Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 26 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Jüdische Korrespondenz Seite 3 Arlt, der Fräulein Fritsch und Noel, für die armen Menschen zu sorgen, die, von einer oft nach Wochen zählenden Reise todmüde und zermürbt, in dieser Zwischenstation eintreffen. In riesigen Kochkesseln werden Erdäpfelsuppe, Maisgerichte, Graupen und Bohnen nach dem jeweiligen nationalen Geschmack der Flüchtlinge zubereitet, und ich sehe in der Küche Vertreterinnen aller in Galizien und der Bukowina ansässigen Nationalitäten am Herde beschäftigt. Die Kost, in der Fleischnahrung eine untergeordnete Rolle spielt, ist, soweit ich es überblicken konnte, hinreichend. Die Fürsorge für die Flüchtlinge in dieser Beziehung ist in materieller Hinsicht in keiner Weise beengt, da, wie mir der Amtsleiter erklärt, die Regierung der Bezirkshauptmannschaft, der die Lebensmittelversorgung obliegt, unbeschränkten Kredit erteilt. Die Beschaffung der Viktualien in so ungeheuren Massen, wie sie an diesem Platze notwendig ist, ist trotzdem natürlich keine leichte Sache und stößt wiederholt auf große Schwierigkeiten. Wahrend meines Besuches auf den Bahnhöfen standen außerhalb der Station abgekuppelte, mit Flüchtlingen übervoll besetzte Lastwagen, in denen diese sich nach den vorhandenen Möglichkeiten eingerichtet hatten, Männer, Frauen und Kinder in allen Lebensaltern, in denen sich die Tragik der plötzlich Vertriebenen ergreifend ausprägte. Man fühlte sie in den von Strapazen und Erregung blassen Gesichtern, in ihren fliegenden Augen, in der ganz einzigartigen Verstörtheit ihres Wesens und ihrer Gewandung. Der Eindruck, den man von diesen mitleidswürdigen Kriegsopfern gewinnt, ist unverlöschbar. Außerhalb der Stadt besuche ich das von dem Chefarzt der Flüchtlingskolonie Dr. Salpeter eingerichtete, ganz moderne Spital, dessen Belegraum für 70 Patienten den sich unmittelbar ergebenden, unabweislichen Erfordernissen entsprechen soll. Das Spital, mit Isolierzimmern und Bädern ausgestattet, machte einen vorzüglichen Eindruck. Sieben Aerzte unterstützen den Chefarzt in seiner Tätigkeit, die nicht nur das medizinische Ressort betrifft. Die ursprüngliche Bestimmung von Ungarisch-Hradisch als Quarantänestation hat es mit sich gebracht, daß die Aerzte auch die administrativen Agenden der ihnen zugewiesenen Unterkünfte zu leiten haben und daß sie auch jeweils Verwalter ihrer Kolonien sind, eine Uebung, die •prinzipiell, schon wegen der besseren Einsicht in die psychischen und physischen Bedürfnisse der Pfleglinge gegenüber den anderwärts fungierenden Barackenverwaltern ein erfreulicher Fortschritt ist. In mehrstündigen Besuchen lerne ich alle Unterkünfte der Flüchtlinge kennen, die sich teils in der Stadt Ungarisch-Hradisch selbst, die mehr als eine halbe Wagenstunde von der Station des Nordbahnhofes entfernt ist, teils in dem Orte Altstadt, einer Art Vorstadt von Ungarisch-Hradisch, in einzelnen Objekten in der Nähe der Stadt und in Maratic befinden, wo über tausend Flüchtlinge in dem dortigen Ziegelwerk untergebracht sind. Die schwer empfundene Enge der zu Verfügung stehenden Räume und die Notwendigkeit, den fortwährend wachsenden Massen halbwegs erträgliche, provisorische Lagerstätten zu verschaffen, die auch in hygienischer Beziehung entsprechen, bilden eine Hauptsorge der verantwortlichen Organe. Wenn auch der Aufenthalt der Flüchtlinge in Ungarisch-Hradisch nur einige Tage dauern soll, so kann