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Jüdische Korrespondenz · 1916-06-27 · 23 (27.6.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
23 (27.6.1916)
Date
1916-06-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 28. Jüdische* Korrespondenz Seite 3 Geständnis enthüllt ein geradezu reizendes Qenrebildchen aus dem russischen Presseleben. 1909 wollte also Menschikow auf die Deutschen und Oesterreicher schimpfen, durfte es nicht und verwandelte sie daher in Juden. Heute darf er nicht über die Juden schimpfen oder wenigstens nicht allzu laut und allzu sehr, und daher also ... die Qermanophobie der „Nowoie Wremja"? Eine Preisfrage bleibt es, auf welchem Wege die Hunderttausende Leser dieses glänzenden Stilisten erfahren, was er in seinen Artikeln eigentlich und wirklich meint? Die wirtschaftliche Zukunft der Türkei und die spaniolischen Juden. Für das erwartete .^Wiedererstehen wirtschaftlicher Beziehungen zwischen den Zentralmächten und dem Orient ist es von besonderer Wichtigkeit, daß in diesen Ländern mit vielen Sprachen und mit stark vermischter Bevölkerung ein Element existiert, das infolge seiner natürlichen Tendenzen und seiner besonderen Fähigkeiten dazu geschalten zu sein scheint, eine Brücke zu bilden, über die die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen ihren Weg linden können. Niemand, der die wirkliche Sachlage kennt, wird leugnen können, daß am Balkan die „S.paniolen" die geborenen Vermittler sind. Ihre bürgerliche Freiheit verbuden mit den natürlichen Fähigkeiten des jüdischen Geistes, hat dazu beigetragen, ihre üeschättstüchtigkeit zu entwickeln und hat sie mit besonderen Gaben für Mandel und Industrie ausgestattet. So ist während des letzten Jahrhundertes Saloniki dank den jüdischen Patriziern ein türkisches Mamburg geworden, es ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, dali für den gesamten Mandel von den Gegenden südlich der Donau bis nach Aegypten die jüdischen Handelshäuser die gleiche Bedeutung hatten und haben, die die alten hanseatischen Häuser für den Handel in der Nord- und Ostsee hatten. Die Spaniolen sind die „Amerikaner des Balkans", in viel richtigerem Sinne, als dies von den Griechen und Armeniern behauptet wird. Der gleiche fortschrittliche Geist, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, findet sich in gleichem Maße in allen Klassen, denn man darf nicht vergessen, daß es nicht nur große spaniolische Kaufleute und Kommissionäre gibt, sondern auch sefardische Arbeiter und Handwerker, die nach besten Methoden arbeiten, wie die Arbeiter der entwickeltesten europäischen Groüstädte. Außer der iCönsumtionsfähigkeit der spaniolischen Juden, können diese, so iührt die „Deutsche Levante- Zeitung" aus, von bedeutendem Wert für den deutschen Markt werden, dessen Exportartikel sie gerne kaufen und deren Absatz sie erleichtern. Ein modernes Stahlwerkzeug, ein Tuch aus einer nordeuropäischen Fabrik, irgendein Artikel, an den wir seit langer Zeit gewöhnt sind und ihn alltäglich verwenden, ali dies verwandelt sich in den Händen der Spaniolen in eine Sache, die eine große Attraktionsmöglichkeit erlangt. Aus diesem Grunde hat man sich seit langer Zeit gewöhnt, besonders unter der Provinzbevölkerung, die Juden als führend in allen kommerziellen Dingen anzusehen. In jeder Hinsicht werden die Spaniolen als Muster genommen, und das neue Instrument, das neue Tuch, das neue Möbelstück, das sie auf den Markt bringen, wird immer gekauft. Außerdem kann auch die Arbeit der Spaniolen als eine V e r mi 11 e 1 u n g s t ä t i g k e i t im Balkanhandel angesehen werden. In den Nachrichten von den Kämpfen in Serbien und an den Dardanellen ist mehr als einmal der hervorragenden Rolle Erwähnung getan worden, die die Spaniolen als Dolmetscher zwischen