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Jüdische Korrespondenz · 1916-08-01 · 27 (1.8.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
27 (1.8.1916)
Date
1916-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 27. ein solches Verbot existierte, da es ja aufgehoben wurde. Wir können die Herren in Kopenhagen beruhigen. Ihre heutige Nachricht ist ebenso falsch, wie die frühere. Was nicht existiert, kann nicht aufgehoben werden. Es hat auch kein jüdisches Blatt in der Monarchie darüber etwas berichtet und gerade die Wiener Kollegin der „Volksstimme" hat eine derartige aus dem Ausland kommende Nachricht mit der Bemerkung abgedruckt, daß hier darüber nichts bekannt ist. Wie wir schon seinerzeit festgestellt haben, beschränkt sich die ganpe Sache darauf, daß es im eigentlichen Kriegsgebiete unzulässig ist, Briefe in jüdischer Sprache zu schreiben, und zwar nicht aus Animosität gegen die Juden oder gegen die jüdische Sprache, sondern aus Gründen der Kriegszensur, da es schwer möglich ist, bei jedem Etappenpostamt besondere Zensoren für die jüdische Spra.h: zu haben. Diese Maßregel, die rein technischen Erwägungen entsprang, ist nur eine zeitweilige, sie ist aber, so weit bekannt,, auch nicht aufgehoben worden. Von einer Verfolgung der Juden oder der jüdischen Sprache kann keine Rede sein, und der beste Beweis dafür ist das Erscheinen eines jüdischen Tagblattes im engeren Kriegsgebiete sowie die Tatsache, daß dieses Blatt sogar den Soldaten in den Schützengräben zugestellt werden darf. Wenn die „Jüdische Volksstimme" schließlich diese Sache zu einer persönlichen Angelegenheit gemacht hat und die „Jüdische Korrespondenz" wegen der Richtigstellung anrempelt, so liefert sie damit nur den Beweis, wie sehr ihr die Wahrheit wehtut, vielleicht mit Rücksicht auf die Auftraggeber . . . Russengreuel In Gurahumora. Bericht eines Kriegsberichterstatters. (Vom Kriegspressequartier genehmigt.) — 28. Juli. Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten der Südostbukowina, die über rumänischen Boden bei uns eingetroffen sind, erzählen von den Schreckensszenen, die sich unmittelbar nach dem Einzug der Russen in dem zum großen Teil von Rumänen bewohnten Städtchen Gurahumora abspielten. > ,., . .., , , ., , Nach dem Gefeqht, das am 21. Juni mit den über Radautz aus dem Serethtal verrückenden Russen in der Nähe von Gurahumora stattgefunden hatte, waren die österreichisch-ungarischen Kräfte aus der' Stadt abgezogen. Mit Bangen erwartete die zurückgebliebene Bevölkerung die kommenden Ereignisse. Bald kamen die Vorhuten der Russen. Kosaken durchritten im Galopp mit geschwungenen Nagaikas die Straßen. In rücksichtslosester Weise begannen die Soldaten sofort zu requirieren. Die Geschäfte wurden geplündert. Zuerst beschränkte man sich zwar auf die Geschäfte jüdischer Kaufleute und Händler, wie überhaupt die Juden besonders zu leiden hatten, dann aber wurden die Läden ohne Unterschied ausgeraubt. Was den Soldaten nicht brauchbar erschien, wurde in mutwilligster Weise vernichtet, darunter zum Beispiel auch die wertvolle Einrichtung sowie die Medizinvorräte der Apotheke. An vielen Stellen der Stadt wurde während dieser Plün-' derungsszenen, angeblich auf Befehl der Stadtkommandanten, auch Brand gelegt, wobei sich die Kosaken der Brandpatronen bedienten, die sie stets bei sich führen. Man sagte dabei der Bevölkerung, dies sei die Vergeltung dafür, daß auch die Deutschen in Russisch-Polen alle Städte eingeäschert hätten. Uebrigens seien es ja fast ausschließlich Judenhäuser, die angezündet würden, und es gebe in der