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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-13 · 25 (13.7.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
25 (13.7.1916)
Date
1916-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 25.. den beliaupten wollen. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit wird dann dem jüdischen Wirtschaftsleben zugewendet werden müssen, in erster Reihe dem flandelsstande und den Gewerbetreibenden. Die Bildung kaufmännischer Vereine wird hoffentlich energischer als früher gefördert werden. Die segensreiche Tätigkeit des hiesigen kaufmännischen Vereines, die wirklich mustergültig sein kann, sollte den Kauiletiien in den anderen Städten zürn Ansporn dienen, sich ebenfalls zu organisieren und ihre Interessen zu wahren. S. L. Der Aufruf der Fremdvölker. Uie „Deutsche Tageszeitung'- bringt zu eiern bekannten Aufruf folgende Ausführungen des Urafen Ernst Reventlow: „Der mitgeteilte Aufruf der „Liga der Fremdvölker Rußlands an alle Stamiriesgenossen und ihre freunde'" verdient eine gewisse Beachtung, auch dann, wenn man in einer Zeit, wie der jetzigen, nicht allzu geneigt ist, Aufrufen und Vereinigungen, u eiche sich nicht aut reale eigene Macht stutzen, allzuviel Bedeutung beizumessen. Als Fretndvi.lkcr Rußlands haben sich in dem Auirufe bezeichnet: die Bewohner Finnlands, der baltischen Provinzen und Litauens, die Ukrainer und VVeibTutheneii, die Georgier, außerdem die Mohammedaner als Bekenner einer nicht russischen Religion und die Juden als eine in Rußland unbeliebte Rasse. Diese Gruppe hat sieh an den Präsidenten der Yer. Staaten gewandt und ihn um Hilfe angerufen ais „den ersten Mann des größten neutralen Landes, in v. eichem die Freiheit als vornehmste Grundlage der Verfassung gilt". Schon dieser Schritt ist von Interesse gerade in dem Augenblick, wo die amerikanischen Munitions- und Kriegsmateriallieferungen den Russen eben wieder gestattet haben, eine Offensive größten Stils in Szene zu setzen, welche, wenn gelungen, auf Kosten eben derjenigen Fremdvölker gegangen wäre, welche sich an den Präsidenten der Vereinigten Staaten hilfeflehend wenden. Schon aus diesem Grunde ist der Satz in dem Aufrufe der Liga richtig: daß es dem Präsidenten nicht leicht sein werde, den rechten Weg zu finden. I )er Aufruf sagt nicht, was in der Bittschrift an den Präsidenten Wilson steht und was für eine Hilfe sie von ihm wünschen. Zu vermuten ist nach dem Aufrufe, daß auch in der Bittschrift von den Momenten der „nationalen Entrechtung und religiösen Bedrückung, der geheimen Verleumdung und offenen Bestechung, des ungezügelten Raubens und Brennens" usw. die Rede sei. Die Liga will außerdem hauptsächlich Aufklärung über die russischen Frevel in der Welt verbreiten und zu diesem Zwecke „Dokumente und Korrespondenzen" veröffentlichen, welche über die furchbaren Bedrückungen berichten, denen wir Fremdvölker Rußlands ausgesetzt." Die Liga geht so weit, ihr Vertrauen auf die „oft bewiesene Gerechtigkeit der Nationen zu betonen, welche heute mit Rußland verbündet sind."' Rußland mißbrauche sie als Bundesgenossen, um die Ausrottung seiner eigenen Fremd Völker zu betreiben. Dieser Appell an England dürfte in erster Linie von den russischen Juden ausgehen, ebenso wie diese in ocin Appell an che \ ereinigten Staaten, w o uie Macht der Juden uer.uiintlich sehr groß ist, die Hüte des Präsidenten in Anspruch nehmen mochten. Ob die führenden amerikanischen .luden unter den obwaltenden Weltverhältnissen tür gegeben hallen werden, in politischem sinne gemeinsame Sache mit den russischen Juden gegen das russische Reich und gegen Großbritannien, dessen stiller Teilhaber die Vereinigten Staaten sind, zu machen, ist wohl zweiielhaft. immerhin