Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 23 (27.6.1916)
- Date
- 1916-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 23. Zeichen, daß der jüdische Farmer in Amerika an öoaen gewinnt', so erklärte Mr. W. Puikus, üer Redakteur ües „Jüdischen Farmer". jacob Sehnt wurde mit großen beitali begrünt. Er begann seine Rede mit einigen Bemerkungen uoer seine persönlichen Erfahrungen als rarmer und sagte: „Ich habe eine Farm in New-üeorgia, auf der ich mich vier Monate des Jahres auihaite". L.r versiclierte sofort, üab es beileibe nicht seine Ansicht sei, sein Leben als Fanner zu verDruigen. „ich diu das ganze Jahr über geschaithcli als Bankier tatig, da kann ich mir wohl den Luxus erlauben, vier Monate lang Farmer zu sein. Wenn ein Uast zu mir aui die Farm kommt trage ich um, ob er ein ülas Milch oder Champagner haoen will. Und ich möchte, daß er L-liampagner will, denn meine Milch kostet mich viel mehr." Im ernsteren 1 eil seiner Kede sagte Schiff, daß die kommende jüdische tinWanderung nach Amerika im ganzen aui die Farmerej angewiesen sei. „bis der Krieg vorbei sein wiru, wird ohne Zweiiel ein großer Teil unserer Brüder an unsere üestade kommen. Unsere erste Aulgabe wird sein: sie zu guten Amerikanern zu machen. Und das werden sie niemals werden, wenn sie in New-York, oder einer anderen überlüllten Hafenstadt bleiben werden, tis ist nötig, daß sie sich an die Farmerei heranmachen. Amerika ist, Uott sei Dank, groß genug." Schiff wies dann weiter darauf hin, daß für den jüdischen Farmer, der zu der „ursprünglichen Beschäftigung" seines Volkes zurückkehrt, die Religion des Volkes größter Schatz, ein L'uell der Begeisterung und des Idealismus werden kann. Ueber den Erfolg der Kreditgesellschaften der jüdischen Farmer und ihre kooperativen Versicherungsgesellschaften, durch die es den jüdischen Farmern gelang, das Joch der antisemitischen Versicherungsgesellschaften von sich abzuschütteln, sprach Alfred Saretzky, Vizepräsident der Jüdischen Agrikulturellen Gesellschaft. Fine großartige Begrüßung der jüdischen Farmer in Amerika überbrachte M. Cutler von Providence, R. J. „ Die fünfzigtausend jüdischen Männer und Frauen, die heute amerikanischen Boden bearbeiten", erklärte er, „tun für das jüdische Volk mehr in einem Tag, als die Million Juden der großen Stadt in einem Jahr." ,. . Andere Reden wurden von Dr. Jacob Ligman gehalten, dem Direktor der M. S. A. Agricultural-Experiments-Station in New-Jersey, und von den Farmern Ahron Rostoff und Samuel Hein; die letzten zwei sprachen jiddisch. Die Konferenz dauerte drei Tage. * Mr. Louis D. Brandeis hat der amerikanischen Zionistenföderation den Betrag von lüü Dollars für das beste Essay eines Studenten an einer Universität in den Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellt. Als Themata kommen in Frage :„Demokratische Tendenzen im jüdischen Leben seit der französischen Revolution", „Nationalismus, Internationalismus und Kosrnopolitismus in ihrer Bedeutung für die jüdische Frage", „Jüdische Erziehungsinstitute in Palästina", „Agrikulturelle Produktion in Pa- Feuillelon. Schalom Alejchem's Grabschrift. (Von ihm selbst verfaßt.) Do liegt a Jud, a poschuter, Geschrieben Jüdisch-deutsch far Weiber Un far das proßte Volk is er — üewen a Humorist, a Schreiber. Das ganze Leben