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Jüdische Korrespondenz · 1916-08-01 · 27 (1.8.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
27 (1.8.1916)
Date
1916-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27. Jüdische Korrespondenz Seite 3 bezüglichen Interpellation zu erwirken. Die Qesamtpresse hat seinerzeit darüber berichtet und die Veröffentlichung in der „Jüdischen Presse" ließ auch keinen Zweifel darüber, um was es sich handelt. Die „Reichspost" hat somit eine bewußte plumpe Fälschung verübt, wenn sie dieses Dokument der deutschen Regierung zuschrieb. Die „Jüdische Korrespondenz" hat die Sache sofort in der „N. F. Presse" berichtigt, aber die „Reichspost" fand es nicht für nötig, die Wahrheit einzugestehen. Bei dieser Gelegenheit möge noch auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht werden, die einer gewissen Tragikomik nicht entbehrt. Vor einiger Zeit hat die „Reichspost" einen Artikel veröffentlicht, in welchem — was übrigens seitens der Antisemiten stets geschieht — die Juden als besondere Nation bezeichnet wurden. Die zionistischen Blätter gerieten darüber derart in Verzückung, daß sie diesem judenfresserischen Blatte schweifwedelten und es als „Organ der österreichischen Regierung"!!) bezeichneten, dessen Standpunkt eine Wendung(?) in der Judenfrage bedeute. Gerade die „Jüdische Presse" bezeichnete damals die „Rp." als „einflußreiches!!) Organ der österreichischen Regierung". Die „Rp." hat nun diese Komplimente in einer echt antisemitischen Art quittiert . . . Zwangsdiensf für russische Juden in England. Die aus Rußland eingewanderten Juden in England, deren Zahl auf 200.000 geschätzt wird, stehen vor der Möglichkeit, dem englischen Militärgesetz unterworfen oder nach Rußland abgeschoben zu werden. Es läßt sich nicht gut feststellen, in welchem Augenblick diese Gefahr akut geworden ist. Die Eventualität wurde in jüdischen Kreisen bereits seit Monaten, während der ganzen Dienstpflichtdebatte, befürchtet und besprochen. In der jüdischen Presse ist dies jedoch nicht zum Ausdruck gekommen, da man anscheinend den Wunsch hatte, Zurückhaltung zu üben. Die Frage ist jedoch in dem Augenblick in ein kritisches Stadium getreten, als die Armee in England aufgehört hat, eine freiwillige zu sein. , .Drei, Faktoren scheinen die für -die russischer! Jiuden verhähgnisvölle Wendung' mitverschuldet zu haben. Einerseits entstand auch dort, ähnlich wie in Paris, eine fremdenfeindliche Hetze. Gewisse Blätter machten lärmende Propaganda gegen die sogenannten „Russen", die in ihre „Heimat" nicht zurückkehren und in England die Arbeitsstellen der einrückenden Männer besetzen. Das giftige Wort von den „Jobsteelers" verfehlte nicht seine Wirkung. Dann kam, wenn auch nicht öffentlich, die russische Regierung. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die Machthaber in Rußland, deren Judenhaß geradezu wahnwitzige Formen annimmt, die Judenhetze in England nur zu gern sehen würden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Fäden der erwähnten fremdfeindlichen Propaganda in der russischen Botschaft oder in einem russischen Generalkonsulat zusammenlaufen. Die Beziehungen der Northcliffe-Presse zu den russischen Sphären sind seit langem kein Geheimnis mehr. Es ist ziemlich sicher, wenn auch offiziell noch nicht zugegeben, daß die russische Regierung ihren englischen Verbündeten deutlich auf ihre Untertanen in London, Manchester, Leeds usw. hingewiesen hat, die im militärpflichtigen Alter sind und nach Tausenden herangezogen werden könnten. Bei jeder militärischen Einberufung oder