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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-21 · 26 (21.7.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
26 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr. 26. tragen haben und darauf stolz seien. Sie erwarten die Lösung der Judenfrage von der russischen Demokratie^?) Roditschew erinnert daran, daß auch die Schweiz wegen der Judenfrage in Rußland ein Anleihen verweigert habe. Kerensky (Sozialist) spricht für die Gleichberechtigung aller Völker im Reiche. Von Seiten der Regierung ergriff niemand das Wort. Die Debatte endete ohne Beschlußfassung. Sensationelle Palästina- Phantasien. Seit einiger Zeit kursieren in der Tagespresse verschiedene phantastische (ierüchte über das künftige Schicksal von Palästina im Zusammenhange mit dem Kriege. Vor einiger Zeit veröffentlichte die „Times" den angeblichen Inhalt einer Rede, die der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Herr Henry Morgenthau, am 22. Mai in Cincinnati gehalten haben sollte. Herr Morgenthau berichtete angeblich seinen Zuhörern, daß er der türkischen Regierung den Rat erteilt habe, Palästina nach dem Kriege an die Zionisten zu verkaufen. Die türkischen Minister, sagte Morgenthau, haben diesem Projekte eifrig beigestimmt. Sie behandelten mit ihm den Gegenstand und erwogen, ob Palästina in eine Republik umgewandelt werden soll. „Ich sagte ihnen," fuhr Morgenthau fort, „daß, wenn in Jaffa Hafen erbaut würden, jährlich wohl '/•> Million Besucher von Jerusalem angezogen werden würden, von denen jeder wohl 20 Pfund 500 Pranken dem Lande einbrächte. Warum sollen Sie warten, bis Sie das Geld aufgebracht haben?" Worauf die Erwiderung kam, „wir wollen Euch schon jetzt die Konzessionen bewilligen, fangt an und baut Eure Häfen und Hotels". Herr Morgenthau fügte hinzu, daß die Türken ernstlich erwägen, den Großrabbiner der Türkei, Nahoum, als Botschafter nach Amerika zu schicken. Die englischen Zeitungen „Daily Chronicle" und „Nottingham Guardian" begrüßen dieses Projekt, auch der Papst soll sich geäußert haben, daß eine weitsichtigere Auffassung der religiösen Freiheit nicht besser ins Auge gefaßt werden kann, als durch die Errichtung eines jüdischen Staates. Dieser Tage brachte wiederum die „Gazette de Lausanne" einen Pariser Eigenbericht betreffs der Befürchtungen des Vierverbandes gegenüber der deutlichen Absicht Amerikas, mit der Türkei wegen Palästinas einen endgültigen Vertrag behufs Errichtung einer jüdi- Dle JUdlsche Ftlrsien In Ofen. (Schluß.) Auch der Nachfolger König Mathias', König Wlaüislaw 11., wurde von den Juden Ofens mit der Thora empfangen. Und König Wladislaw 11. bestätigte gleichfalls den alten Freibrief. Aber schon unter der Regierung König Mathias' trat in der Verwaltung der Judensehaft eine bedeutsame Aenderung ein. Der Vorsteher der Judengemeindc in Ofen bekam eine wichtige politische Rolle, sein Wirkungskreis erweiterte sich weit über die Grenzen seiner eigenen Gemeinde hinaus, über die Judenschaft des ganzen Landes. In den gleichzeitigen Urkunden wird der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Ofen Princeps Judaeorum Budae Commorantiurn (Princeps der in Buda weilenden Juden) und Supremus Judaeorum Budensiuni genannt. Das war also der erste jüdische Fürst in Ofen. Das Haupt der üfner jüdischen Gemeinde wird also gleichzeitig /um Haupte der gesamten Judenschaft Ungarns, und diese Würde übertrug König Mathias auf das Haupt der Familie Mendel, und zwar aus besonderer königlichen Gnade auch auf die Nachkommen, so daß das indische Prinzipat in der Familie Mendel erblich war. Die Familie Mendel war allerdings sehr angesehen, reich und mächtig, sie waren die