verschiedenen Sprachen spielen. Eine gleiche „Parlamentärstellung" ist ihnen auch in den Handelsbeziehungen vorbehalten. Sie besitzen ein außerordentliches Talent für die Erlernung fremder Sprachen, welches sie sorgfältig pflegen, vermöge eines wohlausgebauten Schulsystems, das sie der Unterstützung der westlichen Juden verdanken. Wenn man diesem Sprachentalent die große intellektuelle Aktivität der Sefardim, ihre Fähigkeiten auf kommerziell em Gebiete und besonders die Integrität ihres Charakters hinzufügt, kann man sich eine Idee von den Eigenschaften machen, die es für den deutschen Handel im Orient als wertvoll erscheinen lassen, die Mitarbeit der Spaniolen zu besitzen. Die spaniolischen Juden und insbesondere die türkischen Juden werden gerne die ihnen vorbehaltene Rolle der Vermittler zwischen der Türkei und Deutschland übernehmen. Das hat seinen Grund nicht nur in ihren natürlichen Fähigkeiten, sondern in ihren politischen und kulturellen Ansichten. Es ist vor allem von deutscher Seite aus notwendig, den nationalen Eigenschaften der Sefardim Achtung entgegenzubringen. Besonders darf nicht vergessen werden, daß der Spaniole einen außerordentlichen jüdischen Stolz besitzt, und er in diesem Punkte sehr empfindlich ist. Russischer Siruafionsbericht. (JAK.) Die Judenhat Rußlands steht unter dem niederdrückenden Eindruck der Vorgänge bei der Interpellation über die Judenfrage in der Duma und dem immer deutlicher werdenden judenfeindlichen Kurs der Regierung Stürmer. Die Erkenntnis wird immeF allgemeiner und tiefer, daß die russischen Juden in einer ungeheuren Gefahr schweben und daß die Regierung aui eine blutige Katastrophe systematisch hinwirkt. Zahllos sind die Demütigungen, Ungesetzlichkeiten und Willkürakte den Juden gegenüber. Vor Ostern wurden in vielen Orten, bekanntlich auch in Petrograd, Versuche gemacht, Ritualmordaft'airen zu provozieren. Die Polizei veranstaltete nach Moskauer Muster in zahlreichen Städten Razzias (Oblawa). und verhaftete massenhaft Juden entweder unter dem Varwand, verstecktes Aletallgeld zu suchen oder Lebensmittelwucherer zu verfolgen. In fast rein russischen Städten mit hunderten von russischen und einzelnen jüdischen Kaufleuteii werden die letzten in Kundmachungen von Polizeibehörden namentlich als diejenigen aufgeführt, die große Mengen Lebensmittel noch besitzen; die Russen bleiben unerwähnt. In Iriansk, wo ähnliches geschehen war, hatte wenigstens die Intervention beim Gouverneur von Orloj Eriolg, und der Polizeimeister hat zwei Tage später zugegeben, daß seine Angaben bezüglich der Juden unwahr waren und daß die gewünschten Lebensmittel just bei Russen zu haben sind. Aber in wieviel Fällen gelingt diese „Berichtigung" nicht und die Erbitterung der Menge über Teuerung und Hungersnot wird gegen die Juden gerichtet. Der Chwostow'sche „Kampf gegen die Teuerung" ist zu einer reinen Judenhetze geworden. Systematisch werden die Juden nicht nur von jeder Lieferung für Armee ferngehalten, seit Monaten nimmt die Verdrängung aus dem Sanitätsdienst immer größeren Umfang an, die jüdischen Arzte werden von der Front zurückgezogen, die verschiedenen Kriegsorganisatiouen der Organe der Selbstverwaltung oder wohltätigen Gesellschaften — wie des Städte- Bundes, Semstwo - Verbandes, Tatianer - Komitees — müssen unter dein Drucke der Beiluden die von ihnen beschäftigten Juden entlassen. Als der Bürgermeister von Moskau und Vorstand des Städte-Bundes, Tschelnokow, dem Chef d. Generalstabes, General Alexejew, erklärte ,daß das jüdische Personal in vielen Fällen unentbehrlich sei, erwiderte der General, daß er seine Ordrcs aui Befehl des fiöchstkommandierenden der Armee, des Zaren selbst, erteile. So mussten die verschiedenen Organisationen ihre jüdischen Angestellten zunächst von der