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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-06 · 24 (6.7.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
24 (6.7.1916)
Date
1916-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24. JUdUsctie Korrespondenz Seite 3 Jahresversammlung designiert werden; den Rest bilden die Vertreter der jüdischen Organisationen, die im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl gewählt werden. Die jüdische Bevölkerung in Russisch-Polen. Die 1915 erschienene Schrift „Polen und die Polen" von Stanislaw Thugutt behandelt auch die Verteilung der Bevölkerung nach Konfessionen in Stadt und Land, wobei zu beachten ist, daß das Zahlenmaterial sich selbstverständlich auf die Zeit vor Kriegsausbruch bezieht. Das Gouvernement Kaiisch weist unter 1,206.141 Einwohnern 983.062 Katholiken, 7504 Urthodoxe, 106.084 Protestanten und 1U7.876 Juden auf. Von der jüdischen Bevölkerung wohnen 99.744 Personen in den 13 größeren und 40 kleineren Städten des Gouvernements. Protestantische Einwohner finden wir unter der Stadtbevölkerung 21.407. Das Gouvernement Kielce zählt unter 973.247 Einwohnern 106.511 Juden und 3040 Personen evangelischen Glaubens. 81.956 Personen der jüdischen Bevölkerung und 492 Personen evangelischen Glaubens wohnen in den 7 größeren und 34 kleineren Städten des Gouvernements. Das Gouvernement Lublin zählt unter 1,463.271 Einwohnern 206.180 Juden, von denen 18Ö.096 Personen in den 14 größeren und 51 kleineren Städten des Gouvernements angesiedelt sind. Von den 40.161 Protestanten des Gouvernements leben nur 2036 Personen in den Städten. Im Gouvernement Lomza finden wir unter 1,901.662 Einwohnern 101.493 Juden und 6424 Protestanten. Von den Juden wohnen 82.211 Personen, von den Protestanten 1337 Personen in den 7 größeren und 25 kleineren Städten des Gouvernements. Im Gouvernement Petrikau werden unter 1,901.662 Einwohner 298.062 Juden und 245.275 Protestanten gezählt. In den 12 größeren und 40 kleineren Städten des Gouvernements leben davon 254.142 Juden und 141.804 Protestanten. Die Gesamtbevölkerung des Gouvernements Plock zählt 601.087 Personen, darunter 71.224 Juden und 49.843 Protestanten. 64.527 ^uden'Ufld 3302 Protestanten wohnen in den 9 größeren und 16 kleineren Städten des Gouvernements. Die Ziffern für Radom ergeben unter einer Gesamtbevölkerung von 1,069.744 Köpfen 153.782 Juden und 12.771 Protestanten. 134.623 jüdischer Personen und 1141 protestantischer leben davon in den 10 größeren und 53 kleineren Städten. im Gouvernement Siedlec zählt die Gesamtbevölkerung 943.661 Personen, darunter 148.609 Juden und 14.790 Protestanten. Von der jüdischen Bevölkerung leben 129.718 Personen, von der protestantischen 380 Personen in den 12 größeren und 34 kleineren Städten. Im Gouvernement Suwalki beträgt die Gesamtbevölkerung 632.734 Köpfe, darunter 80.570 Juden und 36.412 Protestanten, Die Bevölkerung der 10 größeren und 20 kleineren Städte zählt davon 64.475 Juden und 6833 Protestanten. Das Gouvernement Warschau endlich wird von 2,438.685 Personen, darunter 473.358 Juden und 119.848 Protestanten, bewohnt. Auf die 22 größeren und 45 kleineren Städte entfallen 419.8'38 Juden und 30.184 Protestanten. Lord Rothschild und die englischen Deutschenfresser. Aus Amsterdam schreibt man: Zu den wenigen hervorragenden Persönlichkeiten, die es wagen, mitten