Musterung in Kußland haben die russischen Konsulate im neutralen und verbündeten Auslande immer zugleich verkündet, den dort wohnenden russischen Untertanen werde empfohlen, in die Reihen der verbündeten Armee einzutreten. Während aber in Paris russische Juden in großer Anzahl (natürlich aus ganz anderen Gründen) sich in die französische Armee freiwillig anwerben ließen, war die Zahl der Freiwilligen unter den russischen Juden Englands auffallend gering. Wie der Minister des Innern, Mr. Herbert Samuel in seiner jüngsten Rede sagte, besteht keine Vereinbarung zwischen England und Rußland bezüglich der russischen Juden. Aber die Praxis gegenüber den in England wohnenden Franzosen, Belgiern und Italienern, die, wenn militärpflichtig, nach ihrem Vaterlannde zurückkehren müssen, mußte schließlich auch die Frage aufwerfen, wie man mit den russischen Untertanen verfahren soll. Zuletzt kam die Stellungnahme der englischen Juden selbst. Wie von diesen assimilatorischen Ueberpatrioten zu erwarten war, wurden sie sehr ängstlich. Sie fürchteten, daß das Nichteintreten der russischen Juden in die Armee und die erwähnte Hetze ihren eigenen Patriotismus in Zweifel bringen können. So kam das Merkwürdige zustande, daß die englisch-jüdische Presse selbst den Gedanken zu propagieren begonnen hat, die russischen Jui den müßten sich in großer Zahl freiwillig zum Militärdienst melden, sonst sei der Zwangsdienst nicht zu vermeiden. Die letzten Nummern vom j Jewish Chronicle und Jewish World machen I den Eindruck einer systematischen Hetze tragen die russischen Juden. Es wird ihnen vorgeworfen, daß sie die Stellung der Juden in England untergraben, den Emanzipationskampf ihrer Brüder in Rußland schädigen, die kommende jüdische Einwanderung nach England und Amerika der Gefahr von Einschränkungen aussetzen. Bei der Ende Juni stattgehabten Jahresversammlung des Board of Deputies hat ein Herr Nathan Lasky und mehrere andere Oer.!- lemen von dieser jüdischen Körperschaft verlangt, daß sie Schritte unternimmt, urn in dieser oder jener Form die russisch-jüdische Jugend in die Armee zu bringen. Nur ein Zionist. Dr. Daiches, hat sich dieser Anregung widersetzt. Sollte die englische Regierung in ihrer Haltung anfangs schwankend gewesen sein, so haben diese Stimmen aus den einflußreichsten Kreisen der englischen Judenheit sie in ihrer Absicht bestärkt, auch die russischen Juden dem militärischen Gesetz zu unterwerfen. Der russischen Juden in East End bemächtigte sich eine ungeheure Aufregung. Sie verwiesen darauf, daß sie keine englischen Bürger sind, kein Wahlrecht besitzen, auf die englische Gesetzgebung somit keinen Einfluß haben. Man könne ihnen daher nicht die gleichen Pflichten auferlegen. Es ist eine blutige Ironie, von ihnen, auf Grund ihrer russischen Untertanenschaft, zu verlangen, daß sie auf den Kriegsschauplatz eilen. Sie haben Rußland verlassen, das ihnen das Leben unerträglich machte. Sie kamen nach England im Vertrauen auf das Asylrecht dieses Staates. Sie haben sich zumeist nicht naturalisiert, weil sie entweder wenige Jahre in England wohnen und jedenfalls ihre Zukunft mit diesem Laude noch nicht endgiltig verknüpft haben. Für viele Tausende russischer Juden ist England nichts als eine Zwischenstation auf dem Wege nach Amerika. In einigen Versammlungen russisch-jüdischer Organisationen wurde daher die Forderung erhoben, daß man die .ludert aus Rußland entweder in Ruhe lasse oder ihnen freien Abzug nach Amerika gewähre. Die Erbitterung"" gegen 'die englischen Juden und ihre Presse ist außerordentlich. Es wird ihnen vorgeworfendaß sie zu einer Zeit, wo das Blut von Hunderttausenden russischer Juden, nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern ganz unschuldig in Rußland fließt, auch die wenigen Flüchtlinge aus Rußland auf englischem Boden in den Kriegsschlund hineinschleudern wollen. Die Tagespresse brachte bereits einen telegraphischen Bericht über die Erklärung der englischen Regierung im Unterhause am 30. Juni über die Dienstpflicht der verbündeten Fremden. