Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1916-06-01 · 21 (1.6.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
21 (1.6.1916)
Date
1916-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3495278-3495300-3495321--0207-3520827
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 21. JUdlsche Korrespondenz Seite 3 daß die Presse, alle politischen Parteien und gemeinnützigen Verbände, die das Ideal der Gerechtigkeit vertreten, sich der jüdischen Sache annehmen. Das Comite ersucht Juden und Christen, welche die gute Sache unterstützen wollen, um Zustimmungserklärungen sowie materielle Spenden. Das Komitee. Präsident: I. Dreyius-Brodsky, Basel, Präsident des Schweizer, lsr. üemeindebundes. Vizepräsidenten: H. Boneft, Vizepräsident des Schweiz. Isr. üemeindebundes, Bern; Dr. jur. A. Mamelok, Oberlichter, Zürich; Dr. Aime Schwöb, Pres, de Comm. Isr. de Geneve. Bureaumitglieder: Julius Bär, Bankier; Hermann Conheim, New-York. z. Z. in Zürich; Dr. Felix Pinkus, Redakteur. Mitglieder: I. Abraham, Mitglieder: I. Abraham, Mitglied des Zentralkomitees des Schweizer. Isr. üemeindebundes, Zürich; Dr. jur. Charles Bollag, Rechtsanwalt, Zürich; S. Erlanger sen.. Präs. des Isr. Kultusvereines. Luzern; Dr. jur. D. Farbstein, Kantonsrat, Zürich: L. Neuburger. Präs. der jüdischen Oemeinde, St. Gallen; Ch. Levy-Schwob, Pres, de la Comm. isr. de Lausanne; H. Schmuklerski, Präs. der jüd. Gemeinde, Zürich; Dr. phil. S. D. Steinberg, Redakteur, Zürich. Bureauadresse: Zürich, Postfach 15.377. Eine Denkschrift der k. k. österreichischen Regierung. Vor mehreren Monaten hat die k. k. österreichische Regierung eine „Denkschrift über die von der k. k. Regierung aus Anlaß der Krieges getroffenen Maßnahmen" erscheinen lassen, die eine Art Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der Regierung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens darstellte. Die Denkschrift umfaßte die Periode August 1914—Juni 1915. Nun ist der zweite Teil dieser Denkschrift zur Ausgabe gelangt. Es ist ein stattlicher Band, der die Verfügungen und Anordnungen in der Zeit vom Juli bis Dezember vorigen Jahres umfaßt. Hat man so den ganzen Komplex vor Augen, dann tritt der gewaltige Umfang der neuen, ungewohnten, mit Plötzlichkeit aufgetauchten Aufgaben, die rasche, fast plötzliche Bewältigung und Lösung gebieterisch verlangten, erst recht deutlich und sinnfällig zutage. Wie ausgedehnt ein Gebiet allein, die Approvisionierung, ist, wovon ja jeder Tag erzählt, darüber berichtet bis in die Einzelheiten diese Denkschrift, die gewissenhaft Rechensehaft ablegt. Ohne Ruhmredigkeit und ohne Schönfärberei, streng sachlich und mit aller nur wünschenswerten Offenheit wird der Oeffentlichkeix vollster Einblick in die Schwierigkeiten geboten, die sich einstellten, und damit die Möglichkeit gegeben, zu prüfen, wie eifervoll die Regierung sich bemühte, ihrer verantwortungsvollen Pflicht ganz gerecht zu werden. Aus diesem zweiten Teil erfahren wir, wie die zu Beginn des Krieges getroffenen Verfügungen weiter ausgestaltet wurden, welchen Modifikationen sie unterzogen werden mußten, aber auch, wie stattlich die Zahl jener Verhältnisse ist, die Regelung erheischten und sich erst im weiteren Verlaufe des Krieges einstellten. Die Sicherung der notwendigen landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, Sicherstellung von Saatgut, Erhaltung der Viehbestände, Obst- und Gemüseverwertung, die Bestimmung der Höchstpreise usw., das sind lauter Kapitel von größtem Interesse; wie vielgestaltig dieses Gebiet ist, davon erzählt ein Kapitel, Brombeerblättersammlung, die verfügt wurde als Surrogat für Tee. Ueber Einseitigkeit der Anforderungen konnte sich die Regierung