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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-13 · 25 (13.7.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
25 (13.7.1916)
Date
1916-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heiter.! tmr _ ____••• j»__t__t._x_._______ Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit v«Her Queltetiaigabe gestattet mmr . .< ja n— » «» « i j Keaaxtion una Aarmmsiranon: Wochenblatt für judische Interessen, Wi«, vm. ^«rstraße«. Redakteur: J onas Kreppet. I Erschei nt jeden Donnert!*« Hr. 25. Wien, 13. Juli 1916. 2. Jahrgang. Die Bedeutung der Warschauer Wahlen. Zum ersten Male nach einer Unterbrechung von etwa 50 Jahren konnte die Bürgerschaft von Warschau, des „Herzen Polens", wieder zur Urne schreiten, um Vertreter zur autonomen Stadtverwaltung zu wählen. Was der Zar seinen „lieben Polen" und seinen noch „lieberen Juden" so beharrlich verweigert hatte, das hat ihnen der Krieg gebracht. Mit der Befreiung vom Zarenjoche erhielt Warschau auch die Möglichkeit, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und anstatt der bisherigen ausbeuterischen russischen Tschinowniki werden freigewählte Männer diese Millionenstadt verwalten und für das Wohl der Bevölkerung sorgen. Aufrichtig gestanden, man sah in den allgemeinen jüdischen Kreisen mit einer gewissen Besorgnis diesen Wahlen entgegen. Die Spannung zwischen Juden und Polen hat doch in den letzten Jahren eine derartige Schärfe angenommen, daß man selbst in den optimistischesten Kreisen kaum an ein gedeihliches Zusammenleben und Zusammenarbeiten glauben konnte. Es ist ja kein Geheimnis, daß die Lösung der polnischen Frage, die im Allgemeinen eines der wichtigsten Probleme des gegenwärtigen Krieges darstellt, vielfach dadurch kompliziert wurde, daß man dieselbe mit einer Lösung der Judenfrage in Polen in Zusammenhang brachte. Merkwürdigerweise war es gerade die Entente, die Verbündete Rußlands, die plötzlich ihr Herz für die Juden Polens entdeckt hatte und die Forderung aufstellte, man kann den Mittelmächten die Lösung der polnischen Frage nicht überlassen, denn diese werden die Polen favorisieren und damit die Juden ihrer Gnade und Ungnade ausliefern. Insolange Polen eine russische Provinz war, kümmerte sich niemand in London, Paris und Rom um das Schicksal dieser breiten Volksmassen, die von der russischen Bürokratie ausgebeutet und drangsaliert und von deren polnischen Freunden ä la Dmowski mit Haß und Neid verfolgt und gekränkt wurde. Damals war dies eine innere Frage Rußlands, in welche sich kein auswärtiger Faktor hineinmengen durfte. Jetzt aber, da Polen den Klauen des Zaren entrissen wurde, fanden die dortigen Juden plötzlich in aller Welt mächtige Fürsprecher und Beschützer — eigentümlicherweise gingen auch gewisse jüdische Kreise der Entente diesbezüglich auf den Leim und verhalfen derselben, ihren Standpunkt zu vertreten. Inwieweit diesbezüglich übertrieben wurde, möge in diesem Momente dahingestellt bleiben. Ein Fakt ist es aber, daß sich die jüdischpolnischen Beziehungen immer mehr verschärften und es drohte die Gefahr, daß die ersten Wahlen zum Warschauer Gemeinderat im Zeichen des jüdisch-polnischen Antagonismus vor sich gehen werden, daß wir eine zweite Auflage der Jagiello-Affäre erleben könnten, die das beiderseitige Verhältnis noch mehr vergiften werde. Die Polen haben nämlich zu Beginn der Wahlkampagne den Standpunkt vertreten, daß der Gemeinderat der ersten Stadt des Königreiches unbedingt einen ausgesprochen polnischen Charakter haben müsse. Von jüdischer Seite wurde dagegen geltend gemacht, daß die jüdische Bevölkerung, die über ein drittel Million Seelen zählt, absolut im GemeiBderate entsprechend vertreten sein müsse und zwar durch Repräsentanten, die geeignet seien, die jüdischen Interessen zu wahren. Es war nicht so leicht, zwischen diesen beiden Standpunkten einen Ausgleich zu finden, umsoweniger, als die extremen Elemente von rechts und links