in der gegenwärtigen, von der Jingopresse des Lord Northcliffe gezüchteten Deutschenhetze den Ausschreitungen dieser lediglich von unbändigem Käß erfüllten Bewegung entgegenzutreten, gehört Lord Rothschild. Insbesondere hält er es nicht bloß für eine offenkundige Verfassungsverletzung, sondern auch einer großen, zivilisierten und freiheitlich gesinnten Nation unwürdig, einzelnen, unschuldigen Personen den Zorn entgelten zu lassen, den man gegen die deutsche Regierung empfindet. Ganz besonders aber verurteilt er das Auftreten von Vereinen und Körperschaften gegen die naturalisierten Deutschen, die im Vertrauen auf die vielgerühmte britische Gastfreundschaft ihrem früheren Vaterlande entsagt und ihrem neuen Vaterlande Treue gehalten haben. Lord Rothschild hat ausdrücklich festgestellt, daß sich seit dem Kriegsbeginn kein einziger Fall ereignet hat, in dem ein eingebürgerter Deutscher seine Pflicht gegenüber England nicht im vollsten Maße erfüllt hätte. Leider steht der Lord mit seinem Kampf gegen die Deutschenhetze fast allein. Er kann nicht einmal auf die Mithilfe derjenigen Persönlichkeiten zählen, die selbst deutschen Ursprunges sind und dank der Einbürgerung ihrer Väter und Großväter es zu einer hervorragenden Stellung in ihrem neuen Vaterlande gebracht haben. Eben weil er keine genügende Unterstützung findet, mußte Lord Rothschild von der offenen Schilderhebung gegen die Politik Lord ftorthcliffes absehen und zu anderen Mitteln greifen, um seinen Abscheu vor der Deutschenhetze zu bezeugen. Er hat in ostentativer Weise die Mitgliedschaft in allen wissenschaftlichen Vereinen, gesellschaftlichen Klubs und Finanzinstituten niedergelegt, welche Ausschließungsmaßnahinen gegen die Deutschen oder Naturalisierten verfügt haben. In der jüngsten Zeit hat er nach dieser Richtung hin zwei bezeichnende Schritte getan, als die Londoner Geographische Gesellschaft den bekannten schwedischen Forscher Sven riedin und die Ornithologische Union'in London den König Ferdinand von Bulgarien aus der Liste ihrer Mitglieder strichen. Lord Rothschild ließ beiden Gesellschaften wissen, daß er fortan auf die Ehre verzichte, als Gründer und Protektor derselben zu fungieren. Progromgeschichfchen aus Rußland. (Vom Kriegsberichterstatter der „Arb. Zeitung" Wilhelm Düwell.) — 21. Juni. Ees war am Vorabend des letzten Passahfestes. Vor dem Laden eines jüdischen Kaufmannes in Wilna steht eine ältere Polin. Ihr zerlumpter schmutziger Kleiderrock hängt vorn bis aui den Boden, über den Kopi hat sie ein zerschlissenes Tuch geschlagen. Unter dem Laden befindet sich ein Keller, zu dem eine Steintreppe wie in ein dunkles Loch hineinführt. Die Frau stiert in den Keller hinein, als ob sie dort unten etwas entdecken wollte. Einige Kinder in der wenig belebten Straße bleiben stehen, schauen auch in das Loch. Zwei Männer kommen vorbei, die Frau hält sie an, erzählt ihnen etwas. Die Männer beugen sich in den Kellercingang hinein. Das Gebaren der Leute lockt auch noch einige Frauen an, alle sind erbärmlich gekleidet. Sie fragen; alle reden eifrig, heftig gestikulierend. Eine Frau droht mit geballter Faust gegen den Laden. Eine andere stößt die Ladentür auf, mehrere schreien hinein auf polnisch. Die Leute werden immer erregter. Ein Mann geht einige Stufen der , Kellertreppe hinab und steigt dann wieder herauf. Der Ladeninhaber wird aufmerksam, er