doch der Zwang, mit vielen hunderten Personen in einem ungenügenden Raum zu sein, von den ohnehin deprimierten Leuten als peinigend empfunden werden. Vielerlei Abhilfen sind in dieser Hinsicht schon in Erwägung gezogen worden und werden hoffentlich in nächster Zeit verwirklicht werden. Die Verpflegung in den Kolonien wird mir als durchaus zureichend bezeichnet. Um sie machen sich außer dem Bezirkshauptmann auch Herr Siegmund Friedmann, der sich der Flüchtlinge mit Hingebung annimmt, und der Revident der Nordbahn Rudolf Buchner, der den Bahnhofdienst leitet, sehr verdient. Es werden durchschnittlich für die erwachsene Person täglich etwa 1 Krone 10 Heller aufgewendet. Die Leute bekommen morgens schwarzen Kaffee — an Milch mangelt es leider — zu Mittag 10 Deka Graupen oder eine entsprechende Portion Polenta, einen Kilo Kartoffeln, gelegentlich Bohnen, und abends wieder ein Kartoffelgericht oder Hülsenfrüchte, das meiste mit dänischer Butter zubereitet. In den Magazinen sah ich aber auch große Quantitäten holländischen Käses und Marmelade, die an die Flüchtlinge zur Verteilung kommen. Das Jeschiwahdiplom. Der „Israelit" schreibt: Wir brachten vor kurzem die interessante Mitteilung aus Amerika, daß der Talmud-Hochschule „Rabbi Jizchok Elchanan" in New-York von der Regierung das Recht zuerkannt wurde, ihren Zöglingen nach bestandener Prüfung ein Diplom auszustellen, das ihnen den akademischen Doktorgrad verleiht. In dieser gut amerikanischen Neuerung sieht der Warschauer „Moment" den Anbruch einer neuen Aera für die Jeschiwah, die Rettung des bedrohten Thorastudiums, was er ungefähr folgendermaßen begründet. Seit Jahr und Tag ist man nicht allein in altfrommen Kreisen, sondern überall, wo man noch die Thora als ein Heiligtum beachtet, um das Schicksal des Talmudstudiums und der Jeschiwah besorgt. Die Lehrhäuser und Talmudschulen leeren sich von Jahr zu Jahr mehr und sind verödet, so daß zu befürchten steht, daß in manchen Städten und Gegenden das Thoralernen ganz in Vergessenheit geraten könnte. Was ist nun zu tun, um der jüdischen Jugend die Liebe zur Thora wiederzugeben, und die Anziehungskraft, die in früheren Generationen das Talmudbuch auf Alt und Jung ausgeübt hat, wieder herzustellen? Man hat in letzterer Zeit verschiedene Mittel und Wege versucht, man suchte die materielle Lage der Bachurim zu verbessern, das Lehrprogramm nach moderner Richtung auszubauen und auszugestalten, ein gewisses Maß von profanem Wissen dem Thorastudium beizugeben. All diese Mittel haben doch nicht ausgereicht, der Thora ihren alten Glanz und ihre frühere Bedeutung zurückzugeben. In Warschau hatte sich beispielsweise kurz vor Kriegsausbruch ein Verein gegründet, der Prämien auf gründliches, fleißiges Thoralernen setzte. Für ein gewisses Pensum von Gemorofolien gab es Geld oder Gold- und Silber-Geschenke, für größere Leistungen sogar eine gesicherte Versorgung. Es ist nicht zu leugnen, daß durch diese Art der Aufmunterung viel Eifer und Liebe zum Lernen geschaffen wurden. Allein, diese Weckarbeit konnte sich nur auf das Kindesalter beschränken. Waren einmal die jungen Leute der Schule entwachsen und von der Sorge um ihre Zukunft beschlichen, so reichten all diese kleinen Mittel nicht mehr aus, um sie an das heilige Buch zu fesseln. Der Thorajünger kam eines Tages darauf, daß er nicht nur der materiellen Unterlage für das spätere Leben entbehrt, sondern auch sozial und gesellschaftlich hintangestellt sei, daß man sich seiner schäme