wirklich nicht beklagen. Ebenso umfangreich waren die Agenden der Regierung auf dem Gebiete des Handels, der Industrie, des Gewerbes und des Bergbaues, der Eisenbahnen, der Schiffahrt, der Post und der Telegraphen, des Kredits und der allgemeinen Finanzverwaltung, der Rechtspflege, des Kultus und Unterrichts und der allgemeinen Fürsorgemaßnahmen. Da die Denkschrift naturgemäß nur zusammenfaßt, was seinerzeit publiziert und zur allgemeinen Kenntnis gelangt ist, ist ein Herausheben der markantesten Einzelheiten nicht geboten; wohl aber ist es am Platz, hervorzuheben, daß wahrhaft Bedeutendes zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Notstandsbauten etc. geleistet wurde. Und erinnert sei an die gewichtige Aktion der Rückleitung der Flüchtlinge in die Heimat, die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, die staatliche Hilfe für die durch die Kriegsereignisse unmittelbar getroffenen Gebiete, die Beschaffung von Notunterkünften usw., alles in allem kann man sagen, daß das Geleitwort, das der Ministerpräsident Graf Stiirgkh der Denkschrift vorausschickt, in einfacher und markanter Weise das Wesen und den Erfolg der Maßnahmen der Regierung mit den Worten ausspricht: „Mit Dank und Befriedigung vermag ich hervorzuheben, daß die immer tiefer in das Volks- und Wirtschaftsleben eingreifenden Verfügungen der Regierung überall Verständnis, nachhaltige Un-| terstützung und opferwilligste Mitarbeit fanden. Dieses machtvolle Zusammenwirken der ge- , samten Völker Oesterreichs stärkt meine Zuversicht, daß es mit vereinten Kräften gelingen wird, auch alle weiteren Schwierigkeiten bis zum erfolgreichen Ende des uns aufgedrungenen Riesenkampfes zu überwinden." Der Jüdische Kriegsgefangene. (Eine jüdische Zeitschrift.) D. 0. Es liegen uns 2 blaue Hefte in Folioformat vor, welche ganz sicher in der Kriegsliteratur und insbesondere in der jüdischen Kriegsliteratur eine höchst interessante Seltenheit bilden werden. Die Zeitschrift heißt: „Der jüdische Kriegsgetangene", die monatlich im Kriegsgefangenenlager Somorja (Ungarn) erscheint. Als Herausgeber zeichnen: Die Bibliothek-Gesellschaft der jüdischen Kriegsgetangenen und die jüdische Bildungsgesellschaft „Jugend", beide im Kriegsgefangenenlager Somorja. Das Februar-Heft enthält 36, das Märzheit 24 mit hebräischen Schriftzeiclien direkt geschriebene hektographierte Seiten, in welchen überaus gehaltvolle Beiträge uns nicht nur über das äußere Leben im Lager, sondern auch über die Stimmung der Getangenen unterrichten. Auf der ersten Seite ist ein Protest gegen die Verfolgungen. Grausamkeiten und Knebelungen der Juden durch die russische Regierung abgedruckt. Der Protest, der in sehr scharfen Worten geschrieben ist, wendet sich an die zivilisierte Menschheit mit der Bitte um Hilfe. Von publizistischen Artikeln sind erwähuungswert: „Die jüdische Volksschule" und „Das jüdische Theater in Rußland", ein Aufsatz über Almosen, die Sprachenfrage und eine Resolution der Anhänger der jiddischen Sprache. Die Belletristik ist mit einigen originellen Oedichten vertreten. Einige Stimmungsbilder und ein Feuilleton über Kriegseindrücke sehließen das Heit. Das interessanteste ist natürlich die Lagerchronik. Am 7. und 8. Januar wurde das Lager von einer Rolen-Kreuz-Sehwester aus Rußland besichtigt. Auf eine Frage, ob es wahr sei, daß in Rußland Pogrome stattfinden, antwortete die Samariterin: „Mir ist davon nichts bekannt, ich glaube aber, die Regierung wird die Familien derer, welche für sie gekämpft hatten, beschützen. Schaut nur zu, daß ihr hier mit euren nichtjüdischen Kameraden gut lebt." Am 17. Januar sind sämtliche Juden infolge der Verordnung des K. u. k. Kriegsministeriums in eine Baracke