Front zurückziehen und versuchten, sie in den Zentralen zu beschäftigen. Jetzt wird auch dem sehr bald ein Ende gemacht werden. Die Bewegungsfreiheit der Juden wird fast gänzlich abgeschafft. Nur nebenbei sei bemerkt, daß es ihnen unn.Vüch geworden ist, Auslandspässe zu erlangen. Charakteristisch ist immerhin, daß in einem Falle die Intervention des englischen Botschafters fruchtlos geblieben ist! Schwerwiegender ist hingegen, daß in den meisten Gouvernements hinter der Front in der sogenannten Kriegszone, in der faktisch die meisten Juden leben, ihnen die Reise aus einer Ortschaft in die andere untersagt wird. Bedeutsam sind nicht diese Tatsachen allein, sondern die moralische Wirkung einer so umfassenden Hetze. Wenn in offiziellen Befehlen, Zirkularen, etc. der höchsten Generale u. Kommandierenden unaufhörlich von der jüdischen Spionage, jüdischem Verrat usw. die Rede ist. wenn jede Maßnahme von diesem leitenden Gedanken beherrscht wird, so werden schließlich auch die gutglaubigsten schwankend. Dokumente erwähnter Art, Kleine Rote Kreuz-Lose. Die Osterreichische Oesellschaft vom Roten Kreuze hat die Erlaubnis zur Ausgabe einer Losanleihe erhalten und sich zur Schaffung eines kleines Loses entschlossen. Seit 34 Jahren soll zum ersten Male wieder ein kleines Los ausgegeben werden. Die üesamtemission umfaßt zwei Millionen Lose, die auf 20 Kronen lauten. Der Nennwert ist im Hinblicke darauf, daß der kleinste Treffer sofort mit 30 Kronen einsetzt, nominell. Die gesamten zwei Millionen Lose wurden, um die Oesterreichische Gesellschaft vorn Roten Kreuze vollkommen sicherzustellen, von vorherein an ein unter Führung der Anglobank stehendes Bankkonsortium, an welchem alle österreichischen Oroßbanken, sowie das Haus Rothschild teilnehmen, mit enspreehendem Aufgeld fest begeben. Die Oesterreichische Gesellschaft vom Roten Kreuze ist an dem eventuellen Gewinne des Bankensyndikats bei der Weiterbegebung an das Publikum beteiligt. Die Banken beabsichtigen die neuen Lose demnächst im Wege öffentlicher Zeichnung anzubieten. Die neuen Roten-Kreuz-Lose sind mit Haupttreffern zu 50.000, 30.000, 2Ü0.ooo, 150.000 und 100.000 K ausgestattet. Die erste Ziehung findet am 1. November 1916 statt; in dieser ist der Haupttreffer 300.000 K, der Haupttrefer -von 500.000 K wird am kommenden 1. Februar gezogen. Bis Ende 1920 finden jährlich vier Ziehungen, bis Ende 1936 jährlieh drei Ziehungen statt. Die Haupttreffer sinken auch bis zur letzten Ziehung nie unter den Betrag von 100.000 K. Die Ausstattung mit Nebentreffern von 50.000, 4Q.Q00, 30.ooo, 2o.ooo, 10.000 K usw. ist eine sehr reichliche. Insgesamt werden während der ganzen Laufzeit der Losanleihe für 19,800.000 K Treffer verlost. Jedes Los, aui welches ein TreJSer entfällt, muß mit dem kleinsten Treffer rückgezahlt werden und dieser kleinste Treffer steigt von anfänglich 30 K allmählich bis 48 K. In dem Rang von 30 K bis 34 K wird aber nur der kleinere Teil der Lose rückgezahlt, die meisten werden zwischen 36 K und 48 K geteilt und der Durchschnitt der Rückzahlung für alle Lose berechnet sich mit etwa 40 K 25 h. Die Emission dient dazu, der Oesterreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze mit einem Schlage großes Vermögen zu verschaffen, dessen sie nach Aufzehrung ihrer Mittel im Weltkrieg dringend bedarf, um den gewaltigen Aufgaben ensprechen zu können, welchen sie sich gerade nach Friedenschluß widmen will. Es verdient höchste Bewunderung, daß dasRote Kreuz im Weltkriege in bewuuderungswerter Art und ohne Stockung seinen Aufgaben nachgekommen ist, wofür ihm der heiße Dank der verwundeten und kranken Soldaten sicher ist. Eine weitere, ausgiebige Finanzierung war notwendig, die wurde im Kriege, wie so vieles, improvisiert und bisher glücklich inprovisien. Das