wenig Geneigtheit gezeigt hatten, sich von den bekannten Schlagworten zu befreien und gar manche es gerade darauf ankommen lassen wollten, diese Gelegenheit dazu zu benützen, um den Gegensatz noch mehr zu verschärfen. Tatsächlich hat die Wahlbewegung zunächst im Zeichen des konfessionellen Kampfes begonnen. Die Polen einerseits und die Juden andererseits haben separate Komitees gebildet, es sollte zu einem scharfen Wahlkampf kommen, zu einer Machtprobe, die zwar nicht ganz mit einem Sieg oder Niederlage der beiderseitigen Volksgruppen endigen konnte, da das Proporzsystem auch den Minoritäten eine gewisse Vertretung sichert, die aber nur zu sehr geeignet war, die Atmosphäre noch mehr als bisher zu vergiften und die Legende von dem unvermeidlichen und rücksichtslosen Kampf zwischen Jaden und Polen zu verstärken. Es ist jedoch anders gekommen. Im letzten Moment überzeugten sich die beiderseitigen Faktoren, daß der Kampf nur allseitigen Schaden bringen müsse und ganz unerwartet fand man die Möglichkeit eines Wahlkompromisses, auf Grund dessen der Kampf überhaupt vermieden und die Wahlen einstimmig auf einer einheitlichen Liste vorgenommen werden konnte. Polnische Nationaldemokraten und Zionisten, Demokraten und Orthodoxe, Assimilatoren und Nationalisten — all diese Gruppen, die sich stets befehdeten und bekämpften, konnten mindestens für einen Tag die Streitaxt begraben und gemeinsam handeln, um einen wilden Kampf zu vermeiden. Es wäre wohl verfehlt, aus diesem Ereignis weitgehende Schlüsse über die Regelung der jüdisch-polnischen Beziehungen ziehen zu wollen. Das messianische Zeitalter in Polen ist sicherlich noch nicht angebrochen und es wird noch schwere Kämpfe geben, bis all die natürlichen und gekünstelten Gegensätze so weit ausgeglichen werden dürften, um ein friedliches Miteinander- und Nebeneinanderleben zu ermöglichen. Die Söhne Korachs sind ja noch nicht ausgestorben und die giftige Saat, die so viele Jahre ungehindert.. ausgestreut werden konnte, hat vielfach böse Früchte getragen, die man nicht so im Handumdrehen ausjäten kann. Aber der Anfang istgemacht. Was einmal möglich war, dürfte auch bei anderen Gelegenheiten gelingen. Das beiderseitige Interesse, das diesmal den Frieden diktierte, wird auch bei anderer Gelegenheit dasselbe Resultat zeitigen. Im Interesse beider Volksgruppen wäre dies nur zu wünschen. * Fragt man sich aber, welche Umstände es waren, die diesmal das zustande gebracht haben, was bisher nicht gelingen wollte und konnte — so ist die Antwort darauf nicht schwer zu geben: Die Befreiung Polens vom russischenJochewares, diedieses Resultat gezeitigt hat. Wieder einmal lieferten die Ereignisse eine Bestätigung der Meinung, daß es hauptsächlich der russische Mephisto war, der das jüdisch-polnische Verhältnis derart vergiftete, daß eine friedliche Lösung geradezu unmöglich schien. Bei den Wahlen zur Duma konnten die Juden Polens nicht ein einziges Mandat erlangen, obzwar sie etwa 12% der Gesamtbevölkerung bilden. Ist es ihnen einmal doch gelungen, in Warschau die Majorität und damit die Möglichkeit für ein Mandat zu erhalten, so wollten die Polen ihnen nicht einmal die Konzession machen, keinen antisemitischen Kandidaten aufzustellen und es lieber auf eine Trutzkandidatur ankommen zu lassen, um später zur Rache dafür eine rücksichtslose Boykottaktion einzuleiten, die das gegenseitige Verhältnis auf viele Jahre hinaus vergiftete. Diesmal war es anders. Dieselben polnischen Kreise, die damals den Juden jedes Recht auf eine eigene Vertretung abgesprochen hatten, haben diesmal ausgesprochene Zionisten auf die eigene, gemeinsame Liste aufgenommen. Dieselben polnischen Nationaldemokraten anerkennen diesmal das Recht der Juden und dieselben „Litwaki" anerkennen den polnischen Charakter der Stadt Warschau. Die Völkerbefreiungstat der Mittelmächte konnte fürwahr nicht glänzender und deutlicher ihren Ausdruck finden, als in diesem Resultat der Warschauer Wahlen. Kaum war