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Jüdische Korrespondenz · 1916-06-01 · 21 (1.6.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
21 (1.6.1916)
Date
1916-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nurrrmer 10 Heller. Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit votler Quettenangäbe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 21 Wien, I. Juni 1916. 2. Jahrgang. Physische und geistige Freil\eii. (Kriegs-Gedanken zum Wochenieste.) „Den dritten Monat nach dem Auszüge uer Kinder israeis aus dem cande Egypten' — wurde die Beireiung des Volkes vollendet. Solange sie in Egypten in der Sklaverei schmachteten, kam ihnen Moses nicht mit aem Zehngeoot, mit uer geistigen beireiung. zuerst muhte die physische Freiheit errungen weruen. Moses kannte sehr gut den Charakter aes Volkes, das durch eine janrhunderieiange Sklaverei demoralisiert und geistig geknechtet war. Schon als er zu seinen Brüdern kam und ihnen die bevorstehende Beireiung verKünoete, „da hörten sie nicht auf Moses vor tvieinmut und vor schwerer Arbeit", wie sohte er ihnen aa mit der Verkündigung der geistigen Freiheit kommen! Er wußte übrigens, uaß sicn gar Mancher unter ihnen befinoet, der sich Bereits an das Tragen üer Sklavenketten so weit gewöhnt hatte, uaß er uereu Last nicht mehr spürte, oaß mm uie Fleischtöpfe Egyptens viel wichtiger unü heuer waren, ais alle Freiheit, semst wenn die Fleiseiitopie allzu oit Miutenhiebe als Beigabe natten. bcnließhen Konnte man sich der egyptischen üenaarmen mitteisi Bestechungen IosKauien. üegenüoer den Ausnahmsgesetzen nah man sich mit konspirativen Mitteln. Selbst Kinder wuraen ja konspirativ zur Welt gebracht. Es befanden sich auch Kleinmütige unter den Juden, cne da gefürchtet haben, sie könnten vielleicht später von noch größeren Feinden zu leiden haben — da wäre ihnen schon der alte Feind, den sie kennen unü mit dem sie umzugehen wissen, viel lieber. Ail das wußte Moses, und deswegen bewirkte er zunächst die physische Beireiung seiner Brüder. Erst nachher, den dritten Monat nach dem Auszuge aus Egypten, kam er ihnen mit der geistigen Beireiung, mit dem Zehngebot, mit der eriiaoencn Morai der Gottesiehre, und erst dann Korinte er ihnen zuruicn: „Heutigen Tages bist du zu einem Volke geworden!" Diese Gedanken kommen uns, wenn wir manche Erscheinungen im jüdischen Lager im Zusammenhange mit den Kriegsereignissen näner betrachten. Von zwei Strömungen wird jetzt die Juuenschan der ganzen weit beherrscht: Die eine Richtung vertritt den Standpunkt, daß der Krieg zunächst die Befreiung der Millionen Juden vom russischen Joche bringen soll. Alle anderen inner-jüdischen Probleme, wie die Nationalitäts-Frage, die Palästina-Frage etc. sollen später einer Lösung zugeführt werden. Eine andere Richtung vertritt hingegen den Standpunkt, daß gerade die Kriegsereignisse dazu benützt werden sollen, um die geistige Befreiung des jüdischen Volkes herbeizuführen. Es finden sich auch Kreise, die den höchst merkwürdigen Standpunkt vertreten, daß das Los der Juden im Zarenreiche eigentlich nicht so schrecklich sei. Der Jude im Zarenreiche verstellt es schon, mit dem Tschinownik auszukommen, er hilft sich gegenüber den Ausnahmsgesetzen mit konspirativen Mitteln. Er habe aber Brot zu essen. Hingegen droht ihm angeblich nach der politischen Befreiung eine Verschlechterung seiner materiellen Lage. Es drohen ihm auch neue Feinde, die viel schrecklicher sein könnten, als die Russen. Mit einem Worte: Mit den angeblichen Fleischtöpfen Rußlands soll auch weiterhin die Knute in Kauf genommen werden. Uebrigens sind ja die Russen eigentlich nicht schlecht, bloß der Zar und seine Ratgeber verfolgen die Juden — auch in Egypten soll ähnliches gewesen sein, wo nur Pharao der böse Geist war, mit dem Volke lebten ja die Juden so ziemlich in Frieden — man kann also eine Wandlung der Dinge abwarten. Will man wissen, welche Richtung die richtigere und empfehlenswertere ist — so gibt uns unser Führer die richtige Antwort darauf: Zuerst die physische, die