Bankiers, die Vertrauten des Königs. Sie liehen Geld den Städten, den Großen des Reiches, sogar dem König selbst, ganz besonders aber König Wladislaw IL, der ihren Kredit auch reichlich in Anspruch nahm. Wenn es galt, bei königlichen Festen zu erscheinen, dann entfaltete die Familie Mendel ihre volle Fracht. In dem Werke „Jüdische Merkwürdigkeiten" von Schudt steht geschrieben, daß anläßlich der Krönung König Wladislaw's II. in Szekestehervär der jüdische Präiekt mit vierundzwanzig edlen arabischen Pferden und mit solch glänzendem Gefolge erschienen sei, wie es ein menschliches Auge noch nie gesehen habe. Auch Dr. Kuhn hat nachgewiesen, daß diese Mitteilung Schudt's auf Wahrheit beruht und sich tatsächlich auf die Krönung Wladislaw's II. bezieht. Dreiundsechzig Jahre hindurch hielt sich dieses jüdische Principal. Wir kennen vier jüdische Präfekten: den alten Mendel, und seine Nachkommen: Jakob, Israel und Isaak. Alle vier hießen mit Namen Mendel. Mit dem Principat war auch eine große Macht verbunden. Der Princeps schrieb die ordentlichen und außerordentlichen Steuern aus, er war der Wortführer der Juden vor dem König, wenn es galt, für erlittenes Unrecht Sühne zu fordern oder Zwistigkeiten zwischen städtischen Körperschaften und Juden zu schlichten. sehen Republik abzuschließen. In Washington wünsche man eine Wiederholung dieses Experimentes. Die Republik Liberia würde Palästina unter ihr Protektorat nehmen. Die Türkei habe weitestgehende Konzessionen zugesagt. Bezeichnend sei ferner die Ernennung des türkischen Großrabbiners Haim Nahum zum Gesandten in Washington. Nun hätten aber — nach dem Pariser Berichte — die Ententemächte bereits das Schicksal der türkischen Territorien geregelt, besonders Palästina bildete das Objekt eingehendster Verhandlungen. Falls der Vierverband beim Ende des Krieges sich Rechten gegenüber sähe, die inzwischen von Amerika erworben wurden, wäre das ganze Problem geändert, kompliziert und verdunkelt. Ein türkischer Vertrag mit Washington müßte bei den Ententeländern größten Nachhall erregen. Es ist sicherlich überflüssig, besonders zu betonen, daß alle diese Meldungen nichts als sensationelle Phantasien sind. Wenn sich aber zionistische Blätter finden, die diese Gerüchte mit einer gewissen Genugtuung registrieren, indem sie damit auf die große Wichtigkeit verweisen, die die Palästinafrage gegenwärtig besitzt, so müßten sie andererseits bedenken, daß derartige Phantasmen viel eher dazu geeignet sind, die Sache ad absurdum zu führen. In der Flüchtling sstalion Ungarisch-Hradisch. Ein Spezialkorrespondent der „N. Fr. Pr." schreibt: Ihr Korrespondent hat die Flüchtlingskolonien in Ungarisch-Hradisch und Umgebung besichtigt. Die alte mährische Stadt an der March ist jetzt zum zweitenmal aus ihrem Frieden aufgestört und mit einer Aufgabe beteilt worden, die ihr teilweise auch schon in den Herbsttagen des Jahres 1914 zugefallen ist. Sie ist wieder Quarantänstation und diesmal auch Sammelstelle für die auf besonderen Zügen aus den evakuierten Orten unserer östlichen Provinzen heranrollenden Flüchtlinge. Anders als in den ersten Monaten des Jahres 1915 waren diesmal meine Eindrücke. Stark und wohltätig wirkte vor allem, daß die unglücklichen, durch den andrängenden Feind aus ihrer Heimat vertriebenen Familien, die allen sozialen Schichten angehören und unter denen in einer seltsamen Durchschüttelung der Millionär neben den Aermsten gebracht und der Kultivierte zum Genossen des Analphabeten wurde, die vom Schicksal des Flüchtlings nicht abzutrennenden schweren Heimsuchungen frischer Der Princeps wachte auch über die Privilegien der Juden und hatte auch die Sfrafgerechtsame über die ganze Judenschaft