Rote Kreuz ist aber dessen bewußt, daß es nach dem Friedenschluß nicht einfach abrüsten und sich auschließlich der langsamen Wiederauffüllung seiner Fonds durch freiwillige Beiträge widmen kann. Das Rote Kreutz will sich sofort und mit voller Kraft im Rahmen seines Statutes in den Dienst der Volksgesundheit stellen, deren Pflege nach dem Kriege dringlicher als je sein wird. Die großen Mittel, deren das Rote Kreuz bedarf, sollen durch die Ausgabe einer großen Los-Anleihe beschaft werden. Hiezu ist die Gelegenheit jetzt besonders günstig, denn der Gewinn einer Losanleihe beruht aut dem Unterschiede zwischen dem Aufwände für den Losdienst und dem Ertrage des Erlöses der Losanleihe. Der Ertrag einer Kapitalsanlage in pupillarsicheren Wertpapieren ist aber naturgemäß gegenwärtig höher als seit vielen Jahrzehnten. Damit die Oesterreichische üesellschatt von Roten Kreuze die Erlaubnis für eine solche Losanleihe erhalte, mußte eine kaiserliche Verordnung auf Grund des 9 14 des Staatsgrundgesetzes erlassen werden, denn in Oesterreich wurde duch das Lossperrgesetz vom 28. März 1889 verfügt, daß die Ausgabe von Losanteilen nunmehr auf Grund eines besonderen Gesetzes erfolgen dürfe. Der Beschluß der Bundesleitung der österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze, um die ausnahmsweise Bewilligung zur Ausgabe von Losen einzuschreiten, ist vom Bundespräsidenten, Exzellenz Rudolf Graf Auersberg-Traun, vor einigen Wochen in einer besonderen Audienz dem Protektor der Gesellschaft, dem Kaiser, vorgetragen worden und nunmehr ist die genehmimigende kaiserliche Verordnung erflossen. Damit erscheint das Lossperrgesetz von 1889 zum erstenmal seit dem Bestände, also nach 27 Jahren, durchbrochen. Die Oesterreichische Gesellschaft vom Roten Kreuze hat, indem sie von der seltenen Erlaubnis zur Ausgabe einer Losanleihe Gebrauch macht, sich zur Anschaffung eines kleinen Loses entschlossen. Das letzte kleine österreichische Los war das alte Oesterreichische Rote Kreuz-Los vom Jahre 1882. Danach kamen nur noch Bodenkreditlose zweiter Emission von 1889 und sodann das Lossperrgesetz. Seit 24 jähren wird also zum ersten Male wieder ein kleines Los der Bevölkerung aus erster Hand angeboten. Es ist daher zu erwarten, daß die neue Emission einen großen Erfolg aufzuweisen haben wird. Chronik. Militärverteidigerliste. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. S. R. Landau, Redakteur der „Neuen Nationalzeitung" in Wien, wurde vom k. k. Ministerium für Landesverteidigung in die Liste der Militärverteidiger aufgenommen. Der jüdisch-amerikanische Kongreß. Die Bewegung unter den Juden der Vereinigten Staaten für einen jüdischen Kongreß scheint immer weitere Kreise zu ziehen. Vor kurzem fand in New-York eine Delegierten-Versammlung der jüdischen Vereine Amerikas statt, die sich für die Abhaltung eines jüdischen Kongresses entschied. Besonders unter der jüdischen Arbeiterschaft hat die Kongreßidee zahlreiche Anhänger gewonnen. Eine eigene Zeitschrift, die den Namen „The Congress" führt, sorgt für eine erfolgreiche Werbung neuer Anhänger. Die schreckliche Lage der jüdischen Künstler In Paris. Aus Paris wird berichtet: Die Lage der jungjüdischen Künstler, die von allen Teilen der Welt nach Paris gekommen sind, um dort zu studieren, ist eine schreckliche. Auch vor dem Krieg, also in verhältnismäßig guten Zeiten, war ihre Situation keine beneidenswerte, aber es existierten damals noch die Stellen, von denen sie unterstützt wurden. Mit dem Kriege hat die Unterstützung von Seiten dieser Stellen aufgehört, und da sich die allgemeine Lage in Paris verschlechtert hat, kann man sich das jetzige Elend der schon vordem nicht auf Rosen gebetteten jüdischen Künstlerjugend vorstellen.

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