Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 21 (1.6.1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUdisdie Korrespondenz Nr. 21. delt es sich darum, daß die k. k. Regierung erklären möge, daß die Tätigkeit des Komitees mindestens drei Jahre nach Kriegsabschluß dauern werde, da das Komitee nur in diesem Falle im Stande wäre, eine segensreiche Tätigkeit zu entfalten. Weiters wurde die Flüssigmachung eines Betrages von 70.000 K verlangt, damit das Komitee seine Tätigkeit aufnehmen könne. Herr Hofrat Brückner erklärte diese Wünsche nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Fr verständigte die Delegation ferner, daß die Regierung die Absicht habe, für diejenigen Waisen, die in Waisenhäusern unterbracht werden würden, K 1.50 pro Tag und Kopt zu asignieren, hingegen sollen für diejenigen Waisen, die bei Privatfamilien Unterkunft finden, pro Kopf monatlich 10—25 K bewilligt werden. Das Waisenkomitee dürfte in der nächsten Zeit seine eigentliche Tätigkeit aufnehmen. Die Eröffnung einiger Waisenhäuser in der Provinz steht unmittelbar bevor. (Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die Spendensamtnlungen für die Kriegswaisen- Fürsorge in Wien bisher etwa .300.000 K ergeben hat, wovon der größte Teil für die jüdischen Kriegswaisen bestimmt ist.) Russische Drohungen. Wir berichteten vor Kurzem über die Aeußerungen eines russischen Journalisten, welche den ausländischen Juden mit einer Verschlechterung der Judenlage in Rußland drohten, falls im Auslande gegen Rußland deswegen protestiert werden sollte. Im Nachstehenden bringen wir einen ausführlichen Bericht über dieses Inzident, das so sehr das Verhalten der russischen Regierung den Juden gegenüber charakterisiert: Herr Egoroff, der Auslandsredaktor der Petersburger „Nowoje Wremja", der mit einer Anzahl Journalisten England besuchte, veröffentlichte in der „Times" einen Artikel, in dem folgender Satz vorkam: „Ich hörte es oft ausgedrückt, daß eine politische Union mit üroßbritanien notwendig den Lauf der inneren russischen Politik beeinflussen müsse, . . . ich will ganz frei sagen, daß irgend eine Anspielung seitens meiner englischen Freunde in bezug auf Hineinmiscbung in dieser Frage unserer häuslichen Angelegenheit auf die schärfste Erwiderung stoßen würde . . . Rußland und Frankreich haben sich fortgesetzt gemäß ihren heimischen Gesetzen entwickelt; keines der beiden Völker machte je den Versuch, die Heimpolitik des andern zu beeinflussen. Darin liegt eine der wesentlichsten Bedingungen, welche das Wachstum der russisch-französischen Freundschaft gefördert haben. — Wir wollen auch Freunde und Verbündete sein. Aber, wenn wir unsere Freundschaft und unsere Allianz weiter entwickeln wollen, dann laßt uns jeden von uns „er selbst" bleiben." Daraufhin wandte sich Herr Percy Cohen, der Mitarbeiter der „Jewish Chronicle", an Herrn Egoroff, mit dem er eine längere Unterredung, speziell über das jüdische Problem in Rußland hatte, zumal Herr Fgoroff kein Hehl daraus machte, daß sich seine in den „Times" niedergelegten Aeußerungen auf die Juden bezögen. Herr Fgoroff zeigte sich auch bereit, einige Fragen, die Herr Cohen von seinem jüdischen Standpunkte aus stellte, zu beantworten. Fragen und Antworten seien hier wiedergegeben. Herr Cohen: „Die englisch-russische Allianz sollte eine Politik gleichartiger Behandlung der jüdischen Bürger beider Länder ermutigen.