inne. Der Jude Mendel als Princeps genoß auch von der Gnade des Königs das Vorrecht, die für die Juden sonst vorgeschriebene Kaputze nicht tragen zu müssen. Und als der Sohn des Präfekten einst nach Venedig zog, um dort beim Dogen vorzusprechen, ersuchte der König den Dogen von Venedig, er möge gestatten, daß der Jade Mendel nicht in dem für die Juden sonst vorgeschriebenen Kleide vor ihm erscheinen dürfe. Ein gar mächtiger Jude Ofens war auch Akiba Koben aus dem 15. Jahrhundert. Sein Grab befindet sich in Prag und trägt gleichfalls die Ueberschrift: Princeps Judaeorum. Auch Stephan Zäpolya titulierte Akiba Konen Princeps. Später jedoch wurde er beim König verleumdet und mußte nach Prag flüchten, wo er sein Leben in gottgefälliger Wohltätigkeit schloß. Diese seine Frömmigkeit verschärfte ihm später einen anderen Titel: Res Golutha, d. h. Haupt der Verbannung, ein glänzender Titel, aber ein tieftrauriger. Der letzte mächtige Jude Ofens war Emerich Szerencses. Sein Leben verlief abenteuerlich genug. Fr hieß eigentlich Etzel Ben Efrajim alias Salomon. Er war verheiratet, unterhielt aber auch ein intimes Verhältniß mit einer Christenfrau. Zur Strafe ward er vor die Wahl gestellt: entweder Verstümmelung erleiden oder aber zur katholischen Religion übertreten. Etzel Ben Efrajim entschied sich für das letztere und übertrat zum Christentum. Die Taufe vollzog der Eßtergomer Fürstprimas Ladislaus Szalkay, der Taufpathe war der Palatinus Emerich Berenyi. Von diesem erhielt Etzel den Namen Emerich. Der Name Szerencses ist wohl die ungarische Uebersetzung des Namens „Selig". Szerencses hörte auch nach dem Uebertritt nicht auf, füi das Wohl der Juden zu wirken, wie dies auch ein zeitgenössischer Rabbiner aus Konstantinopel bezeugt. Er hatte dafür auch viel zu leiden und mußte oft schwere Opfer an Geld bringen, um den vielen Verfolgungen und Strafen zu entgehen. Einmal wurde auf Grund der Aussage eines Juden gegen die Ofner jüdische Gemeinde die Anklage wegen Ritualmordes erhoben. Szerencses wußte es durchzusetzen, daß der Verleumder an die jüdische Gemeinde in Ofen ausgeliefert wurde, die dann den Renegaten mit dem Tode bestrafte und das Urteil auch vollstrecken ließ. Auch die Prager Juden rettete Szerencses vor der Vertreibung. Die großen Verdienste des ehemaligen Juden Emerich Szerencses um die. Judenschaft finden sich übrigens in den Schriften des Konstantinopeler Rabbi- und mit helleren Erwartungen ertragen werden als in dem finstern Winter der Ungewißheit des Jahres 1915. Das Gefühl, daß die neue Leidenszeit Episode ist, vielleicht nur ein kurzes, allerdings schmerzendes Zwischenspiel, und das Vertrauen, das sich zu der erprobten vaterländischen Kraft kundgibt, ist überwiegend und läßt seelische Gedrückheit doch nie ganz in Verzweiflung sinken. Die hübsche reine Stadt Ungarisch-Hradisch kann dem Flüchtlinge keinen dauernden Aufenthalt bieten. Es ist für ihn nur ein Provisorium. Er bleibt hier gewöhnlich drei bis vier Tage, wenn sein Gesundheitszustand oder besondere Umstände seinen Abtransport nicht hindern. Ungarisch-Hradisch, das jetzt etwa 6000 Einwohner zählt, würde erdrückt werden von den nach Tausenden zählenden Kostgängern. Die räumliche Enge und der ganze Wirtschaftsapparat könnten eine solche Belastung nicht ertragen. Diese Enge macht sich schon bei der vorübe^letaendeh Unterbringung empfindlich fühlbar. Dabei ist wohl zu merken, daß die mit der Fürsorge betrauten Regierungsorgane sich Erfahrungen in der Flüchtlingsversorgung zunutze gemacht haben und einzelne schwere Uebelstände, die im ersten Kriegsjahre zur Zeit der Flucht von Zehntausenden in den mit überstürzter Hast errichteten Lagern allmählich beseitigt werden