Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 28 (10.8.1916)
- Date
- 1916-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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■^r^fi^^rvmmf^S^^I^'^' «*fi*s»>V* it£*P&¥- «W- **GV^^*%Hf^*=&*»ö«'^^ indische Roppespondenz Preis per Nummer 10 Heller. IIF„At.««Ul«U :ilAi~~.U~ ____! Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20 WOCiienDlatt Tltf jUdlSChe IntereSSen. Wien, VI». Aiserstraße 55. Nachdruck mit veiter Quelleaaagabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppet. I Erscheint jeden Donnerstag Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. | Erschei nt jeden Donnerstag Hr. 28. Wien, 10. August 1916. 2. Jahrgang. „Tröstet, o tröste! mein Volk!" | Die drei Trauerwochen sind kaum vorüber, die herzzerreißenden Töne der „Kinot" sind kaum verklungen — und schon ist Israel wieder hoffnungsvoll und hoffnungsfreudig und mi^ einem unverwüstlichen Optimismus verkündet der Prophet das herzerquickende: „Tröstet, o tröstet mein Volk!" Der große Jehuda Halewi hatte wohl recht: „Da ich dein Elend beweine, gleiche ich der nächtlichen Eule; aber wenn mir von deiner Hoffnung träumt, wird mein frohes Gemüt die Harfe deiner freudigen Danklieder!" — In den Tagen der Trauer zerfließt das jüdische Volk vor Jammer, aber kaum erscheint ihm die Sonne der Hoffnung, dann vergießt es bald alle Leiden und sieht frohen Tagen entgegen. Darin, in diesem unverwüstlichen Optimismus, liegt auch die Stärke, die Ausdauer und das Geheimnis der Unverwüstlichkeit des jüdischen Volkes, das gibt ihm die Kraft und den Mut, auch in den schwersten Tagen die Hoffnung nicht zu verlieren und so lange auszuhalten, bis wieder bessere Tage eintreten. „Tröstet, o tröstet mein Volk!" — Zu jeder Zeit, in jeder Periode hatte das jüdische Volk den Trost dringend nötig. Noch dringender ist dieses Bedürfnis gegenwärtig, während des blutigen Krieges. Schwer leiden sämtliche Völker unter den Lasten und Opfern, die dieses blutige Ringen ihnen auferlegt — aber noch schwerer leiden die Juden. Nicht bloß sind sie infolge ihrer Zerstreuung dazu gezwungen, auf allen Kriegsschauplätzen zu kämpfen, bei allen .Armeen ihr Blut zu vergießen und ihr Leben selbst für solche „Vaterländer" zu opfern, wo sie als „Stiefkinder" behandelt werden. Sie leiden noch außerdem unter speziellen Verfolgungen und Drangsalierungen, unter der Wut des Zaren Kosakenhorden, unter der Last der Russenfreunde in England und Frankreich, die selbst die vor den Pogromen geflüchteten Juden zwingen wollen und zwingen, im Zarenheere Dienst zu leisten. Sie leiden unter materieller Not und Elend, sie haben eine traurige Gegenwart und eine ungewisse Zukunft. Aber trotzdem kann man auch heute ihnen die Worte des Propheten zurufen: „Tröstet, o tröstet mein Volk!" — Wie traurig auch die Gegenwart sein mag, es leuchtet uns ein Hoffnungsstern. Der bisherige Verlauf der Kriegsereignisse läßt für das jüdische Volk eine in jeder Beziehung bessere Zukunft erwarten. Millionen unserer Brüder sind bereits vom Zarenjoche befreit und führen schon heute ein freies, menschenwürdiges Dasein. Auch den übrigen Millionen winkt ein Hoffnungsschimmer. Andererseits zeigte sich die jüdische Bruderliebe, die jüdische Solidarität, das jüdische Herz im herrlichsten Glänze. Groß ist die Not, aber noch größer ist die Hilfsbereitschaft der Brüder aller Länder. Groß sind die Kriegsopfer, aber ebenso groß ist die Anerkennung des jüdischen Patriotismus, des jüdischen Heldenmutes, der jüdischen Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit. Die Kriegsereignisse werden ihre traurigen Spuren im jüdischen Leben für lange zurücklassen, aber auch die Wirkung der Lichtseiten des jüdischen Gesamtlebens dürfte eine dauernde und nachdrückliche sein. Tief sind die Wunden an unserem Volkskörper, aber auch die Heilung wird segensreiche Folgen haben. „Tröstet, o tröstet mein Volk!" Spectator. Judenverfolgung In England- Auslieferung von 25.000 polltischen Flüchtlingen an Rußland. Der „Vossischen Zeitung" wird aus Christiania