ausgelacht, üeschlogen mit der Welt kappores. Die ganze Welt hot gut gemacht Un er — oj weh — gewen auf Zores! Un davke demolt, wenn der Ojlom hot Oelacht, geklatscht un flegt sich frohen Hot er gekrenkt — dos weiß nor Qot — Besod, as keiner soll nit sehen. Schalom Alejchem. Das verschwindende Ghetto. Aus Amsterdam wird dem „Berliner Tageblatt" geschrieben: Im Amsterdamer Museum wurde in diesen Tagen eine eigenartige Ausstellung eröffnet. .Das verschwindende Ghetto" nennt sie sich, und der Umstand, daß ein Teil des Amsterdamer Judenviertels, die Uilenlästina" und ähnliche mehr. Preisrichter sind die Herren Junge Julian W. Mack, Prof. Richard Qottheil und Prof. Felix Frankfurter. Die Arbeiten müssen bis zum 1. Dezember 1916 eing&- reicht sein. Nähere Auskünfte erteilt die Federation of American Zionists, 161 Devonshire St., Boston. * Am 27. 2. fand die Einweihung des neuen hebräischen technischen Instituts, das durch die Familien Loeb und Bloemingdale zu Ehren der verst. Professoren Dr. Morris Loeb und Joseph B. Bloemingdale mit einem Kostenaufwande von Pfund 175000. errichten wurde, statt. Das Institut bezweckt die Heranbildung jüdischer Techniker. Es besteht seit dem Jahre 1884 und hat bereits 1300 junge Leute nach Beendigung ihrer Studien enlassen, von denen 75% lohnende Stellungen in ihrem Beruf bekleiden. — Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen Pfund 56244, die Ausgaben Pfund 357785, so daß ein kleines Deficit zu decken war. Jacob Schiff sprach s. Z. irn Namen der Familie Loeb. Aber auch noch bei einer weiteren Veranstaltung war Herr Schiff an diesem Tage, der ein jüdischer Jubiläumstag für New-York war, zugegen und hielt eine Ansprache. Das war das 25jährig. Jubiläum der Schwesternschaft des Tempeis Israel, die sich die Armenpflege zur Aufgabe gemacht hat. Alle diese Institutionen erfreuen sich der finanziellen Unterstützung des Herrn Jakob H. Schiff, dessen Stiftungen an einem Tage ein großes Vermögen darstellen. Er schenkte aber zu gleicher Zeit noch 10000 Pfund dem amerikanischen Roten Kreuz zur Anschaffung von Betten für den Kriegsfall. * Der jüdischen Gemeinde New-Yorks ist die Aufgabe zuteilt geworden, dem toten Schalom Alejchern die letzte Ehre zu erweisen. Die Beerdigung fand Montag den 15. Mai statt und trug den Charakter einer nationalen Trauerfeier von gewaltigen Dimensionen. Auf eine Viertelmillion Menschen wird die beteiligte Menge geschätzt. Kinder der national-radikalen u. national-hebräischen Schulen, Deputationen jüdischer, politischer, kultureller, gewerkschaftlicher, wirtschaftlicher Organisationen aller üesellschaftsschichten bildeten den Kern des schier unabsehbaren Trauerzuges. Die bedeutendsten jüdischen Schriftsteller und Publizisten Levin, Sch. Asch, Reisen, Jeoasch, Pinsky, Hirschbein, Ab. Kahan, Liesin, Syrkin, Schitlowsky u. a.m. — bildeten in den zwei Tagen bis zur Beerdigung eine Ehrenwache, die Tag und Nacht den Sarg umgab. Von ihnen wurde der Sarg auch im Zuge getragen. Trauerreden wurden im Gebäude der „Educationell Alliance" und am offenen Grabe gehalten, u. a. von Dr. Magnes, Pinsky, Jeoasch, Reisin, Asch, Dr. Schmarjah Levin, Chasanowitsch, Wintschewsky. — Einen erschütternden Eindruck machten die am 14. Mai veröffentlichten letztwilligen Verfügungen von Schalom Alejchen. In seinem Testament