dürfte Wilson es an einer wort- und grundsätzlichen Antwort sicher nicht lehlen lassen. Was im übrigen jene Liga oedeute, was sie hinter sich habe und wozu sie sich entwickeln könne, muß dahingestellt bleiben. Gelingt es ihr, Veröffentlichungen, wie sie andeutet, m die Welt zu setzen, so wirt. man sicherlich interessante Dinge zu hören . ekornmen. Deutscherseits können Bestrebungen der Fremdvölker Rußlands, wie sie die Liga ankundet, mit Wohlwollen verfolgt werden und, wo eine solche gewährt werden kann, dürfte iiir Unterstützung sicher sein. Vor Illusionen wird man sich in Deutschland zu hüten haben. Bemerkenswert ist schließlich an dem Aufrufe, daß er politisch sich lediglich an die Bundesgenossen Rußlands wendet, abgesehen von der Erwähnung des Appells an den Präsidenten der Vereinigten Staaten — und dann an „aile in der Welt, die stammverwandt mit uns sind und in deren <\dern unser Blut fließt, alle, die unseie Freunde sind."" Von deutscher Seile kann iiierzu wohl gesagt werden, daß altes, was gleichzeitig dem deutschen Interesse entspricht und in deutscher Macht liegt oder hegen wird, den Wünschen und Zielen der Fretndvölker Kulilands zugute kommen werde. Was die amerikanischen Juden betrifft, so sind unsere Leser unterrichtet. Die Massen stehen geschlossen auf Seiten der Zentralmächte, eine kleine, nicht einfiußk-se, wenn auch zahlenmäßig geringe! )bersclnelite ist ententefreundlich. Interessant ist das Zusammengehen der jüdischen Müssen und der irischen und deutschen bei der Präsidentenwahl. Das „jüdische Votum" dürfte fast geschlossen Hughes zufallen. Die Warschauer Gemeinderais- Wahlen. (Brief aus Warschau.) Die Wahlen zum hiesigen Gemeinderat, welche im Zeichen einer Fanfare ihren Anfang genommen haben, nähern sich ihren! Abschlüsse im Zeichen einer Chamade. Ursprünglich, beim Beginn der Wahlbew egung, machte es den Anschein, als ob dieselben sich im Zeichen eines konfessionellen Kampfes abspielen werden. Die Polen bildeten Wahlkomitees, die zwar, im Gegensatz zu derartigen Erscheinungen bei früheren Gelegenheiten, nicht unter einer ausgesprochenen antisemitischen Fahne marschierten, die aber trotzdem wenig guten vviilen zeigten, die Interessen und die Wünsche der judischen Bevölkerung zu berücksichtigen. Dies iuhrte üazu, daß sich die Juden zu einer separaten Aktion veranlaßt gesehen hatten, deren Ausdruck die Bildung eines allgemeinen jüuischen Zentralwahlkomitees war, in dem sich Neo-Assiniiianten, Orthodoxe, Zionisten und Unparteiische vereinigten. Außerhalb dieses Komitees stand bloß eine Gruppe der Assimilanten, die getreu ihrem bisherigen Programme jeder separaten jüdischen Aktion abhold war und den Anschluß der Juden an das polnisch-demokratische Komitee predigte, um diesem den maßgebenden Einfluß auf die Verwaltung der Stadt und damit auch auf die politische Orientierung der polnischen öffentlichen Meinung zu sichern, sow ie ein Teil der Extrem- Orthodoxen, die ein Zusammengehen mit den Ziomsten perhorreszierten. Nichtsdestoweniger fand das jüdische Wahikomitee Anklang in den breitesten v'olkskreisen und seiner energischen Arbeit war es zu verdanken, daß sich die jüdischen Waliler zahlreich an den Einschreibungen in den Wahllisten beteiligten und sich somit eine überaus imposante Stimmenzahl sicherten. Da bei den Wahlen das Proporzsystem bestimmt war, so konnten uie Juden auf eine entsprechende Anzahl Repräsentanten in den Kurien I., 11., IV., V. und VI. rechnen, im Verhältnisse zur Wählerzahl auf etwa 30 Mandate. Dieser Umstand, sowie die bessere Einsicht der ernsten polnischen Kreise, haben dazu geführt, daß in den allerletzten lagen ein Wahlkomprorniß zwischen dem polnischen und dem jüdischen Wahlkomitee zustande gekommen ist, iaut welchem