politische Freiheit, nachher die geistige! — Ein geknechtetes Volk ist unfähig, geistig frei zu sein. All die kleinliehen Reibungen, die heute noch im Lager der Ostjuden vorkommen, all die Kämpfe um nichts, deren Zeugen wir oft und noch heute sind, all das wird von selbst verschwinden in dem Momente, da das Volk politisch frei von jedem Drucke sein wird. Die Frage: Nationalismus oder Assimilation, Hebraismus oder Jargon, Orthodoxie oder Fortschritt — all diese und ähnliche Fragen werden hei einem politisch freien Volke viel leichter und einfacher einer Los.mg zugeführt werden, als hei einem unter ew igem Drucke leidenden. Täuschen wir uns nicht. Die Anerkennung der Juden als eine besondere Nationalität wird die Judenfrage nicht aus der W elt schaffen. Wer das glaubt, betrügt nur sich selbst, oder will andere bewußt betrügen. Freilich ist dies ein Ideal, für dessen Verwirklichung ein Volk auch die größten Opfer bringen kann. Die Frage aber ist, ob man durch die Aulweriimg dieser Frage das Erreichen desjenigen Zieles, bezüglich dessen es keine zwei Meinungen geben kann, daß es erstrebenswert ist, gefährden darf! Es wirkt grotesk, wenn eine sich „jüdisch" nennende Zeitung in Verzückung gerät, wenn ein ausgesprochen antisemitisches Organ, das selbst v. ährentl des gegenwärtigen Burgfriedens die Juden täglich begehen, einmal den Parteistandpunkt dieses Blattes zu dem Endzwecke akzeptiert, um die Juden nachher desto wirksamer bekämpfen zu können, weil vom religiösen und nationalem Standpunkte. Es macht einen widerlichen Eindruck, wenn diese Aeußcrungeu mit einemmale als der Ausdruck der in den maßgebenden Kreisen herrschenden Strömlingen bezeichnet werden, weil man dann konsttiuentervveise auch all die Judenhetzereien, die dieses Blatt betreibt, ebenfalls als eine Widerspiegelung der in den maßgebenden Kreisen herrschenden Strömungen beurteilen müßte und dagegen muß man sich nicht bloß im Namen der jüdischen, sondern auch im Namen der allgemeinen Staatsinteressen aufs entschiedenste \ crwaliren. Der „heilige Egoismus", der so \ icl Unheil gestiftet hat, darf nicht so weit getrieben werden, um den bösesten Feinden in die Hände zu arbeiten. Dieselben Kreise, die nicht genug scharf - und mit Recht — die Taktikder Assimiianten verurteilten,die die nichtjüdischen Kreise zum Schutze der Assimiianten anzurufen pflegten, dürfen heute nicht in denselben Fehler verfallen und die Hilfe der verbissensten Antisemiten in Anspruch nehmen, um das zu errei'-hen, was sie angeblich als wünschenswert betrachten. Für i 'auaergeschenke müssen wir litis höflichst aber entschieden bedanken, und wenn einmal die „Reichspost" zum Hüter des jüdisch-nationalen Gartens gemacht werden soll, so wollen wir unter Umständen lieber auf jeden Wächter verzichten. in normalen Zeiten hätte die Sache eine bioß teoretische Bedeutung und es würde sich sicherlich nicht verlohnen, darüber auch nur ein Won zu verlieren. Heute aber handelt es sich um eine sehr ernste Frage. Im Auslande wird jetzt viel darüber gesprochen und geplant, gelegentlich der kommenden Friedensverhandlungen die Judenfrage zur Diskussion zu stellen. Die Meinungen über das Ausmaß dieser Aktion sind geteilt: Von einer Seite wird \ erlangt, daß sich dieselbe aui das Einlache und allen Juden Gemeinsame beschränke, nämlich aui die Sicherung einer Gleichberechtigung für die Juden in denjenigen Länden, wo sie solche noch entbehren. Von der anderen Seite wird hingegen gefordert, daß man sich mit einer politischen Gleichberechtigung ohne Sicherung nationaler Rechte nicht begnügen kann, daß man also auch darauf dringen muß, daß die Juden als besondere Nationalität anerkannt und auch die Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina sichergestellt werden sollen. Man mag mm diese Forderungen noch so sehr als berechtigt anerkennen, muß jedoch gesagt werden, daß man durch eine Aufwerfung dieser Probleme die Erreichung auch des Möglichen gefährde. Die Sicherung der Gleichberechtigung für die Juden aller Länder ist eine Sache, der