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Jüdische Korrespondenz · 1916-08-10 · 28 (10.8.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
28 (10.8.1916)
Date
1916-08-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 28. zu den Jude» kann icli charakterisieren als die Depravierung einer* ganzen Nationalität, als ein die elementarsten Rechte mit Fußen tretendes üebahren. (Ausrufe links: „Bravo!") In einem für das Reich und seine Nationalitäten so tragischen Moment die nationale Frage nicht auf die Tagesordnung stellen, ist kein Akt der politischen Vernunft, sondern eine politische Kurzsichtigkeit. Meine Herren! Es werden jetzt Studenten aller Universitäten einberufen, um die üffizierskadres aufzufüllen. Die jüdischen Studenten wurden auch eingezogen. Sie müssen aber als üemeine dienen. Studenten, die zusammen auf einer Bank saßen, gemeinsam studierten, gemeinsam in einem ülauben über die Zukunft Rußlands lebten, werden jetzt getrennt, voneinander abgesondert, die einen erhöht, die andern erniedrigt . . . Bedenken Sie, mit welchem gebrochenen (Mühl diese Jugend ins Feld zieht. Und sie rufen ihr noch zu: Mögen eure Bemühungen noch so groß, eure Verdienste noch so bedeutend sein, hegt keine Hoffnungen, ihr werdet keine Rechte bekommen! Ihr habt nur Pflichten! . . . Ich aber werde dieser Jugend sagen: Meine Söhne! Möge euer Leid noch so groß, eure Bürde noch so schwer sein, tragt es ehrlich und geduldig und erfüllt eure Pflicht gegen euer Vaterland bis aufs letzte! . . . Glaubt, daß der „Progressive Block" noch nicht das progressive Rußland bedeutet. Das wird einst kommen und sein Wort sagen. (Beifall links.) Es wird auch eure Leiden abschätzen und wird der Gerechtigkeit den Sieg verleihen. Der menschenfeindliche Alp wird vorübergehen, die Wahrheit allein wird bestehen. Mit einer Mehrheit aller Rechten, Oktobristen und Progressisten wurde der Zusatz, der den ersten Paragraphen der Bauernreform aucli auf die Juden ausdehnt, abgelehnt. Simcha Lob will Leo Heißen, der Regierungsrai aber geslaiiel es nlchüt. Ein Beitrag zur jüdischen Kulturgeschichte der Gegenwart. An sich ist ein Name weder schön noch häßlich, erst sein Träger verleiht ihm den richtigen Wert. Herder machte sich bekanntlich lu- *) Anläßlich einiger in Wien in letzter Zeit vorgekommenen Prozesse gegen galizische Juden, der ihre „jüdischen" Namen absolut „verdeutschen" wollten, reproduzieren wir obigen Artikel nach dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz", dessen Ausführungen wir uns vollkommen anschließen. D. R. stig über den „häßlichen" Namen Goethe, heute aber erblickt jeder in diesem Namen etwas hübsches, ästhetisches. Wie schön klingt heute der Name Kant, Fichte, Sendling, Schopenhauer, Nietzsche! Liegt etwa die Schönheit in der Phonetik dieser Worte? Gewiß nicht, sondern sie ist einzig und allein in der Ideenassoziation zu suchen, die bei der Erwähnung dieser Namen uns zwingt, in Dankbarkeit, Verehrung und Bewunderung der großen Männer, die Träger solcher Namen, zu gedenken. Wir empfinden z. B. Ekel, wenn wir den Namen Torquernada, Eisenmenger und Pfefferkorn aussprechen hören; es sind aber keineswegs die Namen, sondern ihre Träger, die Ausgeburten der Menschheit, welche wir verabscheuen. Jeder Mensch muß bestrebt sein, seinen Namen zum Ehrentitel zu erheben (vgl. Tossefta, Edijoth s. f. und besonders Aruch s. v. Abaje). Die Midraschweisen winde.'; üi.si~ti Vorfahren in Aegypten einen Ruhmeskranz dafür, daß sie trotz aller Unterdrückung und unsäglicher Leiden, die sie hier erdulden mußten; ihren jüdischen Namen nicht geändert haben. Der wahre Jude ist stolz auf seinen Namen; er findet ihn