Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 24 (6.7.1916)
- Date
- 1916-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^m^m^mmm^im^m^m^im^m ^<s9S^^ft^^K^^^. «• ^Ks*j?s ^*V**>''&*As»fc« ta Jüdische Korrespondenz P^™K0,rr- Wochenblatt für jüdische Interessen. ^H^TT (tacMrvck nrit votter Quelieiangabe gettattet. Redakteur: Jonas Kreppel. E rs che i n t j ede n Don ner »tag Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Witt», VIII. Aiserstrate M. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 24. Wien, 6. Juli 1916. 2. Jahrgang. Jüdlsctve Kriegs- und Friedensziele. 1» der hundertsten Kriegswoche ist der Kampf wieder einmal an allen fronten mit einer tast noch nicht dagewesenen Heftigkeit entbrannt,. Die Entente setzt alle Hebel in Bewegung, um das ihr bisher untreu gebliebene Kriegsglück an die eigenen Fahnen zu fesseln. An der Ostfront, an der Westfront, an der Südwestjront wird, blutig gekämpft und gestritten, vielleicht wird auch gar bald an der Südostfron4«1er Kampf wieder entDrennen und dann we.aen wir Zeugen sein des gewaltigsten Kampfes, den, die Menschheit je gesehen, des K&rnpfes von Millionen g.egen Millionen, mit der Hilfe aller raffiniertesten Mittel der Technik, aller Werkzeuge der Zerstörung und Vernichtung; — eines wirklichen Kampfes auf Tod und Leben. Adt dies geschieht in dem Moment, da man allgemein,der Meinung war, der Krieg habe schon langst den Gipfelpunkt überschritten und daß jetzt nur noch Nachhutkämpfe geliefert werden. Ute lange Pause an allen Fronten ließ gar Manchen dazu verleiten, anzunehmen, daß die Friedeossehnsucht und das Friedensbedürfnis aller Völker bereits so intensiv sei, daß es nur noch eines entsprechenden Vermittlers bedarf, um die Einstellung des Kampfes herbeizuführen und, die Kriegführenden an dem grünen Titsche, zusammenzubringen, wo das blutige Ringen endgültig liquidiert werden würde. So sehr, war diese Meinung verbreitet, daß man geneigt war, in Wilsons Friedensvermittlungsjajg|bj|eiBen Wink an alle Kriegführenden " z.u. sefieST'die^ IhreTsMts WlerrergMehnte ^or- Jegeaheit zu. ergreifen und dem Kriege ein Ende Zu bereiten, dessen Würfel bereits gefallen und dessen Schicksal nicht mehr zu ändern ist. Diese Erwartungen haben jedoch enttäuscht. Die Entente, die auf allen Kriegsschauplätzen, zu Lande und zur See, im Luftkriege, wie im Tauchbootkampfe, geschlagen wurde, wollte das blutige Spiel noch nicht verloren geben und versucht noch einmal ihr Qlück. Nach monatelangen Vorbereitungen ist jetzt neuerdings der Kanypi entbrannt, aer dem Kriegsverlaut eine andere Wendung geben soll. Der Zar läßt Hekatomben dem Moloch „Expansion" opfern, der ihn wieder in den Besitz der verlorenen Provinzen und der angestrebten üebiete bringen soll. Frankreich, das sich bereits fast verblutet hat, läßt das Blut seiner jüngsten Söhne vergießen, um die fata morgana, genannt Elsaß- Lothringen, zu erreichen. Die Italiener, die ein Jahr lang vom Mißgeschick verfolgt wurden, versuchen noch einmal ihr Qlück, vielleicht ist ihnen diesmal der Teufel doch gnädig und verhilft ihnen zu dem Besitz der üebiete. derentwillen sie sich ihm verschrieben haben. Selbst die Engländer, die es bisher verstanden haben, das eigene Menschenmaterial zu schonen und die Freunde für sich kämpfen zu lassen, mußten sich schließlich zu einem Aderlaß bequemen und den blutigen Tanz mitmachen, in der Erwartung, daß vielleicht die gemeinsame Aktion an allen Fronten das erreichen werde, was der Entente bisher versagt geblieben ist. Ohne den Propheten spielen zu wollen — was unter allen Umständen ein gewagtes Unterfangen ist — kann jedoch die Meinung festgehalten werden, daß die Anstrengungen der Entente und deren Opfer vergebliche seien. Der Sieg, der nun einmal den Mittelmächten und ihren- Verbündeten zugefallen ist, wird ihnen nicht mehr entwanden werden. Die Entente kann hie und da Teilerfolge lokaler Natur erringen. Aber schließlich wird sie wie bisher unterliegen und die bisherigen Sieger werden die endgültigen Sieger bleiben. So ist es teilweise s^hon mit der jüngsten russischen Offensive gesehenen und so wird es auch an allen Kpieg^ronten geschehen, mag die Entente hie upd d* .auch zunächst einige Erfolge erringen kowieB. Wir stehen somit, trotz der letzten Ereignissttv am Ende des Krieges. Was sieh jetzt auf allen Fronten airspieit, sind die letzten Phasen dieses gewaltigen Ringens. Die Entscheidung reift und der Friede dürfte trotz allem doch in die Nähe gerückt sein. * Der Umstand, daß der Krieg die halbe Welt umfaßt und selbst diejenigen Völker in Mitleidenschaft zieht, die eigentlich am Kriege nicht teilnehmen, hat es mit sich gebracht, daß die gesamte Menschheit an dem Resultat desselben interessiert ist. Selbst die Neutralen