und ihn als weitabgewandten „Batlan" in keiner Weise ernst nehme. Und mittlerweise mußte er es erleben, daß sein Altersgenosse, der den Weg vom Cheder nicht zur Jeschiwah, sondern zum Gymnasium genommen hatte, in einer Lernzeit von 6 bis 8 Jahren für die Hochschule vorbereitet wurde, die er nach kurzer Zeit mit einem Diplom verlassen konnte, das ihm eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft und im Leben sichert. Er, der Bachur, der 15 bis 20 Jahre anhaltend 18 Stunden täglich, ohne Unterbrechung, ohne Ferien-Erholung, ohne jede Ablenkung, gelernt hat, er ist und bleibt ein Jeschiwabbachur, über den man sogar im eigenen und altfrommen Kreise etwas verächtlich hinwegschaut. Die Zeiten, in denen es reiche Familien sich zur höchsten Ehre machten, den besten Thorajünger als Schwiegersohn ins Haus zu führen, gehören längst der Vergangenheit an. Nun ist es Amerika, dem Lande der Erfindungen, vorbehalten geblieben, auch hier das richtige Mittel zu finden. Man stellt die Jeschiwah einfach der Hochschule gleich, man macht sie wie diese zur Vorstufe sozialer Vorzugsstellungen. Der Zögling geht mit dem Doktor- Diplom ab, das ihm, wie jedes andere akademische Diplom, eine Eintrittskarte für die Gesellschaft ist. Diese Maßnahme muß revolutionierend wirken und eine durchgreifende Umwertung aller Begriffe und aller bisherigen Beziehungen zur Jeschiwah und zum Thorastudium mit sich bringen. Wie wäre es, wenn man in Rußland, in der historischen Heimat der Jeschiwah, im Lande der „Externen", da Tausende jährlich am verzweifelten Versuche, Einlaß in die Hochschule zu erlangen, zu Grunde gehen, wie wäre es, wenn man hier für die Jeschiwah dieses akademische Recht erringen könnte!---- Was der „Moment" hier für Rußland wünscht, aber selbst kaum zu hoffen wagt, läge vielleicht im okkupierten Polen eher im Bereiche der Möglichkeit. Allein, wir möchten den düsteren Pessimismus des Artikelschreibers nicht teilen. Die Thora wird sich, wie bisher, auch ohne akademischer Grade und Ehrentitel durchsetzen und wird nach wie vor ihren festen Hintergrund im jüdischen Idealismus finden, der unseren geistigen Besitzstand durch die Katastrophen aller Zeiten heil und unbeschadet getragen hat. Badereisen nach Palästina. Die Bundesbrüderschaft mit der Türkei rückt uns auch die reichen Naturschätze dieses Landes näher; die Pflege der türkischen Sprache hat bei uns einen außerordentlichen Aufschwung genommen, und wenn erst die wirtschaftlichen Beziehungen eng genug geknüpft sind, dann wird man vielleicht auch daran denken, zu dem gastfreundlichen Türkenvolke Budereisen zu unternehmen. Daß sich in der Türkei Heilquellen allerersten Ranges vorfinden, darauf macht Dr. A. Friedmann in einem Aufsatz der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" aufmerksam, in dem er die berühmten Thermalbäder Palästinas aui Grund seiner eigehenden chemischen und physihaliscken Untersuchungen dieser Quellen behandelt. Die Heilquellen Palästinas, die sich seit uralter Zeit eines hohen Rufes erfreuen, liegen größtenteils in dem vulkanischen Jordan-Gebiet, und das Interesse an ihnen wird noch durch ihre ungewöhnliche Lage — etwa 200 Metter unier dem Meeresspiegel — und durch die Höhe der Temperatur gesteigert. Plinius weiß bereits von dem Salzgehalt der Quellen von Tiberias zu erzählen, und die arabischen Schriftsteller staunen über diese Naturwunder, die im Winter so heiß bleiben wie im Sommer. So berichtet der Araber Edrisis, die Quellen von Tiberias