-" Herr Egaroff betonte die verschiedenen Unistände der beiden Länder und fuhr fort: „Die jüdische Frage hat nichts mit auswärtiger Politik zu tun. Sie ist verwickelter, als Sie annehmen. Ihr „Kreuz" ist die Erziehungsfrage. Von einer Bevölkerung von 160 Millionen leben nur 20 Millionen in den Städten und 140 Millionen gehören dem Bauernstande an. Es besteht keine Möglichkeit, die Kinder dieser enormen bäuerlichen Menge in hohe Schulen zu schicken. Das ist es, was ich meinte, als ich sagte, daß die inneren Verhältnisse Rußlads keinen Augenblick mit den hier (in England) herrschenden Verhältnissen verglichen werden können. Da wir nicht in der Lage sind, Millionen unserer eigenen Kinder geeignet zu erziehen, können wir auch jüdischen Kindern weder gleiche Rechte noch Bevorzugung gewähren. Denn, wenn wir gleiche Rechte gäben, dann würden Juden fähig sein, Stellungen zu erlangen, die mit der Kontrolle der Erziehung verbunden sind, und die Aemter würden eventuell ungleich von Eingeborenen und von Juden eingenommen werden. Ich bin für wirkliche Gleichheit. Ich wünsche nicht den Sohn eines russischen Bauern von der Schule zu ver treiben, weil er langsam im Denken ist, und seinen Platz durch ein deutsches oder jüdisches Kind einnehmen zu lassen, weil es schlauer ist." Auf Cohens Bemerkung, daß in Erziehungsfragen Abstammung und Religion keinen Unterschied hervorrufen sollten, meint Egoroff: „Natürlich denken Sie so, wir in Rußland können nicht so denken", und so kommt man zu dem Resultate, daß in Rußland jüdische Kinder von höherer Bildung lern gehalten werden müssen, weil man nicht in der Lage ist, alle russischen Kinder in gleicher Weise zu erziehen. Als nun Cohen die allgemeine Frage der Freiheit und Gleichheit zur Sprache brachte, sagte Egoroff: „Die Völker haben eine verschiedene Auffassung von Freiheit und Gleichheit. Freiheit ist eine abstrakte Idee. Freiheit muß mit der Idee der Brüderlichkeit verbunden sein und wenn Sie wirkliche Gleichheit haben wollen, so müssen Sie der Freiheit Grenzen setzen. Amerika kündigte unseren Handelsvertrag, weil amerikanische Bürger jüdischen Ursprungs in Rußland nicht frei reisen dürfen. Beachten Sie nun das. Amerika beansprucht gleiche Rechte, doch dürfen Muselmänner oder Indianer die Vereinigten Staaten nicht (?) betreten. Es leben aber 26,000.000 Muselmänner in Rußland. Sie sehen den Widerspruch Amerikas. Gleiche Rechte müssen durch hohe nationale Interessen beschränkt werden." In dem Gedanken, daß Aufhebung der bürgerlichen und politischen Beeinträchtigung russischer Juden die Grundlagen der Allianz, die durch das Blut britischer und russischer Juden besiegelt wurde, stärken würde, lenkte Herr Cohen die Aufmerksamkeit Egoroffs an einen Brief des Herausgebers des „Rjetsch', Wladimir Nabokoif, an die britische Presse, worin es heißt: „Völlige Unabhängigkeit jeden Staates in inneren Angelegenheiten ist natürlich eine Wahrheit, aber es muß anerkannt werden, daß eine innigere Annäherung notwendigerweise zu gegenseitiger intellektueller, moralischer und sogar ästhetischer Beeinflussung führt." Egoroff antwortete darauf: „Wir sind Freunde von England, freilich. Aber in Rußland sind wir politische Feinde. (Interessant, mit den fremden Juden ist Rußland befreundet, mit den eigenen verfeindet.) Ich gebe zu, daß internationale Beziehungen höher stehen als irgend eine innere Frage und daß man zu Zeiten nicht vermeiden kann, daß internationale Beziehungen die inneren Verhältnisse berühren, aber Bündnisse werden nicht