Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1916-06-12 · 22 (12.6.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
22 (12.6.1916)
Date
1916-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3495278-3495300-3495322--0212-3520833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 22. Jüdische Korrespondenz Seit« 3 Diese selbstlose Tätigkeit fand das herrlichste Entgegenkommen seitens der besser Situierten. Keiner versagte seine Oabe, mochte sie groß oder gering sein, und viele spendeten über ihre Verhältnisse. Eine Frau brachte den Leitern der Speisehäuser 100 Frs. mit den Worten: „Mein Vermögen beträgt zurzeit 200 Frs., empfangt hier die Hälfte davon. Wird sich die allgemeine Lage bessern, so wird das auch mir zugute kommen. Sollte ich aber gezwungen sein, meine letzten hundert Franken aufzuzehren, so werde ich auch in der Volksküche essen." Einmal kam ein angesehener Mann zum erstenmal in die Volksküche und verlangte Essen. Man hatte Mitleid mit dem Manne und bot ihm Essen in einem besonderen Zimmer an, um ihm die Beschämung zu ersparen, die der Mann empfinden mußte, der zum erstenmale die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch nahm. Er lehnte dies jedoch ab, setzte sich zu den Aermsten der Armen und aß mit großem Appetit und unterhielt sich so ungezwungen mit seinen armen Mitspeisenden, wie man das nicht von einem achtbaren Manne sonst gewohnt war, der zum erstenmale zu diesem Schritt gezwungen ist. Nach vollendeter Mahlzeit zahlte er seinen Betrag und flüsterte einem der Obmänner ins Ohr: „Ich bin nur hierher gekommen, um vielen achtbaren Leuten, die ihr Vermögen verloren haben und sich schämen, die Volksküche aufzusuchen, diese ihre Scheu zu nehmen." (Fortsetzung folgt.) Aus den Schreckenslagen von Zaleszczyki. t,Der Wirklichkeit nacherzählt.) es war am 1/. April 191o gegen 5 Uhr nachmittags. Der lag war kühl, jedoch kündigten tue warmen boniiensiralnen uereits die herannahenden Sommertage an. Vor üem Hause des i ussischen Stadtkommandanten m Zaleszczyki stanü eine meiirhundertkopiige Abordnung uer jüuischen ßevolkerung, um ihn zu bitten, seine getroiiene Anordnung zur l<aumung uer Stadt zurückzuziehen, eine Abordnung war in das Büro des btuütkoinmuiidauteii getreten und flehte den russischen Oitizier kmeiällig an, die unschuldige Bevölkerung tur uie üreuel dieses Krieges nicht Dütsen zu lassen; die jüdische Bevölkerung habe keine Spionage betrieben, sie kenne die Situation, sie nute sich vor jedem Fehisehrut, keiner von ihnen habe einen r'ehier begangen, eine Verständigung mit den Oesterj reichern wäre schon aus diesem ürunde nicht möglich gewesen, weil der Dnjester, den die! Küssen beherrschen, sie von ihren Staatsange-! hörigen trenne. : Bund für jeden logischen Beweis wies der russische Kommandant das Ansuchen ab und tröstete sie mit der cynischen Ausrede, die Juden werden doch nur ihr Vermögen verlieren, während sie doch alle verdient hätten, wegen gänzlich aufzuhören und ist ihnen nichts weiter als der bedungene Lohn zu Beben. 8. Uer seit einigen Jahren überhandgenommene Mißbrauch, dati feines, üebück zum Verkaufen ausgeboten wird, wodurch die Leute zur Naschhaftigkeit und Verschwendung verleitet werden, ist strengstens zu verbieten, nur ordinäres Backwerk zu 1 oder ',2 Kreuzer das Stück ist für kleine Kinder gestattet. Die obbenannte Kommission wird über die genaue Beobachtung obiger Bestimmungen strengstens wachen. Die üebertreter werden mit einer Strafe von lü Reichstalern belegt und können auch Arrest und Ehrenstrafen verhängt werden. Da der üble Zustand unserer Gemeinde jedermann wohl bekannt ist, so war es hoch an