Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 25 (13.7.1916)
- Date
- 1916-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Jüdische Korrespondenz Seite 3 4 Kurien Abstand genommen haben und sich bloß mit der Aufstellung von Kandidaten für die VI. Kurie begnügten, wo sich ein heftiger Wahlkampf vorbereitet. üewählt wurden bisher auf Qrund der Kompromißliste folgende jüdischen üemeinderste: a) Orthodoxe: L. Prywes, L. Dawidsohn, Joel Wegrneister. Als Stellvertreter: J. Rosenbaum, Elias Kirschbraun und Herz Hufnagel, b) Zionisten: Rabbiner Dr. Poznanski, Adv. S. Seidmann und H. Farbstein. Als Stellvertreter: M. Grodzenski und Dr. Portner. c) Neo-Assimilatoren: Dr. S. Ooldflamm, Dr. Muttermilch, Adv. L. Bärensohn. Als Stellvertreter: lug. S. Dekler, S. Seidenbeutel und Architekt Stifelmann. d) Unpartaiische: Rafael Szerzewski, Waclaw Kirschrot und Adolf Trusker. Als Stellvertreter: Ing. Emil Paretz, M. Raabe und Prof. Slutzky. e) Eiger-Oruppe: (Assimilatoren eigenen Schlages, die sich früher von jeder direkten Stellungnahme ferngehalten haben): Konsul B. Eiger. Ing. Adolf Weisblatt. Ing. E. Natansohn. Als Stellvertreter: Ing. Eber, Adv. S. Ettinger, Adv. St. üoldstein. In der VI. Kurie dürften etwa 5 Juden gewählt werden. Möglich auch, daß in der III. Kurie irgend ein Jude gewählt wird. Im allgemeinen haben die Juden gesicherte 20 Mandate. Sie hätten vielleicht im Falle eines Kampfes mehr erringen können, aber man ist in allen ernsten Kreisen mit dem Resultat zufrieden, da dadurch eine Verschärfung der polnisch-jüdischen Beziehungen verhütet wurde. Die Juden Warschaus werden nun im Qetneinderat durch Repräsentanten aller Richtungen vertreten sein, was sicherlich ebenfalls von Vorteil sein dürfte. Daß das jüdische Wahlkomitce eine Deklaration unterschrieben hat, in welcher der polnische Charakter der Stadt Warschau anerkannt wurde, hat zwar in gewissen zionistischen Kreisen verstimmt. Aber schließlich haben sich auch diese damit abgefunden. Pic Wahlkampagne war reich an höchst interessanten Momenten. Besonderes Interesse erweckte die Polemik der jüdischen Blätter gegeneinander, die nichts an „Saftigkeit" zu wünschen übrig ließ. Der „Hajnt", das Organ des stets als Polenfeind verschrieenen Jatzkan. sowie die hebräische „liazefirah", Organ des Zicaistenführers Sokolow. traten sehr energisch ,ür das Kompromiß mit den Polen ein, wogegen „Der Moment" und das „Warschauer Tagbiatt" gegen dasselbe sehr heftig ankämpften und die Fahne des „Jüdischen Volkskomitees" aufrollten. Die Wahlen in der VI. Kurie, wo sich verschiedene jüdischen Kandidaten gegenüberstehen, können noch verschiedene Ueberraschungen bringen. Charakteristisch war auch ein Aufruf des Rabbinats, in welchem' die jüdischen Wähler in sehr ernsten Worten aufgefordert wurden, das Kompromiß zu akzeptieren. Ohne die Bedeutung der jetzigen Ereignisse überschätzen zu wollen, kann konstatiert werden, daß die ersten Wahlen zum Warschauer Genieinderat den Juden in der Stadtvertretung eine günstige Position geschaffen haben und vielleicht ein besseres Verhältnis zu den Polen anbahnen werden. Warschai. Die Judenhelze in Rußland. Der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" veröffentlicht einen längeren und allem Anschein nach gut informierten Artikel über die Lage der Juden in Rußland, der ihm von jüdischer Seite zugestellt worden ist. Es wird darin ausgeführt, daß in allen jüdischen