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß die Erklärung von dem jüdischen Minister Mr. Herbert Samuel, dem Staatssekretär des Innern, abgegeben wurde. Es ist jedoch nicht richtig, daß er den Dienstzwang für die russischen Juden bereits verkündet habe. Mr. Samuel sagte: „Eine bedeutende Anzahl von Untertanen verbündeter Regierungen lebt in diesem Lande und ist im militärpflichtigen Alter. Seit der Annahme des Zwangsdienstes in diesem Lande war das Gefühl immer allgemeiner und wuchs an. daß diese Männer entweder in der Armee ihres Geburtslandes oder in der Armee des Landes, das sie adoptiert haben, dienen müssen. Unter diesen Umständen wurden Vereinbarungen mit den Regierungen von Frankreich und Belgien getroffen, daß alle ihre in diesem Lande wohnenden Bürger, die der Dienstpflicht unterliegen/ nach Frankreich oder Belgien zurückkehren. In London, Manchester, Leeds und anderen Städten befindet sich auch eine große Anzahl von tauglichen jungen Menschen russischer Staatsangehörigkeit. Eine Vereinbarung mit der russischen Regierung besteht nicht. Nach meinem Vorschlag und anderer hat das Kriegsministerium zugestimmt, daß diesen jungen Russen erlaubt wird, in der britischen Armee auf Grund freiwilliger Anwerbung zu dienen, da sie in der Tat zum Dienst nicht gezwungen werden können. Diese Männer werden daher jetzt eingeladen, sich zu melden und eine nicht unbedeutende Zahl hat sich bereits anwerben lassen. Noch aber bleibt eine bedeutende Anzahl, die keine Neigung zeigt, in den verbündeten Ländern oder in der russischen Armee Dienst zu nehmen, und ich schlage vor, diesen Männern zu bedeuten, daß, wenn sie nicht nachweisen können, daß sie aus dem Militärdienst aus diesem oder jenen Grunde auszuschließen sind, sie darauf gefaßt sein müssen, entweder der britischen Armee zu dienen oder nach Rußland zurückzukehren, um ihren militärischen Pflichten dort zu genügen. Ich schlage vorein besonderes Tribunal zu errichten, um die Beschwerden dieser Leute zu priiten." Aus dieser Erklärung folgt, daß die englische Regierung zugibt, die russischen Juden ztnn Militärdienst nicht zwingen zu können, daß ferner die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Mr. Samuel sprach vorläufig nur von seinen eigenen Vorschlägen. Es ist aber klar, was das bedeutet. Die Drohung der Ausweisung nach Rußland wurde mit aller Deutlichkeit ausgesprochen und von einem W iderspruch im Unierhau.se wird nichts berichtet. Er ist auch nicht zu erwarten. Hie Situation gestaltet sich für die Juden aus Rußland äußerst kritisch _ (JAK.) Aus Galizien. Auflösung des Lemberger Kultusvorstandes. Aus Lemberg wird gemeldet: Die Auflösung des hiesigen Kultusvorstandes scheint nun eine beschlossene Sache zu sein. Seitens des Magistrates ist ein diesbezüglicher Antrag bereits zur Statthalterei abgegangen. Zum Regierimgskomnussar ist Advokat Dr. Emil Parties designiert, als dessen Stellvertreter sollen die Herren Dr. M. Allerhand und Jakob Feldstein fungieren. In den Beirat sollen die nachstehenden Herren berufen weiden: Oberfinanzrat Grabseheid, Direktor Orange, Filipp, Leon Parnes, Dr. Wasser, Michael