der Zeit Verfügungen zur Steuerung des Uebels zu treffen und werden vorläufig folgende Anordnungen erteilt: Es darf niemand einem jüdischen oder nichtjüdischen Käui'er auf dem Markte mit ungeziemenden und unhöflichen Worten begegnen. — Es darf niemand einen Stecken oder ein spanisches Rohr tragen außer hochbetagte Leute. — Das Tragen von seidenen Perrücken ist nicht gestattet. — Frauen dürfen nicht außerhalb des Ghetto mit reichen Hauben, Manschetten, Handlatzen, grünen Hüten, garnierten Kleidern erscheinen. Ebenso ist das Tragen von gefärbten Pantoffeln und Stöckeln verboten. Wenn jemand in einem Wagen oder Kutsche fährt, darf sich niemand hinten aufstellen. Den Uebertretern dieser Vorschriften wird mit Geld- und Ehrenstrafen auch mit Arrest gedroht. Dieses eigentümliche Dokument trägt folgende Unterschriften: Das Rabbinat: Oberrabbiner Ezechiel Landau, Mair Fischl, Juda Löb Kassowitz, Salomon Emrich, Moses Günzburg Spira, Josef Libertes. Der Primas: Israel, Sohn des Simon Spira Frankel. Der Vorstand: Jakob Isak Austerlitz, Natan Epstein, Isak Poppers, Heinrich Ellbogen, Bezalel Sobotka. Der Beirat: Moses Michlup, Moses Itzeles, Elias Habern, Simon Kuh, Simon Neustadtl, Moses Bek, Samuel Lukka. Isak Porges, Lazar Sekeles, Jakob Mislop, Beer Ellbogen, Abraham Efraim Wehli, Markus Bunzel, Woli Spira Frankel, Mendel Karpeles, Wolf Libna Kolisch, Moses Israel Hamburger, Aron Wedeies, ihres patriotischen Verhaltens in den Tod gejagt | zu werden. Die Männer bewahrten Ruhe und Würde, jedoch die Frauen konnten ihren Schmerz nicht zügeln, und ein herzzerreißendes Schluchzen ging durch die Reihen der Frauen und Kinder. So standen sie, in Gedanken tief versunken über ihr Unglück, mehr als eine halbe Stunde da. als das Platzen eines Schrapnells vor dem Hause des Stadtkommandanten die Leute aufscheuchte und sie in ihre Häuser vertrieb. Im Städtchen flüsterten einander böse Menschen zu, von russischen Offizieren, die der demokratischen Partei angehören erfahren zu haben, daß die Vertreibung der Juden nicht deshalb, weil sie der Spionage verdächtig wären, sondern ihre Evakuierung habe den Zweck, den russischen Soldaten eine Gelegenheit zum Plündern zu geben, um die durch die fortwährenden Niederlagen gesunkene Stimmung der Mannschaft neu zu beleben. Die Nacht brach an. Aus allen Häusern hörte man das Wimmern und Jammern der Frauen und Kinder. Eine neue Schreckensbotschaft flog von Mund zu Mund: Die Juden werden nicht fortgeführt werden, sondern alle Männer sollen am nächsten Tag den Henkertod erleiden. Zehn Uhr nachts. Das Städtchen ist in Finsternis gehüllt, weil beleuchtete Häuser von den russischen Wachen beschossen werden. Die Scheinwerfer der Oesterreicher sieht man in der Ferne lebhait spielen. Wenn das Licht aufblitzt, erblickt man in den schmalen Uassen zum Sammelplatz eilende Juden und Jüdinnen mit ihren Kindern, mit Säcken und Bündeln in den Händen, das Entsetzen in ihren Uesichtern, den unsicheren Augenblick der nächsten Minute bange erwartend. Fünftausend Menschen sind innerhalb einer halben Stunde auf der von Zaleszczyki nach llusti führenden Straße versammelt. Die üeschutze brüllen, die Maschinengewehre rattern, die Manniicnergewehre knattern 111 der Nähe der Unglücklichen, so schrecklich, als wenn uie Lrde aus ihren Fugen gehoben werden sollte. Kosaken und russische Gendannene sind die Eskorte der Vertriebenen. Her z,ug setzt sich mit unbekanntem Ziele in Bewegung. Die ersten Schritte aus dem Orte sind die schwersten. Es gilt Abschied vom Besitz, Abschied von den nächsten Verwandten und Bekannten, die olme jegliche Pflege zurückgelassen werden müssen. Als der Zug