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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-21 · 26 (21.7.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
26 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite, 4 jüdische K4>me9pon4esuK Nr 26. Im vorigen Jahr, 1915. am 9. Ab, das heißt, an dem Taxe, an dem die Juden jährlich die Zerstörung Jerusalems beweinen, saß ich, Meir Orinscheen, ein 76jähriger Greis, ein frommer Jude, Bürger der Stadt Kupina (Kreis Kamenetz Podolsk), der ich seit 38 Jahren ununterbrochen im Dorfe Negin desselben Kreises wohne, des Morgens auf der Erde und las Kinothgebete. Mit Tränen in den Augen beweinte ich die Zerstörung unseres alten heiligen Tempels. Plötzlich erscheinen an der Schwelle meines Häuschens zwei Bauern, die im Käuzen Horte als Holigane bekannt sind, stellten sich neben mich und fragten: „Was machst Du denn eigentlich, Meir'r" Du betest zu Oott mit Tränen, das die Deutschen unser Dorf erobern mögen." Ich wollte mich mit den Bauern in kein Qespräch einlassen, unterbrach mein üebet nicht und schüttelte mit dem Kopie beim Gebete, wie üblich. Diese Holigane betrachteten mein Kopfschütteln als ein Zeichen der Bejahung ihrer Frage und erzählten bievon den Polizeilcuten, die gerade auf der Straße waren. Die Polizisten, die ins Zimmer kainen, und mich auf dem Boden sitzend und ein Buch lesend fanden, verhafteten mich sofort, ohne daß sie mich das üebet zu Ende sagen ließen, und transportierten mich in Begleitung von Polizisten nach Kamenetz Podolsk zum üendarmeriechef. Als dieser die Mitteilungen der Denunzianten und meine Aussage hörte, lachte er laut und lange uut, erklärte aber, daß er, da ich zu ihm transportiert wurde, verpflichtet sei, die Sache au die höhere Instanz weiterzugeben, versicherte mir aber, daß daraus nichts werden würde. Inzwischen aber wurde ich verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Nach emer einmonatlichen üefängnishaft wurde ich befreit, bin aber nach ein paar Tagen wiederum verhaftet worden. Ich bin dann nach Irkutsk (Sibirien) auf dem Etappenwege verschickt worden und auf Befehl des Gouverneurs von Irkutsk bin ich verurteilt worden, im Dorfe Snameuka in Sibirien Wohnung zu nehmen. Genau wiederzugeben, welche Oualen ich ausgestanden habe, was ich alles erlitten im Laufe der monatlichen üefängnishaft und während des zweimonatlichen Gefangenentransports von einem Gefängnis ins andere, was ich alles ertragen habe von den Gefängnisaufsehern und von den Zwangssträflingen — dazu bin ich ganz außerstande. Ich werde nur ganz kurz sagen, daß nicht einmal mein Leben nur an einem Haar hing. Zuhause habe Ich außer mir und meiner Frau, einer 73iütirigen Greisin, noch vier Familien ernährt. Die Sache ist nämlich die, daß meine beiden Söhne und meine Schwiegersöhne einberufen sind und ihre Familien in meine Wohnung übersiedelten. Jetzt sind diese Unglücklichen ohne jede Existenzmöglichkeit zurückgeblieben, da die Mühle, die ich lange Jahre von den Bauern gepachtet hatte, wie man mir schreibt, zerstört wurde. Auch habe ich gar keine Mittel, sogar den armseligen Betrag von 3.60 Rubel der einem jeden administrativ Verschickten gesetzlich zukommt, bekomme ich nicht. Ich leide buchstäblich Hunger und ernähre mich nur mit schwarzem Brot und schlafe im Korridor des jüdischen Bethauses. Täglich vergieße ich Tränen und frage nur warum, was habe ich getan, warum bin ich so hait gestraft worden? Ist denn das Beweinen der Zerstörung des Tempels ein solches Verbrechen, für das man nach Sibirien verschicken darf? Teure Brüder! Ich weiß nicht, was in den Papieren über mich geschrieben steht, da dies ein Geheimnis ist, umsomehr als ja gar keine Anklage gegen mich erhoben worden ist. Aber der Sachverhalt