seien so heiß, daß man Eier darin kochen könne, und bietet damit die erste genauere Temperaturangabe. Auch im späteren Mittelalter dringen immer wieder staunende Berichte über diese Thermen ins Abendland; genauer beschäftigt sich mit den Quellen von Tiberias der Arzt Ludwig August Frankl, der diese Bäder mit denen von Krapina in Kroatien vergleicht und von dem Erfolg überrascht ist, den Gichtkranke und Rheumatiker beim Gebrauch dieser Wasser haben. Spärlicher sind die Nachrichten über die Bäder von Gadara und El Hammi, die neben jenen von Tiberias die wichtigsten Heilquellen in Palästina sind. Das Lob dieser Quellen war in der Antike noch größer als das von Tiberias, und ihre wundervolle Lage wird noch heute jedem Besucher dieser wildromantischen Gegend unvergeßlich. „Selbst die Verwüstung und Verlassenheit, die sich hier im Jarmuktal ganz besonders breit machen, haben diesen herrlichen Flecken Erde seiner Schönheit nicht berauben können. Die trauernden Ueberreste eines groß angelegten Theaters, sowie einige geknickten Säulen zerstörter Hallen lassen erkennen, daß Gadara zu den ersten Badeplätzen zählte." Eine einwandfreie wissenschaftliche Untersuchung dieser berühmten Thermen, die für die wirtschaftliche Erschließung des Landes von hoher Bedeutung sein könnten, war vor den Arbeiten Friedmanns noch nicht durchgeführt. Zu den Quellen von Tiberias, die am westlichen Ufer des Tiberias-Sees, eine halbe Stunde von der berühmten, zu Ehren des Tiberius gegründeten Stadt liegen, strömen noch heute von allen Teilen Palästinas Badegäste zusammen, um hier ihre Gesundheit wiederzuerlangen. Man hat die Quellen des öfteren mit denen von Wiesbaden und Aachen verglichen; sie waren vorzugsweise gegen schmerzhafte Geschwülste, Rheumatismus und Gicht gebraucht. Ueber die Temperatur und die Zusammensetzung des Wassers sind früher nur ungenaue Angaben gemacht worden. Es ergab sich, daß die Temperatur des noch heute im Gebrauch stehenden „Alten Bades" 58.7 Grad C, die des „Neuen Bades" 61.5 Grad C. und einer unbenutzten offenen Quelle 61.9 Grad C beträgt. In seiner Zusammensetzung entspricht das Thermalwasser einer Lösung, die im Liter 32.298 Gramm Salz enthält, unter welchem Chlor und Natrium neben Sulfat und Hydrocarbonationen vorherrschen. Besonders bedeutsam ist der hohe Salzgehalt und die Radioaktivität der Quellen. Die Thermen von El Hammi, die den zur Zeit der Römer viel besuchten Quellen von Gadara entsprechen, entspringen am rechten Ufer des Jarmukflusse und sind von Haifa aus in y\n Stunden mit der Eisenbahn zu erreichen. Besonders die Eingeborenen kommen aus allen Teilen des Landes zur Kur nach El Hammi, und vor allem sucht die des Kindersegens entbehrende arabische Frau hier Hilfe. Die Temperatur des Wassers ist in den verschiedenen Quellen verschieden, 48.75—25 Grad C. Auch hier ist der Salzgehalt ein sehr hoher. Jedenfalls rechtfertigen diesen türkischen Bäder ihren hohen Ruf, den sie seit uralter Zeit besitzen, vollauf bei den wissenschaftlichen Analysen, die vom Standpunkt des Chemikers und Balneologen angestellt wurden. Ein neunler Ab in Rußland. Das jüdische Kriegshilfskomitee in Petrograd erhielt ein Schreiben folgenden Inhalts: „Sehr geehrte Herren! Aus einem fernentlegenen Dorfe im kalten Sibirien wende ich mich an Sie mit der Bitte, die aus der Tiefe eines schwergeprüften, leidensreichen Herzens kommt, um Hilfe. Teure Brüder helft mir, ich bin als ein unschuldiges Opfer gefallen und ich weiß nicht warum.