Kreisen Rußlands erwartet würde, daß für die Juden nach dem Kriege schwere Zeiten kommen würden. Schon jetzt seien vor dem Osterfest Pogrome verbereitet worden. Zum Zwecke der Pogrompropaganda würden wieder Ritualmord-Beschuldigungen in Petersburg erhoben und in der Provinz verbreitet. Den Juden werde Verrat, Wucher und Lebensmittelspekulation vorgeworfen. In Moskau seien, um einen Pogrom hervorzurufen, Tausende von Karten antisemitischer Tendenz verteilt worden: gleichzeitig habe die Polizei eine Razzia unter den Juden abgehalten, wobei 400 Juden gefangengesetzt und verbannt worden seien. Den Juden würden keine Pässe mehr erteilt, und selbst solche Juden, die Aufträge zur Beschaffung von Kriegsmaterial von der russischen Regierung erhalten haben, dürften das Land nicht verlassen. Ein Jude, der Holzlieferungen für die englische Admiralität auszuführen hatte, habe trotz des Eingreifens der englischen Botschaft in Petersburg keinen Paß erhalten können. Von allen Stellen im Heere würden die Juden ausgeschlossen, jüdische Aerzte würden von der Front weggenommen. Der Chef des Generalstabes General Alexejew, die Oberbefehlshaber der verschiedenen Armeen, an der Spitze der bekannte General Iwanow, und alle Korpskomandanten bis herunter zu den untersten Ofiizierssteilen hätten diesbezügliche Befehle j erhalten. Als der Führer des Städtebundes I Tsehelnokow auseinandergesetzt habe, daß das; jüdische Personal nicht entbehrt werden könne, j habe er die Antwort erhalten, uaß er die Befehle des Oberbefehlshabers des Heeres, nämj lieh des Zaren selbst, auszuführen habe. So I seien die Städte gezwungen worden, die jüdij sehen Beamten, einerlei ob sie ihre Aemter in i noch so gewissenhafter Weise erfüllten, zu entlassen. Ein Gleiches sei bezüglich der sanitären Abteilungen des Städtebundes verfügt worden, die nun ebenfalls Juden nicht mehr anstellen dürfen. Auf diese Weise sei ein vollkommener Ausschluß der Juden von jeder patriotischen Arbeit bewerkstelligt worden, und Hand in Hand damit gingen die bereits erwähnten Beschuldigungen gegen die Juden. In letzter Zeit mehren sich (so heißt es in dem Artikel), die Fälle von Desertion im russischen Heere in erschreckender Weise. Tausende von desertierten Soldaten sind in den Dörfern verborgen und vor allen Dingen scheint sich die Desertion bei polnischen Soldaten zu ereignen. Auch hiefür werden die Juden verantwortlich gemacht. Zwei diesbezügliche Dokumente sind bekannt geworden: Ein Schreiben des Chefs des Generalstabes Generals Alexejew an den Ministerpräsidenten Stürmer und dessen Antwort. General Alexejew schreibt in seinem Briefe die Desertion der Propaganda der deutschgesinnten Juden im Heere und hinter der Front zu und er verlangt Maßregeln. In seiner Antwort vom 20. Februar 1916 stimmt Ministerpräsident Stürmer dem General Alexejew zu. Stürmer richtete darauf ein eigenartiges Rundschreiben an alle Gouverneure mit dem Befehl, dieses Rundschreiben allen Zivilbehörden, Eisenbahnbeamten, Offizieren und Soldaten der Gendarmerie mit den entsprechenden Aufträgen weiterzugeben. Der Ministerpräsident verlangt, daß alle Juden strenge im Auge behalten werden sollen. Im Besonderen aber müsse geachtet werden auf die Juden in den Eisenbahnzügen und au! den Bahnhöfen, und hierzu müsse das Eisenbahnpersonal verwendet werden. Bei dem geringsten Verdacht müsse eine strenge Untersuchung eingeleitet werden. Finde man einen Beweis für