haben heute Kriegs- und Friedensziele, da sie an dem Ausgang des Krieges und an dessen Resultaten interessiert sind. Umso stärker ist dies bei den Juden der Fall, die zwar als ganzes Volk nicht auftreten können, da deren Söhne Bürger aller kriegführenden Staaten seien und infolgedessen gezwungen sind, gegeneinander zu kämpfen — nichtsdestoweniger als Gesamtheit ein einheitliches Kriegsziel und einheitliche Friedensziele haben. Die Bürger der diversen kriegführenden Staaten erfüllen wohl voll und ganz ihre Pflichten gegenüber ihrem Vaterlande. Aber unbehindert dadurch müssen sie als Juden gewisse Wünsche haben, die ihnen notgedrungen andere Ziele vorschweben lassen, als ihren Mitbürgern nichtjüdischer Konfession. Wir wollen es nicht näher untersuchen, inwiefern die Juden in den Ländern der Entente diesen Zwiespalt in ihrem Gewissen, in ihrem Fühlen und Denken, unter sich selbst zur Austragung bringen. In Bezug auf die Juden der neutralen Länder kann es keinem Zweifel unterliegen, daß ihre Gefühle und ihre Wünsche sich den Mittelmächten zuwenden müssen, ohne Rücksicht darauf, von welchen Strömungen ihre Mitbürger sonst sich hinreißen lassen. ^..... Qerade die Ereignisse, der letzten Wochen haben es~H3ch etamar "d'eutt^*iSwte*«tr tiafr;üer gar kein Zweifel vorhanden sein kann. Wohl ist es wiederholt von Seiten der Entente versucht worden, im neutralen Auslande andere Stimmungen unter den Juden aufkommen zu lassen. Die Erfahrungen haben jedoch gezeigt, daß diese Bemühungen vergebliche waren, ebenso vergeblich, wie alle sonstigen Bemühungen der Entente, mit der Hilfe ihrer Mache irgendwie zu reüssieren. In Lausanne ist vorige Woche ein Kongreß der „Unterdrückten" abgehalten worden. Die Atmosphäre in dieser schweizerischen Stadt ist sicherlich der Entente nicht ungnädig — und doch war es gerade das stärkste Roß derselben, Rußland, gegen welches sich die stärksten Beschwerden, die bittersten Klagen, die heftigsten Proteste, gekehrt haben. Besonders furchtbar war die Anklage, die der jüdische Vertreter, Aberson, gegen das Zarenreich erhob. Ohne die Bedeutung dieses Ereignisses überschätzen zu wollen, so zeigt dasselbe deutlich genug, in welcher Richtung sich die Klagen des jüdischen Volkes bewegen und nach welcher Richtung sich demnach die Wünsche des jüdischen Volkes als solcher kehren müssen. In der Schweiz ist vor kurzem eine jüdische Organisation „Pro causa judaica" gegründet worden, deren Aufgabe es ist, die Rechte und die Interessen der Juden beim Friedensschlüsse zu schützen. Es genügt» den Aufruf, den dieses Komitee erlassen hat, zu lesen, um zu sehen, an welche Adresse er gerichtet ist: an die Adresse des Zaren, in dessen Reich 6 Millionen Juden ein menschenunwürdiges Dasein führen müssen. Gelegentlich des Wahlkampfes in Amerika ist auch dort die Judenfrage auf die Tagesordnung gestellt worden. Die jüdische Wählerschaft, deren Votum bei der Präsidentenwahl eine gewisse Bedeutung besitzt, macht die Erteilung desselben von der Haltung des Kandidaten zur Judenfrage abhängig. Und wieder ist es in erster Reihe das Los der Juden im Zarenreiche, das in Betracht kommt und dessen Besserung von dem Eingreifen des künftigen Präsidenten erwartet und gefordert wird. Dies kann ohneweiteres geschehen, trotzdem die öffentliche Meinung im Reiche der Morgan und Rocketeller auf Seite der Entente steht, derselben aktive und passive Hilfe leistet und demgemäß deren Sieg herbeiwünscht. Aber nicht bloß dies. Die eigenen Verbündeten des Zaren finden sich allzuoft in der unangenehmen Lage, der Juden wegen mit ihrem Alliierten in Konflikt zu geraten. So geschah es erst unlängst gelegentlich der Winschattskonferenz in Paris, Wo die Westmächte für diu Anerkennung der Reisepässe für Juden, die in Rußland Geschäftsreisen unternehmen wollen, eintreten mußten, ohne ihren Willen freilich durchsetzen zu können. So geschah es letztens wiederholt mit dem Verlangen der russischen Regierung, derselben die nach den Westländern vor den Pogroms geflüchteten russischen Juden auszuliefern, damit dieselben im Zarenreiche ihrer Militärpflicht nachkommen — ein Verlangen, das selbst in Paris und London auf den heftigsten Widerstand gestoßen ist und in der Presse die lebhaftesten Proteste hervorgerufen hat. All diese Fakten, die nach Belieben noch vielfach vermehrt werden könnten, beweisen zur Genüge, daß alle Bemühungen der Entente, für ihre Sache unter den Juden Stimmung zu machen, vergebliche waren. Die Kriegs- und Friedensziele des jüdischen Volkes als solchen sind und bleiben: gegen die Entente als Verbündete des blutigen Zaren und für die Mittelmächte. In diesem Sinne begleiten auch die Wünsche der Juden die gegenwärtigen Kämpfe, deren entscheidende Bedeutung unverkennbar ist. Spectator.