überführt worden und haben als Kommandanten dun Kriegsgefangenen Saßlawski gewählt. Am 11. Februar wurde im Lager eigenes Papiergeld eingeführt. Am 31. Januar ist die vierte Gruppe von 92 Invaliden, darunter ein Jude, nach Rußland zurückgekehrt. Den neun verstorbenen Kollegen wird auf dem jüdischen Friedhof von Somorja ein Grabstein mit jüdischer und hebräischer Aufschrift gestellt werden. Die Bibliothekverwallung hatte am 14. Dezember 1913 bis iS Februar 1914 25 Sitzungen abgehalten. Auch eine eigene Krankenkasse besteht im Lager, deren Kassenb.stand 475 Kronen beträgt. Am 9. und 10. Januar führte die dramalische Gruppe „Mit dem Strom" von Asch und „Die Sünde" von Wiewiorka und ein musikalisches Divertismem auf, Einnahmen betrugen 202 Kronen. In den Pausen konzertierte ein eigenes Orchestr. Ein Programm mit aufklärendem Text über das Schauspiel wurde unter den Besuchern gratis verteilt. Dem Schauspieler Andrejewski, griechisch-orthodoxen Glaubens, der sich beleidigend über die Juden ausgedrückt hatte, wurde der Bühnenauftritt verboten. Das Marzheit ist ganz dem SOstcn Geburtstag des Nestors der jüdischen Literatur Seit. I. Abramowitsch — Mendele-Mojcher Seforim — gewidmet. Ein schönes handgezeichnetes Bild des Jubilars ziert die erste Seite. Daran schließt sich ein Festgedicht vom Dichter Anski, zu welchem Feingold die Musik komponiert hat. Ein längerer Widmungsartikel, eine kurze Biographie und zwei Gedichte geben den Gefangenen ein Bild über das Schaffen des großen Dichters. Es folgt dann ein Gedicht über den Purimfeiertag und als Feuilleton eine Skizze: „Erinnerungen". Der Redaktionsbriefkasten und das Programm des am 19. März stattfindenden Mendele- Fest-Abends schließt die Nummer. Diese jiddische Zeitschrift ist, wie die handgeschriebenen Bücher des Mittelalters mit verschiedenen Verzierungen insbesondere in den Aufschriften und bei den Anfangsbuchstaben, versehen, welche den künstlerischen Wert dieser Rarität erhöhen. Die Blätter sind geheftet und machen einen sehr guten Eindruck. Die Woche. Die 43. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" findet Montag, den 5. Juni 1916, abends 6 Uhr, im Saale der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien, I. Seitenstettengasse 4, statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1915. 2. Bericht über die finanzielle Gebarung im Jahre 1915. 3. Kooptation eines Vorstandsmitgliedes. 4. Wahl von 5 Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Funktionsdauer an Stelle der turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder. 5. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Der Jahresbericht wird in den nächsten Tagen an die Mitglieder in Wien direkt, an die auswärtigen Mitglieder durch Vermittlung der Leitung der Filialen und Vertrauensmänner übersandt. Für die außerhalb Wiens wohnenden Mitglieder gilt die Bekanntmachung in den Blättern zugleich als Einladung und die Mitgliedskarte als Legitimation. Die Flüchtlingsrückkehr. Mittelst Reskript des k. k. Ministeriums des Innern vom 17. Mai Zahl 19.492 wurden folgende Bezirke üaliziens und der Bukowina in diejenige Gruppe eingereiht, in welcher die Flüchtlingsriickkehr angeordnet wird: 1. Bezirk Dohna. 2. Bezirk Grodek Jagiellonski mit Ausnahme der Gemeinden Grodek Jagiellonski und Janow, welche aus der GruppeC ausscheiden und der Gruppe B eingereiht w erden. 3. Bezirk Kossow. 4. Bezirk Lisko, mit Ausnahme der Ortschaften Baligrod, Cisna, Lutowiska, Ustrzyki dolne und Wola miechowa. 5. Bezirk Mosciska, mit Ausnahme der Ortschaften Mosciska, Sadowa Wisznia. 6. Bezirk Kadworna. 7. Bezirk Peczenizyn. 