immer schön, weii sich stets an ihn pietätvolle Erinnerungen einer großen Vergangenheit knüpfen. Der Name Abraham erinnert ihn an seinen Vater, Urgroßvater und an seinen großen Erzvater, der der Welt eine neue Kultur geschenkt hat; ebenso die Namen Isaak, Jakob udgl. Sind etwa diese Namen nicht ebenso schön, wie Hans, Arthur, Fritz und Leo? Manche Assimilanten aber schämen sich ihres jüdischen Namens und glauben, mit dem Aufgeben derselben auch ihr Judentum abschütteln zu können, wissen aber nicht, daß sie sich hiermit bei ihren christlichen Mitbürgern nur noch mehr lächerlich machen. Sie wollen eben Zahnschmerzen beseitigen, indem sie sich den Kopf abschneiden lassen. — Ein Christ schämt sich nicht, Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Samuel oder David zu heißen. Diese Namen haben ihm bis heute keine Schande bereitet. Oder war Lincoln etwa ein schlechter Staatsmann, weil er den Vornamen Abraham führte, gilt Newtons Peudclgesetz nicht, weil er Isaak hieß, taugt der Blitzableiter nicht, weil sein Erfinder Franklin den Vornamen Benjamin trug, oder ist Humes Philosophie, die einen Kant aus dem „dogmatischen Schlummer" geweckt hat, deshalb zu verwerfen, weil er sich I)avid nannte? Kein Jude wird von einem gebildeten Christen wegen seines jüdischen Namens verachtet. Schreiber dieser Zeilen besuchte eine höhere Der große Kosakenaufstand. 1684—1652. (Der Weg nach Lemberg und Lublin. — Die Kosaken in Pilawce. — 10.000 Opfer. — Die Schrecken in Zarnosc.) Die Ueschichte der Kosaken, die sich zuerst in der Ukraine ansässig machten, setzt im Jahre 1648 mit einer hrhebung gegen die Polen ein, in deren Folge die Kosaken in das Königreich mordend und plündernd eindrangen und Verwüstungen in Lemberg, Lublin, Zarnosc und anderen polnischen Städten anrichteten. An der Spitze der Bewegung, der sich Tatarenhorden anschlössen, stand bekanntlich Bogdan Chmielmcki, der als eine gewaltige Persönlichkeit von unbeugsamer Willenskraft geschildert wird. Die Kosaken hatten es hauptsächlich auf die jüdische Bevölkerung Polens abgesehen, die in mannhafter Gegenwehr den Eindringlingen Widerstand leistete. In den Judenvierteln kam es zu Massakern von beispielloser Grausamkeit. Haufenweise wurden Männer. Frauen und Kinder hingeschlachtet oder in entsetzlicher Weise gepeinigt. Aus jener Zeit gibt es ein hervorragendes Dokument in der Chronik des Natan Neta Hannover aus Zaslaw, der nach Venedig flüchtete, wo er seinen Bericht niederschrieb. Das „Buch von den polnischen Juden" („Jüdischer Verlag", Berlin), bringt einige Abschnitte jener Chronik, die all die Schrecken des Kosakenaufstandes veranschaulichen. Die Kapitel bieten Märtyrergeschichten im grauenhaftesten Sinne. Wir geben einige Seiten dieser Schilderung wieder. Am Dienstag, dem 1. Aw, erschienen die Tataren und Kosaken vor Pilawce, um es zu belagern. Sie stellten die Scharen bis unter die Mauern der Stadt auf, in der die Edelleute und Juden waren. Die Belagerten schössen von der Mauer, daß die Feinde sich ihr nicht nähern konnten. Die Zahl der kriegstüchtigen polnischen Edelleute war ungefähr 2000; von den Juden waren 12.000, unter denen gleichfalls tapfere Männer sich befanden. Die Stadt selbst war mit einer doppelten Mauer umgeben und rings von Wasser umflossen, so daß sie dieselbe nur von der Seite zu behüten brauchten, die an zwei andere nahe Orte stieß, in welchen sich einige Uriechisch-Katholtsche befanden. Die tapferen Knechte der Edelleute wurden an diese Seite postiert, wo besondere Hut vor dem Feinde vonnöten war. Diese Stadthüter wurden aber die Stadtverwüster. Die Knechte waren auch von griechischer Abstammung — man nennt sie im Polnischen