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Jüdische Korrespondenz · 1916-06-27 · 23 (27.6.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
23 (27.6.1916)
Date
1916-06-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«ä**^^^ Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. iIf..i___w .j.________! Redaktion und Administration Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. \ VC^ZZ'T Redakteur: Jonas Kreppel. | Erscheint jeden Donnersta Mr. 23. Wien, 27. Juni 1916. 2. Jahrgang. Zum drillen Male. Zum dritten Male haben sich des Zaren Kosakenhorden in wilde Bewegung gesetzt, um Galizien und die Bukowina zu überschwemmen. Zum dritten Male während des gegenwärtigen Weltkrieges mußten Tausende und Abertausende jüdischer Familien in den bedrohten Grenzgebieten Hab und Out zurücklassen und kaum mit dem nackten Leben flüchten, um nur nicht auch nur zeitweilig bekanntschalt mit diesem modernen „Kämptern lür Freiheit und Kultur" zu inachen. Zum dritten Male hat sich die russische Dampfwalze in Bewegung gesetzt, um dem Zaren jene Gebiete wiederzuerobern, die er im Vorjahre verloren hat. Getreu den bekannten Grundsätzen, daß das Menschenleben in Rußland ein sehr billiger Artikel ist, lassen des Zaren Heerführer Hekatomben opfern, um nur irgend einen Frfolg zu erzielen. Vielleicht ist es der Druck der Alliierten, der diese Taktik erzwang, vielleicht ist es die Furcht vor Frschütterungen im eigenen Reiche, die diese Massenhinschlachtung ge- Dietet — jedenlais werden keine Opfer gescheut, um das Ziel zu erreichen. Und mit diesen gewaltigen Uptern konnten auch negreiilicherweise in cier ersten Stadien des plötzlich entbrannten Kamptes gewisse cnoige erzielt werften, die vorläufig darin gipfeln, daß die Russen zum dritten Maie in wzernowitz einrücken konnten, daß es innen gelungen ist, wieder einmal menrere gaiizischen u. bukowinaer ürtsehatten zu besetzen und daß wieder einmal eine Anzahl -------.Xkfcschaff.£ft-,vjür juem .sich„wie ...da -JuraA^adjis Meer heranwälzenden Feinde geräumt werden mußten. In Petersburg, wie nicht minder im Lager der oitente, herrscht über diesen neuen crtoig der gewaltigste jurjel. Daß es dem Russenheere zum dritten Male gelungen ist, die Hauptstadt der Bukowina m besitz zu nehmen, dieser Umstand vergrößert noch uie Freude und den Übermut. Die Fntente, die ein ganzes Jahr vorn Glück verlassen war, will in diesem Ereignis eine Wendung des Schicksais sehen, eine Wiederaulleöung des bereits als niedergerungen beurteilten Rußland. Es wäre nun wahrlich naiv, die Bedeutung dieses neuesten russischen trioiges verkleinern oder gar verkennen zu wollen. Kein Gegner dun gering geschätzt werden und das Zarenreich, das im Vorjahre so schwere Schläge erlitten hatte, konnte sich schließlich nach einen vollen jähre so weit erholen, daß es sein Glück nocii einmal zu probieren vermag. An Menschen mangelt, es dem Zaren sicherlich nicht. Haben ihm nun die Verbündeten die nötige Munition, die leihenden Geschütze und die Bedienungsmannschaft zur Verfügung gestellt, so konnte er zeitweilig einige trfolge erringen, bis es dem Gegner gelungen ist, seine Gegenmaßregeln durchzuführen. Allein, gerade der Umstand, daß es das dritte Mal ist, da die Russen in Galizien und die Bukowina einbrechen, ist es, der die Hoffnung auf deren baldigen Hinauswurf begründet erscheinen läßt. Was zweimal gelungen ist, wird auch zum dritten Male gelingen — hoffentlich so gründlich als möglich und endgiltig. Als die Russen das erste Mal in Galizien und die Bukowina eingedrungen waren, setzte gar bald eine Gegenoffensive ein, die sie bis zur bessarabischen Grenze und in Galizien bis vor die Tore Lembergs zurücktrieb. Zum zweiten Male gelang es ihnen, ihre Dampfwalze in Bewegung zu setzen — aber diesmal war die Gegenoffensive schon viel gründlicher: nicht bloß müßten sie die ganze Bukowina und fast ganz Galizien bis auf einen schmalen Zipfel Landes räumen, sondern auch noch gewaltige Gebiete des eigenen Reiches dem siegreichen Gegner überlassen. Nun versuchen sie zum dritten Male ihr Glück. