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Jüdische Korrespondenz · 1916-07-06 · 24 (6.7.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
24 (6.7.1916)
Date
1916-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 24. Von den letzten Ereignissen abgesehen, die in allen Kreisen begreiflicherweise eine starke Spannung auslösten, waren die Verhältnisse im jüdischen Lager auf dem Wege der Konsolidierung, insofern man dieses Wort bei den im Allgemeinen desolaten Verhältnisseti der Juden üaliziens überhaupt anwenden darf. Dia Flüchtlinge kehrten in großen Scharen zurück und nahmen ihre frühere Tätigkeit wieder aui. Auch das (iemeindeleben und das Vereinswesen belebten sich wieder, freilich mit allen damit verbundenen Nachteilen. In gewisser Beziehung läßt sich sagen, daß die galizischen Juden von den Ereignissen nicht viel gelernt haben. Unsere Kultusgemeinden stehen noch immer nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe und die Partei-Interessen machen sich noch immer bei jeder gemeinnützigen Sache höchst unangenehm und schädlich geltend. Selbst eine solche Angelegenheit, wie die Kriegswaisenfürsorge, die dank der Initiative der k. k. Statthalterei in Fluß gekommen ist, drohte auf schwere Hindernisse in ihrer Entwickelung zu stoßen, indem es gewisse Personen, die überall das Partei-Interesse höher als das Allgemeine stellen, unternommen haben, die Tätigkeit des seitens der staatlichen Kreise berufenen Zentralkomitees unterzubinden, um sich selbst der Sache zu bemächtigen und damit eine große Aktion, die zu vielen Partei-Sinekuren Möglichkeit bietet, in die Hand zu bekommen. Der Triumph dieser Leute, die sich hinter der Patronanz des Rettungskomitees verbergen, war jedoch verfrüht, indem der Statthalter die Anordnung, daß das Zentralwaisenfürsorgekomitee dem Rettungskomitee untergeordnet werde, rechtzeitig zurückgezogen hat. Gegenwärtig spielt sich wieder eine ähnliche Sache in anderer Richtung ab. Seit einiger Zeit sind Bestrebungen wahrzunehmen, den Lemberger Kultusvorstand aufzulösen und einen Regierungskommissär einzusetzen. Dies in derselben Zeit, da sich beispielsweise der aufgelöste Qemeinderat bemüht, die Wiedereinberufung zu erwirken. Es ist wohl richtig, daß gar manche der Kultusvorsteher ihre Pflichten nicht voll und ganz erfüllt haben, daß sie noch immer von Lemberg abwesend sind, trotzdem die Stadt seit einem vollen Jahre von der feindlichen Invasion befreit ist. So hat es selbst der Kultuspräsident nicht für notwendig gefunden, hierher zurückzukehren und die Gemeinde ist bis heute vom Herrn kaiserlichen Rat Jakob Stroh provisorisch geleitet worden. Aber nichtsdestoweniger soll die Gemeindevertretung insolange nicht aufgelöst werden, insolange dies nicht absolut nötig ist. Es ist jetzt nicht die Zeit zu persönlicher Politik und zur Befriedigung persönlicher Ambitionen, oder zur Vertretung von Partei-Interessen. Die Wellfriedenpropriezeiungen des Kempener Rabbi. Der berühmte Kempener Rabbi Meier Löb, oder wie er nach seinen Anfangsbuchstaben benannt wurde, Malbim, hat u. a. im Jahre 1868 eine Auslegung des Buches Daniel unter dem Titel „Die beglückende Verheißung" verfallt. Was versteht Daniel unter einer ..Zeit"? Er muß — nach Malbim — wohl einen Zeitraum gemeint haben, der in der Volksüberlieferung als Bezeichnung für einen größeren Zeitraum herkömmlich war. Entweder, so glaubt Malbim, ist darunter die Dauer des Aufenthaltes der Juden in Aegypten zu verstehen, der 400 Jahre