gemacht, um innere Angelegenheiten zu ändern." Cohen: „Die tätige Befürwortung der Rechte der russischen Juden durch die Juden Englands — eine Befürwortung, welche ständig die vielfältigen Opfer der Juden für die russische Sache in Erwägung zieht — kann nicht dem Geiste der englisch-russischen Allianz entgegenstehen." Egoroff: „Wenn Sie für das Ideal der gleichen Rechte eintreten, so ist das gut und schön. Aber, wenn Sie gegen Rußland agitieren, so ist das eine andere Geschichte. Russische Juden werden sicher keinen Nutzen davon haben. Ich gebe zu, daß die Allianz gekräftigt würde, wenn die Lage der Juden in Rußland geändert würde, aber Sie werden das nie durch Agitation gegen unser Land erreichen. Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß irgend eine internationale Frage mit der Judenfrage beginnt. Die Judenfrage ist nur untergeordneter Natur. Internationale Politik hat nichts mit ihr zu tun." Am Schluß der Unterredung bemerkte Herr Egoroff noch: „Ich bin kein Antisemit, aber ich würde gegen mein Weib und meine Tochter kämpfen, wenn sie wagten, in Fragen der auswärtigen Politik innere Fragen zum Schaden der nationalen Interessen zu verwickeln. Ich sage das als Antwort auf Ihre Fragen. Ernste Folgen hängen zweifellos von der Haltung und der Art der britischen Juden in bezug auf die Zukunft ihrer Glaubensgenossen in Rußland ab." Wilsons Wahlpolillk und die Juden. Bezugnehmend auf die Gerüchte, daß der bekannte New-Yorker Advokat Abraham Elkus zum amerikanischen Botschafter in Konstantinopel erkannt werden soll, schreibt die „Vossische Zeitung", daß Wilson damit auf die jüdischen Stimmen spekuliert. In dem Artikel heißt es unter anderem: „Der Idealist Wilson ist auch ein ganz geschäftstüchtiger politischer Techniker. Er kalkuliert, daß er mit der Entsendung des jüdischen Rechtsanwalts auf den Konstantinopler Botschaftsposten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe treffen, daß er das „jewish vote" erlangen werde. Das „jüdische Votum" in den Vereinigten Staaten stimmt überwiegend demokratisch. Genau gesagt: die großen Massen der eingewanderten ärmeren Juden stimmen demokratisch, die reichen, alteingesessenen Juden, deren New-Yorker Treffpunkt der „Progreß Club" ist, dagegen fast ausnahmslos republikanisch. Die letzterwähnte Klasse ist sozial und wirtschaftlich die bevorzugte, aber der Stimmzettel macht keinen Unterschied zwischen Herrn Jakob Scniff und dem „peddler" (Hausierer) aus der riester-Street; und Herrn Wilson kommt es bei der Stimmabgabe entschieden mehr auf die Quantität als auf die Qualität an. Dieses ärmere, aber weitaus zahlreichere „jüdische Votum", die Wähler beispielsweise der New-Yomer Ostseite, hat aber in zwei Jahren zweimal dem Präsidenten mit größtem Nachdruck Opposition gemacht. Diese jüdischen Wähler verargen dem Präsidenten die unneutrale Haltung, die ihn auf die Seite des Vierverbanues zieht, ihn also zum moralischen Bundesgenossen jenes Rußland macht, das die Juden niederdrückt verfolgt, mißhandelt, und das ganz besonders seit dem Kriegsausbruche unerhörte Greuel gegen die Juden begeht. So haben denn die New-Yorker East- Side-Juden 1914 uei den Kongreßwahlen anstatt des demokratischen Kandidaten den jüdischen Sozialisten Meyer London gewählt; und ein Jahr später, als der demokratische Abgeordnete des 17. Distrikts starb, den Republikaner Stilke Bennet; und das, trotzdem — oder veilleicht gerade weil — in beiden Fällen Wilson und die ganze