Heiducken — und auch sie empörten sich. Am Mittwoch, dem 2. d. Aw, nahmen die Feinde diese beiden Plätze ein, machten mit den darin befindlichen Griechisch-Katholischen Frieden und verständigten sich, daß diese ihnen im Kampfe gegen die starke Stadt beistehen möchten. Sie kämpften gegen dieselbe, m der die Edelleute und Juden waren, den ganzen Mittwoch. Am Donnerstag riefen die auf der Mauer stehenden Angreifer den Knechten zu: „Sind wir nicht stammverwandt? Warum sieht ihr auf der Seite der Edelleute, um gegen uns zu kämpfen? Ist es nicht besser für euch, uns zu dienen, als einem Fremden, der mein unseres Stammes ist?" Sogleich empörten sich die Knechte und fochten nur dem Scheine nach und lieben es geschehen, daß Leitern von den Griechisch-Katholischen angesetzt wurden und an dem folgenden Donnerstage die Festung im Sturm genommen wurde. Wie im Nu waren viele Tausend bewaffnete Griechisch-Katholische in der Stadt und begannen das Morden. Als die Edelleute und Juden sahen, daß das Unglück über sie hereingebrochen und die Stadt erobert war, flohen die ersteren auf ihren Rossen nach der anderen Seite; aber die Juden, die armen, wurden an der Flucht von den Wachen gehindert, und 10.ÜOO gaben unter allen erdenklichen Qualen ihr Leben auf. Kam ein einzelner Griechisch-Katholischer in ein Haus, in dem viele hundert Juden waren, so streckten sie geduldig ihre Nacken hin, wehrten sich nicht, und der eine mordete sie alle! In ihrer Mitte befand sich ein weiser, tiefgelehrter Mann, der Geheimwissenschaft trieb, namens R. Schamschon, aus der Gemeinde Ostropolo. Ihn soll täglich ein Engel, der ihm die Geheimnisse der Lehre mitteilte, besucht haben. Dieser Kabbaiist schrieb eine Erklärung zum Sohar, nach besonderer Ueberlieferung von R. Jizchak Lurja G. A., sie ist jedoch leider nie im Druck erschienen. Vor diesem Unglück sagte ihm der Engel, man möge doch allgemein Buße tun. damit das Verhängnis nicht hereinbreche. Man ordnete eine allgemeine Buße in allen Gemeinden an; es half nichts, das Verhängnis war schon beschlossen! Als die Feinde zur Belagerung schritten, ging der Kabbaiist in die Synagoge. Dreihundert Männer begleiteten ihn, sie waren alle in Sterbegewänder gekleidet, mit Gebetmänteln umhüllt. Unablässig standen sie im Gebet, bis die Feinde kamen und sie alle im Gotteshause erschlugen. Viele Hunderte von den am Leben gebliebenen wurden gezwungen, zur Kirche überzutreten, und viele Hunderte gingen in Gefangenschaft zu den Tataren. Chmielnicki mit seinem ganzen Heere, den Tataren und Kosaken, an Menge so viel wie Sand am Meere, Lehranstalt (unter 54 Maturanten war er der einzige Jude), absolvierte die Universität, verkehrte viel in christlichen Patrizierkreisen, wurde aber niemals wegen seines jüdischen Namens verspottet. Nur wer seines Judentums sich schämt, d. h. wer nicht imstande ist, seinem jüdischen Namen Ehre zu bereiten, glaubt, daß er nur wegen seines jüdischen Namens verachtet wird. Welcher Grund zwingt uns eigentlich dazu, unsere jüdischen Namen zu verstecken? Welche Verbrechen haben wir begangen, daß wir gezwungen wären, unsere alten Namen auszumerzen? Unsere talmudisch gebildeten Juden nennen wir mit Stolz „Reb." Die Namen: Reb Schlome Klein, Reb Salman Sennheim, Reb Mansche Nordmann sind uns geläufig. Wie würden aber im Munde unserer jüngeren Generation die Namen klingen: Reb Wilh. Levy. Reb Oskar Kohn, Reb Fritz Goldstein? — Wilhelm, Oskar und Fritz sind dem Talmud fremd und können nicht den Titel „Reb" führen. Bedauerlicherweise sind es zumeist unsere Brüder aus dem Osten, die ihre „westeuropäische Kultur" darin bekunden, daß sie ihre jüdischen Namen verbergen. Während