der russische Satan verschwunden, der Juden und Polen gegeneinander zu hetzen pflegte, kaum kounten beide Volksgruppen sich frei ausleben und unbehindert entwickeln, da fanden sie sich zusammen zu einer friedlichen Arbeit. Die polnisch-jüdische Frage ist damit noch allerdings nicht gelöst. Aber der Anfang ist gemacht. Unter der Patronanz der Zentralmächte, die Polen befreien wollen, werden auch die Juden frei werden und diesbezüglich ist jede Sorge der „Völkerbefreier" in Paris und London, in Rom und ■•— wer lacht da nicht! - Petersburg eine überflüssige Sache. Die Warschauer Wahlen sind somit ein politischer Akt von der höchsten Tragweite. Die .Politik der Entente ist wieder einmal ad absurdum geführt worden. Die Mittelmächte, Oesterreich-Ungarn und Deutschland, verrichten in dem befreiten Polen eine wirkliches Kultur- und Freiheitswerk. Spectator. Der Wiederaufbau Galtziens. (Brief aus Krakau.) Die Landeszentrale für den wirtschaftlichen Wiederaufbau üaliziens, welche ihren Sitz in Krakau hat, hat ihre Tätigkeit bereits aufgenommen und es ist zu erwarten, daß die Wiederaufbau-Arbeit nunmehr energisch vor sich gehen werde — insoferne die gegenwärtigen Verhältnisse dies erlauben. Um die Wiederaufbau-Arbeit zu fördern und zu beschleunigen, hat der Statthalter die Eröffnung von 16 Exposituren angeordnet, deren Aufgabe es sein wird, die diesbezügliche Tätigkeit zu leiten und zu überwachen. Diese Exposituren haben ihren Sitz in: Bochnia, Tarnow, Jaslo, Mielec, Przeworsk, Jaroslau, Przemysl, Sanok, Stary Sambor, Mosciska, Grodek Jagiellonski, Lubaczow, Kamionka Strumilowa, Stryj, Stanislau und Zolkiew. Jede Expositur erstreckt ihren Wirkungskreis auf mehrere Bezirke der Umgetfung, so daß fast ganz West- und Mittelgalizien, sowie ein beträchtlicher Teil Ostgaliziens in den Wirkungskreis der Wiederaufbau-Aktion einbezogen erscheint. Die Frage der Errichtung einer speziellen „Städtischen Bank" für den Wiederaufbau des Handels und der Industrie befindet sich bereits im Stadium der Verwirklichung. Dieser Tage haben die Mitglieder der Polenklub-Kommission für den Wiederaufbau der Städte in dieser Angelegenheit eine Konferenz mit den Vertretern der Regierung abgehalten und die näheren Modalitäten dieser Aktion festgesetzt. Es ist zu erwarten, daß die Angelegenheit recht bald verwirklicht werden würde. Die Aktion, wie sie jetzt geführt wird, erweckt den Eindruck, daß die maßgebenden Kreise der Sache nicht bloß die nötige Aufmerksamkeit, sondern auch die nötigen Mittel widmen, um die Wiederaufbau-Arbeit nach Möglichkeit zu beschleunigen. Hand in Hand mit der Wiederaufbau-Arbeit geht auch die Regelung der Frage wegen Auszahlung der Beträge für die Kriegsrequisitionen, der Erhaltungsbeiträge für die Familien der eingerückten Reservisten und Landsturmmänner etz. All dies trägt auch bedeutend zur Wiederauflebung von Handel und Gewerbe bei Demnächst dürfte die Reaktivierung einiger Gemeindevertretungen, die infolge der Kriegsereignisse aufgelöst wurden, erfolgen. In erster Reihe wird der Krakauer Gemeinderat wieder eingesetzt werden. Die hiesige Judenschaft, die seit etwa 2 Jahren im Stadtpräsidium nicht vertreten und im Beirat nur ungenügend vertreten war, wird dadurch wieder in den Besitz ihrer früheren Repräsentanz, mit Hofrat Sare als Vizepräsidenten der Stadt an der Spitze, gelangen. # Die Stimmung im Lager der jüdischen Bevölkerung ist im Allgemeinen eine zuversichtliche. Die wirtschaftlichen Verhältnisse konsolidieren sich langsam, aber stetig und die schweren Schäden, welche speziell die galizische Judenschaft zu erleiden hatte, werden gut gemacht. Allgemein herrscht die Ueberzeugung vor, daß die Ereignisse auf die galizischen Juden nicht ohne Einfluß zum Bessern bleiben werden. Die maßgebenden jüdischen Kreise werden sich nach dem Kriege ernster als bisher mit der Lage der breiten Volksmassen interessieren müssen, wenn sie ihre Stellung wer-

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