schrieb der große Dichter vor, daß man ihm nicht unter Aristokraten, Reichen, sondern zwischen einfachen Juden, Arbeitern, mit dem armen Volke, begraben soll. „Der Grabstein auf meinem Grabe soll die Gräber um mich umstrahlen, und die einfachen Gräber sollen meinen Grabstein verschönern, wie das einfache, ehrliche Volk zu meinen Lebburg, niedergerissen wird, ist der äußere Anlaß zu ihrer Veranstaltung. Diese Ausstellung bietet ein ungemein interessantes Bild der Entwicklung des Amsterdamer Judentums. Lange hat der Kampf gedauert, bis der Entschluß, das Judenviertel niederzulegen, sich durchzusetzen vermochte. Groß war die Gegnerschaft derer, die es Vandalismus nannten, einen der ältesten und besonders charakteristischen verschwinden zu lassen. Wenn man die Straßen entlang wandelt und diese armseligen Häuser betrachtet, von denen ein großer Teil, durch die Polizei als unbewohnbar erklärt, leer steht, dann bekommt man bereits ein unbestimmtes Vorgefühl von der Art, wie hier die Menschen dahinleben müssen. Aber das lebhafte bunte Bild der Straße, die äußere Zufriedenheit der Bewohner, die ihr Elend nicht zur Schau tragen, weil sie es kaum empfinden, täuscht doch noch über die Wirklichkeit. Man muß die engen Stiegen hinaufklimmen, muß einen Blick hineintun in diese sonnenarmen, halbdunklen Räume, wo kinderreiche Familien aufeinanderhocken, muß solch ein Zimmer sehen, das zu gleicher Zeit als Wohn-, Eß- und Schlafzimmer dient, als Küche und Trockenboden. Das schrecklichste ist aber doch die Luft, diese Luft, die keine Luft mehr ist, die sich schwer auf die Brust legt, deren stockige Dicke man zu greifen glaubt und zu der nie ein frischer Zustrom dringt. Man kann sich einen Begriff von dem Zustand dieser „Wohnungen" machen, wenn man hört, daß darunter solche sind, die für einen Gulden in der Woche vermietet werden. Nein, es ist nicht schade, wenn diesem Zustand ein Ende gemacht wird. Architektonische Schönheiten werden bei dem Niederzeiten seinen Volksdiehter zierte." Schalom Alejchen lehnt jedes Denkmal ab. Man lese lieber und verbreite seine Werke und sorge für eine ehrenvolle Existenz seiner Familie. „Ich gehe von der Welt mit dem festen Glauben, daß das Volk meine Waisen nicht verlassen wird." An seinem Todestage, bittet der Dichter nach ihm Kaddisch zu sagen, oder sein Testament und irgend eine seiner „Geschichten" vorzulesen. „Religiöse Uberzeugungen können meine Kinder und Enkel welche immer haben. Nur ihre jüdische Abstammung bitte ich sie zu bewahren. Diejenigen von meinen Kindern, die von ihrem Stamm abfallen und einen andern Glauben betreten sollten, haben sich selbst aus meinem Testament gestrichen, sie haben keinen Teil noch Erb unter ihren Brüdern." 10 Prozent Einnahmen aus seinen Werken vermachte Schalom Alejchem einem zu gründenden Fonds für jüdische Schriftsteller, die jüdisch oder hebräisch schreiben. Ger Toschaw. Menschikows „f iidische Sauce". Die russischen Zeitungen der letzten Tage glossieren die zwischen „Nowoje Wremja" und „Semschtschina" in der Angelegenheit des früheren Kriegsministers Suchomlinow entstandene Polemik. Ein gewisser Efromow erinnert in „Semschtschtina" daran, daß der bekannte Publizist Menschikow anläßlich der vor sieben Jahren erfolgten Ernennung Suchomlinows zum Kriegsminister in der „N. W." schrieb, man