währte, oder die Zeit des Bestandes des ersten Tempels, der 410 Jahre stand. Malbim entscheidet sich für die letztere Zeit. Demnach sind drei Zeiten 12.» Jahre und die Hälfte dieser Zeit 615 Jahre, drei Zeiten und diese Hälfte also 1845 Jahre. Da nun nach der jüdischen Rechnung der Tempel im Jahre 6S durch Titus (in Wirklichkeit im Juli des Jahres 70) /erstört wurde, so ist das Jahr des beginnenden Weltfriedens 1913 oder 1915. Dieselbe Zahl ergibt sich Malbim aus der Deutung des siebenten Verses im 12. Kapitel des Daniel, wo ebenfalls vom Ablauf der drei Zeiten und ihrer Haltte als der Endzeit geredet wirg. Das Buch Daniel schließt mit den Worten: „Und von der Zeit, da das tägliche Opfer aufgehoben worden ist, so daß das Ungetüm waltet, sind 1290 Jahre; heil dem, der das 1335. Jahr erlebt; dann gehe zum Endziel, und du darfst in deinem Lose am Endziel der Tage rasten." Nach Malbims Deutung sind die täglichen Opfer unter der sündhaften Königin Atalia aufgehoben worden. Das war im Jahre 3060 der Weltschöpfung, das heißt im Jahre 700 v. Chr.; zählt man zu diesen die 1290 des Daniel hinzu, so erreicht man das Jahr 4350 der Weltschöpfung; dieses war das Jahr „der möglichen Erlösung, falls Israel sie damals verdient hätte". Rechnet man die weiteren 1335 Jahre des Daniel hinzu, so kommt man zum Jahre der Erlösung 56S5 der Weltschöpfung, das heißt zum Jahre 1925. Das Mitglied des Kultusvorstandes, Dr. Alexander Hausmann, welcher seit Kriegsausbruch im Felde stand und wiederholt ausgezeichnet wurde, soll; wie verlautet, gelegentlich der jüngsten Kämpfe bei Radziwillow in russischer Gefangenschaft geraten sein. Das Ableben der orthodoxen Rabbiners Babad s. A. hat in '/ten hiesigen orthodoxen Kreisen eine schwere Lücke gerissen. Es muß jedoch gesagt werden, daß die Gerüchte über dessen mutmaßlichen^ Nachfolger unzutreffend sind. Die orthodoxe Judenschaft Lembergs braucht einen Rabbiner, der in erster Reihe die orthodoxe Richtung repräsentieren und nicht irgendwelche Partei-Interessen vertreten soll, wie dies bei dem Kandidaten, der angeblich die meisten Chancen (?) haben soll, dem Przemysler Rabbiner Schmelkes, der Fall ist, dessen Gelehrsamkeit wohl außer Zweifel steht, der aber mehr Parteipolitiker als Rabbiner ist. Auch die anderen in Umlauf gesetzten Kandidaturen können derzeit nicht ernst genommen werden. Die Besetzung dieses Postens muß übrigens den orthodoxen Kreisen selbst anheimgestellt werden, ebenso wie diese es waren, die seinerzeit den Rabbiner Babad s. A. berufen haben. Professor Dr. Ballaban, welchen zum Referenten für das jüdische Schulwesen im k. u. k. Okkupationsgebiet in Polen ernannt wurde, war bereits in Lublin, wo er sich dem k. u. k. Militär-Gouverneur vorgestellt hat. Seine eigentliche Tätigkeit, zunächst das jüdische Schulwesen zu inspizieren, wird Dr. Ballaban erst nach den Ferien beginnen. Bezüglich der Ernennung eines Referenten für die allgemeinen jüdischen Angelegenheiten beim Generalgouvernement haben die maßgebenden Kreise prinzipiell ihre Zustimmung erteilt. Die Ernennung des Dr. Tobias Aschkenazy, die bereits beschlossen war, ist jedoch aus Gründen persönlicher Natur unterblieben. # Der neue Statthalter von Galizien hat die in ihn gesetzten Erwartungen vollauf gerechtfertigt. In allgemeiner Beziehung zeigt der Landeschef das weitgehendste Interesse für alle Landesangelegenheiten. Der Statthalter weilt oft in Lemberg, besucht wiederholt die Provinz und veranlaßt alles notwendige zur Sanierung der