niemand widersprechen kann, ist somit leicht erreichbar. Der Erreichung der weitergehenden Forderung stellen sich hingegen große Schwierigkeiten und harte Widerstände entgegen. Man lauft also Gefahr, nichts zu erreichen. Die Parole: alles oder nichts! — ist vielleicht manchmal sehr schön, aber niemand hat das Recht, mit derartigen Schlagworten zu kommen, wo es sich um das Schicksal von Millionen Juden handelt. Die Frage darf ansolut nicht kompliziert werden. ijen dritten Monat nach dem Auszuge aus Egypten haben die Juden die heilige Lehre empiangen und sind zum Volke in des Wortes vollster Bedeutung geworden. Erst nachher setzten sie sich gegen Palästina in Bewegung. Sie zeigten sich übrigens noch gar nicht reif dazu und mußten 40 Jahre in der Wüste wandern, bis ein neues Geschlecht entstanden war, uas in pnysisclier Freiheit geboren, keine Sehnsucht nach den egyptischen Fleischtöpfen mehr hatte und würdig zu einem nationalen Leben war. So muß und soll es auch jetzt geschehen: Zunächst die politische Freiheit, nachher die geistige. Nur ein freies Volk kann sich geistig ausleben! Die Ostjuden werden schon ihr Recht haben, wenn sie einmal freie Bürger sein werden. Die Befreiung der Millionen Juden vom russischen Joche muß demnach unsere erste und höchste Aufgabe sein. Wer anders handelt, wer die Erreichung dieses Zieles durch das Aui werten anderer Probleme in Frage stellen will, ist ein sehlechter Freund seiner Brüder, mag er unter welcher Parole immer auftreten. Spectator. Jiidis*che Kriegswaisenfürsorge in Galizien. Aus Krakau schreibt man uns: Vorigen Sonntag fand hier unter dem Vorsitz des Präsidenten Herrn Hofrat Sare die erste Sitzung des Landes->Zentralkomitees für die Kriegswaisen-Fürsorge statt. Der Sitzung wohnten sämtliche Mitglieder der Sektion für Westgalizien, sowie von der Sektion für Ostgalizien die Mitglieder: Präsident Dr. Farnes, Professor Dr. Schorr, Frau Lilien, Frl. Perlmutter und Sekretär Rubinzahl, bei. Die Beratungen waren sehr eingehend und dauerten fast den ganzen Tag. Die Tagesordnung umfaßte zunächst die Festsetzung eines Reglements für das Zentralkomitee sowie für die einzelnen Sektionen, ferner die Wahl eines Komitees zur Ausarbeitung des Progiammes und des Waisen-Erziehungsplanes, schließlich die Gründung von Kinderheimen für Säuglinge sowie von Erziehungsanstalten für erwachsene Waisenkinder. Zunächst wurde beschlossen, daß jede Sektion bezüglich ihrer Tätigkeit vollständig autonom sein solle. Nur in prinzipiellen Fragen soll ein Einverständnis beider Sektionen erforderlich sein. Zu diesem Zwecke sollen von Zeit zu Zeit gemeinsame Sitzungen abgehalten werden. In denjenigen Ortschaften, wo Waisenhäuser errichtet werden, sollen Lokalkomitees gebildet werden, welchen die Zusammenstellung der Kuratorien obliegen soll. In das engere Komitee zur Ausarbeitung des Lehrplanes wurden gewählt: Rabbiner Lewin (Sambor), Rabbiner Dr. Thon (Krakau), Prof. Dr. Sehorr, Frau Lilien und Frl. Perlmutter. Es ist auch beschlossen worden, Inspektoren einzusetzen, denen die Obhut über die bei privaten Familien unterzubringenden Waisen anvertraut werden soll. Der Begriff der Kriegswaisen wurde dahin definiert, daß als solche alle diejenigen Waisen zu betrachten seien, deren Väter oder Mütter infolge der Kriegsereignisse direkt oder indirekt gestorben sind, sei es im Felde, sei es als Opfer der Kämpfe, sei es infolge der Kriegsepidemien. Auch die Kinder derjenigen, die von den Russen als „Geisein" verschleppt wurden, sollen bis auf weiteres als Kriegswaisen betrachtet werden. Im Allgemeinen steht das Komitee auf dem Standpunkte, daß der Begrifi „Kriegswaisen" so weit als möglich ausgedehnt werden solle. Tags darauf begab sich eine Delegation des Komitees, bestehend aus den Mitgliedern Dr. Parnes, 1 >r. Schorr, Rubinzahl und Frau Lilien nach Biaia zur Statthalterei. Dieselbe wurde von Herrn Hofrat Brückner empfangen, welchem sie die Forderungen und Wünsche des Komitees unterbreitete. Zunächst han-

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