Stadt ohnedies zu viel Juden, mit denen müsse man einmal Ordnung machen. Frauen und Mädchen waren nirgends vor den Gewalttätigkeiten der Kosaken sicher. Eine plumpe Fälschung der „Reichspost". Die „Reichspost" Nr. 341 vom 25. Juli veröffentlicht in der Rubrik „Chronik" folgende Notiz: „Also Achtung! In der „Jüdischen Presse" (Nummer 15/16 dieses Jahres) wird folgende Verfügung der deutschen Regierung abgedruckt: Ministerium des Innern, Abt. Polizei, Januar 1916. Nach den an die Polizeiabteilung gelangten Aufklärungen betreiben die Juden gegenwärtig mit Eifer die revolutionäre Propaganda, wobei sie geheime Gesellschaften gründen und zu dem Zwecke, allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, außer der verbrecherischen Wühlarbeit im Heere und dem großen Industriemittelpunkten, ebenso wie der Anstiftung von Ausständen noch die folgenden wichtigen zwei Maßnahmen anwenden: die künstliche Vierteuerung der notwendigen Lebensmittel und das Aufsaugen des Bargeldes. Die Polizeiabteilung bringt zu Ihrer Unterrichtung dieses Vorgehen zu Ihrer Kenntnis." . Es handelt,sieh hiebei um eine .plumpe.Fäl- < sehung. Das hier 2ürn'Abdruck gelangte; Daku; ment ist wohl autentisch, aber es ist nicht seitens der deutschen, sondern seitens der r u ss i s c h e n Regierung herausgegeben geworden um Judenpogrome hervorzurufen. Diese gefährliche Taktik war selbst der Duma zu stark und die Regierung mußte deswegen schwere Vorwürfe hören. Es kam auch zu einer hitzigen Debatte und nur mit Mühe gelang es der Regierung, die Zurückziehung einer dies- Ersuchen der jüdischen Qemeinderäte wurde dieselbe erst für Dienstag anberaumt. * Die Einführung der Stadtautonomie in Warschau spielt sich also im Zeichen eines jüdisch-polnischen Friedens ab. Es wäre wohl verfrüht, daraus weitgehende Schlüsse über die künftige Gestaltung des jüdisch-polnischen Verhältnisses ziehen zu wollen. Immerhin zeigen die gegenwärtigen Vorgänge, daß ein Ausgleich der Differenzen bei gegenseitigem guten Wüten möglich ist. Umso bedauerlicher ist es, daß der Kampf iin jüdischen Lager noch weiterhin mit der größten Schärfe fortgesetzt wird. Das Vereinigte jüdische Komitee einerseits und das Jüdische Volkskomitee andererseits, überschütten sich gegenseitig mit den heftigsten Vorwürfen und die Schlagworte Verrat, Demagogie, etz. wollen von den Spalten der jüdischen Presse nicht verschwinden. Es kommt auch sonst zu unliebsamen Kundgebungen und Demonstrationen, die keineswegs geeignet sind, das Ansehen der jüdischen Repräsentanz zu heben. Man sollte bedenken, daß während des Wahlkampfes gar manches zulässig ist, was in ruhigen Zeiten absolut verwerflich erscheinen muß. Die beiderseitigen Gruppen sollten im Interesse des Judentums den Kampf einstellen und sich mit dem Wahlresultat zufrieden geben. Die gegenwärtige Zeit ist zu ernst, um sich derartigen Spielereien hinzugeben. Warschai. Die judische Sprache in Österreich. Wir haben bereits in Nr. 12 unseres Blattes eine Verleumdung der ..Jüdischen Volksstimme" in Kopenhagen angenagelt, die behauptet hat, in Oesterreich-Ungarn sei die Benützung der jüdischen Sprache verboten worden. Wir haben damals festgestellt, daß ein derartiges Verbot nicht existiert und daß die Verbreitung derartiger falscher Nachrichten nur der Entente und hauptsächlich Rußland dienen kann, welches sein unmenschliches Vorgehen gegen die Juden damit zu rechtfertigen sucht, daß es Gerüchte verbreiten läßt, die Juden in Oesterreich werden schlecht behandelt. In einer der letzten Nummern kommt nun dieses Blatt wieder auf die alte Lüge zurück und zwar