Verhältnisse. Besondere Aufmerksamkeit widmet Statthalter GM. Freiherr von Diller dem Wiederaufbau des Landes und die Aktivierung der Wiederaufbau-Zentrale ist seinem energischen Betreiben zu verdanken. Auch den Interessen der jüdischen Bevölkerung widmet der Landeschef große A ufmerksamkeit. Außer der Kriegswaisenfürsorge hat der Statthalter an eine Reihe von Bezirkshauptmannschaften einen Erlaß gerichtet, in welchem die Aufmerksamkeit der Bezirkshauptmannschaften auf die ungeheure Notlage der jüdischen Bevölkerung in Ostgalizien gelenkt und zugleich darauf hingewiesenwird.daß die lokalen jüdischen Hilfskomitees und die Im Jahre 1913 oder 1915 wird der Anfang der Erlösung sein, die zwei Jahreswochen oder 14 Jahre währen soll. Von da an darf die Menschheit auf die Erfüllung aller weiteren biblischen Verheißungen rechy nen, die der gelehrte Malbim einzeln aufzählt und nach den Worten des Daniel-Buches zeitlich berechnet. Malbim fügt zu dieser Berechnung folgendes hinzu: „Ich schreibe dies im November 1867 (5628) nieder. Noch fehlen 60 Jahre zur Erlösungszeit. Aber die Zeit reift bereits heran, und ein jeder rüste sich auf ihr Nahen!" Er selbst hat allerdings nichts mehr von allem dem Ersehnten und Erhofften geschaut. Aber seine Berechnung des Jahres 1913 oder 1915 wurde wie ein kostbares Geheimnis in den gläubigen Kreisen Polens und Rußlands erzählt. Sie harrten sehnsüchtig der Erlösung aus russischer Bedrückung . . . Auszug aus Scholem- Aleicriem's Teslamenl. Die in New-York erscheinenden jüdischen Blätter veröffentlichen Auszüge aus dem Testament von Scholom Aleichem, aus denen sich das Bild des in Tränen lachenden Volksschriftstellers, in seiner Charaktergröße und seinem inneren Wesen wiederspiegelt. Es heißt dort u. a.: 1. Ich wünsche nicht unter den Privilegierten und Reichen beerdigt zu werden, sondern unter der Volksmasse, unter dem arbeitenden Volke selbst, auf solche Weise, daß mein Denkmal, Welches man über meinem Graben errichten wird, die einfachen Gräber um mich herum zieren soll und die einfachen Gräber hinwiederum mein Denkmal zieren sollen, so wie das einfache biedere Volk auch beim Leben seinen Volksdichter geehrt hat. 2. Kein Lob und kein Ehrentitel sollen auf meinem Denkmal geschrieben sein außer dem Namen Scholom Aleichem auf der einen Seite und der hier beigelegten Inschrift auf der anderen Seite. Kultusgemeinden, die bis nun die Hilfsaktion für die Juden mit privaten Mitteln leiteten, nunmehr erschöpft sind, und daher solche nicht weiterführen können. Die Bezirkshauptraannschaften werden somit angewiesen, diese Hilfsaktion für die Juden aus den ihnen zur Verfügung stehenden Staatsmitteln ausgiebig zu unterstützen. Es wird ihnen die Pflicht auferlegt, die diesbezüglichen Gesuche der einzelnen Kultusgemeinden und jüdischen Hilfskomitees wohlwollend und unverzüglich zu erledigen, für welchen Zweck sie von der Statthalterei die Mittel verlangen können. W—n. Die ameriliaütiiscn-jildiscrie Kongreß-Bewegung. Das Organisierungskomitee des amerikanisch-judischen Kongresses hat sich jetzt mit einem Zirkularschreiben an die führenden jüdischen Organisationen in allen Ländern gewandt, um diese mit dem Programm des Kongresses, seinen Zwecken und Zielen bekannt zu machen. Das Organisierungskomitee hat ferner 7 Kommissionen eingesetzt, die die Aufgabe haben, die Lage der Juden,in den einzelnen Ländern vor Zusammentritt des Kongresses gründlich zu studieren. Im besonderen werden sich die einzelnen Kommissionen zu