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ihnen auch diesmal dasselbe Geschick beschieden sein wird, wie bisher und daß die russische Dampfwalze gar bald die berühmte, rückwärtige Bewegung antreten werde. Nach den bisherigen Erfahrungen muß man fragen, wie weit sie diesmal „zurücklaufen" wird und welche Teile des russischen Reiches wieder einmal den Klauen des Zaren entrissen werden würden. Die gegenwärtige Situation darf allerdings nicht über die leickte Aciisel genommen werden. Das traurige Schicksal derjenigen unserer Brüder, die wieder neun und rierd verlassen mußten, um in der rreinde em „Fiüchtüngsaasein" zu iuhren, ist sehr oedauernswert und run das tiefste Mitgefühl hervor. Allein, nicht einen Moment durl der Mut lallen gelassen werden. Wir müssen das vollste Vertrauen zu unserer Heeresleitung naben, die schon so oft die glänzendsten beweise ihres Konnens geliefert hat, wir hegen das höchste Vertrauen zu unseren tapferen Soldaten, die seit last zwei Jahren iortgesetzt den beweis geliefert haben, daß sie auch gegen eine gewaltigen Übermacht zu siegen verstehen. Wir hegen schließlich das höchste Vertrauen zur ewigen Uerechtigkeu, die Oisher in diesem Kriege stets der gerechten Sache ihren mächtigen beistand geliefert hatte. Andererseits zeigt diese Wendung der Ereignisse, wenn sie auch bloß eine vorübergehende Episode biiden dürfte, daß diejenigen recht haben, die den Standpunkt vertreten, daß wir Juden vorlaufig alle unsere Kräfte daran setzen müssen, unsererseits das Mögliche zur Erringung des endgiltigen Sieges über unseren Erbfeind beizutragen. Für die „große Politik", für die Lösung der inner-jüdischen Probleme, wird es noch Zeit genug sein. Die neuen Gefahren, von welchen giroße Teile unserer Brüder neuerdings mindestens bedroht sind, müßten allen unseren Glaubensgenossen den Weg zeigen, den sie gegenwärtig zu wandeln haben: Der Kampf gegen Rußland ist und bleibt die vornehmste und heiligste Aufgabe aller Juden! Keine Frage ist wichtig genug, um die Judenschaft aller Länder von dieser Aufgabe abzulenken. Wer etwa anderer Meinung sein sollte, der frage diejenigen lausende und Abertausende, die zum dritten Male lieber das bereits genügend gekostete Flüchtlingsleben nochmals iuhren wollen, um nur nicht auch nur zeitweilig mit des Zaren Kosakenhorden Bekanntschaft machen zu müssen. Auch die gegenwartigen Gefahren werden hoffentlich vorübergehen. Zum Verzweifeln liegt kein Anlaß vor. Zusammen mit allen Völkern der Monarchie werden wir auch diese schweren Tage mit Geduld und Ausdauer, hoffnungsvoll und zuversichtlich ertragen. Wir werden zum dritten Male die Wiedereroberung der Gebiete erleben, die heute dem Feinde in die Hände gefallen sind. Unser Triumpf wird dann umso größer sein, als der damalige Sieg der endgiltige sein wird. Spectator. Die Wahlen in Amerika und die Juden. Aus New-York wird gemeldet: Die über 500.000 Wähler zählende Judenschaft der Vereinigten Staaten ist an Präsidenten Wilson und Richter Hughes mit der Frage herangetreten, was sie zur Linderung der furchtbaren Lage der Juden in Rußland tun würden. Wilson antwortete überhaupt nicht. Hughes dagegen erklärte, er werde, wenn er Präsident sei, die Aktion des ehemaligen Präsidenten Taft zur Aufhebung der russischen Judengesetze wieder aufnemen. Amerika sei heute imstande, Rußland zur Milderung der Not der Juden zu bewegen. Amerika verfüge heute über entscheidenden Einfluß auf die kriegführenden Mächte, um der Menschlichkeit wichtige Dienste zu leisten. Darauf beschlossen die amerikanischen Juden, für Hughes einzutreten. Die Entente und die Juden. Trotz aller bisherigen Erfahrungen gibt es noch im jüdischen Lager, besonders unter den Juden in