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Jüdische Korrespondenz · 1916-08-01 · 27 (1.8.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
27 (1.8.1916)
Date
1916-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit voller QueKmaBfkbe QMtattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppet.! Erscheint jeden Donneret« Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraßc oi. Mr. 87. Wien, f. August 1916. 2. Jahrgang. Türkische Truppen In Galizien. Eine jüdische Legende erzählt: Der Begründer des modernen Chassidismus, Rabbi israel Baal-Schern, wurde einst gefragt, wann der Beginn der messianischen Periode zu gewärtigen sei. „Irgendwo im Dniestergebiete in Qalizien — lautete die Antwort — gibt es in einem kleinen Dorfe einen Brunnen. Wenn einmal ein türkischer Pascha sein Reitpferd aus diesem Brunnen tränken wird, dann wird der Beginn der messianischen Epoche sein." Die messianische Epoche, von der da die Rede ist, soll nach den Ueberlieferungen der alten Kabbalisten dann eintreten, wenn ein großer Krieg, der alle Völker umfassen dürfte, die halbe Welt verwüstet haben werde. Dieser Krieg wird dadurch entstehen, daß eine Macht, die das Böse repräsentiert, die Menschheit mit ihren gewaltigen Heeresmassen überfluten und bedrohen werde. Das gewaltige Ringen wird damit endigen, daß der Böse besiegt und niedergerungen werde, dann wird jene herrliehe Zeit kommen, die der Prophet Jesajas verkündet habe, wo der Wolf mit dem Lamm wohnen» der Tiger neben dem Böcklein lagern, Kalb und junger Leu zusammen weiden, der Säugling auf dem Loche der Natter spielen wird, wo die Schwerter zu Ackergeräten und die Spieße zu Sensen verarbeitet werden würden, wo kein Volk gegen Volk mehr das Schwert erheben und kein Krieg mehr geführt werden würde. Wir wollen diesmal nicht den Propheten iuMmiiWfl Y&mmsmL..<ik. dsjBMBsItite; Weltkrieg tatsächlich diesen Zustand herbeiführen werde, den der Prophet vor Jahrtausenden so herrlich geschildert hat. Wir wollen auch nicht behaupten, daß die Voraussage jenes Mystikers der Verwiklichung entgegengeht, <Ja ein türkischer Pascha sein Reitpferd aus jenem legendären Brunnen tränken könnte. Aber das Erscheinen türkischer Truppen in Galizien, um gegen das Zarenheer zu kämpfen, ist tatsächlich ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. Es sind bereits Jahrhunderte vorüber, seitdem Türken zum letzten Male auf jenen Dniestergefilden ihr Schwert mit den russischen Horden gekreuzt haben. Hätte es jemand gewagt, vorauszusagen, daß die Türken noch einmal daselbst als Streiter erscheinen werden, er würde ganz einfach ausgelacht worden sein. Nur ein Mystiker wie Rabbi Israel Baal-Schern konnte derartige Voraussagen in die Welt setzen. Aber der gewaltige Weltkrieg, der die Erscheinung zutage gefördert, daß die mit ihrer Kultur so protzenden Völker des Westens das Blut ihrer Söhne dafür vergießen, um den Zar zum Herrn von Konstantinopel zu machen, dieser Krieg mit seinen Wechselwirkungen hat es dazu gebracht, daß türkische Truppen in Qalizien erscheinen, um Schulter an Schulter mit den Oesterreichern, Ungarn und Deutschen gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen, der sie alle gleich bedroht. Der Weltkrieg, der so viele unbegreifliche und schwer erklärliche Erscheinungen zutage fördert, brachte auch dieses Ergebnis. Wir leben wahrlich in außergewöhnlichen Zeiten und vielleicht ist dieser Weltkrieg wirklich die Ankündigung jener herrlichen Epoche, da das Böse niedergerungen und der ewige Völkerfriede einziehen werde. Die Mystik und die Legende beiseite lassend, muß das Erscheinen der türkischen Truppen in Qalizien in der Tat als ein Ereignis von höchster Bedeutung beurteilt werden. Zu Beginn des dritten Kriegsjahres läßt der Zar wieder einmal seine unzähligen Massen gegen Qalizien anrennen und wieder einmal bedrohen die Kosakenhörden