Administration ihren vollen Einfluß für die Erwählung der demokratischen Kandidaten eingesetzt hatten. Es galt für Wilson also, das feindliche jüdische Votum zu versöhnen; und diesem Zwecke würde nach seinem Dafürhalten die Ernennung Elkus' gleichfalls dienlich sein. Nebenbei mag bemerkt sein, daß Wilson auch den Versuch machte, das qualitativ „bessere" jüdische Votum, das des „Progreß Club", für sich zu gewinnen, indem er vor einigen Monaten den Führer des amerikanischen Zionismus, den Bosloner Juristen Lewis D. Brandeis, zum Mitgliede des Bundes- Oüergerichts (Supreme Court, dem u. a. auch Charles E. Hughes angehört) ernannte. Diese Ernennung, die der Bestätigung durch den Bundessenat bedarf, stieß indessen auf heftigen Widerstand. Antisemitische Regungen betätigten sich sehr nachdrücklich neben der deutschfeindlichen Strömung, trotzdem die Bostoner Brandeis schon seit Generationen Amerikaner sind. Ob Brandeis inzwischen vom Senat bestätigt worden ist oder nicht, ist hier nicht bekannt; und daß Wilson, selbst wenn er diese Ernennung durchgesetzt hätte, die republikanischen Juden für sich gewonnen hat, ist stark zu bezweifeln. Abraham Elkus, der im 49. Lebensjahre steht, ist bisher politisch fast gar nicht hervorgetreten. Er ist das Senior-Mitglied einer sehr angesehenen Advokatenfirma, ist der Rechtsbeistand der „Merchants' Association", einer der einflußreichsten kaufmännischen Verbände Amerikas, und steht an der Spitze mehrerer jüdischer Wohifahrtseinrichtungen; er ist auch der Verfasser eines juristischen Werkes. Das Interesse, das seine Ernennung zum Botschafter in Konstantinopel einflößen würde, beruht also weniger auf seiner Persönlichkeit als auf dem parteipolitischen und wahlrechnerischen Hintergrunde, von dem sie sich charakteristisch abhebt." Pro Causa Judaica. Das soeben gegründete Comite pro Causa Judaica hat sich zur Auigabe gestellt, die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt aui die Judenfrage zu lenken. Diese umfaßt die zwei großen jüdischen Probleme: die Forderung der Gleichberechtigung, durch deren Erfüllung Millionen von entrechteten Juden in den Besitz der Menschenrechte gelangen sollen, und die Frage der kolonisatorischen Emigration desjenigen Teiles des jüdischen Volkes, der nach eigener kultureller und wirtschaftlicher Existenz strebt. Das Comite will zunächst und in erster Linie die Forderung der Oleichberechtigung der Juden in Rußland, Polen und Rumänien zur Diskussion stellen und die Welt von der Notwendigkeit der politischen und wirtschaftlichen Befreiung der jüdischen Massen in diesen Ländern überzeugen. In Rußland und Polen leben mehr als sechs Millionen Juden in den traurigsten Verhältnissen, entrechtet, zusammengedrängt, ohne Freizügigkeit, immer blutige Pogrome fürchtend, der Willkür einer unverantwortlichen Bureaukratie ausgeliefert. In Rumänien werden 250.000 Juden, trotz des Berliner Vertrages und der formellen Versprechungen der rumänischen Regierung, als Fremde betrachtet und einer Veriolgungs- und Unterdrückungsgesetzgebung ausgesetzt, die zur völligen Verarmung und Ausrottung führt, führt. Das Comite wird über alle diese Fragen Propagandabroschüren und Flugblätter herausgeben, Konferenzen einberufen, sich mit den großen jüdischen Körperschaften in den neutralen und kriegführenden Ländern in Verbindung setzen, um zu einer gemeinsamen Aktion, hauptsächlich bei Anlaß der Friedensverhandlungen, zu gelangen. Das Comite wird darauf achten,