eine gemeinsame Liste in den Kurien 1., IL, IV. una V. aufgestellt werden sollte, in welcher den Juden 15 Mandate konzendiert waren. In der Iii. Kurie ist die Wahl freigegeben, während die Vi. Kurie für die Arbeiterschaft reserviert wurde. Nach längeren Verhandlungen wurde das Kompromiß seitens aller Parteien akzeptiert und so konnte die Wahl in den oberwähnten 4 Kurien ohne Abstimmung vorgenommen werden, da nur eine Kandidatenliste vorgelegen ist. In den letzten Tagen drohte zwar das Kompromiß in die Brüche zu gehen. Gewisse jüdische Kreise bekämpften dasselbe, teils aus prinzipiellen, teils aus persönlichen Motiven, bildeten ein separates „Jüdisches Volkskomitee'* und entwickelten eine lebhafte Agitation für eine separate jüdische Kandidatenliste. Dieser Fakt hat in den jüdischen Kreisen eine große Aufregung hervorgerufen und wir verlebten einige Tage der höchsten Spannung. Schließlich gelang es, die Führer des Volkskomitees dahin zu bringen, daß sie von der Aufstellung einer eigenen Liste für die erwähnten Jüdische Fürsten in Ofen. Im ..Neuen Pester Journal" schreibt Anton Väradi: _ u Die Oincr israelitische Gemeinde ist viel älter als die IVstcr. Immer ist der Fncdlioi maßgebend. Der Friedhof der Fester jüdischen Gemeinde, selbst üer älteste, isi noch nicht zweihundert Jahre all. der Friedlin! der Omer Judeugeuieinde aber mehr als dreimal so alt. Die Jtidcugemeinde in Ofen war das Orakel der ungarischen Judenscliait. Sie war die höchste Autorität, der Kulircr der ungarischen Juden. Und das Haupt der jüdischen (iemeinde in Ofen war zugleich auch das Haupt der ganzen ungarischen Judensehafi. Zumindest Kalt es üat'nr. In dem uralten jüdischen Friedhof in Ofen wurde v.'. langer Zeil ein Grabstein ausgegraben, auf welchem .,1 schrieben stand, daß das Jahr 14UÖ das „Jahr des Fluches" gewesen sei. Scholl im Jahre 1,W herrschte i lauer und Jammer im ungarischen Judentum, und die erster Jahre der Regierung König Sigismund'* waren Zeiten unsäglichen Wehes. Der Grabstein, der von dein Jahre des Fluches zeigt, ist der Grabstein des Juden Isaak, Und wohl hatte die Aufschrift recht, denn die alihcriihnue Judengemelnde Ofens hatte sieh vollständig aufgelöst und den damaligen gelehrten Ofner Rabbiner Nathan nahm die böhmische Stadt Eger als Flüchtling auf. In den Jahrbüchern der Deutschliindischen Juden linden wir aus dieser Zeit ,-.ar viele Aufzeichnungen von dem Märt> rertum der ungarischen Juden. ..In einer Stadt Namens Budun" (Buda) erzählte der eine Chrcmiqueur. ..wurde auf dem öffentlichen Platze der Stadt eine Wachskerze angezündet und ein Herold verkündete Folgendes: Ks wird hiemii bekanntgegeben: wer sich zur Taufe meldet, ehe noch diese Wachskerze zu Knde gebrannt ist. der wird selig werden, denn er wird Aufnahme finden in die alleinseligmachende katholische Kirche. Alle, die später zur Taufe kommen, wenn die Wachskerze schon zu Ende gebrannt sein wird, sollen verbrannt werden." Bald loderten die Scheiterhaufen m hellen Flammen und die ganze Ofner Gemeinde. Weiber und Kinder, erlitten den Feuertod, denn es fand sich keine einzige Seele, die bereit gewesen wäre, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden. Nur sehr langsam kehrten die Juden wieder in die entvölkerte Stadt zurück. Man brachte die Juden aus uem Auslände, zumeist Franzosen, die sich im Jahre 1433 in Ofen niederließen. Es ist bekannt, dal.i König Sigismund aueii in Pest französische Handwerker angesiedelt bat. ns geschah dies zur Zeil, als jener große I iirm am Ufer der Donau gebaut wurde, der als erster Pieilcr der spateren Kettenbrücke geplant war. Der Turm * urde natürlich niemals fertig gebaut. König Beda 1\. hatte seinerzeit den Juden Ofens einen Freibrief gegeben, und dieser Freibrief wurde