die Schuld des verdächtigen Juden, so müsse dieser sofort vor ein Militärgericht gestellt werden; bleibe jedoch die Untersuchung ohne Resultat, so müsse der Jude den Zivilgerichten ausgeliefert werden, die ihn dann auf administrativem Weg nach Sibirien zu senden hätten. Mehr als 2000 offizielle Verfügungen, Rundschreiben von Militär- und Zivilbehörden, Heeresbefehle, Briefe von Militär- und Zivilbehörden an die Verwaltung der verschiedenen Organisationen bilden die Literatur, in der die Juden als deutsch gesinnt angeklagt werden und ihnen vorgeworfen wird, daß sie den Deutschen alle möglichen Dienste erweisen. Diese systematische Propaganda hat bereits ihr Gift im ganzen russischen Volke niederträufeln lassen, überall sind nun die Juden als Verräter gebrandmarkt und man wartet nur auf die günstige Gelegenheit, um eine „heilige Rache" an den Verrätern zu nehmen. Allgemein ist man überzeugt, daß im gegebenen Augeblick nach dem Kriege überall Pogrome in Rußland von solcher Gewalt und Grausamkeit ausbrechen werden, wie sie die Geschichte der Juden noch niemals gesehen habe. Tausende und Abertausende von Juden wären glücklich, wenn sie mit Zurücklassung ihres ganzen Besitzes Rußland verlassen könnten, nur um das nackte Leben retten zu können —. aber auch dies ist ihnen unmöglich, da ihnen eine Reiseerlaubnis nicht erteilt wird. Die ganze Hoffnung des russischen Judentums beruht nun auf Amerika, jenem großen Lande, das bereits einmal gegen die Vergewaltigung der Juden protestierte. Gerade jetzt ist Amerika auf Grund seiner wirtschaftlich und finanziell bedeutend wichtiger gewordenen Beziehungen zu Rußland imstande, einen moralischen Druck auf die russische Regierung auszuüben und ihr zu verstehen zu geben, daß sie sich vor Gewalttaten gegen die Juden zu hüten habe. Zangwills Forderungen an den Friedenskongreß. Israel Zangwill hat im Rahmen eines Buches über „Judenfrage und Friedenskongreß", das er demnächst herausgeben wird, seine Forderungen an den Friedenskongreß, die vom Conjoint Committee, der Anglo Jewish Association und dem Board of Deputies geteilt werden, formuliert. Das aufgestellte Programm lautet: „1. Wir fordern Rechte für jüdische Bürger in jedem Land; sowohl bürgerliche, politische, religiöse wie nationale Rechte, in demselben Maße, wie sie den meist Bevorrechteten ihrer Mitbürger in dem betreffenden Land gewährt sind oder eingeräumt werden. 2. Obendrein fordern wir für die Juden, die in dem Land, wo sie jetzt ansässig sind, nicht bleiben können oder wollen, die Möglichkeit der Kolonisierung eines Gebietes auf der politischen Grundlage der Autonomie. Das Conjoint Committee fordert, daß diese Möglichkeit zur Kolonisation und Emigration speziell für Palastina gegeben werde, da man annimmt, daß die alliierten Mächte, falls sie siegen, über die Zukunft Palästinas zu bestimmen haben werden. Ich persönlich bin der Meinung, daß kein Gebiet mit welchem Namen auch immer außer Betracht bleiben darf und daß wir insbesondere die Hoifnung auf Mesopotamien oder irgendwelche Kolonie oder Besitzung, welche zum britischen Reich gehört, nicht aus dem Auge verlieren dürfen. Da aber kein Kolonisationsplan seihst im günstigsten Fall die gegenwärtigen Leiden vermindern oder die jetzige Massenemigratioii umfassen kann, bleibt der Schwerpunkt der Judenfrage noch immer die Frage der Emanzipation in den Ländern der Unterdrückung, und insbesondere in dein Land, das sechs