das letzte Häuschen des Ortes hinter sich hat, fallen zwei von den Oesterreieliern abgegebene Kanonenschüsse in die Menge. Die Scheinwerfer hatten die österreichischen Artilleristen in den Ulauben gebracht, daß russisches Militär zur Front marschiert. Aus der gewaltigen Detonation des ersten Schusses glaubt ein alter Jude eine Stimme zu hören, die sagt: Sterbet lieber durch die Hände euerer Verteidiger, als von den russischen Barbaren so gepeinigt zu werden. Wieder ein Aufblitzen, ein Knall, und schon schlug eine Kugel in das Dach der von der Menge kaum hundert Schritte entfernt gelegenen Kaserne ein. Wie durch ein Wunder blieben die Zaleszczyker verschont. Der Menschenzug bewegte sich die Straße gegen Torski hinauf, um bald außer Schußweite zu kommen. Nur schwer kommen diese Unglücklichsten vorwärts, denn die Straße ist schlecht und holperig. Den Weg entlang sieht man russische Infanterie, mit Blendlaternen an dem üurt befestigt, Schützengräben ausheben. Ein jeder von ihnen sendet den Juden einen separaten Fluch nach, üreise und Kinder brachen vor Ermüdung zusammen. Prügel und blutige Schläge der Kosaken bringen sie wieder auf die Beine, ein Teil bleibt auf der Straße, von den Kosakenhufen zertreten tot liegen, der andere Teil kommt unter schrecklichen Qualen um. Nach einer halben Stunde steht der Menschenzug vor dem Bahnhof in Torski. Eine russische Feldbäckerei ist im vollen Betriebe. In der Nähe derselben gestatten die Kosaken den Vertriebenen, sich zu lagern und auszuruhen. Die Kosaken scheinen auch selbst ruhebedürftig. Aber das ist nur ein Coup der russischen Barbaren. Als die Zaleszczyker Juden und Jüdinnen vom Schlafe übermannt sind, drangen die russischen Wächter sich in die Menge und plünderten und raubten aus jedem armseligen Bündel, was nur zu holen ist. „Aufstehen ihr Hundesöhne und weiter gehen!" Ein Weckruf der Kosaken bringt die Menge wieder auf die Beine. Die bitteren Klagen der Greise werden von ihnen verhöhnt, das Jammern der Kinder verspottet. Wieder setzt sich der Zug in Bewegung. Stunde auf Stunde verrinnt. Auf der weiten Ebene vor Tlusti bestellen die Bauern ihre Sommersaat. Glückliches Naturvolk. Sie nähern sich den schleppenden Gestalten und weinten bitterlich, als sie das Jammerbild erblicken. In Tlusti bietet die Bevölkerung dem Menschenzuge Labung an. Sie wird von den Kosaken zurückgewiesen, weil die Russen ein Liebeswerk nicht ertragen. Hinter Tlusti wird halt gemacht. Der Kommandant soll die Zählung der Verjagten vornehmen. Wir setzen uns in die Gräben. Es war ein schöner sonniger Tag. Ein österreichischer Doppeldecker fliegt über den Unglücklichen tief in die von Russen besetzten Gebiete hinein. Alle schauen aui, Wünsche und Gebete begleiten ihn, Grüße werden ihm in die teuere Heimat mitgegeben. Der Kommandant von Tlusti hat die Zählung beendet und ordnet den Transport nach Ulaszkowce an. Die Marktbuden werden ihnen als Wohnstätten zugewiesen. Die Abendsonne sendet ihre rotglühenden Scheidegrüße. Die russischen Begleiter verlassen die Verjagten, und als sie nunmehr allein sind, stimmen sie, im Geist die teuere Heimat umarmend, das „Gott erhalte" an, das ihnen Trost sein soll für die kommenden schweren Tage, Oberrabbiner Moses Babad von Lemberg s. A. In Lemberg ist vorige Woche der Oberrabbiner M. Babad plötzlich verstorben. Der Verewigte, der einer der angesehensten Rabbineu des galizischen Judentums war, hat sich um die gesetzliche Stellung der orthodoxen galizischcn Rabbinen, speziell in dieser schweren Zeit des Weltkrieges, hohe Verdienste erworben und seine Bemühungen nach dieser Richtung sind von historischer Bedeutung. Der