später von allen Königen bestätigt. Im Jahre 1406 baten zwei Juden, der eine aus Oten, der andere aus Pest, den Bischof von Szekesfehervär urn die Bestätigung des Priviiegienbrictes König Bela's IV. Auch von König Sigismund wurde diese Bestätigung erbeten, und zwar von den Juden Jakob aus Preßburg und Nivi aus Ofen. Im Jahre 1438 bestätigte auch König Albert die alten Gerechtsame. Von König Ladislaus V. erbaten die Ofner Juden gleichfalls die Bestätigung des königlichen Freibriefes, und zwar waren dies die Ofner Juden Mayer und Wolf. Die Namen dieser beiden Juden sind uns aus dem Pergamente Ladislaus' V. überkommen, wo es in der Klausel heißt, daß diese beiden Juden den König untertänigst gebeten hatten, die alten Gerechtsame und Privilegien der Juden mit königlichem Siegel bestätigen und erneuern zu ,\oilen. Die geeigneteste Zeit für die Unterbreitung solcher Majestätsgesuche waren die oft genug wiederkehrenden Krönungsfeierlichkeiten. Bei diesen Anlässen entialteten die Juden die volle märchenhafte Pracht des Orients. Und sie prunkten im Glänze ihres Reichtums. Als irn Jahre 1458 König Mathias in Ofen einzog, erschienen drei Juden vor ihm, Holzmann Mayer, Wolf und Nivi, die Thora in der Hand und baten um Erneuerung ihrer Vorrechte. Mathias Corvinus willfahrte ihrer Bitte und als er sechs Jahre später zum König von Ungarn gekrönt wurde, bestätigte er die Privilegien der Juden von neuem. Als König Mathias nach Szekesfehervär zog, um sich dort krönen zu lassen, ritt dem Zuge ein großes jüdisches Banderium voran. Der Jude Mendel aus Ofen, das Haupt der alten Ofner Mendel-Familie, ritt mit sechzehn Knappen vor dem König einher. Voran ritt auf prächtig geschirrtem Kosse, eine Fahne in der Hand, der Herold. Hinter ihm zwei Knappen in silbergesticktem Gewände, mit türkischen Säbeln zwei Knappen, hinter diesen Mendel, gleichfalls in strahlender silberbeschlagencr Gewandung, mit Gurt und Schwert bemannet. Den Zug schlössen die Begleiter Mendcl's, durchwegs in Prachtgew ändern, die Helme mit Straußenfedern geziert. Die Hochzeitsfeier König Mathias' sah die Juden Oiens in ihrer vollen Pracht, und die Gemeinde nahm au der Hochzeit würdigen Anteil. Eine Deputation der jüdischen Gemeinde erwartete König Mathias und die Königin Beatrix vor dem Tore der Stadt, voran der Vorsteher der Gemeinde hoch zu Roß, zu jeder Seite sechzehn Ritter in dunklen Gewändern aus feinstem Mecheluer Gewebe, reich mit Silber gestickt. Der Vorsteher der Gemeinde hielt den gezückten Säbel in der Hund und an dem üriif des Säbels hing ein kleines Körbchen, in demselben zehn Pfund Silber. Das war zu jener Zeit gar viel Geld! Hinter dem Vorsteher der Gemeinde sali aui kohlschwarzem Rosse gleichfalls mit gezücktem Säbel der jugendliche Sohn des Vorstehers mit einem zweiten Korbe, der gleichfalls zehn Pfund Silber enthielt. Dann kamen vierundzwanzig Ritter in Pur/nirgewändern. die Helme mit Straußenfedern geziert. Den TroB bildeten zweihundert turbanbekleidete Juden mit roter Fahne, welche das Wappenzeichen König David's trug. Unter diesem drei silberne Sterne über einer goldenen Krone. Die Aehesten der Gemeinde standen unter einem Baldachin, umgeben von der jüdischen Jugend. Ein Mann hielt eine goldgestickte Thora in der Hand. Die ganze Deputation intonierte den Psalm: „Heil dir, o Israel. Dein König naht!" So steht es geschrieben in den trefflichen Werken von S. Kohn und Büchler. Letzterer sagt, daß das in der Sammlung Schwandtner vorkommende Wort: „eiot" mit Turban übersetzt worden sei, weil eine später erschienene Flugschrift einige ungarische Juden mit dem Turban zeigte. Tatsächlich war der Turban die damalige Kopfbedeckung der Juden. (Schluß folgt.)

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