die zivilisierte Welt. Gestützt auf seine Freunde im Westen will der Zar die Weltherrschaft an sich reißen und die Mittelmächte sowie deren Verbündete in ihrer Existenz bedrohen. Die Entente macht die höchsten Anstrengungen, um die ihr bisher fehlende einheitliche Front herzustellen. An der Seite der Rttgsen in Qalizien nnd der Bukowina kämpfen heute Franzosen und Japaner, die englischen Freiheitshelden und die amerikanischen Völkerbefreier liefern ihnen Geld und Waffen, um ihnen das Erreichen ihres Zieles zu ermöglichen. In diesem Momente erscheinen die Türken in Galizien, um mit ihren Erbfeinde die letzte Abrechnung zu halten. Der Zar, der von Galizien aus die Welt erobern will, soll da endgültig niedergerungen werden. im Dniestergebiete wird diesmal um die Weltherrschaft gerungen und da soll das Böse niedergerungen werden. Wir Juden, die wir wie kein anderes Volk die großen Gefahren kennen, die ein eventueller Sieg Rußlands für die ganze Welt in sich birgt — wir begrüßen das Erseheinen der rassen- und stammverwandten Türken in Galizien mit ganz besonderer Genugtuung. Wir sehen in ihnen nicht bloß die Verbündeten unseres Vaterlandes, die Alliierten unseres Herrschers, die Kameraden unserer tapferen Truppen, die wieder einmal seit Monaten dem Anstürmen der gewaltigen russischen Heeresmassen einen Damm entgegenzusetzen sich bemühen — wir sehen in den türkischen Truppen auch Schicksals- und Leidensgenossen, die vielleicht ebenso wie wir seit Jahrhunderten den Haß und den Neid der Moskowiter auf sich gezogen haben und denen vom Norden stets die größten Gefahren drohen. Die Juden Galiziens. welche die Invasion der Russen so arg bedroht, sehen in den Türken Bundesbrüder in des Wortes vollster Bedeutung. Da sie kommen, um mitzuhelfen, die Kosakenhörden aus dem Lande je eher zu verjagen, sind sie uns doppelt willkommen. Siewerdet} zaw; Siege unseres teijere*i~Vater*, landes mithelfen und dieser Sieg ist auch ihr Sieg, auch der Sieg der gesamten Menschheit. Spectator. Die Juden im k. u. k. Okkupationsgebiete in Polen. (Brief aus Lublin.) Die Ernennung seiner Exzellenz, des Herrn Sektions-Chefs Dr. v. Madeyski, zum Chef des Zivillandeskommissariats beim Militärgouvernement in Lublin, sowie die Berufung des k. k. Sektionsrates Dr. v. Wysocki zum Leiter des Pressedepartements beim k. u. k. Gouvernement in Polen hat auch in den jüdischen Kreisen große Befriedigung hervorgerufen. Beiden hohen Funktionären geht ein ausgezeichneter Ruf voraus, sie haben sich in ihren bisherigen Wirkungskreisen im k, k. Unterrichtsministerium und im k. k. Ministerratspräsidium, als äußerst liberale Beamten bewährt, die nie einen konfessionellen Unterschied gelten lassen und gegen Jedermann zuvorkommend und freundlich sind. Bei den infolge der gegenwärtigen Ereignisse überaus komplizierten Verhältnissen der Juden im k. u. k. Okkupationsgebiete ist die Berufung derart tüchtiger und objektiver Leiter der wichtigsten Verwaltungsressorts von großer Tragweite und die hiesige Judenschaft sieht der Wirksamkeit derselben mit dem größten Vertrauen entgegen. * Der zum Referenten für das jüdische Schulwesen berufene Prof. Dr. M. Ballaban, ist bereits hier eingetroffen und hat seine Tätigkeit aufgenommen. Zunächst hat sich Herr Dr. Ballaban mit den Repräsentanten der jüdischen Gemeinden und mit den Rabbinern in Verbündung gesetzt. Bei der großen Rolle, welche die religiöse Erziehung im Leben der jüdischen Volksmassen in Polen spielt, müßte dieselbe bei der Regelung des Schulwesens in weitgehenden Maße berücksichtigt werden. Der Schulreferent, dem die analogen Verhältnisse in Galizien näher bekannt sind und der als Historiker besonderes Verständnis für die gegenwärtigen Zustände hat. dürfte sicherlich nichts unterlassen, um in dieser Beziehung alles zu tun, was den Wünschen und den Forderungen des überwiegenden Teiles der jüdischen