befassen haben mit der Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Galizien, Polen, Palästina, der Emigrationsfrage und endlich der Frage der Etablisierung eines jüdischen Kongresses als einer dauernden Institution. Nachdem die meisten jüdischen Organisationen in Amerika auf der Vorkonferenz am 26. März in Philadelphia beschlossen haben, noch vor Ablauf des Jahres 1916 einen amerikanischjüdischen Kongreß auf breiter, demokratischer Grundlage einzuberufen, hat jetzt das American Jewish Committee, das die Kongreßidee bekämpft, auf seiner Sitzung vom 14. Mai in New- York eine Resolution angenommen, durch welche das Executive Comite des A. J. C. ermächtigt wird, im Juni des laufenden Jahres eine Konferenz der jüdischen Organisationen Amerikas zu veranstalten. Die Konferenz soll über die Maßnahmen beraten, die zur Sicherung der vollen Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern und zur Abschaffung .aljer^geggnhSie bestehenden Sündergesetze geeignet sind. Unter „vollständiger Gleichberechtigung'" ist zu verstehen: der Besitz aller bürgerlichen, religiösen und politischen Rechte, sowie in denjenigen Länuern, in welchen Sonderrechte für Bevölkerungsgruppen anerkannt sind, die Ausdehnung dieser Rechte auf die Juden, sofern diese sie wünschen. Gleichzeitig beschloß das American Jewish Committee, die Anzahl seiner regulären Mitglieder auf 200 auszudehnen. Ein Teil der Mitglieder soll von der jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten gewählt, ein anderer Teil vom American Jewish Committee auf seiner 3. Ich möchte, daß keine Diskussionen unter meinen Freunden über die Art entstehen, wie mein Name zu verewigen ist. Ich würde keine Ruhe im Grabe haben, wenn meine Freunde sich mit solchem Tand abgeben sollten. Das beste Andenken wäre für mich, wenn man meine Bücher lesen wollte und wenn sich unter den Wohlhabenden freigebige Spender t\::den würden, welche zur Herausgabe meiner Bücher beitragen, um letztere unter dem Volke zu verbreiten. 4. Das Kaddisch-Gebet soll an meinem Grabe während des ganzen Jahres so wie auch an den Jahrzeitstagen von meinem einzigen Sohn und meinem Schwiegersohn verrichtet werden, sofern diese es tun wollen. Falls sie es nicht wollen, sei es daß sie keine Zeit hätten, oder daß es gegen ihre religiösen Ueberzeugungen (?) wäre, dann können sie ihre Pflicht erfüllen, indem sich alle meine Kinder, Enkel und meine nächsten Verwandten und Freunde versammeln, mein Testament lesen und dabei auch eine meiner lustigsten Geschichten auswählen und gemeinsam in einer ihnen am meisten verständlichen Sprache vorlesen. Mein Name sei lieber unter Lachen erwähnt, als gar nicht. 5. Was für religiöse Ueberzeugungen meine Kinder und meine Enkel auch haben sollten, so verlange ich von ihnen, ihre jüd. Abstammung zu bewahren. Diejenigen meiner Kinder, welche ihr Volk verleugnen und sich zu einer andern Religion bekehren werden, sind von ihrem Volke abgeschnitten und aus meinem Testament ausgemerzt. Nachdem der Dichter sein Hab und Gut unter seine Kinder verteilt und sie ersucht hat, ihre Mutter in Ehren zu halten, schließt er: Und meine letzte Bitte ist nicht zu weinen, im Gegenteil meinen Namen in Freuden zu erwähnen. Hauptsache ist, Ihr sollt in Frieden leben, nicht einander im Herzen Haß nachtragen. Meine Kinder, traget in Ehren meinen jüdischen Namen, der mir so viel Mühe gebracht hat, und Gott im Himmel wird Euch zu Hilfe kommen. Amen!

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