Llam, Dr. Ringel, Dr. Alexander Majer, David Salamander und Simon Schleicher. Es dürfte zum ersten Male geschehen, daß der Lemberger Kultusvorstand aufgelöst wird. Die Reaktivierung des Krakauer üeineinderates. Aus Krakau schreibt mau uns: Die bereits ankündigte Reaktivierung des hiesigen Genieiriderates ist nun erfolgt. Die erste Sitzung l-rachte aber eine unangenehme Ueberraschung. Bei derselben erklärte nämlich Herr Vizepräsident Hof rat Sareganzunerwartet,daßerauf seine Stelle resigniere. I fiese Erklärung erregte im üemeinderate das größte Aufsehen und wurde Desonders im Lager der jüdischen Mitglieder peinlich empfunden, da die Gefahr drohte, daß die Juden nn Staütpräsidium nicht mehr vertreten sein könnten. Erstens gibt es unter den anderen jüdischen Gemeinderäten keinen entsprechenden Kandidaten für "diese Stelle; der' dem*ganzen -Üemeinderate 'genehtri sein' dffrfte und zweitens konnte angesichts des Umstandes, daß alle Parteien auf eine Vertretung im Präsidium reiiektieren.es überhaupt dazu kommen, naß die Juden die Position verlieren. Die Angelegenheit ist schließlich in der Richtung beigelegt worden, daß der Gemeinderat die Resignation des Hofrat Sare nicht angenommen habe, womit alles beim Alten blieb. Chronik. Der Schochtlmstreik. Viel Roden macht in New-York von sich der Schochtimstrcik. Die „Agudas Hasciiochlmi" hatte Anlaß zu verschiedenartigen Klagen ökonomischer Natur und da die Kultusbeamten weder bei den landen, griffen Sie zu dem ganz modernen radikalen Mittel des Streikes. Man muß bedenken, daß die jüdischen Schlächter und Fleischhändler in Amerika nicht allein den riesigen Koscherfleischbedarf für die drei Millionen Juden decken, sondern auch sonst im Fleischgroßbetrieb eine eminente Rolle spielen und zum Teil zu großen Reichtümern gelangt sind. f)er Getlügelhandel in den meisten Großstädten Amerikas liegt fast ausschließlich in jüdischen Händen. Manche Einwanderer, die noch vor wenigen Jahren mit Hühnern hausierten, arbeiten jetzt in Uroli- Betrieben mit einem Millionncnumsatz. Die Schoehtirn, unter denen sieh viele hervorragende Talmudisten befinden, fristen dagegen ein armseliges Dasein und müssen sich zudem eine unwürdige Behandlung gefallen lassen. Aus diesen Zuständen hat sich ein gehäuftes Maß von Verbitterung angesammelt, das nun zum Ueberlaufen gelangt ist. Da sich angesehene Mitglieder der Kehillah ins Mittel gelegt haben, ist zu hoffen, daß ein Ausgleich zustande kommt, der das Los der Schoehtirn in Amerika schon im Interesse ihres heiligen Berufes für die Zukunit erleichtert. Die Blutopfer der russischen Juden. Die „Neue Hamburger Zeitung" meldet indirekt aus Petersburg: Die „Rietseh" schreibt, dal.! eine Million luden ihr Blut für den Zaren hergegeben haben. Die Mitteilung der „Rjetsch" läßt Rückschlüsse auf die gesamten Verluste Rußlands zu, wenn schon die Juden mit ein": Million Verlusten angeführt werden dürfen. Sind russische Juden politische Flüchtlinge? Wie der Londoner Berichtstatter des ..Manchester Guardian" meldet, sagte der Staatssekretär des Innern. Samuel, im Unterhause, daß russiseiie Untertanen, die nicht in die britische Armee eintreten wollen, deportiert werden würden, falls nicht ein Gerichtshof entscheidet, daß es sich um polnische Flüchtlinge handelt. Der Berichterstatter bemerkt dazu: Ls handelt sich darum, russische Juden nach Rußland zurückzusenden, die aus bekar.iten Gründen Rußland verlassen haben, aber nicht eigentlich als „politische Flüchtlinge" bezeichnet werden kannten. Fr fügt die Ansicht eines Russen hinzu,

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