geschieht es diesmal in umgekehrter Richtung. Es wird nämlich gemeldet, das angebliche Verbot der jüdischen Sprache, resp. der jüdischen „Schrift" in Oesterreich sei über Intervention gewisser Kreise wieder aufgehoben worden. Die „Jüdische Volksstimme" richtet nun an uns die triumphierende Frage, was wir jetzt dazu sagen, da es doch klar ist, daß Die amerikanische Einwanderung im letzten Kriegsjahr. Das amerikanische „Departement of Labour'" veiöffentlicht, wie das „Warschauer Tagblatt" mitteilt, einen Bericht über die amerikanische Einwanderung im letzten Jahre, die infolge des fast gänzlich eingestellten Schiffsverkehres nicht mehr als 326.700 Personen beträgt. Diese Ziffer bleibt selbstverständlich weit hinter den Einwamterungsziffern früherer Jahre zurück, dagegen ist die Zahl der Zurückgeschickten eine größere als in früheren Zeiten. Als ürund hiefür gibt der offizielle Bericht die durch geringere Einwanderung ermöglichte gründlichere ärztliche Untersuchung der Einwanderer an. Der Commissioner des New Yorker Hafens schlägt daher die Vermehrung der untersuchenden Aerzte nach dem Kriege vor, um dieses „günstige" Resultat auch nach dem Kriege zu erhalten. Wie das Gesetz es letzt bestimmt, kann ein Immigrant wegen dreierlei „Defekten" von der Einwandeluug ausgeschlossen werden: wegen physischer, moralischer und geistiger Fehler. Eine mit solchen Fehlern behaftete Person kann entweder sofort oder im Verlaufe von drei Jahren zurückgeschickt werden, wenn der Fehler bei der Einwanderung verschwiegen wurde. Auf Ellis-Islanü sitzen jetzt eine Menge Einwanderer, die zurückgeschickt \\ erden sollen. Es sind aber keine Schiffe für sie da and so warten auf das Ende des Krieges — um zurückgeschickt zu werden. Ueberhaupt herrscht jetzt auf Ellis-Island ein richtiger „Slack", es ist wenig Arbeit vorhanden. Das Heer der Inspektoren und Aufseher, die vor dem Kriege so viel zu tun hatten, geht jetzt beschäftigungslos herum. Das Departement will sie beurlauben. Juden sind im letzten Jahre 28.155 angekommen, davon 26.407 Einwanderer und 1658 Reisende. Die Regierung macht einen genauen Unterschied zwischen Einwanderern und Reisenden. Wer nach Amerika kommt, um sich dort niederzulassen, ist ein Einwanderer, wer aber nur eine gewisse Zeit in Amerika zubringen und dann zurückkehren will, ist ein Reisender. Sehr viele Immigranten sind im vergangenen Jahre in ihre Heimat zurückgekehrt. Von Juden sind 3263 zurückgefahren, #lso verhältnismäßig wenig, aber von anderen Nationen viel mehr. Von den Kroaten, Italienern, Polen und Russen sind mehr rückgewandert als eingewandert sind. Von den 26.497 Juden, die als Einwanderer nach Amerika gekommen sind, sind 13.756 Männer und 12.741 Frauen. 6794 waren unter 14 Jahren, 17.607 zwischen 14 und 44, 2096 über 44 Jahren. Das Verhältnis entspricht den Daten aus normalen Jahren. Interessant sind die Prozentzahlen der Analphabeten („iiliterated") unter den jüdischen Einwanderern; weder lesen noch schreiben können 765 Männer, 2223 Frauen; 22 Männer und 15 Frauen können nur lesen, aber nicht schreiben. Das ist schon eine ganz ansehnliche Ziffer und beweist, daß es nicht richtig ist wenn behauptet wird, die Juden würden von dem „Literary Test" nicht berührt, („Literary Test" ist ein „Bildungsexarnen" der Einwanderer, dessen Einführung gefordert wird und schon vom Repräsentantenhaus in Wash.ngton zusammen mit den anderen Punkten der „Burnett-lmmigration-Bill" mit über 2/j Mehrheit angenommen wurde, so daß das Veto des Präsdenten keinen Wert hat; jetzt muß die Bill vor der Qesetzwerdung noch den Senat passieren). Von den Juden, die Amer.ka im Laute des letzten Jahres verließen, waren keine, die nicht länger als 5 Jahre in Amerika gewesen wären. 