es keinem schweizerischen Juden mit spezifisch jüdischem Namen, wie Chaim Nordmann, Jakob DreyfuG. Abraham Qoetschel, Salomon Ginsbnrgcr, Moritz Levy udgl., in den Sinn kommt, seine« Name" ändern zu lassen, kommt es zuweilen vor, daß ein osteuropäischer Glaubensgenosse das Begehren um Namensänderung stellt und dafür verdientermaßen von der hohen Behörde die richtige Lektion einheimsen muß. Von einem solchen Falle weiß besonders die „Schweizerische Juristenzeitung" 1916, Heft M, S. 391, zu berichten. Wir lesen hier: „Der aus Rußland stammende, in B. eingebürgerte israeiite S. wünschte die Bewilligung, den Vornamen „Leo" statt seiner Vornamen „Simcha Löb" rechtmäßig führen und seinen Familiennamen dessen Endsilbe auf „ow" lautet, mit „off" schreiben zu dürfen. Diese Begehren begründete er so: Seine jüdischen Voreamen seien mißverständlich und würden oft als Geschlechtsnaineii angesehen, er habe tatsächlich von jeher den Vornamen Leo geführt; che Vornamen Simcha Löb hätten ihm schon Spott zugezogen? sie seien nur für Leute sinnvoll, die hebräisch verstehen; die Führung solcher Namen erschwere seine Existenz. Die Schreibweise seines Familiennamens wünsche er in der angegebenen Weise zu ändern, weil sie dann mit der richtigen russischen Aussprache übereinstimmen. brach von diesem Platze auf, um Zarnosc zu belagern. Die Sladt war unvergleichlich stark, mit doppelter Mauer und Wassergraben unigeben; sobald die Feinde nahten, brannten d.e Stadtbewohner alle Häuser der Vorstadt, die der Mauer zunächst lagen, nieder, damit sich kein Feind darin verbergen könne. Sie hielten die Feinde in einer Entfernung von einer halben Meile von der Stadt ab, und dies gelang ihnen einige Zeit. Inzwischen zerstreuten sich die Horden in alle umliegenden Gemeinden und verübten große Metzeleien in Tomaschow, Schtschabscheschien, Turobin, Hrubieszow, Tarnogrod, Bilgorai, üorai, Krinitza, Kroschnik; Tausende und Zehntausende der Juden wurden erschlagen. Auch in Wolhynien, in Wladimir Lubouch, Luck, Kremenetz und in der Umgebung ermordeten sie viele tausend Juden. In der letzten Stadt nahm em Russe das Messer eines Schochet und schlachtete mehrere hundert jüdischer Kinder. Jedesmal iragte er seinen Gefährten, ob es „koscher oder trefa" sei, und dieser antwortete „irefa"; alsdann warf er das gemordete Kind den Hunden vor. Er ergriff ein anderes, schnitt ihm den Hals ab und sprach: „Dieses ist koscher." Sie untersuchten es. wie es mit den Lämmern und Schafen geschieht, trugen es auf einer Bahre durch alle Straßen und riefen aus: „Wer wiil ein Lämmchen oder Schäfchen kaufen?" Gott räche ihr Blut! In der Nähe der Stadt Bihawa holten die Aufrührer in einem Engpaß viele hundert Wagen mit Juden ein, die s'.e alle umbrachten. Ebenso verfuhren sie auch in anderen Gemeinden, es ist unmöglich, sie alle namentlich autzuzählen, mehr als 700 Gemeinden verwüsteten sie, alle Plätze bis an die Weichsel traf dasselbe Schicksal. Der Krieg brach aufs neue nach den Festtagen des Jahres 5412 (1652) aus, und der Krieg zieht sich bis aui diesen Tag hin; bald siegt der Feind, bald der König. Die Juden verarmen immer mehr und mehr, dazu kommt eine große Pest in ganz Polen, an der in Krakau un anderen polnischen Gemeinden im Sommer 5412 (1652) mehr als 20.000 Menschen starben. Gott möge sich ihrer erbarmen! Heutigen Tages noch wütet in ganz Polen das Schwert, das Hunger und eine große Pest, die späteren Leiden bringen die früheren in Vergessenheit, jeglichen Tag ist die neue Not drückender als die vergangene; am Abend spricht man: „O wäre es erst Morgen!" und am Morgen: „Wäre es erst Abend!"

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