Einbruch der Russen in Ostgalizien zu Ende lies Monates August und anfangs September 1914 zwang dun größten Teil der jüdischen Bewohner der von den Russen bedrohten Gegenden üaliziens. zum Wanderstab zu greiten und Schutz und Zuflucht in den westlichen Kronländern zu suchen. Ein großer Teil der jüdischen Flüchtlinge wandte sich nach Wien. Unter den jüdischen Flüchtlingen befanden sich auch Größen, Gelehrte, Rabbiner, welche eine Zierde des östlichen Judentums bilden. Zu diesen gehörte anerkanntermaßen der Lemberger Oberrabbiner Ehrwürden Babad. Um ihn sammelten sich seit September 1914 nicht nur seine Gemeindeangehörigen. sondern auch östliche Juden aus Galizien, bei ihm Trost und Schutz zu suchen. Und der Verewigte war unermüdlich tätig im Interesse seiner Glaubensgenossen und erwarb sich die Liebe aller, die mit ihm in Berührung kamen. Oberrabbiner Babad wußte auch, w enn es Not lat. gegenüber den Behörden in sachlicher und auch entschiedener Weise die jüdischen Interessen zu vertreten und hat in dieser Richtung Erfolge erzielt, die ihm ein Ruhmesblatt in der Geschichte der galizischer Juden sichern. Die erschütternde Trauernachricht vom plötzlichen Ableben des allgemein beliebten Rabbiners, wirkte in Wien wie ein Gewitter vom heiteren Himmel. Ein Mann in den beste» Jahren, kaum 60 Jahre alt, von strotzender Gesundheil, eine imposante Erscheinung, ist der galizischen orthodoxen Judenschaft entrissen worden, und das in einer so schweren Zeit, wo solche Männer der Allgemeinheit um so mehr notig sind. Ist schon der Verlust einer talrnudischcn Grotte au und für sich jetzt mehr zu beklagen, weil die Lücken unausgeiüllt bleiben, da der jüdische Nachwuchs immer seltener sich dem Studium des Talmuds w ldmet. so ist das Ableben eines Rabbiners aus Lemberg, als Landeshauptstadt für alle Juden üaliziens, eine nicht zu ersetzende Awejdu, ein Verlust, der kaum wieder eingebracht werden kann. Selbstredend hat die „Agudas Jisroel", als Repräsentanz der galizischen Orthodoxie, so zu sagen, als da1- Herz derselben diesen Schlag wie am stärksten empfunden, und um diesem grollen Schinerze Ausdruck zu verleihen, veranstaltete sie am 1. Juni als Vortag des Rosch Chojdesz Siwan in Wien einen Trauergottesdienst im I5ethau.se Eines Wschulem, IL, Große Schiffgasse 24. wo der grobe Rabbiner während seiner Flüchtlingszeit zu beten pflegte und welches Bethaus den teueren Verblichenen im vorigen Jahre zu seinem Ehrenmitgliede ernannt hatte. Die Reihe der Nachrufe wurde vom Präses der ..Agudas Jisroel", Herrn Isak J. Thumim mit einer ergreifenden Ansprache eröffnet. Herr Thumim schilderte die Bedeutung des so früh verstorbenen Rabbiners und gab dem Schmerze Ausdruck, den die gesamte orthodoxe Judenschaft Galiziens fühlt, namentlich der pulsierende Lebensnerv derselben, die „Agudas Jisroel". Nachher bestiegen die Kanzel die ehrwürdigen berühmten Rabbiner aus Brody, Buczacz und Krakau. Rabbiner Steinberg, Brody, als Schwiegervater des Ver storbenen, konnte zunächst vor Aufregung gar nicht zu Worte kommen. Schluchzen und Weinen erstickten ihm die Sprache. Erst nach einer Weile falite er sich und in einer Rede voll sinnreicher Auslegungen vom Talmud und Midrasch-Zitaten verstand er es, den Andächtigen, die den Bethaussaal überfüllten, die Größe des Verlustes vor Augen zu iühren. Ebenso stimmungsvoll wirkten die wunderbaren Hespeidim der anderen Rabbiner Arak aus Buczacz und Engel aus Krakau. Die Gedankentiefe dieser Rabbiner kam hiebei zum vollen Ausdruck. Auf allgemeines Verlangen hielt noch der Rabbiner aus Chorlostkow einen weiteren Hesped.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.