ist so, daß ich verhaftet worden bin, nur deshalb, weil ich am 9. Ab als Zeichen der Trauer auf dem Boden saß und die Zerstörung des Tempels beweinte — das schwöre ich im Namen Gottes, im Namen dessen, was uns heilig ist, im Namen meiner Kinder, die ihr Blut für das Vaterland vergießen. Ich wende mich an Euch, teure Brüder, mit der ergebenen Bitte: Sie nehmen eine angesehene Stellung ein, unter Ihnen gibt es genügend Juristen und gebildete Leute. Bemühen Sie sich für meine Befreiung aus der Verbannung, bemühen Sie sich an zuständiger Stelle nachzuweisen, daß ich Tränen vergossen habe nicht deswegen, daß die Deutschen unser Dorf einnehmen, sondern daß Gott der Herr sein Volk »ach Jerusalem zurückführen möge. Bemühen Sie sich, daß mir die Möglichkeit gegeben wird, den Rest meiner Tage zusammen mit meinen Kindern zu verbringen, daß nach meinem Tode meine Kinder mich beweinen können und daß meine Gebeine in meiner heimatlichen Erde ruhen werden und nicht in einem sibirischen Dorf. Für ihre Dienste werde ich Ihnen ewig dankbar sein und werde den Rest meiner Tage für Euch beten. Die Woche. Jüdische Beiräte der Landeszentrale für den Wiederaufbau Galiziens. Der Statthalter von Oalizien hat dieser Tage den Beirat der Landeszentrale für den Wiederaufbau Galiziens ernannt. Unter den Mitgliedern desselben befinden sich auch Abg. Dr. H. Kolischer sowie Herr Bernard Wachtel, Chef der Speditionsfirma Mendelssohn in Krakau, welche der Sektion für den Wiederaufbau von Handel und Gewerbe zugeteilt wurden. Der Beirat wird in den nächsten Tagen seine Arbeiten aufnehmen. Die Wabkai in Warschau. Aus Warschau schreibt man uns: Die Gemeinderats wählen aus der VI. Kurie, welche im allgemeinen einen sehr stürmischen Verlauf hatten, brachten einen Sieg des jüdischen Volkskomitees, indem die Kandidatenliste desselben 8611 Stimmen auf sich vereinigte und demgemäß 4 Mandate erhielt. Die Gewählten sind: Der Führer des Komitees, Gehilfsadvokat und Schriftsteller N. Prilutzky, Jng. Effron, Schriftsteller Hirschhorn und Skulptor Eisenberg. Das Vereinigte jüdische Wahlkomitee wollte ursprünglich in dieser Kurie keine eigene Kanditaten aufstellen. Um der Agitation des Volkskomitees entgegenzutreten, entschloß es sich im letzten Moment, eine eigene Liste auszustellen. Dieselbe erhielt jedoch bloß etwa 2000 Stimmen und erlangte kein einziges Mandat. Iiisgesatnt werden die Juden im Gemeinderat über 20 Mandate verfügen, da auch die Bundisten in der VI. Kurie ein Mandat errungen haben. Im Gegensatz zu den Wahlen in den ersten Kurien, die im Wege eines Kompromisses ohne jeden Kampf durchgeführt wurden, entbrannte bei der VI. Kurie ein heftiger Kampf, der in vielfacher Beziehung einen rein persönlichen Charakter angenommen hatte. Prilutzky, der Führer des Komitees, wurde seitens der Gegner damit bekämpft, daß er dasselbe nur dazu ins Leben gerufen habe, um ein Mandat zu erlangen, da seine Kandidatur in den anderen Kurien nicht akzeptiert wurde. Das Volkskomitee seinerseits beschuldigte das Vereinigte jüdische Komitee eines Verrates der jüdischen Interessen. Von beiden Seiten wurde sehr heftig mit den kräftigsten Schlagworten operiert, Beschuldigungen und Verdächtigungen schlimmster Art wurden gegenseitig geschleudert und besonders häßlich war die Form der Polemik zwischen den jüdischen iBlättern„Hajnt" und „Moment", die mehr den alten Konkurrenzkampf als einen Streit um Prinzipien geführt haben. Daß sich auch die Jüdisch-Nationalen und offiziellen Zionisten den Vorwurf gefallen lassen mußten, sie hätten mit dem Kompromiß in der ersten Kurien die jüdischen Interessen verraten, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Mit denselben Argumenten haben gerade diese Kreise den Wahlkampf begonnen, und