mußten, diesmal zum guten Teil verhindert werden konnten. Das gilt besonders von den sanitären Maßnahmen und von der Verpflegung. Bis zum 6. Juli sind etwa 37.000 Flüchtlinge durch Ungarisch-Hradisch durchgezogen. Ganze Züge bleiben ein oder zwei Tage auf einem Seitengeleise stehen, werden auf der Lokalstrecke zwischen Kunowitz und Ungarisch- Hradisch verschoben, um dann an ihre Bestimmungsstation weitergeleitet zu werden. Der Amtsleiter der Bezirkshauptmannschaft, Dr. Josef Janustik, dem Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen gegenüber den Flüchtlingen nachgerühmt wird, zeigt mir die Küchen auf dem Nordbahnhof und auf der Station der Staatseisenbahngesellschaft, aus denen die Flüchtlinge gespeist werden, die durchziehenden und auch jene, die zum mehrtätigen Aufenthalte in Ungarisch-Hradisch verbleiben müssen. Die Küchen sind in Holzbaracken nahe dem Geleise untergebracht und können täglich viele tausend Portionen hergeben. Die Leitung der Ausspeisung hat Frau Marie Kloß, die Gattin des Sekretärs des Landesausschusses in Brünn, die nimmermüde ist, unter Assistenz zweier Schülerinnen der bekannten Wiener Philanthropin Ilse v. lürs Elijehn Levi verzeichnet. Seine Glaubensgenossen hatten dem Renegaten verziehen, mit desto glühenderem Haß, aber wurde er von den ungarischen Ständen verfolgt. Man legte ihm alle Schuld bei an den zerrütteten Finanzen des Landes, und niemand Geringerer als der große Stephan Werböczy schleuderte den Banniluch gegen Szerencses. Und dieser Bannfluch hatte böse Folgen. Auf Drängen des Landtages vom Jahre 1525 l.eß König Ludwig II. Emerich Szerencses in das Gefängnis werfen. Schon nach kurzen zwei Wochen aber wurde er aus dem Kerker entlasseen und von Hofleuten in seine Wohnung geleitet. Szerencses ieierte seine Befreiung mit einem glänzenden Festmahle, bei dem der Wein in Strömen floß, allein die Sache sollte bald eine schlimme Wendung nehmen. Die anläßlich der Tagung des Landtages versammelten adeligen Herren, ganz besonders aber die Reisigen und Knappen derselben rotteten sich zusammen und zogen vor das Haus des Szerencses. Sie erbrachen das Tor, stürmten in die inneren Räume und richteten eine gräuliche Verwüstung an. Szerencses selbst konnte dem sicheren Tode nur so entgehen, daß er sich auf einem Seile aus einem Fenster seines Hauses herabließ und in die finstere Nacht hinaus floh. Der wildgewordene Volkshaufe zog hierauf auch vor das Haus des Gönners Szerencses', des Fürstprimas Szalkay, aber hier schritt die bewaffnete Macht ein und die Mordbrenner wurden zerstreut. Auch von den Häusern der Böheim und Fugger wurden die Aufrührer vertrieben. Dafür rächten sie sich an den den Juden und plünderten das Judenviertel gründlich aus, bis endlich Stephan Zäpolya mit seinen Reitern die Ruhe wiederherstellte. Vom Mause des Szerencses war aber kein Stein auf dem anderen geblieben. Aber der Stern des Szerencses leuchtete bald wieder auf. Im Türkenkriege des Jahres 1526 lieh er dem König Ludwig II. große Summen Geldes. Die Katastrophe von Mohäcs hat aber auch Szerencsiss nicht überlebt. Er starb noch im selben Jahre, voll Reue über sein Leben und hinterließ seinen Söhnen auf dem Sterbebette die Mahnung: „Hütet Euch vor Geldgier!" Die Nachkommen des Emerich Szerencses zogen von Ofen fort und nahmen den Familiennamen Sachs an. Das war das Ende des letzten mächtigen Juden Ofens; sein Leben glich durchaus nicht seinem Namen, es war nichts weniger als glücklich . . . Wie die Chronik erzählt, soll die Ermahnung des Emerich Szerencses, sich vor der Geldgier zu hüten, in der Familie Sachs bis auf den heutigen Tag vom Vater auf den Sohn übergehen.

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