Bevölkerung entspricht, ohne sich in irgendweiche weitgehende Reform-Projekte einzulassen. * Auf dem Wege über New-York kommt die traurige Nachricht, vom Ableben des Kielcer Rabbiners, R. M. N. Jeruschalmski, der in Choral, üouv. Poltawa, im Alter von Gl Jahren verschieden ist. Der Verblichene war einer der angesehensten Rabbiner Polens und erfreute sich in der Gelehrtenwelt großer Achtung. Er hat auch mehrere Werke veröffentlicht, die eine autorative Bedeutung hahen. Früher Rabbiner in Kaminka und Ostrolenka. wurde der Verblichene im Jahre 1902 zum Rabbiner von Kielce gewählt, wo er eine ausgebreitete Tätigkeit entfaltete. Er war auch Mitglied der Rabbinerkommission in Petersburg. Die Kriegsereignisse haben ihn gezwungen, die Stadt zu verlassen und bei seinen Kindern in Choral Aufenthalt zu nehmen, wo er vor etwa Monatsfrist verschied. Sein Andenken sei gesegnet. Der seit einigen Jahren vakante Rabbinerstuhl in Radom soll jetzt wieder besetzt werden. Das k. u. k. Kreiskommando hat die Durchführung einer Rabbinerwahl angeordnet, welche in den nächsten Wochen vor sich gehen soll. Radom war seit jeher der Sitz hervorragender Rabbiner. Hoffentlich gelingt es auch jetzt, trotz der gegenwärtigen Lage, einen würdigen Kandidaten zu finden. Hamabit. Die Eröffnungssitzung des Warschauer Gemeinderales. (Brief aus Warschau.) Die feierliche Eröffnung des neugewählten Gemeinderates, welche am 24. Juli stattfand, war auch in 4er. jüdischen, ijanae. guy J^rjqgais, von großem Interesse. Im Fortschrittstempel fand nämlich anläßlich dieses Ereignisses ein feierlicher Gottesdienst statt, welchem auch der Stadtpräsident Fürst Lubomirski, der Chef der Bürgermiliz Fürst Radziwill, der Vorsitzende des Stadtrates Rektor Dr. Brudzinski, der Bürgermeisterstellvertreter Chmielewski etz., sowie sämtliche neugewählten Gemeinderäte beigewohnt haben. Rabbiner Dr. Poznanski, welcher ebenfalls in den Gerneinderat gewählt wurdehielt die Festpredigt, zu welcher er als Text die Worte des Psalmisten (Psalm 85, 9-10) gewählt hat: „Ich möchte hören, was der Herr beschließt, denn Frieden verhängt er über sein Volk und seine Frommen, damit sie nicht zur Torheit umkehren. Ja, nahe denen, die ihn fürchten, ist sein Heil, daß Herrlichkeit wohne in seinem Lande." Anknüpfend an diese Worte betont der Redner, daß dieselben ein Symbol für die gegenwärtige Situation seien, da sich die Gesamtbevölkerung unter der Losung von Frieden und Einigkeit zur Arbeit für das Wohl der Stadt und des Landes vereinigt. Der Redner drückt die Ueberzeugung aus. daß die früheren Streitigkeiten nicht wieder aufleben werden und schließt mit einem Segensspruch für den Gemeinderat und mit dem Wunsch auf einen baldigen Frieden. Nach der Predigt wurde die polnische Hymne „Bo4e cos Polske" gesungen und die Festgäste begaben sich zur Kathedrale, wo ebenfalls ein Festgottesdienst veranstaltet wurde. In der darauf stattfindenden Eröffnungssitzung des Qemeinderates erklärte der Stadtpräses Dr. Brudzinski unter anderem, daß ihm seitens der jüdisch-nationalen Qemeinderäte eine Erklärung zugekommen sei, in welcher diese unter Anerkennung des polnischen Charakters der Stadt die Hoffnung ausdrücken, daß den Juden die Möglichkeit geboten werde, sich kulturell-national auszuleben. Der Präses fügt hinzu, daß er ebenfalls diese Hoffnung teile. Namens der jüdischen Gemeinderäte vom Volkskomitee verliest Herr Hirschhorn eine längere Erklärung, in welcher eine ganze Reihe jüdischer Forderungen aufgestellt wird, z. B. Berücksichtigung der Juden bei der Besetzung der Stadtämter, Gewährung von Fonds für einen jüdischen Schulrat, etz. etz. Namens der ..Bundisten" wurde die Forderung wegen Gleichberechtigung der jüdischen Sprache aufgestellt. Die nächste Sitzung des Qemeinderates sollte am Freitag abends stattfinden. Ueber

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