kommt heraus. Aus den Nachbarhäusern stürzen noch mehr Juden auf die Straße. Der Besitzer des Ladens spricht die Leute an, die schreien ihm wild durcheinander entgegen, stoßen mit den Armen nach ihm, zeigen auf den Keller. Von den anderen Juden erfährt man, was los ist. Die Leute wiederholen die Erzählung der Frau, im Keller läge ein ermordetes Christenkind. Ein Ritualmord! Aus dem düsteren Mittelalter stammt die Legende, wonach die Juden gemäß ritueller Vorschrift das zum Passahfest vorgeschriebene Sauerbrot (Mazze) mit dem Blute von Christenkindern tränkten. Die helle Gegenwart hat die Ausgeburt geistiger Finsternis noch nicht verscheucht. Alljährlich, zur Zeit des jüdischen „Befreiungsfestes", veranstalteten ianatisierte Mengen in Rußland Ritualmordhetzen. Dabei kam es oft zu bösen Ausschreitungen, Mißhandlungen, Pliindereien und selbst zu Mordtaten. Mit solchem Erfolg waren die Hetzer, die sich im Hintergrund hielten, zufrieden. Das Volk sollte an das Ritualmordmärehen glauben, mit Haß gegen die Juden genährt werden, das genügte. Denn der Versuch, den Ritualmord als eine religiöse jüdische Einrichtung nachzuweisen, konnte den Schwindel nur zu leicht aufdecken. Selbst dann, wenn voreingenommene Richter ein Urteil zu fällen hatten und Falscheide die Schuldwagschale der angeklagten Juden beschwerte. Mann denke nur an den berüchtigten Beilis-Prozeß in Kiew, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte. Die aui Ritualmord lautende Anklage brach schmählich zusammen. Aber die Legende von der Ermordung kiemer Chnstenkinder zu Ehren des Passahlestes tat noch weiter ihre Schuldigkeit gegen die Juden. Die russischen Reaktionäre und Kriegshetzer machten, wie üblich, die Juden iür alles Ueble verantwortlich. Damit lenkte man die Aufmerksamkeit und Empörung der Bevölkerung ab, wenn sie Ursache hatte, über Mmwirtschaü erregt zu sein. Diesmal machten die böswilligen Hetzer die Juden für die kriegerischen Mißertolge ■der Küssen verantwortlich. Ganz allgemein wurden sie der Spionage und des Von als zu Gunsten der Deutschen beschuldigt. Der Boden iür ein Rituahnordhetzchen war gut vorbereitet. Plötzlieh, wie aus unfaßbarer Dunkelheit, ohne Spur der Herkamt, verbreitete sich das Gerücht, die Juden haben zu.n Passah ein unristenKind geschlachtet. -Niemand iragte: Wann.- Wo.' Wie? Das Gerücht galt als voiigilugu Beweis. Fanatisierte rotteten sich zusammen, zertrümmerten Lauen, plünderten sie aus, mißhandelten die jüdischen lnnaber. Und nach kurzer Zeit wurden sämtliche Juden aus Kowno vertrieben. Das rietzchen in Wihia in diesem Jahre erstickte im Deginn seines Auitlamniens. Das Murren und Drohen seinen schon bedenklich werden zu wollen. Vergebiicn bat der Jude einen hinzugekommenen Miliztnann, die Erregten zu beruhigen, sich im Keller davon zu überzeugen, daü ihr Verdacnt unbegründet sei. Der Ordnungshüter tat nients. Da biegt um die Ecke der nächsten Straße ein Uttizier. Der Jude läuft zu ihm, bittet mit großem Wortschwall um Hilfe. Der ütnzier kommt Herbei, die Leute reden polnisch aut ihn ein. Jemand erhält den Auttrag, von der nächsten Poltzeistation einige benutzreute zu holen. In eiligem Marsche kommen sie Heran. Der gelier wird untersucht; selbstverständlich ist keine Spur von einem Ritualmord zu ünden, nients von einem geschlachteten Christenkmd und abgezapttem Menschenblut. Die Menge ist