Millionen Juden, somit die Hälfte des Volkes umfaßt. Darum ist die dringendste Frage, die der Friedenskonferenz vorgelegt werden muß, die der Befreiung der russischen Juden." Von der amerikanischen Kongreßbewegung. Aus New-> ork wird geschrieben: Die erste Sitzung des von der Phüadelphiear Vorki.nterenz gewühlten hxekutiv-Komitees der jüdischen r\ongreüorganisation fand am 9. April in der Aeolian H in zu New-r ork statt Louis I). Brandeis eröffnete als Ehrenpräsident der t niiadelphier Vorkonferenz die Sitzung. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde Mr. Jacob de Haas, zum Sekretär Leo Wolfson gewählt. Das Kxekutiv-Komitee wählte eine elfgiiedrige Kommission, die die Aufgabe hat, der nächsten Sitzung des , xekutiv-Komitees Mitglieder für ein zu bildendes Komitee zur Erforschung der jüdischen Lage in Kuropa und aiiUv-rcn Ländern sowie der lmmigrationsirage in Vorscnlag zu bringen. Lerner soll das Komitee die Ausführbarkeit des Planes untersuchen, den Kongreß als permanente Institution einzusetzen. Den von der Phüadelphiear Vorkonferenz gewühlten sieben Kommissionen wurde auf dieser Sitzung die Direktive gegeben, Sachverständige zuzuziehen, die ihnen die nötigen Unterlagen bei der Untersuchung folgender Materien geben sollen. Es soll untersucht werden: 1. Die Lage der Juden in Rußland. I. Die Judengesctzgebung in Rußland bis zur Zeit Alexander II. 3. Die gesetzlichen Beschränkungen seit Alexander II. bis zum 31. Juli W\A. 4. Die Beschränkungen in Rußland, die von Gouverneuren. Stadt- und Pohzeibeamten ausgingen. 5. Die Erage der gesetzlichen Anerkennung der ntchtrussischen Nationalitäten und anderer Gruppen im Zarenreich. 6. Aehnliche Untersuchungen sollen über die Lage der Juden in Rumänien, Polen, Galizien und Palästina angestellt werden. 7. Anschließend daran soll die Erage der jüdischen Einwanderung nach Amerika nach folgenden Gesichtspunkten eingehend untersucht werden. Es soll geschaffen werden: 1. Eine statistische Uebersicht über die jüdische Auswanderung aus allen Teilen Europas und Kleinasiens nach Westeuropa und Amerika seit 1881 mit einem Bericht der diese Auswanderung regulierenden und unterstützenden Agenturen und über die von ihnen verausgabten Gelder. 2. Ein Ueberblick über die Gesetzgebungen in den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas, die sich auf die Erleichterung, Regulierung und Erschwerung der jüdischen Einwanderung beziehen. Anschließend daran soll über die verschiedenen für die Einwanderungsirage eingesetzten Regierungskommissionen ein Bericht gegeben werden. 3. Eine statistische Uebersicht über die jüdische Binnenwanderung in Westeuropa und Amerika und ein Bericht über die landwirtschaftliche und andere jüdische Niederlassungen fordernden Organisationen. 4. Eine Statistik der Auswanderung aus aller Teilen Europas und Amerikas nach Kleinasien. Asien und Afrika zusammen mit einein Bericht über die Binnenwanderung in Asien und einem Bericht du diese Wanderung regulierenden Agenturen. 5. Direktiven für eine praktische jüdische Emigrationspolitik. 8. Es soll eine kurze Uebersicht über die jüdischen Kongresse seit Beginn des Bxils gegeben werden. 9. Es soll die Frage untersucht werden, ob es möglich ist, den amerikanisch-jüdischen Kongreß als permanente Institution einzuführen und ob dies wünschenswert ist. 10. Die in Vorschlag gebrachte Konstituierung eines permanenten Kongresses ist vorzubereiten.