zwar gegen die extremen Assimilanten, die von keiner speziellen jüdischen Wahlaktion hören wollten. Jetzt mußten sie denselben Vorwurf gegen sich selbst hören. Das Volkskomitee hat somit alle anderen jüdischen Gruppen im Radikalismus übertrumpft ... Es ist nicht ausgeschlossen, daß die jetzigen Wahlkämpfe auch die künftige Gestaltung der jüdisch-politischen Parteiverhältnisse in Warschau stark beeinflussen werden. Rektor Dr. A. Schwarz. In vollster physischer und geistiger Frische feierte am 16. d. M. der Rektor des Wiener Rabbinerseminars, Prof. Dr. A. Schwarz seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ist einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten auf dem Gebiete der Talmudforschung der Gegenwart. Seine kritisch-wissenschaftlichen Abhandlungen über den Talmud und die Tosefta besitzen einen autorativen Wert. Als Rektor des Rabbinerseminars seit dessen Gründung hat der Jubilar sehr vieles zur Hebung des Ansehens dieser einzigen rabbinischen Hochschule in Oesterreich beigetragen. Infolge der gegenwärtigen ernsten Zeit wurde von der Abhaltung einer Jubileumsfeier Abstand genommen. Der Jubilar erhielt nichtsdestoweniger von nah und fern zahlreiche Gratulationen, denen wir hiemit auch unsere Glückwünsche anschließen. „Judenbagage voran!" (Eine Episode aus den Kämpfen vor Luck.) Der Stockholmer Berichterstatter der „Vossischen Zeitung" schreibt: „Ich erhalte auf indirektem Wege und, wie ich gleich betonen will, aus judenfreundlichen, nicht jüdischen Kreisen aus Petersburg folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung: Am vorigen Sonntag ist aus Kiew an General Brussilow ein Telegramm abgegangen, das angeblich von der dortigen jüdischen Gemeinde herrühren soll und in einer Tonart gehalten ist, die man sonst nur von den schwärzesten Pogromleuten zu hören gewohnt ist und den russischen Heerrführer zu seiner Offensive gegen die Feinde der Kultur beglückwünscht. In den weitesten jüdischen Kreisen Kiews zerbricht man sich den Kopf, wer wohl die paar jüdischen Rechtsanwälte und Großkaufleute, die dieses Telegramm unterzeichnet haben, be- I vollmächtigt haben mag, im Namen der Kiewer jüdischen Gemeinde zu sprechen, gerade aus Kiew, wo noch heutigentags Gouvernement und Polizei jede Nacht Razzien auf Juden veranstalten, wo die Gefängnisse gegenwärtig etwa 500 Juden beherbergen. Ist den Unterzeichnern des Kiewer Telegramms an General Brussilow so ganz und gar die Tatsache unbekannt geblieben, daß General Haledin, die. rechte Hand und der Intimus gerade General Brussilows, vor dem Sturm auf Luck den in seinem Quartier versammelten drei kommandierenden Generälen und mehreren Divisionären den klassischen Befehl erteilt hat: .Judenbagage wird voran ins Feuer gejagt!" Untgr dieser Judenbagage verstand die Exzellenz allerdings nicht die Kiewer praxisreichen Rechtsanwälte und die kriegsgewinnübersättigten Kiewer Armeelieferanten, sondern schon im Frieden halbverhungerte, von Pogromen ausgemergelte jüdische Soldaten."_ Clvronilc. Staatssekretär Helfferlch in einer Jüdischen Ctwderschule. Bei seinem letzten Aufenthalt in Warschan besuchte Herr Staatssekretär Dr. Helfferich unter Führung des Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas auch die orthodoxe Chederschule „Jessaude-Hathora". Er besuchte alle Abteilungen, wohnte auch dem Talmudunterricht bei und interessierte sich für die eigenartigen Lehrmethoden. Der hohe Gast äußerte seine Zufriedenheit über die Ordnung und den Lehrerfolg dieser musterhaften Anstalt. Sabbath-Ruhe. In Wilna erläßt der Stadthauptmann Pohl eine Bekanntmachung, der wir folgende Bestimmungen entnehmen: „I. Sämtliche Geschäfte und offenen Verkaufsstellen müssen offen gehalten werden: an allen Werk-, Sonn- und Feiertagen