8. Gerichtsbezirk Dubiecko im politischen Bezirk Przemysl. S. Bezirk Rohatyn, mit Ausnahme der Ortschaften Rohatyn, Bolszowce, Bukaczowce und Knihinicz, welche zur Gruppe B gehören. ID. Bezirk Sokal. 11. Bezirk Turka. mit Ausnahme der Ortschaften Turka und einiger Gemeinden, welche zur Gruppe B gehören. 12. Bezirk Zolkiew. In der Bukowina wurden folgende politische Bezirke für die Flüchtlingsrückkehr freigegeben: Wiznitz, Radautz, Suczawa, Gorahumora und Kimpolung. Die Flüchtlinge aus allen diesen Gebieten, welche bis zum 22. Juni nach Hause zurückkehren, erhalten freie Fahrt, sowie beim Anlangen zu Hause durch weitere 4 Wochen die bisher erhaltene Flüchtlingsunterstützung. Chronik. Eröünung eines Heimes iür jüdische Kriegswalsen in Sambor. Aus Sambor wird uns geschrieben: Am 21. d. wurde das vom hiesigen jüdischen Hilfskomitee errichtete Heim für Kriegswaisen in feierlicher Weise eröffnet. An der Eröffnungsfeier nahmen der Bezirkshauptmann Ritter v. Leptowski, Bürgermeister Dr. Steuermann, der Kultusrat der israelitischen Gemeinde sowie zahlreiche Damen und Herren der Gesellschaft teil. Die Eröffnung erfolgte durch den Vorsitzenden des Hilfskomitees kaiserlichen Rat Oberrabbiner Aron Lewin, der in einer längeren Ansprache die Entstehung der Anstalt schilderte und dabei besonders dankend die hochherzige Unterstützung, welche die vorn Hilfskomitee geförderte Kriegswaisenaktion seitens der jetzt in dem schwer geprüften Lande Galizien so segensreich und heilbringend wirkenden Israelitischen Allianz in Wien fand, hervorhob. Die Ansprache schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, in das alle Anwesenden begeistert einstimmten. Sodann nahm der Vizepräsident der Kultusgemeinde Advokat Dr. Hammermann das Wort, um namens der Gemeinde das Entstehen, dieser für die hiesigen Verhältnisse mustergültigen Anstalt zu begrüßen und dem Vorsitzenden des Hilfskomitees kaiserlichen Rat überrabbiner Lewin sowie dem ihm tatkräftig zur Seite stehenden Schriftführer Professor Dr. Rutenstreich für ihre unermüdliche Betätigung Dank und Anerkennung zu sagen. Vereinigung der Orthodoxen in Warschau. Die langen Verhandlungen zur Vereinigung der beiden orthodoxen Organisatianen in Warschau haben zu einem befriedigenden Resultate geführt. Auf einer gemeinsamen Versammlung, die letzten Donnerstag stattfand, wurde der Beschluß gefaßt, die Propaganda fortzusetzen und die Wahl der Leitung erst vorzunehmen, wenn die Mitgliederzahl mindestens 1U.ÜÜ0 erreicht hat. Bis jetzt haben sich an 3000 Mann als Mitglieder eingezeichnet. Die Vorsieher verschiedener Bethäuser erklärten aber, in kurzer Zeit weitere 12.000 Mitglieder der Organisation zuzuführen. Die Wahlen sind iür 1. Siwan in Aussicht genommen, da man hoffen darf, daß bis zu diesem Termine die nötige Mitgliederzahl erreicht ist. Anläßlich der Wahlen wird auch ein Rabbiner-Komitee ernannt, in dem in gleicher Anzahl Rabbis, Rabbiner und thorakundige LaienmitglieUer Sitz und Stimme haben werden. Diesem Komitee wird die Entscheidung über alle innerhalb der Organisation entstehenden religiösen Fragen obliegen. Aus Palästina. Djemal Pascha, der Oberbefehlshaber in Palästina, hat der Kolonie Rischon le Zion, um seine Judenireundschaft zu zeigen, SU.000 Dunam Sanddünen zur Verfügung gestellt, welche zur Anlage von Plantagen geeignet sind. Ferner hat er den Juden die Umgebung der Klagemauer für den Irrels von Fr. 80.000 angeboten. Während sich die politische Lage der Juden im Lande erheblich gebessert hat, verschlimmert sich die ökonomische Lage. Der Preis der Lebensmittel, soweit sie überhaupt noch zu haben sind, hat kaum erschwingliche Höhe erreicht, und die Arbeitslosigkeit hat zugenommen, so daß ausreichende Hilfe dringend erforderlich ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.