werde die Tätigkeit Suchomlinows scharf kontrollieren müssen, da er von Juden umgeben sei, die großen Einfluß auf ihn ausübten und ihn geradezu gefangen hielten. Efremow fragt in dem Artikel, weshalb Menschikow nicht mehr Mut aufbringe, gegen die Juden aufzutreten. Menschikow erwiderte in Nowoje Wremja, er wolle jetzt aus dreierlei Gründen über die Juden nicht schreiben. Erstens habe er alles, was er über die Juden zu sagen hätte, bereits gesagt, zweitens sei zu Anfang des Krieges aus den höchsten Kreisen die Weisung gekommen, nationale Zwistigkeiten und Parteistreitigkeiten für die Dauer des Krieges zu unterlassen, drittens sei es Rußlands unwürdig, mit kleineren Nationalitäten, wie den Juden oder Litauern, Kämpfe auszüfechten, während die Söhne dieser Nationalitäten für Rußland bluten. Er habe allerdings vor sieben Jahren geschrieben, daß die Juden verderblichen Einfluß auf Suchomlinow ausübten. Dies habe aber nicht den Tatsachen entsprochen. Er habe gewußt, daß in der Umgebung Suchomlinows sich Deutsche und üesterreicher befanden, die infolge ihrer Mitwirkung bei seiner Skandalheirat und ihrer Mitbeteiligung an verschiedenen Lieferungen in Kiew ihn in ihrem Banne hielten. Der damalige Ministerpräsident Stolypin, dem dieser Artikel im Abzug vorgelegt worden sei, habe jedoch nicht gestattet, daß gegen Deutsche Verdächtigungen ausgesprochen würden. Um aber die Veröffentlichung seines die Öffentlichkeit warnenden Artikels zu ermöglichen, habe Menschikow, wie er sich ausdrückte, zur „jüdischen Sauce" gegriffen und aus Deutschen Juden gemacht; so haben seine Artikel erscheinen dürfen. Dieses Geständnis des Herrn Menschikow, der nicht nur das Haupt der „Nowoje Wremja", sondern auch einer der populärsten, und gefürchtetsten Journalisten Rußlands ist, dieses reißen kaum vernichtet. Und im übrigen bleibt von dem altem Amsterdamer Judenviertel noch genug für ergiebige ühettostudien. Das Ziel der Ausstellung, ein möglichst vollständiges Bild des Amsterdamer Judentums zu geben, ist dank der eifrigen Mitarbeit aus den holländischen und portugiesischen Kreisen der jüdischen Bevölkerung und der verschiedenen kirchlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen durchaus gelungen. In neun Abteilungen mit 1548 Nummern ist hier ein Stück jüdischer Kulturgeschichte zusammengehäuft, wie man es in solcher Anschaulichkeit und Reichhaltigkeit kaum je beisammen gesehen hat. Einzigartige Kostbarkeiten sind da aus dem 13. Jahrhundert mit Gebeten für die jüdischen Festtage. Welchen Wert man dieser Handschrift beimißt, geht daraus hervor, daß sie für die kurze Dauer dieser Ausstellung mit der Summeivon 80.000 Gulden versichert wurde. Auch die bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Nachbildung eines typischen Ghettozimmers mit all den Gegenständen für die rituellen Gebrauche ist von besonderen Interesse, ebenso die reichhaltige Bildersammlung mit einem bisher unbekannten Porträt von Spinozza. Und so sind es hundert Dinge, die das Auge fesseln, und man kann beim Durchwandern der Ausstellung fast bedauern, daß es sich hier um eine nur vorübergehende Veranstaltung handelt. Der Gedanke an ein Museum, das alles, was die jüdische Kultur versinnbildlicht, dauernd zusammenhält, drängt sich dem Besucher der Amsterdamer Ghetto-Ausstellung von selbst auf.