berichtet: „Verdensgang" veröffentlicht sensationelle Mitteilungen über die Behandlung russischer Flüchtlinge und russischer Juden in England. Danach haben die englischen Behörden von 300,000 Flüchtlingen, die in London weilen, 25.000 Juden ausgewählt und vor die Wahl gestellt, entweder nach Flandern als Soldaten zu gehe» oder am Rußland ausgeliefert zu werden. Diese 35.000 Mann stehen, wie ein entkommener Flüchtling im „Verdensgang" erzählt, Tag und Nacht unter polizeilicher Bewachung. Die politischen Flüchtlinge dürften jedoch kaum nach Flandern kommen, sondern, wie es tatsächlich wiederholt geschehen ist, der russischen «lute oder dem Galgen ausgeliefert werden. Rußland schlage auf solche Art zwei Fliegen auf einmal. Es erhalte 25.000 verhaßte Juden als Kanonenfutter und die jungen russischen Akademiker, die aus politischen Gründen zu Tausenden dem Zarenreich den Rücken gekehrt haben, wird Rußland an der Front sicher auf einen Uriasposten stellen, um sie schnell los zu werden. Noch wahrscheinlicher ist, daß man sie sofort an einen Galgen aufknüpft oder nach Sibirien schickt. Maxirn Gorkij wäre sicher dasselbe geschehen, wenn man nicht Europas Entrüstung befürchtet hätte. Alle die jungen Menschen, die man jetzt aus London gewaltsam den Russen in die Arme treibt, Studenten, Juristen, Ingenieure, Schriftsteller, die verhaßten Juden, die schon in Frtedenszeiten in Rußland wie in der Hölle gelebt haben, seien jetzt mit einem Male gut genug, für ihr Vaterland in den Kampf zu ziehen. Wie Negersklaven schaffe man sie in London an Bord von Segelschiffen, die nach Archangelsk und nach Alexandrowsk gehen. Seit mehreren Wochen fahren täglich ein paar solche Segelschiffe von England ab, und so wird es weitergehen, bis alle in sogenannte Sicherheit gebracht sein werden. Von ihrem Vaterland hätten sie eigentlich wohl eine andere Behandlung erwartet. Aber, so schließt der Bericht, hätte man nicht von England, dem großen Beschützer der Klethen und Unterdrückten, me"hf Menschlichkeit erwarten müssen? In diesen Tagen wurden mehrere Versammlungen der in Christiania weilenden Russen abgehalten, die an die englische Regierung eine Eingabe in dieser Angelegenheit richten wollen. Die Wahrheil Uber die Palästina- Phantasien. Wir haben bereits in unserer vorletzter Nr. die sensationellen Palästina-Phantasien registriert, die seit einiger Zeit in der Tagespresse herumspucken und die davon zu berichten wissen, daß der gewesene amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Mr. Morgentau, angeblich mit der Türkei wegen Ankauf von Palästina und der Errichtung einer palästinensischen Republik unter dem Protektorate der Vereinigten Staaten von Nordamerika verhandelte, oder sogar bereits zu einem positiven Ergebnis gelangt sei. Wir sind nunmehr in der Lage, die Wahrheit über diese angeblichen Verhandlungen zu enthüllen, womit unsere Ansicht, daß es sich um eine Sensationshascherei handelt, nur bestätigt wird. Es handelt sich hiebei um folgendes: In Palästina ist ein großer Komplex sogenannter „Dziftlin" (Krongüter) vorhanden, dessen Ankauf zwecks Errichtung jüdischer Kolonien seitens des jüdischen Nationalfonds angestrebt wurde. Mr. Morgentau hat diesbezüglich privatim, nicht als Botschafter, vor einigen Jahren bei der türkischen Regierung interveniert. Diese weigerte sich aber damals, den Boden zu veräußern. Während des Krieges hat Mr. Morgentau in einem Gespräch mit einem türkischen Minister die Sache in Erinnerung gebracht und hinzugefügt, die Türkei könnte durch den Verkauf dieses Komplexes in den Besitz eines beträchtlichen Geldbetrages gelangen. Von türkischer Seite zeigte man die Geneigtheit, jetzt den Kauf zu vollziehen. Die Angelegenheit ist aber bis zur Abreise Morgentaus nicht zum Abschluß gelangt. Nach der Rückkehr Morgentaus hat derselbe in Chicago gelegentlich einer jüdischen Versammlung diesbezüglich Mitteilung gemacht. Ein Zeitungskorrespondent, der die Mitteilungen des Botschafters entweder schlecht verstanden oder aus Sensationshascherei absichtlich verdreht hatte, ließ die Sache in der Form in die Welt hinaus, daß es sich um den Verkauf von Palästina handelt, das zu einer jüdischen Republik urugewaBdelt werden sollte. Es wäre vielleicht richtig, daß das zionistische A. K., das sicherlich den wahren Sachverhalt kennt,. diesbezüglich eine Aufklärung verlautbarcjj lassen'sollte. ■ . : .