von 7 Uhr morgens bis 8 abends. II. Fs dürfen geschlossen gehalten werden: Christliche Geschäfte an Sonn- und Feiertagen, mit Ausnahme der Lebensmittelgeschäfte, die von 7—9 Uhr vormittags offen zu halten sind; Jüdische Geschäfte, a) am Schabbes und anderen jüdischen Festtagen, mit Ausnahme der Lebensmittelgeschäfte, die von 7—9 Uhr vormittags offen zu halten sind, b) Freitags, sowie an allen Tagen vor jüdischen Festtagen mit Eintritt der Dunkelheit." Konferenz der orthodoxen Rabbiner. Mitte Mai fand in New-York die 13. Jahreskonferenz des „Verbandes der orthodoxen Rabbiner" statt. Im Mittelpunkt der Debatte stand der Vortrag des Rabbiner Schaffer aus-Baltimore über die jüdisch-orthodoxe Erziehung. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Der Rabbiner-Verband sieht das Ziel der jüdischen Erziehung darin, daß die jüdischen Kinder zu richtigen Juden, die die Wege der Tora gehen, erzogen werden. Die einzigen Mittel dazu sind die Bibel, die Gemara und der Schulchan-Aruch." Eine zweite Resolution über die national-radikalen Schulen lautet: „Der Rabbiner-Verband protestiert entschieden gegen die radikalen Schulen und warnt alle gesetzestreuen Juden, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. Sie sind kein geringeres Gift für das Judentum als die Missionsschulen und wer sie unterstützt, gleicht einem Juden, der den Götzendienst unterstützt." Amerikanische Hilfsaktion für Juden in Russisch-Polen. Aus New-York ist dieser Tage in Berlin Herr Lionel G. Marcus, Direktor der United States Bank, im Auftrage der „Hebrew Sheltring Aid and Immigration Society of America" eingetroffen, um die von dieser Wohltätigkeitsgesellschaft angeregte Unterstützung an notleidende Familien in Russisch-Polen zur Verteilung zu bringen. Etwa 5ÜÜ0 Verwandte, in Amerika ansässig, haben bei der United States Bank im Laufe von sechs Monaten Schecks im Betrage von nahezu 600.000 Mark in Einzelbeträgen von 1Ü0 bis zu 2000 Mark, zahlbar bei einer Berliner Bank, mit dem Zwecke gekauft, dies Geld ihren notleidenden Familien zuzusenden. Sämtliche Postsendungen sind jedoch in England zurückgehalten worden. Um nun die Notleidenden nicht länger warten und darben zu lassen, unternahm Herr Marcus die Reise und brachte den Betrag der von den Engländern zurückgehaltenen Anweisungen mit, und mit der Unterstützung des Hilfsvereins der Deutschen Juden sind Duplikatschecks ausgefertigt und von Berlin aus an die Familien in Polen abgeschickt worden. Ein Ziofllsten-Prozeß. In Kiew, im gleichen Gerichtssaal, in dem vor drei Jahren sich der Beilis-Prozeß abgespielt hat, fand im Juni d. J. der Prozeß gegen den Zionisten Hillel Slatopolsky statt. Der Angeklagte wurde der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft beschuldigt, die das Ziel der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina hat. Als Beweis dafür diente ein Schekelblock, der bei einer Untersuchung im Hause des Angeklagten gefunden wurde. Auf die Frage, ob er wirklich dem Zionismus angehöre, antwortete der Angeklagte: „Meinem Glauben und meinen Ueberzeugungen nach bin iah Zionist. Für die Wiederbelebung meines Volkes war ich auf kulturellem Gebiet tätig und habe bei der Herausgabe hebräischer Bücher, die alle vom Zensor gestattet wurden, mitgewirkt." Als Sachverständiger, der den Richtern die geheimnisvollen Ausdrücke wie „Schekel", „Kinnor Zion" usw. aufklären mußte, wurde der Rabbiner AJeschowsky berufen. Der Verteidiger war Rechtsanwalt Leschtsch. Nach langen Gerichtsverhandlungen wurde Slatopolsky schuldig erklärt und zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas KttflpaL — Buchdruckerei JAelantrtch", Wie» IX» Pramereasse & (Verantwortlich & QrüafcnÜ

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