren 3287 Juden. t) Poglad na wzrost ludnosci ziem polskich w wieku XIX. (Ein Blick auf den Bevölkerungszuwachs in den polnischen Ländern im XIX. Jahrhundert), Krakau 1915. Von 10.000 Seelen sind auf die Dauer ausgewandert: In den Jahren 18S1—1890 aus der Prov. Posen 135, \\ .-Preußen 140. W.-Galizien 34. In dun Jahren 1891—1900 aus der Prov. Posen IIS, \V .-Preußen 92. W.-Galizien 71. In den Jahren 1901 — 1910 aus der Prov. Posen 90. \\ .-Preußen 9h, \\ .-Galizien 86. Die Durchschnittszahlen in den Jahren 1891—1910 ..es der Prov. Posen 114. Westpreußeu 109, Westgalizien 64. Was die polnische Auswanderung aus dem Kgr. Polen betrifft, so betrug sie in den Jahren I>90—1910 mir 3s Seelen auf 10.000. Im Jahre lo-'/O waren es 23 auf 10.000. und wenn die Auswanderung allmählich gestiegen ist, so war daran nur die geringe Intensität des landwirtschaftlichen Betriebs schuld.tt) Die jüdische Auswanderung aus dem Kgr. Polen nach Amerika ist nicht genau bekannt, weil die einzige statistische Quelle („Annita! reports oi Immigration"), die wir haben, keinen Unterschied macht zwischen der Auswanderung aus Polen und der aus Rußland. Die russischen statistischen Beweise über die sogenannte Paßauswanderung lassen jedoch vermuten, daß uie judische Auswanderung aus dem gegen \\artigen deutschen Okkupationsgebiete 18% der t iesamtzahl beträgt, was ungefähr dem prozentuellen Verhältnis der dort wohnenden Juden einspricht. 86.4% aller Auswanderer Polens einig! ieren nach Nordamerika und es liegt kein (irand vor zur Annahme, daß sich die Richtung der Auswanderung - besonders der jüdischen - naclKdem Krieg ändern würde. Vorarbeiten z.um am erUtanischjiiciiscrien Kongreß. Aus ,Nvv.-'V iiik wird geschrieben: Dir vorbereitende Ausschuß des kougreßbüros hat einen Arbeitsplan für die Veranstalter des Kongresses .msjccarbeitet. Diesem Arbeitsplan zuiolge sull bis zum Dalum des Kongresses folgendes Material zusammengetragen werden: Rußland. i. üescliieinucher Ueberblick über die Aiisiedlung uc Juden in Kurland. 2. Ueberblick über die rechtliche Lage dei .luden von der frühesten Periode bis zur Regierung Alexander II. 3. Ausnahmegesetze einschließlich der Bestimmung des Ansiedlungsrayons, der Mai- ««setze und weiteren Verfügungen bis Juli 1914. 4. Ausuahmbestimimmgcn seitens der Kreis-, Stadt- und Polizeibehörden. 5. Darstellung des Einflusses der während des Krieges erlassenen Militärveiiügungen auf die Juden, h. Ueberblick übei die Pogrome in Rußland. 7. Darstellung des wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und politischen Zustandcs der Juden in Rußland. 8. Aufstellung der den Nationalitäten und andren Gruppen im russischen Reiche gewahrten gesetzlichen Anerkennung. 9. Vorschlage für eine Gesetzgebung, durch welche die bestehenden Beschränkungen beseitigt werden würden. R Ii m äi n i e n. 1. Geschichtlicher Ueberblick über die Allsiedlung der JuÜlii in Rumänien. >. Ueberblick über die rechtliche I.xav der Judi.li von der friihosten Periode bis 1878. 3. Der hcihner Vertrag und sein hinfluß auf die rumänische Judcngesctzgehiing. 4. Ausnahmsgesetze von is7H bis zur Gegenwart. 5. Darstellung dei Agitation nach dem berliner Vertrag und der versuche, das Gleichbereclnigungsgeseu zu erlangen. t>. Vorschlage für eine Gesetzgebung, durch welche die bestehenden Beschränkiiugen beseitigt werden würden. Galizien. I. Darstellung der wirtschaftlichen, sozialen, religiösen and polnischen Lage der Juden in Galizien. 2. Ueberblick über die rechtliche Lage der Nationalitäten aiiü anderer Gruppen in Oesterreich-Ungarn. 3. Ueberblick über die Anwendung des Gesetzes im Hinblick auf die Lage der Juden in Galizien. 4. Vorschlag.' zu Maßnahmen für die Beseitigung von Mißständen und die Erhaltung und Entwicklung des jüdischen Lebens. Polen. 1. Geschichtlicher Ueberblick über die Ansiedelung der Juden in Polen. 2. Rechtliche Lage der Juden unter der polnischen Herrschaft bis 1M1. 3. Einfluß der russischen Herrschaft auf das jüdische Leben. 4. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden heutzutage, mit Berücksichtigung der Beziehungen zwischen Polen und Juden. 5. Geschichtlicher Ueberblick über die rechtliche Lage der Nationalitäten in Polen. 6. Die Lage der Juden seit der deutschen Okkupation. 7. Vorschläge füi Maßnahmen zur Erhaltung und Entwicklung des jüdischen Lebens in Polen. Palästina. 1. Geschichtlicher Ueberblick über die Kolonisations¬ und Ansiedlungsversuche der Juden in Palästina. 2. Ueberblick über die rechtliche Lage von Nationalitäten oder andren Gruppen in Palästina. 3. Ueberblick über die Rechtslage der Juden in der europäischen und der asiatischen Türkei. 4. Ueberblick über die Gesetze betreffend Bodenbesitz, Einwanderung und Niederlassung ff) Auf 1 Hektar Landes entfallen im Kgr. Polen 11.3 Zentner Weizen, 10.5 Zentner Gerste; in Deutschland 24 Zentner Weizen und 22 Zentner Gerste. Die Volksdichte beträgt auf 1 qkm im Kgr. Polen 98, in der Provinz Posen 72, in Westpreußen 67.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.