___ Eine Judendeballe in der Duma. Erst jetzt bringen die einlaufenden russischen Zeitungen eingehendere Berichte über die zum Schlüsse der letzten Dumasession gelangten Verhandlungen in Sachen des Bauernbeschränkungsgesetzes. Fast alle Redner berührten, wie wir seinerzeit kurz mitgeteilt, die Judenfnigc. Xus der Rede des jüdischen Abgeordneten rviedmann sei noch folgendes wiedergegeben: Die .luden haben an dem (jesetzesprojekt nicht nur deshalb Interesse, weil 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Kleinstädter sind, ciie indirekt durch dieses Gesetzesprojekt wirtschaftlich mitbetroffen sind, sondern weil die .Juden seit jeher alle ihre Hoffnungen mit der Befreiung der Volksmassen verknüpfen und jeden Schritt vorwärts aufmerksam verfolgen. Allen Untertanen des russischen Reiches wird durch dieses Gesetz, wenigstens auf einem Gebiet, gleiches Recht gegeben -— mit Ausnahme der Juden. Was bedeutet dies? Sind denn Juden keine Untertanen? Darin besteht für uns die ganze Bitterkeit dieses Gesetzesprojektes. Die Regierungsformel: „mit Ausnahme der Fremdvölker" war beleidigend. Sie hat uns ausgeschlossen, aber sie hat es delikat gemacht. Mit uns zusammen wurden auch andere „Fremdvölker" ausgeschlossen ... Die Formel der Kommissto«: „mit Ausnahme der Juden" war odios, aber offenherzig. Sie hat die Samojeden eingeschlossen, die Juden ausgeschlossen. Aber diese neue Formel, die in eine Maske gehüllt ist, äußerlich recht anständig aussieht, und für ein unbewaffnetes Auge schwer erkenntbar ist, erinnert uns unwillkürlich an die rumänische Doktrin. Meine Herren Abgeordneten! Bei der gegenwärtigen Lage der Juden, da sie der elementarsten Menschenrechte beraubt und Verfolgungen ausgesetzt sind, die sogar die jüdische Geschichte nicht kennt, ist die Frage der Besetzung von Regierungsstellen durch Juden nicht eer empfindlichste Punkt der .ludenfrage. Aber wenn ein neues, für alle Bürger des Reiches gleiches Prinzip proklamiert wird, könne;-, wir nicht umhin, nicht mit unserer ganzen Krall dagegen zu protestieren, daß dieses Gesetz sich nicht auch auf die Juden bezieht. Aber noch mehr müssen wir gegen die standige Abneigung, die .ludenfrage aufzurollen, protestieren. Zehn Jahre lang existieren die gesetzgeberischen Körperschaften. Während dieser Zeit hat die Regierung nicht nur einmal gezeigt, daß die Initiative in der Judenfrage von den gesetzgeberischen Körperschalten ausgehen muß. Die beiden ersten Dumen tagien dazu nicht lange genug. Nun besteht schon neun Jahre lang die auf Grund des Wahlgesetzes vom 3. Juni konstituierte Duma. Und immer wieder bekommen wir zu hören: die .ludenfrage kann nicht „gelegentlich" und stückweise gelöst werden. Gleichzeitig wurden aber „gelegentlich" Begrenzungen auf Begrenzungen gehäuft, und wenn die Regierung im August vorigen Jahres gezwungen war, einen Schritt auf dem Weg der Judenbefreiung zu machen, so wollte der progressive Block bis heute diesen Weg nicht betreten. (Zwischenruf des Abg. Stamislowsky: „Sind Sie aus dem Block ausgetreten?") Ich war nie im Block. Meine Herren! Wir machen uns keine Illusionen. Wir wissen, daß, w enn das Gesetz auch auf die Juden ausgedehnt werden sollte, es doch nur auf dem Papiere stehen bliebe . . . Aber meine Herren! Der Krieg wird unter dem Zeichen der Befreiung der kleinen Nationalitäten geführt. Ich frage Sie: was ist für die kleinen Nationalitäten innerhalb des Landes getan worden? (Zwischenruf links: „Nichts!") Ist die Konstitution in Finnland wieder hergestellt worden? Daniber sprechen die leeren Stühle der finnischen Deputierten. Den Polen ist vieles versprochen worden. Was ist aber für Polen getan worden? . . . Von den Beziehungen zu den Mohammedanern werden Ihnen die Deputierten erzählen. Die Beziehung