den neutralen Ländern, Naive genug, die den Versicherungen der Entente-Staaten, resp. der Westmächte, daß diese gelegentlich der Friedensverhandlungen für eine Besserung der Judenlage in Rußland eintreten werden. Glauben schenken und die es sogar auf Grund dieser Versprechungen versuchen, für die Entente Stimmung zu machen. Wie wenig alle diese Versicherungen realen Wert haben, beweist folgender Fall, der sich in den allerletzten Tagen abgespielt hat. In Paris fand nämlich dieser Tage eine „Wirtschaftskonferenz" der Ententemächte statt. Bei derselben sollte das zukünftige Wirtschaftsverhäiinis der Ententemächte zu einander beraten und besprochen werden. Hiebei sollte auch die Handelsfreiheit der Bürger der Ententestaaten in den Ländern der Verbündeten testgesetzt werden. Es ist nun bekannt, daß Rußland den ausländischen Juden die Freizügigkeit im Zarenreiche verweigert. Deswegen ist es auch vor etwa 3 Jahren zur Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages gekommen, da Rußland die Reisepässe der amerikanischen Juden nicht anerkennen wollte, uei der großen Rolle, welche nun die Juden im Weltnandel spielen, würde eine derartige Politik der Zarenreiches gegenüber den Juden aus den Ententeiändern die Entwickelung der gemeinsamen Handelsbeziehungen natürlich sehr erschweren. Man war daher in Paris und London entschlossen, gelegentlich der jetztigen Verhandlungen diese Frage zu berühren und von Rußland gewisse Konzessionen zu erwirken. Übrigens haben die politischen Kreise in Frankreich und England den dortigen Juden diesbezüglich gewisse Versprechungen gemacht. Als aber Rußland davon Wind bekommen hatte; erteilte-es seinem Bevollmächtigten bei der Pariser Konferenz, Staatsrat Pokrowski, die Direktive, die Berührung dieser Frage bei den Konferenzberatungen nicht zuzulassen, und zwar sollte diese Weigerung damit motiviert werden, daß Rußland eine Reform der Paßportenfrage plant und sich vorbehält, bei dieser Gelegenheit auch die Frage wegen Zulassung ausländischer Juden nach Rußland zu regeln. Die Alliierten, die von der russischen Weigerung sehr peinlich berührt waren, haben sich nichtsdestoweniger den russischen; Standpunkt zu eigen gemacht und die Behandlung dieser Frage von der Tagesordnung der Wirtschaftskomerenz abgesetzt. So sieht die Hilfe aus, die die Entente den russischen Juden bringen will, wenn sie nicht einmal für ihre eigenen jüdischen Bürger irgendwelche Konzessionen durchsetzen kann. Das jüdische Leben in Amerika. (Brief aus New-York.) Seit dem 4. Mai d. Js. erscheint hier eine neue jüdische Wochenzeitung in englischer Sprache unter dem Titel: „American Jewish Chronicle". Die neue Zeitung wendet sich an die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, daß sie keine Lokalzeitung, sondern eine Zeitung für das ganze Reich sein will. Sie sei keine politische Zeitung, sondern bezwecke in Anbetracht dessen, daß die europäische Judenheit mehr oder weniger hilfslos der Lage der Judenheit, insbesondere der osteuropäischen gegenüber dastehe und die amerikanische Judenheit berufen sei, eine historische Mission zur Rettung des jüdischen Volkes zu erfüllen, ein Zentrum für die jüdischen Bestrebungen des über die ganze Welt verstreuten jüdischen Volkes zu sein. * Jacob Schiff war der Festredner der Eröffnungssitzung der 7. Jahreskonferenz der jüdischen Farmer in Amerika. In humorvoller Rede erklärte der alte Philanthrop, daß vom Erfolg der jüdischen Farmerei der Erfolg der Juden in Amerika überhaupt abhängig sei. Die Konferenz wurde von dem Richter Samuel Grünbaum eröffnet. Sie war, sehr im Gegensatz zu den vorangegangenen sechs Jahreskonferenzen der Farmervereinigung von vorwiegend jungen Leuten besucht. „Das beweist, daß die Bewegung von der Stadt aufs Land hinaus unter den Juden Amerikas festen Fuß gefaßt hat; das ist das beste

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