beruhigt, schwatzend zerstreut sie sich. Die Juden atmen erleichtert aui; Pogrome unu Ritualmordhetzen haben sie nun wenigstens nicht mehr zu fürchten. Wir befinden uns in einem jüdischen Ort. Ein kleiner breitschultriger Jude mit etwas schwammigem Gesicht, das ein ins Graue spielender Bart umrahmt, trägt eine ziemlich umiangreiche Kiste. Dabei wäre nichts Absonderliches. Der Jude ist hier Arbeiter, Handwerker, Händler, er verrichtet jede körperliche Arbeit. Aber es war an einem Schabbestag. Nach ritueller Vorschrift ist jedoch den Juden das öitentliche Tragen von Lasten wie überhaupt jede Beschäftigung am Schabbes verboten. Und die Juden im besetzten Gebiet sind im allgemeinen sehr streng in der Beobachtung ritueller Gebräuche. Peinlich genau üeiolgen sie die vorgeschriebenen Gesetze. In starren Formen erhallen sie auch das gewohnheitsmäßig Ueuernommene. Die Anpassung, die der Jude in den Westländern entwickelt, wodurch er sich mit den modernen Verhältnissen abfindet, ist seinem russischen Glaubensgenossen noch nicht eigen. Das wird noch kommen. Aber auch jetzt schon wissen kluge Leute den rituellen Zwang zu mildern, wenn er allzusehr als Last und Hindernis empfunden wird. Als solche Last verspürt man das Verbot, am Schabbestag außerhalb geschlossener Räum« Gegenstände zu tragen. Was sollte man machen? Das (iesetz übertreten? Nein, das durfte nicht geschehen! Heilig ist das Wort, unverletzlich das Gebot! Jedoch das Wort ist deutungsfuhig. Es ließ sich auslegen: „Was ist ein geschlossener Raum?" — „Meine Wohnung." — „Nur meine Wohnung?" — „Nein, auch mein Hof." — „Also kaiin ich auch im Hofe tragen." — Aber das reichte noch nicht. Der Deutler deutet weiter: „Ist nur der Hof ein geschlossener Raum? Nein, auch die ummauerte Stallt. -- Mithin darf man in der ganzen Stadt Gegenstände tragen." — Der Begriff war noch etwas zu eng gefaßt. — „Es muß ja keine Mauer sein, keine wirkliche Mauer, die symbolische Geschlossenheit genügt auch." Nun war die Sache einfach. Man spannte eine Schnur über die Straßen am Eingang des Ortes und die Geschlossenheit des Raumes, die das Gesetz verlangt, war hergestellt. Dergleichen symbolische Matrcrn sali man an verschiedenen Orten und die geschäftigen Juden konnten ohne üewissenbedenken ini Orte am Schabbes Lasten tragen. . . :i Im Kriege allerdings waren die luftigen Mauern oft in Gefahr, und zuweilen wurden sie den Juden gefährlich. Deutsche Soldaten holten die Schnüre herunter, weil sie bei Telephon- und Telegraphenanlagen störten und weil sie deren Bedeutung nicht kannten. In solchen Fällen wurden die OrtskommandanteR von den Juden bestürmt, die symbolische MameY wiederherstellen zu lassen. Bösartiger verlief die Sache, wenn Russen die Schnüre bemerkten und sie als geheime Telegraphenanlagen jüdischer Spionage betrachten. Dann gab es Strafen und Verschickungen nach Sibirien. Aufruf. Die Folgen der gegenwärtigen Ümwälzung haben einen Teil unserer Kaufmannschaft derart empfindlich getroffen, dass zahlreiche Familien von Kaufleuten vollständig verarmt und in derart kritische Verhältnisse geraten sind, daß sie mit eigenen Kräften sich emporzurichten nicht mehr imstande sind. Diejenigen, die nicht zu Schaden gekommen skicT. "Öder ,3Je~|JeB., gar bereichert haben, sind Verpflichtet, an " ihre" unglücklichen Berufsgenossen zu denken und

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