184 waren länger als 5 und weniger als 10 Jahre in Amerika gewesen; 54 zwischen 10 und 15 Jahren, 6 zwischen 15 und 20, 10 über 20 Jahre und von 104 ist die Dauer ihres Aufenthaltes in Amerika unbekannt. Von den jüdischen Immigranten waren verheiratet: Männer: 3 unter 14 Jahren. 3168 zwischen 14 und 44, und 848 über 45 Jahre. Frauen: 1 unter 14 Jahren, 3298 zwischen 14 und 44 und 649 über 45 Jahren. Es sind also verhältnismäßig mehr verheiratete Frauen als Männer. Die drei verheirateten Männer und die eine verheiratete Frau unter 14 Jahren sind jedenfalls eine interessante, spezifisch „jüdische" Erscheinung. Aus dem amtlichen Bericht ist zu ersehen, daß die jüdischen Immigranten aus alten Ecken der Welt nach Amerika kommen. Studiert man diesen Punkt aber genauer, so findet man, daß siie nicht direkt, sondern durch andere Länder hinkommen. Viele Juden, von denen der Bericht erzählt, daß sie aus England oder Frankreich kommen, kommen in Wirklichkeit aus Rußland. Sie waren nur kurze Zeit in England oder Frankreich, und schon hat man sie zu Engländern oder Franzosen gestempelt. Viele „belgische" Juden sind Oesterreicher. Man muß sich nur die Mühe nehmen, die Statistik genau zu lesen. Wir haben also 1806 Juden aus Oesterreich, 218 aus Ungarn, 332 aus Belgien, 72 aus den Balkanstaaten, 59 aus Dänemark, 913 aus Frankreich, 282 aus Deutschland, 268 aus Griechenland, 21 aus Italien, 53 aus Holland, 17 aus Norwegen, 5 aus Portugal, 321 aus Rumänien, 14.496 aus Rußland, 2 aus Spanien, 54 aus Schweden, 55 aus der Schweiz, 156 aus der Türkei, 2129 aus England, 35 aus China, 1 aus Japan, 11 aus Indien, 324 aus Anatolien, 8 aus dem übrigen Asien, 319 aus Afrika, 34 aus Australien, 1 aus Ozeanien, 3404 aus Kanada, 37 aus Zentralamerika, 18 aus Mexiko, 476 aus Süd-Amerika, 69 aus Westindien und 1 aus e.nem anderen Land. Betrachten wir diese Ziffern genauer. Aus Rußland selbst kommen 14.496 Juden. Rechnen wir hinzu die 2129 Juden aus England und die 913 aus Frankreich, eventuell auch die 2 spanischen Juden, so haben wir zusammen 17.440 russische Juden, also fast */» der ganzen jüdischen Immigration. Zu den 2138 Juden aus Oesterreich kann man noch hinzuzählen die 332 Belgier, 21 Italiener und vielleicht auch die 53 Holländer; d e 21 italienischen Juden sind wahrscheinlich Oesterreicher, welche Italien verlassen haben, als es in den Krieg eintrat. Auch die 3403 kanadischen Juden sind wahrscheinlich Oesterreicher. Wir haben also 5616 österreichische Juden, d. h. mehr als ein Sechstel der jüdischen Einwanderung. Die Juden aus den Balkanstaaten, der Türkei und Italien sind meistens sephardische Juden. Die Juden aus Süd-Amerika sind wahrscheinlich alle russische und galizische Juden. Alle Berufsarten sind in der Einwanderung vertreten. Die größte Kategorie stellen die Schneider dar; verhältnismäßig wenig intelligente Berufe weist die Statistik der jüdischen Einwanderung auf. . Die Statistik der zurückgeschickten Juden ist folgende: 1 Idiot, 17 Schwachsinnige, 2 Epileptiker, 7 Irrsinnige, 6 Tuberkulöse, 3 an Trachom Erkrankte, 24 von anderen Krankheiten Befallene, 1 Bettler, 3 Herabgekommene („Paupers"), 961 könnten der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen, 55 können „sich nicht erhalten", 316 Kontrakt-Arbeiter, 12 unter 16 Jahren ohne Eltern, 24 Verbrecher, 20 Prostituierte, 1 Zuhälter, 13 Kuppler, zusammen 1207.

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